Kapitel 9

Es klopft. Erst zaghaft, dann fester.

«Frau Westhoff?»

Die Stimme eines jungen Mannes. Sie klingt fast wie die eines Kindes.

«Frau Westhoff?»

Hier gibt es keine Frau Westhoff, geht es mir durch den Kopf.

«Einen Augenblick bitte,» antworte ich stattdessen. Auf der anderen Seite der Tür bleibt es stumm. Bestimmt ist das dieser Simon Vagts. Jedenfalls hoffe ich, dass er es ist, denn er ist bislang meine beste Chance, Licht ins Dunkel zu bringen, selbst wenn ich mir über seine Rolle genauso wenig im Klaren bin, wie bei von Bargen und seiner Schwester Erika. Eines steht fest, die beiden haben mir irgendetwas in den Tee geschüttet, um mich ruhig zu stellen. Ob das den Regeln der ärztlichen Kunst entspricht, bezweifle ich.

Vor der Zimmertür bleibt es still. Wer auch immer dort ist, wartet geduldig, dass ich die Tür öffne.

Und? Worauf warte ich?

Der Artikel!

Ich gehe zurück zum Schreibtisch und stecke den Artikel über mich ein. Nicht um ihn zu lesen. Ich habe keinen einzigen Artikel über die Sache gelesen. Nach dem Attentat lag ich fast einen Monat im Koma und war danach auf Reha. Als ich wieder zu Hause war, hatte mein Fall die Schlagzeilen schon längst wieder verlassen und wurde selbst unter Vermischtes nicht mehr geführt. Ich habe die Artikel nie recherchiert. Ich wusste ja, was passiert war.

Ich möchte den Artikel aber nicht auf dem Schreibtisch zurücklassen. Er gehört genauso wenig hierher, wie ich. Am liebsten würde ich ihn wegschmeißen, doch wenn er lediglich im Papierkorb landet, ist er immer noch an diesem Ort. Ich traue mich weder, ihn im Klo runterzuspülen, noch ihn im Waschbecken zu verbrennen, so wie es in Filmen immer gezeigt wird.

Dann gehe ich zur Tür und öffne sie. Vor mir steht ein schlaksiger Junge, kaum älter als achtzehn Jahre. Er ist ziemlich blass im Gesicht, was weniger daran liegt, dass ich ihn erschrecke, als vielmehr daran, dass seine Hautfarbe allgemein teigig zu sein scheint. Seine Hände sind ebenso hell wie seine Gesichtsfarbe. Seine schulterlangen Haare sind dünn und von einem Gelb, das an Löwenzahn erinnert. Der Pony über seiner pickligen Stirn ist von ungeübter Hand geschnitten. Hat er da etwa selber rumgeschnippelt? Eine Mutter hätte die Schere sorgfältiger eingesetzt. Er rührt sich nicht, sondern starrt mich nur an, so wie er zuvor auf die Tür gestarrt haben mag. Mein Gott, hat er etwa die ganze Zeit so dagestanden und auf mich gewartet? Da bekomme ich ja fast mütterliche Gefühle, doch die weiß ich zu unterdrücken, da mir nicht klar ist, auf welcher Seite er steht und wie er in die Angelegenheit verstrickt ist.

«Frau Westhoff?», fragt er unsicher und statt die Chance zu ergreifen, das mit dem Namen endlich mal richtigzustellen, erwidere ich nur: «Sind Sie Simon Vagts, der mich gefunden hat?»

Er nickt.

Soll ich ihn hereinbitten? Ich spüre, dass das keine gute Idee ist. Seine Unsicherheit ist mit Händen zu greifen. Keine Ahnung, was sie ihm über die verrückte Frau erzählt haben, die er gestern Nacht auf der Straße gefunden hat. Wenn er mich überhaupt gefunden hat. Wenn er nicht Teil des Komplotts ist, doch ich darf meine Gedanken nicht in diese Richtung lenken, sonst verstellt mir meine Paranoia nur den Blick auf das Wesentliche. Es ist auch gar nicht erforderlich, ihm allzu viele Fragen zu stellen. Eigentlich will ich nur eins von ihm.

«Fahren Sie mich zu dem Ort, an dem Sie mich gefunden haben.»

Er weicht mit dem Oberkörper zurück, als hätte ich ihm ein verbotenes Angebot gemacht. Je nachdem, wie tief er in die Sache verstrickt ist, ist das wahrscheinlich auch so.

«Ich…», stammelt er, «ich kann nicht.» Und bevor ich insistieren kann, fügt er einen aus seiner Sicht unumstößlichen Hinderungsgrund hinzu.

«Ich muss arbeiten.»

Und ich muss wissen, was hier vorgeht, also komm‘ mir nicht mit solchen Ausflüchten, denke ich und nehme mir vor, meine Gedanken zurückzuhalten, da sie viel zu schnell den Trampelpfad zu meinen Lippen finden könnten.

Es ist klar, dass ich nicht warten werde, bis er Dienstschluss hat, zumal ich nicht das Risiko eingehen möchte, dass mir der Bursche entwischt.

«Gut, das lässt sich klären,» sage ich, irgendein Vorgesetzter wird ihm schon die Erlaubnis erteilen dürfen und ich fühle mich in der richtigen Stimmung, wer auch immer es ist, dazu zu bewegen. Ich trete in den Flur und will die Tür hinter mir schließen, als mir der Gedanke an den Hotelschlüssel kommt.

«Der Schlüssel,» murmele ich und drehe mich zum Zimmer um. Ich erinnere mich nicht, einen Schlüssel bemerkt zu haben. Auf dem Schreibtisch liegt keiner, er wäre mir zwischen den Zeitungsausschnitten aufgefallen. So wie ich mich kenne, werfe ich Hotelschlüssel achtlos in irgendeine Tasche oder in meinen Rucksack, doch dies ist nicht mein Zimmer, keine der Taschen gehört mir und mein Rucksack ist verschwunden. Nadia Westhoff und ihre Angewohnheiten sind mir vollkommen unbekannt.

«Er steckt,» sagt Vagts.

Er steckt?

Der Schlüssel steckt außen an der Zimmertür. Wieso steckt der verdammte Schlüssel von außen?

Ich versuche, mir die Abläufe vorzustellen. Sie schleppen mich bewusstlos in das Zimmer.

Es war nicht nötig, Sie in ein Krankenhaus zu bringen.

Vorher müssen sie das Zimmer aufsperren. Befand sich der Schlüssel an der Rezeption? Ich lasse Hotelschlüssel nie an der Rezeption, aber ich war es nicht, die in diesem Hotel eingecheckt hat. Die Überlegungen sind müßig. Wer auch immer mich in dieses Zimmer gebracht hat, hat den Schlüssel in der Aufregung außen stecken lassen, egal woher er ihn zuvor genommen hat.

Ich schließe die Tür und bevor ich den Schlüssel im Schloss umdrehe, geht mir die Frage durch den Kopf, ob ich alles habe. Typischer Instinkt. Ein Tick von mir. Geht wahrscheinlich vielen Menschen so und ist in Ordnung, nur dass mir diese instinktive Frage erneut die Absurdität meiner Situation vor Augen führt. Einen Instinkt meinen eigenen nennen zu können ist derzeit meine einzige Möglichkeit, nicht daran zu zweiflen, wer ich wirklich bin.

In dem schmalen Flur riecht es nach Essen, ein penetrantes Potpourri aus Öl und Gewürzen hat sich in den vergilbten Wänden und dem abgetretenen blauen Teppich festgesetzt.

Der Flur sollte dringend mal gelüftet werden. Außerdem ist es viel zu dunkel, irgendwie schummrig, auch wenn alle Lampen eingeschaltet zu sein scheinen. Die Lichter sind schwach und die Lampenschirme aus groben, dunklen Stoff gewebt.

Es gibt nur ein einziges Fenster am Ende des Ganges, doch es ist milchig und blind. Es ist geschlossen. Dahinter ist keine Bewegung zu entdecken, nichts, kein Strauch oder Gebäude oder die Umrisse einer Landschaft, nur am oberen Rand, dort wo das Glas noch in Ordnung ist, lauert ein grauer wolkenverhangener Himmel.

Ich weiß gar nicht, wie der Ort heißt, in dem ich mich befinde, geschweige denn, den Namen des Hotels.

An den Wänden des Korridors hängen Zeichnungen, vergilbte Landschaftsbilder und Stadtansichten. Staub und schmierige Ablagerungen der muffigen, nach verdorbenen Bratenfett riechenden Luft verdecken jeden Glanz, aber die Darstellungen scheinen zu keiner Zeit strahlend gewirkt zu haben. Ein Bild zeigt einen Ort mit geduckten, dunklen Häusern aus Ziegelstein und Mörtel.

«Totenbruck 1789,« steht auf einem Pappschildchen. «Von den Sümpfen aus gesehen.«

Totenbruck. Der Name tauchte in einem der Artikel auf, dem abscheulichen über den Fund einer Kinderleiche. Ich habe den Namen des Ortes nie zuvor gehört und doch fühle ich eine gewisse Vertrautheit.

Es muss der Name des Ortes sein, in dem ich mich befinde, denn da sind weitere Zeichnungen und Stiche, die sich alle ähneln, selbst wenn sie zu unterschiedlichen Zeiten angefertigt worden sind.

«Totenbruck von der Bröckelbecker Seite um 1899, Totenbruck um 1815, um 1640 und so weiter und so weiter.

«Woher kommt der Name Totenbruck?», will ich von Vagts wissen.

Er zuckt die Schultern und sagt dann: «In der Schule habe ich gelernt, dass es ‚Die Brücke der Toten‘ bedeutet, aber hier sind eigentlich alle sehr lebendig.» Er lacht kurz und japsend, wohl, weil er einen guten Scherz gemacht zu haben glaubt und ich erwidere ein Lächeln, um die plötzliche Lockerheit im Umgang nicht wieder zu gefährden.

Dann entdecke ich ein weiteres Bild, das offenbar das Hotel zeigt: «Zum Galgenkrug und Richtplatz, um 1670».

Ich schlucke, denn es zeigt drei an einem Baum vor dem Gebäude aufgehängte Männer und einige Schaulustige drumherum.

Zum Galgenkrug.

«Tja, war schon praktisch», sagt Vagts, als er meinem Blick folgt. «Damals konnten die Leute einfach ihr Bier mitnehmen. War ja nicht weit zur Hinrichtung.»

Ich zögere mit einer Erwiderung.

«Und heute?»

Das Lid seines rechten Auges zuckt. Er beißt sich auf die Unterlippe und sagt dann: «Der Baum steht ja gar nicht mehr. Da ist heute der Parkplatz.»

Diesmal lacht er nicht, auch nicht kurz; er meint das vollkommen ernst.

Offensichtlich hat er das Gefühl, dass ich mich tatsächlich für die einzelnen Bilder interessiere oder für die Geschichte des Ortes, denn wie in einer Ausstellung geht er von Bild zu Bild.

«Hier können Sie das Zementwerk sehen», erklärt er. Der Stolz ist seinen Worten anzuhören, fast so, als handele sich um ein weltbekanntes Bauwerk. Wahrscheinlich ist er dankbar, das Gespräch auf unverfängliches Terrain gebracht zu haben. Er hat keine Lust, über mich zu sprechen, und was letzte Nacht geschehen ist, doch so leicht wird er mir nicht entkommen. Mir ist wichtig, dass er mir an Ort und Stelle Rede und Antwort steht, dort wo er nicht vom Thema ablenken kann und seine Lügen sich entlarven werden.

Wie komme ich dazu, ihm Lügen zu unterstellen? Ich habe ein schlechtes Gewissen. Wie er da andächtig vor den Bildern steht und mir einen Vortrag hält, kommt er mir ganz harmlos vor.

Bin ich diejenige, die sich etwas vormacht? Nein, das ist unmöglich. Eins ist klar: Ich bin nicht Nadia Westhoff.

Um Vagts nicht zu beleidigen, betrachte ich das Bild von der Fabrik mit gespieltem Interesse.

Das Bild zeigt eine Industrieanlage, eine Art Halle, und ein hoch aufragender Schornstein daneben. Ein Förderband ist zu erkennen, das von einer ausgehobenen Abbaustelle direkt zu der Fabrikhalle führt.

«Totenbrucker Zement,» steht unter dem Bild, wie bei den anderen Bildern in einer feinen, geschwungenen Handschrift mit schwarzer Tinte geschrieben. «Um 1935.»

Er geht zum nächsten Bild weiter und bleibt davor stehen. Ich kann einen weiteren Vortrag nicht gebrauchen.

«Wir sollten keine Zeit verlieren», sage ich.

«Zeit?» antwortet er, als höre er das Wort zum ersten Mal oder als habe es an diesem Ort keine Bedeutung.

«Ich möchte, dass Sie mich zu der Stelle bringen, an der Sie mich gefunden haben. Schon vergessen?»

«Die Chefin wird es nicht erlauben.»

«Dann bringen Sie mich zu ihr und wir klären das.»

Er schaut mich an und ich denke an einen Roboter, der in den Stand-by-Modus wechselt.

Bitte warten. Das System muss neu gestartet werden.

Roboter? Computer? Wie dankbar wäre ich für jedes Zeichen, dass ich mich noch im 21. Jahrhundert befinde.

Seine Reaktion bestärkt mich in dem Gedanken, dass hier etwas absolut nicht koscher ist.

Nach einer Weile blinzelt er, zuckt die Schultern und wendet sich zum Treppenhaus.

Ich atme tief durch angesichts des Wahnsinns, in den ich geraten bin. Mein Blick fällt ein weiteres Mal auf eines der Stadtansichten.

«Totenbruck, 1877, vom Teufelsacker aus gesehen».

Im Vordergrund sind einige windschiefe Grabsteine zu sehen, verwitterte Inschriften und eingesunkene Gräber. Schon bezeichnend, einen Friedhof als Teufelsacker zu bezeichnen. Erst auf den zweiten Blick fällt mir auf, dass der Maler Initialen auf einem der Grabsteine säuberlich nachgezeichnet hat. Zwei Buchstaben mit jeweils einem Punkt dahinter. Zwei einzelne Buchstaben als Grabinschrift?

Mein Herzschlag setzt aus.

Ich versuche, mir nichts anmerken zu lassen. Solange ich nicht klarsehe, was hier gespielt wird, kann ich es mir nicht leisten, den Boden unter den Füßen zu verlieren, selbst wenn er mir buchstäblich weggezogen worden ist. Am liebsten würde ich mich an der Wand abstützen, doch ich will gegenüber diesem Simon Vagts keine Schwäche zeigen. Wie soll ich ihn später in die Mangel nehmen, wenn er mich jetzt taumeln sieht?

Die Buchstaben auf dem Grabstein lauten: K.B.

Kosra Borg.

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