Kapitel 8

Was für ein beschissener Alptraum. Wenigstens die Kopfschmerzen sind nicht mehr so heftig wie zuvor. Zuvor? Was war zuvor gewesen? War das vor dem Alptraum mit der Schlange nicht auch ein Traum gewesen?

Ich liege auf der Seite, blicke auf einen Heizkörper. Und über dem Heizkörper ein Fenster. Und hinter dem Fenster dichte Wolken. Es wird Regen geben.

Ich richte mich in dem Bett auf und lehne mich in das Kissen. Ich nehme den Raum in Augenschein. Er ist klein und schlicht eingerichtet - geradezu spärlich, genauer gesagt: der Holzstuhl mit der Lederkombi über der Lehne vor einem Schreibtisch mit dem Helm und voller Papiere, ein Walnusstisch neben dem Bett. Eine Tischlampe. Mir gegenüber eine schmucklose geschlossene Tür. Über mir eine weiße Stuckdecke mit einer eingelassenen Lampe. Das blinde Auge leuchtet nicht mehr.

Ein Hotelzimmer. Kein Zweifel.

Es war nicht nötig, Sie in ein Krankenhaus zu bringen.

Luft holen und langsam wieder ausatmen. In was für einen verdammten Wahnsinn bin ich da bloß hineingeraten. Und wer waren die beiden Gestalten heute Morgen (oder heute Nacht?) an meinem Bett? Doktor von Bargen und Schwester Erika? Je länger ich darüber nachdenke, desto absurder kommt mir das alles vor. Das, was ich in diesem Zimmer sehe, bestätigt leider, dass es sich nicht um einen Traum gehandelt hat. Und die halb ausgetrunkene Tasse Tee auf dem Nachtkasten zeigt mir, dass selbst Schwester Erika nicht meiner Phantasie entsprungen ist.

Es ist passiert. Tja, was eigentlich?

Ich habe dieser Frau geholfen, der Motorradfahrerin, die mitten auf der Straße lag. Doch was dann? Bin ich in Ohnmacht gefallen? So kenne ich mich gar nicht.

Habe ich mit dem Fotografen etwa doch ein Glas Rotwein getrunken? Nein, aber ich hätte es tun sollen. Ich hätte den Abend besser zusammen mit diesem Gerrit Sturm verbracht und bei der Vorstellung an den Fotografen geht ein Kribbeln durch meinen Bauch. Doch solche was-wäre-wenn-Gedanken bringen mich nicht weiter. Es ist etwas geschehen und ich begreife absolut nicht was.

Wenn es stimmt, was mir der Arzt (wenn er denn Arzt ist) und die Schwester erzählt haben, dann war ich es, die in der Lederkombi neben dem Motorrad gefunden wurde.

Das ist vollkommen absurd. Ich besitze ja nicht einmal einen Motorradführerschein, von einer Lederkombi ganz zu schweigen.

Wenn es stimmt, was von Bargen gesagt hat, habe ich sie getragen, als ich gefunden wurde. Nur, dass das nicht stimmen kann. Ich erinnere mich noch, dass ich eine Jeansjacke angezogen habe, weil ich dieses scheußliche Blouson nicht tragen wollte, von dem ich ohnehin nicht weiß, weshalb ich es gekauft habe

Es ist ausgeschlossen, dass ich die Lederkluft getragen habe. Es sei denn…?

Aber, wer zieht mir meine Klamotten aus und die der Motorradlady an? Und vor allen Dingen warum? Und wo sind dann meine Sachen und mein Auto?

Wie war der Name von dem Mann, der mich gefunden hat?

Simon Vagts.

An ihn werde ich mich halten. Er muss etwas wissen. Selbst wenn er nicht beobachtet hat, wie ich die Motorradfahrerin gefunden habe und was unmittelbar danach geschah, ist ihm vielleicht mein verlassenes Auto aufgefallen. Er muss etwas bemerkt haben. Irgendetwas, das mir weiterhilft. Er wird mich zu der Stelle führen müssen, an der er mich gefunden hat.

An diesen Gedanken klammere ich mich: Vielleicht finde ich an der Unfallstelle keine Erklärung, aber mein Auto kann unmöglich verschwunden sein. Tatsächlich? Ach, verdammt ich sollte mich nicht gleich wieder demotivieren. Ich muss mit Simon Vagts sprechen. Er hat mich gefunden und diesen Doktor von Bargen gerufen (bei der Gelegenheit werde ich mich vergewissern, ob von Bargen überhaupt eine Zulassung als Arzt besitzt oder je besessen hat). Vagts muss irgendetwas beobachtet haben. Oder hat er vielleicht…? Es hat keinen Sinn, sich jetzt in Hypothesen zu verlieren, die Realität ist verwirrend genug.

Allein, was ich anhabe. Ein graues T-Shirt im Glitzerlook. Unmöglich, dass das aus meinem Kleiderschrank stammt. Nicht, dass ich keine grauen T-Shirts besitzen würde, aber dann aus Baumwolle und nicht mit einem so lächerlichen Glitzerbezug. Und erst die Shorts. Wie gesagt, ich trage nie Shorts. Diese ist schwarz mit Kordelzug. Grotesk.

Ich sollte mich jetzt gleich auf die Suche nach Vagts machen. Ich stehe auf und fahre mit der Hand durch mein Haar. Es fühlt sich fettig und klebrig an. Sie werden mich erst recht für verrückt halten.

Ich gehe ins Bad und drehe die Dusche auf. Ich ziehe mich aus und genieße das warme, vielleicht etwas zu heiße Wasser. Nachdem ich fertig bin, ist es im Bad so dampfig wie in einer türkischen Sauna. Ich stelle mich vor das Waschbecken und entdecke auf dem beschlagenen Spiegel mit dem Finger gezogene Worte.

«Ich weiß, was du getan hast.»

Vor Schreck schnappe ich nach Luft und bevor ich es mir recht überlege, lösche ich die Worte mit der flachen Hand und in diesem Moment sehe ich die Frau hinter meinem Rücken stehen. Ich wirbele herum, doch da ist niemand. Ich bin allein im Bad.

Mit pochendem Herzen gehe in das Zimmer; dort ist keine Menschenseele. Ich bin allein. Ich habe mir die andere Frau nur eingebildet. Und die Worte auf dem Spiegel. Das war keine Einbildung. Irgendjemand treibt hier ein übles Spiel mit mir und ich sollte mich nicht darauf einlassen.

Erst jetzt bemerke ich, dass in der Luft ein schwach süßlicher Duft liegt. Klebrig, schwer, mit einem Aroma wie verblühte Rosen. Ist das der Duft der anderen Frau? Mein Parfum ist es jedenfalls nicht und an Erika habe ich keines bemerkt. Ich gehe zum Kleiderschrank. Für einen kurzen Augenblick, kurz bevor ich die Schranktüren öffne, glimmt in mir die Hoffnung auf, dass sich dahinter einfach nur mein blauer Rucksack befindet. Dann hätte ich zwar immer noch keine Wäsche zum Wechseln, aber endlich einen Bezug zu meiner Wirklichkeit, zu meiner Welt, die mir im Augenblick so fern und unerreichbar scheint, als befinde sie sich in einem anderen Universum.

Ich werde enttäuscht. Im Schrank liegen zwei Jeans (Designerjeans! Unfassbar!), drei weitere Shorts und wenigstens ein Slip, ein Sweatshirt, zwei T-Shirts und Socken (zum Glück keine Strumpfhosen, wenigstens etwas. Strumpfhosen hasse ich noch mehr als Boxershorts).

Die Kleidung ist sauber gestapelt in die Fächer gelegt oder auf Bügeln aufgehängt; nicht meine Handschrift.

Ich schnappe mir die zuoberst liegende Jeans und ziehe sie an. Sie passt. Am Bund ist sie etwas weit, aber es fällt nicht weiter auf. Wenn ich den Gürtel schließe, ist es gar nicht mehr zu erkennen. Da ist etwas in der Hosentasche. Kleingeld klimpert in meiner hohlen Hand, aber, das ist nicht alles. Ich greife tiefer hinein und fische eine kleine Taschenlampe hervor, die als Schlüsselanhänger ausgestaltet ist. Am Ring hängt ein einziger alter Bartschlüssel. Ohne darüber nachzudenken, stopfe ich das Teil zurück in die Tasche.

Das sind eindeutig nicht meine Klamotten, jedenfalls nicht die Art Kleidung, die ich aus meinem bisherigen Leben erinnere, aber sie passen.

Ich überlege, ob ich die Motorradkombi anprobieren soll, verwerfe die Idee dann aber. Ich weiß bereits, dass die unbekannte Hotelbewohnerin und ich die gleiche Konfektionsgröße haben.

Das sind nicht meine Kleider. Sie gehören offenbar einer anderen Frau, der ich nie zuvor begegnet bin, außer gestern, als sie vor mir mitten auf der Straße lag. Und dann passt mir ihre Kleidung? Wie groß ist die Wahrscheinlichkeit? Ich weiß es nicht, aber der plötzliche Gedanke, dass ich es hier nicht mit einer bloß zufälligen Verwechslung zu tun habe, raubt mir für einen Augenblick den Atem.

Oder bin ich etwa übergeschnappt und weiß nicht mehr, wer ich bin? Gab es da nicht erst vor kurzem einen Film in den Kinos, oder war es ein Buch, in dem eine Frau jeden Morgen aufwachte und jedes Mal von neuem nicht mehr wusste, wer sie war? Passierte gerade dasselbe mit mir? Muss ich an meinem Verstand zweifeln? Drehe ich durch oder bin ich bereits wahnsinnig geworden? Bin ich schizophren und kann zwischen meinen verschiedenen Identitäten nicht mehr unterscheiden?

Unmöglich. Ich weiß, wer ich bin. Ich bin Kosra Borg, fünfunddreißig Jahre alt, Rechtsanwältin.

Rechtsanwältin? Ja. Kaum zu glauben. Ich weiß. Die Mitschüler meiner Abiturklasse konnten es auch nicht glauben, als ich mich einschrieb. Schlimm genug, dass ich sogar zu den Naivlingen gehörte, die das Studium angefangen haben, weil sie glaubten, für die Gerechtigkeit kämpfen zu können. Und schon darf ich nicht weiter nachdenken, denn dann kommen die Bilder meines Vaters, meines Adoptivvaters, und dann muss ich nur wieder heulen. Meine leiblichen Eltern sind bei einem Autounfall ums Leben gekommen, als ich neun Jahre alt war. Ich saß auf der Rücksitzbank und habe als einzige überlebt. Das ist der Ursprung meines Alptraumes, auch wenn mir die Psychologen bislang noch nicht alle Aspekte des Traumes erläutern konnten. Zum Beispiel die Schlange oder dass ich mich selbst von außen sehe.

Eine Schlange mit Hörnern. Ich habe mal gehört, dass das ein altes heidnisches Symbol ist. Nur, was das mit dem Unfall meiner Eltern zu hat, habe ich noch nicht herausgefunden.

Es bringt mich nicht weiter, wenn ich an den Tod meiner leiblichen Eltern denke, weil mich das unweigerlich zu meinem Adoptivvater führt. Ich will nicht an sein Dahinsiechen denken, an sein Sterben, selbst wenn ich dann die kraftvollsten und mutigsten Momente erinnere, die mir dieser Mann als Vater geschenkt hat.

«Meine Kämpferin. Meine Heldin, Kosra.»

Jetzt spüre ich doch die Träne und wische sie und die Gedanken rasch beiseite.

Es ist alles da, was zu einem Leben gehört. Ich habe nichts vergessen, was zu meinem Leben gehört, selbst wenn die Person, die ich im Schrankspiegel sehe, nicht ich bin, mir nur im Gesicht ähnelt, aber gekleidet ist, wie ich mich nie kleiden würde. Ich bin nicht diese Nadia Westhoff.

Es mag nicht mein Kleidungsstil sein, aber das muss ich aushalten, bis ich wieder zu Hause bin und die Angelegenheit sich geklärt hat. Ich muss ja etwas anziehen. Ich werde dadurch nicht Nadia Westhoff. Ich bleibe Kosra Borg.

Mit diesen Klamotten? Unmöglich. Du bist schon auf dem besten Weg sie zu werden, wer sie auch immer sein mag. Es gibt kein richtiges Leben im Falschen, heißt es und es gibt keine wirkliche Person in den falschen Kleidern. Kleider machen Leute, vergiss‘ das nicht!

«Nein!», sage ich etwas zu laut zu meinem Spiegelbild.

«Ich bleibe Kosra Borg, egal, was ich anhabe.»

In diesem Outfit siehst du eher wie eine Anwältin aus, als in den Sachen, die du sonst trägst. Fehlen nur noch Pumps.

Die Schuhe!

Ich drehe mich zum Bett um. Zwei unordentlich auf den Boden abgestreifte Segeltuchturnschuhe. Das passt so gar nicht zu dem Glitzershirt, aber ausgezeichnet zu mir.

Das Sterben eines Menschen, so hat mir ein befreundeter Gerichtsmediziner mal gesagt, beginnt bei den Füßen.

Nein, möchte ich ihm jetzt erwidern. Das Leben, die Wiedergeburt, beginnt an den Füßen! Ich setze mich auf die Bettkante und streife die Schuhe rasch über. Ich bin wieder ich, unabhängig von dem Glitzershirt und der Designerjeans. Scheiß’ drauf. Ich gehe wieder in meinen Schuhen, das ist die Hauptsache.

Auf eigenen Füßen stehen. Ich lächle. Und bin froh, dass ich meinen schiefen Mundwinkel nicht mehr im Spiegel sehe, da ich mich abgewandt habe.

Auf dem Schreibtisch sind verschiedene Papiere ausgebreitet. Ein Stapel Dokumente ist mit einer Art Ladegerät beschwert, auf dem in silbernen Buchstaben ‹Sony› steht.

Ich möchte auf gar keinen Fall in fremden Unterlagen herumwühlen, dann fällt mir auf, dass es sich fast ausschließlich um Zeitungsausschnitte handelt und nicht um vertrauliche Papiere. Neben dem Schreibtisch steht eine schwarze Tasche. Sie ist geöffnet. Weitere Unterlagen in Aktendeckeln und Krimskrams, von dem Männer glauben, dass Frauen ihre Handtaschen damit zumüllen. Ich besitze keine Handtasche und verteile das Zeug immer in allen möglichen Jacken- oder Hosentaschen.

Die Tasche ist tabu. Ich will nicht weiter in die Privatsphäre dieser fremden Frau eindringen. Es ist mir unangenehm, dass ich gezwungen bin, ihre Sachen zu tragen. Ich kann allerdings nichts Verbotenes daran erkennen, mir die Zeitungsartikel anzusehen.

Die Ausschnitte sind alle älteren Datums. Offenbar alle aus den 90er Jahren.

Opfer skrupelloser Organhändler? - Pilzsammler finden Kinderleiche

Ich lese den Artikel nicht zu Ende. Ich schiebe ihn angewidert zur Seite. Ein Junge, dem das Herz herausgeschnitten wurde. Mein Gott. Welchen Grund hat diese Nadia Westhoff, sich mit solchen Sachen zu beschäftigen?

Sektenchef begeht Selbstmord - Platzt der Prozess?

«Angespannte Stimmung unter den Zuschauern und Pressevertretern vor dem Gerichtssaal. Dann tritt ein Gerichtssprecher vor die Versammelten: Asmus T., Gründer und Anführer der Sekte ‹Wächter der Weisen›, hat in der vergangenen Nacht in seiner Zelle Selbstmord verübt. Anklage und Gericht sowie der Verteidiger der weiteren Angeklagten beraten noch über die Fortsetzung des Verfahrens. Unterdessen lässt T.’s Verteidiger eine Erklärung verteilen, dass der Suizid seines Mandanten keinesfalls als Schuldeingeständnis gewertet werden kann.

T. und den Mitangeklagten Sektenmitgliedern Holger S. und Klara R. wird vorgeworfen, bei satanischen Ritualen den Tod des elfjährigen Tim St. verschuldet zu haben. Die Leiche des Jungen war vor fast genau einem Jahr von Pilzsammlern gefunden worden. Die Grausamkeit der Tatbegehung und der Umstand, dass dem Kind Organe entnommen wurden, haben die Bevölkerung schockiert und Erinnerungen an die dunkle Vergangenheit des Ortes Totenbruck wachgerufen, an dem die Sekte ihr Unwesen trieb und Tim St. offenbar in einer Höhle brutal zu Tode kam.»

Ist sie Journalistin und recherchiert diese alten Fälle? Oder gar eine Angehörige? Ich will mich nicht weiter damit befassen. Das geht mich nichts an. Ich will nur so schnell wie möglich weg von hier und in mein eigenes Leben zurück, in dem ich von diesem Fall eines Ritualmord an einem Kind nie etwas gehört habe. Wie sollte ich auch? Ich war damals ja selbst noch ein Kind. Und außerdem war es zu der Zeit, als meine leiblichen Eltern ums Leben gekommen sind. Von dieser Zeit besitze ich ja nicht einmal Erinnerungen an mein eigenes Leben.

Mein Blick fällt auf einen Artikel neueren Datums und ein Schauer durchfährt mich, wie eiskalte Krallen, die durch meine Eingeweide streifen.

Mandant sticht Anwältin nieder

Ein Artikel über mich. Mir bleibt das Herz stehen, als es an der Tür klopft.

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