Kapitel 7

Dieser Traum. Wie lange war er verschüttet geblieben? Nicht lange genug. Er ist zurück.

Ich sehe, wie das Mädchen auf der Rücksitzbank des Autos sitzt. Ich weiß, wer sie ist. Ich bin sie und doch schaue ich wie von außen zu. Ich kenne dieses Gefühl von anderen Träumen.

Ich bin, nein, wir sind neun Jahre alt.

Sie trägt ihr bestes Kleid, doch das ist einerlei, denn sie ist von oben bis unten mit Blut besudelt.

So warm.

Und so hell, als scheine nicht die Sonne draußen, sondern ein gewaltiger Scheinwerfer, der direkt ins Wageninnere strahlt. Sie darf den Sitz nicht mit dem Blut schmutzig machen. Was hält sie da überhaupt in der Hand? Einen goldenen Blumentopf mit Deckel? Eine Art Vase? Das Ding ist voller Erdklumpen.

Mama, sie soll verschwinden. Sie macht alles dreckig. Mama, wir bringen sie dahin zurück, wo wir sie hergeholt haben.

Meine Mutter vorne auf dem Beifahrersitz, gibt keine Antwort. Stattdessen spricht sie zum Fahrer, meinem Vater und dreht sich dann zu mir, zu ihr, zu uns um.

«Alles wird gut,» sagt sie. «Es wird alles wieder wunderbar.»

Nichts ist wunderbar. Und nichts wird je wieder wunderbar sein. Das Mädchen soll verschwinden. Ich setze die Kopfhörer meines Walkmans auf, nur dass es in dem Alptraum keine Kopfhörer und keinen Walkman gibt. Die Musik dringt direkt aus meinen Handflächen, die ich mir auf die Ohren presse.

I see your face before me
As I lay on my bed

Meine Mutter wendet sich zu mir und ihre Lippen formen exakt die Strophen des Liedes.

I can not get to thinking
Of all the things you said.

‹Love ist all around› von Wet wet wet.

Im nächsten Augenblick werden meine Eltern auf den Vordersitzen des Autos von dem hellen Licht des Scheinwerfers verschlungen. Nur das Mädchen in dem blutbesudelten Kleid ist noch da. Mich spüre ich nicht länger. Mich hat es nie gegeben. Nur sie.

Die Andere.

Die Auserwählte.

«Es wird alles wunderbar», sagt das Mädchen, sage ich. Und dann sprudelt eine gewaltige Blutfontäne von vorne auf die Rücksitzbank. So warm. So hell. Alles wunderbar. Es ist egal. Ihr Kleid war ja vorher schon voller Blut.

An dieser Stelle wache ich meistens auf. Meistens. Doch irgendwann ging der Traum weiter, so wie jetzt. Eine Extended Edition.

Das Mädchen mit dem Topf in den Händen steht am Straßenrad. Während sie unschlüssig dasteht, kehre ich zurück, materialisiere mich, wie ein Besatzungsmitglied der Enterprise nach dem Beamen. Mein Kleid ist weiß.

Das Auto oder was von ihm übrig geblieben sein könnte, ist nirgendwo zu sehen. Wir stehen vor einem großen Pappkarton. Es ist die Verpackung eines Spielzeugautos, nur viel, viel größer. So groß, dass ein richtiges Auto darin Platz hätte. Ein riesiger Pappkarton. Und von außen ist tatsächlich das Bild eines Autos aufgedruckt. Es ist genau das Auto, in dem meine Eltern gestorben sind. Der gelbe VW Passat, den mein Vater erst kurz zuvor gekauft hatte. Dann wechselt der Aufdruck und anstelle des knallgelben Autos erscheint eine giftgrüne Pyramide. Eine komische Pyramide ist das. Unten ist sie viel breiter und die Seiten erheben sich an der in einem stumpfen Winkel. In der Mitte wird der er spitzer, als hätten es die Erbauer eilig gehabt das Ding endlich fertigzustellen. Der obere Teil der Pyramide mit einem abgeflachten Gipfel, sieht aus wie ein Buckel.

Eine Klappe in der unteren Hälfte des Kartons öffnet sich. Wir treten ein. Innen wirkt er größer. Hier passen locker zwei Autos rein. Die Wände sind nicht länger aus Pappe, sondern aus Stein. Kein glatter Beton, so wie in der Tiefgarage, in der unser Auto immer geparkt war, eher Felsgestein wie in einer Höhle. Der Raum scheint größer zu werden, je länger wir darin verweilen.

Ich weiß nicht, woher das Licht kommt, aber der Raum ist hell erleuchtet. In der Mitte richtet sich eine Schlange auf. Sie ist riesig, größer als ein Mensch. Ihr feucht glänzender Körper beugt sich zu mir, zu uns vor, so dass ich die beiden Widderhörner auf ihrem Kopf erkenne. Eine solche Schlange habe ich nie zuvor gesehen.

Und mir ist sofort klar. Das ist die Mutter des anderen Mädchens. Ich fürchte mich vor ihr.

Die Schlange verharrt. Nein, sie erstarrt zu Stein. Erst als ich ganz sicher bin, dass von ihr keine Gefahr mehr ausgeht, schaue ich mich um. Das hätte ich besser bleiben lassen, denn mein Blick fällt auf einen Sarg in der hintersten Ecke des Raumes, der unvermittelt geschrumpft ist. Aus dem Sarg ertönt die Stimme meiner Mutter.

«Alles wird gut. Alles wird wunderbar, wenn du wieder allein bist. Du musst sie verschwinden lassen, damit du wieder mein einziger Schatz bist.»

Ich habe diesen Traum schon so oft in meinem Leben geträumt, dass ich es sofort bemerke. Etwas ist anders. Irgendetwas in dem Raum ist nicht so, wie sonst.

Es ist das andere Mädchen. Es versinkt im Boden, als wäre das Mädchen in Treibsand geraten. Sie bleibt ruhig, wehrt sich nicht und ich unternehme nichts, um ihm zu helfen.

Eine Stimme dringt an mein Ohr.

Ich weiß, was du getan hast, flüstert sie.

Ich schließe die Augen und sehe dennoch weiterhin, wie das Mädchen versinkt.

Ich weiß, was du getan hast.

Weil es nichts hilft, die Augen zu schließen, wende ich mich ab und mein Blick fällt auf die goldene Vase, die das andere Mädchen, mein anderes Ich zuvor in Händen gehalten hat.

Ich konzentriere mich auf die Vase, die nicht länger golden glänzt, sondern den matten Purpur frischen Blutes trägt. Sie steht in einer Ecke der Höhle.

«Ich weiß, was du getan hast!», raunt die Stimme erneut.

Und an dieser Stelle wache ich immer auf. Denn ich erkenne, dass es meine eigene ist.

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© 2019 Andreas Riehn
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