Kapitel 68

»Wie sind Sie reingekommen?«

»Haben Sie mich denn nicht erwartet, Kosra?«

Der Staatsanwalt legt den Kopf schief. »Ihr Anruf?«

»Ich habe Sie nicht angerufen.«

»Ich habe veranlasst, dass die Nummer der Polizisten auf mein Handy umgeleitet wird. Als Sie gleich wieder aufgelegt haben, hielt ich es für besser, persönlich nach dem Rechten zu sehen. Ich hoffe, das ist in Ordnung. Es trifft sich nämlich gut, es gibt neue Erkenntnisse, die ich mit Ihnen besprechen muss.«

Ich erinnere mich. Ich hatte die Nummer auf der Visitenkarte gewählt, als Gerrit an der Tür klingelte. Ich habe einfach wieder aufgelegt, ohne mich zu melden. Es war klar, dass sie den Anruf nicht ignorieren würden.

Er steht in der Mitte des Raumes. Groß und breitschultrig. Bei unserem ersten Zusammentreffen heute Morgen war er mir etwas verpeilt vorgekommen, wie er da in seinem verknitterten Anzug saß und nicht wusste, wann und wie er sein Essen zu sich nehmen sollte. Dieser Eindruck ist verschwunden. Er hat einen frischen Anzug an. Er wirkt souverän und ganz Herr der Lage. Die Idealversion eines Staatsanwaltes, wie sie ein Filmregisseur nicht besser besetzen könnte.

Er schaut mir in die Augen. Mein Herz galoppiert. Das Blut schießt in meinen Kopf, macht mich wach und entschlossen.

Ich brauche keine neuen Erkenntnisse.

»Es ist spät«, erwidere ich.

»Das ist wahr«, gibt Weis zur Antwort.

Ich will, dass er geht. Sieht er denn nicht, dass es mir nicht gutgeht? Ich habe mich nicht umgezogen. Das Kleid ist schmutzig. Ich sehe grauenvoll aus. Jedenfalls fühle ich mich so.

Er macht keine Anstalten, mich aus dieser Situation zu befreien. Er ist gekommen, weil er mit mir reden will.

Soll ich ihm das Schreiben der Staatsanwaltschaft zeigen, das ich in meinen Unterlagen gefunden habe? Das Dokument, das mir das Eigentum an dem Haus auf dem Rauhen Berg überschrieben hat? Das Haus, das Dirk Radovics gehörte und mir als Schadensersatz dienen sollte?

Ich muss es ihm nicht zeigen. Er kennt es. Er hat das Schreiben unterzeichnet.

Wir haben beide Fragen und neue Erkenntnisse.

Ich stelle die eine Frage, die mich in diesem Moment noch bewegt.

»Haben Sie meine Schwester gefunden?«

Er presst die Lippen aufeinander, als wolle er nicht antworten. Doch, so ist es nicht. Er ist genau deswegen zu mir gekommen. Sie haben Nadia gefunden.

»Wollen wir das Gespräch in meinem Wagen fortsetzen?«, fragt er. Wenn es sich denn um eine Frage handelt.

Ich erinnere mich an meine Gefühle in Totenbruck, als ich nicht länger eine Marionette sein wollte. Habe ich nicht erst vor wenigen Stunden meine zurückgewonnene Freiheit beschworen? Mein neues Leben besungen? Es ist so leicht, sich ihm zu verweigern. Und doch muss ich das dunkle Kapitel der letzten Tage zu einem Ende führen, denn es ist noch nicht vorbei. Das erkenne ich in diesem Augenblick deutlicher als je zuvor.

Also nicke ich und folge ihm auf die Straße. Mir ist kalt. Ich schlinge die Arme um meinen Oberkörper. Weshalb habe ich mich nicht umgezogen oder wenigstens die hellblaue Steppjacke mitgenommen. Die könnte ich jetzt gut gebrauchen und endlich auch als mein Kleidungsstück begreifen.

Auf dem Gehsteig werfe ich einen Blick durch das Schaufenster. Die Galerie ist voller Menschen. Die Vernissage ist ein Erfolg. Von Gerrit keine Spur.

Der Staatsanwalt bemerkt meinen Blick und mein Frösteln.

»Es wird nicht lange dauern«, sagt er. Ich glaube ihm.

Er fährt einen 7er BMW. Ich dachte, so etwas gibt es nur im Fernsehen. Dort fahren die Staatsanwälte die dicksten Schlitten und die Anwälte gehen während des Plädoyers im Gerichtssaal auf und ab, weil der Zuschauer das von den amerikanischen Justizthrillern so gewohnt ist. Eine Scheinwelt. Das mache ich mir bewusst, da ich doch gerade erst selbst die wirkliche Welt wiedergefunden habe.

Als ich einsteige, fällt mein Blick auf die Rücksitzbank der Limousine. Dort liegt eine große Beweismitteltüte aus durchsichtigem Plastik mit der Kanope darin. Daneben eine lederne Aktenmappe.

»Dieser Wagen ist so eine Art Büro für mich«, erklärt Weis. »Ich sollte sie längst in der Asservatenkammer abgegeben haben; bin aber noch nicht dazu gekommen. Es ist ein ereignisreicher Tag.«

Er sagt das in der Gegenwart; die Ereignisse gehen weiter. Es ist kurz vor 22 Uhr.

»Wohin fahren wir?«

Er macht es sich umständlich auf dem Fahrersitz bequem und antwortet, ohne mich anzusehen.

»Öffnen Sie das Handschuhfach.«

Ich sollte protestieren, darauf bestehen, dass er sich erklärt, was das alles soll. Ist dies ein Verhör? Stattdessen mache ich, was er von mir verlangt.

Im Handschuhfach liegt eine weitere durchsichtige Beweismitteltüte. Viel kleiner, als die mit der Kanope auf der Rücksitzbank und trotzdem viel zu groß für den Gegenstand, der sich darin befindet.

»Das haben wir bei Ihrer Schwester gefunden. Sie müssen es verloren haben.«

Es ist die Taschenlampe, die als Schlüsselanhänger ausgestaltet ist.

Er startet den Wagen und fährt los.

»Wo ist sie?«

Ich frage nicht, wie es ihr geht. Eine solche Frage kommt mir unangebracht vor.

Er antwortet nicht sofort und ich will es schon dabei belassen. Nach einer Weile schaut Weis auf seine Uhr.

»In diesem Augenblick dürfte sie auf dem Weg in die Gerichtsmedizin sein. Ich hätte wirklich nicht gedacht, dass die zuständigen Behörden so schnell mitspielen. Vor allem, wenn man bedenkt, was sonst immer bei archäologischen Ausgrabungsstätten für ein Theater gemacht wird. Wir haben die Genehmigung in weniger als einer Stunde erhalten.«

Wir verlassen die Stadt.

»Sind Sie sicher, dass sie es ist?«

»Hören Sie schon auf, Kosra. Das Skelett eines ungefähr neun Jahre alten weiblichen Kindes. Bereits vor Ort konnten wir festhalten, dass die Leiche dort seit mindestens fünfundzwanzig und höchstens dreißig Jahren liegt. Es ist übrigens der Haushaltslage zu verdanken, dass sie nicht längst gefunden wurde. Es gab ganz einfach kein Geld, um die Fundstätte zu untersuchen, also wurde sie simpel und ergreifend verschlossen, damit sie irgendwann, wenn die Kassen es zulassen, in situ erforscht werden sollte.«

In Situ. Das ist wahr, so habe ich meine Schwester gefunden.

Das Skelett liegt in der Mitte der Kammer, dort, wo ich es erwartet habe. Es ist nicht das Skelett eines Erwachsenen. Wie denn auch? Es liegt auf dem Bauch. Zum Glück.

»Bei dem Unfall sind Ihre Schwester und Sie aus dem Wagen geschleudert worden«, fährt der Staatsanwalt fort. »Ein Wunder, dass Sie beide keine weiteren Verletzungen davon getragen haben. Außer der tödlichen Verwundung am Schädel der Kleinen konnten wir keine Unfallfolgen an dem Skelett feststellen. Sie müssen beide unverletzt gewesen sein, wie hätten Sie es sonst bis zu dem Grabhügel schaffen können? Ich frage mich, warum sie hineingekrochen sind?«

Ich weiß es nicht. Ich habe keine Erinnerungen an das Geschehen. Ich habe nur diesen einen Albtraum, der mich seit meiner Kindheit verfolgt. Wir sind hineingegangen, das ist alles, was zählt.

»Sie müssen sie gehasst haben. In der kurzen Zeit, die Sie zusammen waren, müssen Sie sie abgrundtief gehasst haben.«

Hass? Vielleicht. Sie sollte wieder verschwinden. Das ist alles, doch das kann ich ihm nicht erklären. Sie ist schuld am Unfalltod meiner Eltern. Sie hat Totenbruck in mein Leben gebracht. Warum haben meine Eltern sie nicht einfach gelassen, wo sie war. Vielleicht habe ich sie in dem Augenblick gehasst. Viel entscheidender ist, dass ich sie wieder habe verschwinden lassen.

»Sie haben Nadia mit der Kanope erschlagen.«

Es war die einzige Möglichkeit, dass sie verschwindet. Und es hat funktioniert. Eine Zeitlang jedenfalls.

Ich will sprechen, bringe aber kein Wort über die Lippen. Was soll ich sagen? Ich habe meine Zwillingsschwester getötet, als wir neun Jahre alt waren.

»Sie wissen natürlich, dass die Sache strafrechtlich ohne Belang ist«, sagt Staatsanwalt Weis. Ich muss gar nicht reden, das übernimmt er.

»Mit neun Jahren waren Sie strafunmündig. Es wäre lächerlich, Ihnen daraus einen Vorwurf zu machen. Kinder können grausam sein.«

Das stimmt. Nadia war grausam. Grausam genug, sich in mein Leben zu schleichen und es auf den Kopf zu stellen.

»Doch sie ist zurückgekehrt«, stellt Weis nüchtern fest. Die lautlose Schwärze der Nacht umspült den Wagen. Über mir fluten die Wellen eines Schattenmeeres dahin. Die Stadt liegt weit hinter uns. Ich werde die wahre Welt erneut verlieren.

Die Mittelstreifen der Landstraße schießen wie Leuchtfeuer aus der Unendlichkeit und verschwinden unter dem Wagen. Wir sind zu schnell unterwegs. Wohin auch immer.

»Sie musste zurückkehren«, insistiert Weis. Das ist der Teil, den er nicht kennen kann. Er will es von mir hören. Ihre Wiederauferstehung. Und die folgende Wiedervereinigung mit meiner Schwester.

»Das Haus«, erwidere ich knapp.

»Ich wusste es«, platzt es aus ihm heraus. Er schlägt mit der flachen Hand auf das Lenkrad, als habe er eine Wette gewonnen.

»Werden Sie mir glauben, wenn ich Ihnen sage, dass ich keine Ahnung hatte, was ich mit diesem Vermögensarrest in Gang setze.«

»Nein.«

Er grinst über das ganze Gesicht. Ich muss mich durch seine Finten nicht länger hinhalten lassen, will er damit sagen.

Das Haus auf dem Rauhen Berg. Dort hat sie auf mich gewartet, als ich es das erste Mal betreten habe. Nein, das stimmt nicht, sie hat mich schon erwartet, als ich die Grenze des Ortes passiert hatte.

»Ich wusste, dass Sie sich an Totenbruck erinnern würden«, erklärt Weis. »Darum ging es ja.«

Er wendet sich zu mir und beugt sich vor. »Ich wusste nicht, wer Sie waren. Nadia oder Kosra? Ich kannte den Unfallbericht. Damals war nach Stunden ein Mädchen gefunden worden. Weit weg von der Straße und vor allem von dem Grabhügel. Nach einem zweiten Mädchen wurde überhaupt nicht gesucht, da niemand wusste, dass sich zwei Mädchen in dem Auto befanden. Fast niemand wusste es. Ich schon, das ist ja klar.«

»Warum haben Sie das getan?«, will ich von ihm wissen.

»Ich habe Ihnen die Chance gegeben, es ungeschehen zu machen. Sehen Sie es mal so.«

»Ungeschehen?«

»Sie haben Nadia neu erschaffen, sie dem Reich der Toten entrissen. Sie haben sich das Leben ihrer Schwester ausgemalt, wie es gewesen wäre, wenn Sie beide den Unfall überlebt hätten. Wenn Wolfgang Westhoff nicht schwul gewesen wäre, hätte er durchaus einen Sohn namens Bertram haben können.«

Wie soll ich mir dieses Leben von Nadia ausgedacht haben? Ein Leben, in dem doch wieder nur sie das Opfer war. Von dem schusseligen Bertram Westhoff angeblich der Sekte zum Fraß vorgeworfen. Sie hatte ein solches Leben nicht verdient. Sie war nicht das Opfer.

»Ich bin kein Psychologe«, plappert Weis weiter. »Aber für mich ist es offensichtlich. Sie mussten die Tötung ihrer Schwester negieren und dazu reichte es nicht aus, sie einfach wieder auferstehen zu lassen. Nadia musste zur Täterin werden, um Ihre Schuld zu tilgen. Zur Täterin gegen Sie – ihre Zwillingsschwester Kosra. Nadia konnte Sie nicht töten, denn es gab Nadia ja gar nicht mehr. Aber sie konnte versuchen, sich Ihr Leben unter den Nagel zu reißen. Sie in eine Falle zu locken, um an Ihre Stelle zu treten. Das ist genial. Sie wären als Nadia Westhoff aus Totenbruck zurückgekehrt, um das Leben als Kosra Borg weiterzuleben. Niemand hätte etwas bemerkt, aber Sie hätten die Tötung Ihrer Schwester aus dieser Welt getilgt.«

Glaub’ ihm kein Wort, Schwesterherz. Ich bin am Leben.

Doch, Nadia, es ist wahr.

Blödsinn. Hast du schon vergessen, dass ich dir in der Höhle aufgelauert habe?

Das warst nicht du. Ich habe mit mir selbst geredet.

Und der Anruf? Ich habe dich angerufen. Schon vergessen? Ich habe dir eine Nachricht auf dem Anrufbeantworter hinterlassen.

Hast du nicht. Ich habe den Anruf getätigt, als der Taxifahrer, der mich heute Morgen nach Hause brachte, tanken war.

Überlege dir, was du sagst, Schwesterherz.

Das tue ich. Du bist tot!

»Und jetzt?«

Weis ist nicht überrascht über meine Frage. Warum auch. Er hat diesen kleinen Ausflug geplant.

»Wir werden es gemeinsam zu Ende bringen, Kosra. Die Vorsehung hat es so gewollt, dass wir beide übrig sind. Rachow und seine Sippschaft sind ausgeschaltet. Es sind nur noch die wahren Anhänger von Gyamlarhotep geblieben, sein Gefolge, das ihn seit Urzeiten an diesem Ort huldigt.«

An diesem Ort? Er spricht von Totenbruck. Ich weiß, wohin wir fahren. Wir kehren zurück. Ich kehre zurück.

»Ich verstehe dich gut, Kosra«, fährt er fort. »Auch ich habe über all die Jahre meine Bestimmung zu leugnen versucht. Ich habe meinen Nachnamen geändert, lange bevor die Katastrophe vor siebenundzwanzig Jahren, meinem Vater das Leben kostete. Ich wollte nicht länger Veys heißen. Also ließ ich den Namen umschreiben auf Weis. Aber, ich habe nicht alle Brücken abgebrochen. Immer wieder Kontakt gehalten zu den wahren Gläubigen im Ort. Du hast sie kennengelernt. Ich hoffe, sie haben dir keine Angst eingejagt. Sie haben dich beschützt. Ich habe dich beschützt.«

»Sie sind Lucien.«

»Natürlich bin ich Lucien. Conrad Lucien Veys.«

Conrad L. Weis. Conrad mit C und mit dem Anfangsbuchstaben seines Mittelnamens, von dem niemand ahnte, wofür er steht.

Mein Mund ist trocken. Ich fühle mich schwindelig, aber das ist auch alles. Ich bin zu keiner Panik mehr fähig. Wie denn auch? Die Wahrheit war ja die ganze Zeit über in mir. Die Wahrheit über mich und Nadia. Nadia, die jetzt einfach nur noch Nadia ist. Vielleicht wird ihr Name ganz verschwinden, sich auflösen wie ihr Skelett, das bald in einem offiziellen Grab endgültig verrotten wird. Doch, das muss nicht sein. Ich habe sie in mir aufgenommen. Sie ist ein Teil von mir geworden, so wie wir beide es die ganze Zeit über wollten.

»Sieh’ nach, was ich in der Aktentasche für dich mitgebracht habe.«

Ich beuge mich nach hinten und hebe die lederne Tasche auf meinen Schoß.

Ich öffne sie und da ist das Messer, das Messer mit dem auffälligen roten Knauf.

»Es wird genauso wenig in der Asservatenkammer landen, wie die Kanope, Kosra. Niemand braucht von dem Messer zu wissen. Deine Fingerabdrücke sind darauf.«

»Ich habe Kolev nicht getötet«, protestiere ich, als habe er eine Anklage formuliert.

»Ich weiß. Das war Adrian Rachow, als er dich noch für Nadia hielt. Er hat dir in dem Haus aufgelauert, nicht wahr? Die Klinge war für dich bestimmt.«

Das mag sein, überlege ich. Ich glaube aber nicht, dass er mich töten wollte. Er wollte den Aufenthaltsort der Kanope von mir erfahren. Er war genauso überrascht wie ich, als plötzlich der Blogger Sebastian Kolev auftauchte. Wahrscheinlich sah er in dem Augenblick keine andere Möglichkeit, als ihn zu töten. Ich weiß nur noch, dass ich ihm das Messer entrissen habe und dann mit dem Motorrad zum Ortsrand gefahren bin, dort wo ich zuvor meinen Wagen geparkt hatte. Ich deponierte das Motorrad am Straßenrand, so wie es Stunden später gefunden werden sollte. All das läuft vor meinem inneren Auge wie ein Film ab, als wäre ich selbst gar nicht dabei gewesen. Und so ist es ja auch. Ich habe wie in Trance gehandelt, denn in diesen Augenblicken war ich ja Nadia Westhoff, die es in Wirklichkeit gar nicht gab. Ich hatte von Bargen anvertraut, das später eine verletzte Motorradfahrerin in der Nähe seines Hauses gefunden werden würde - Kosra Borg. Er hielt mich für Nadia und verstand mein Anliegen, dass jeder meine Zwillingsschwester für Nadia halten sollte. Jedenfalls gehe ich davon aus. Er war zwar irritiert, dass er eine kryptische Nachricht mit einem Anagramm schreiben sollte, tat aber, wie Nadia ihm auftrug. Sie hat ihm eingebläut, Kosra die Nachricht zukommen zu lassen, was er ja auch getan hat. Von seinem geplanten Selbstmord hatte sie keine Ahnung. Ich bin mir sicher, dass er geglaubt hat, dass es zwei von uns gibt. Leider hat er mir verheimlicht, dass er mit Adrian Rachow unter einer Decke steckte. Der auf diese Weise aber auch nicht sicher wusste, dass nur eine von uns beiden tatsächlich existiert.

Ich werde aus meinen Gedanken gerissen. Die Straße verliert sich vor uns in der dunklen Unendlichkeit hinter den Lichtkegeln der Scheinwerfer. Am Rande dieses pechschwarzen Universums flammt ein Feuer auf. Eine flackernde Linie, wie eine brennende Barriere, die über die Straße gelegt wurde. Erst als der Wagen weiter beschleunigt und auf die Flammen zuschießt, begreife ich, dass es sich um eine Menschenmenge handelt. Es müssen einige Dutzend sein und jeder von ihnen hält eine Fackel in der Hand. Ich kann sie noch nicht genau erkennen, aber bestimmt tragen sie wieder die purpurnen Kutten wie zuvor im Wald.

»Sie warten auf dich, Kosra«, sagt Lucien, der in einem anderen Leben mal Staatsanwalt war, so wie ich in einem anderen Leben Rechtsanwältin gewesen bin.

»Sie haben sich versammelt, um dich in Empfang zu nehmen.«

»Nein!«, schreie ich und greife in das Lenkrad.

Der BMW bricht nach rechts aus, doch es gelingt Lucien sofort, ihn wieder auszurichten. Ich nutze die Ablenkung und öffne den Verschluss seines Sicherheitsgurtes. Den Blick fest auf die Straße gerichtet, bemerkt er gar nicht, was vor sich geht. Ich greife nach dem Beweismittelbeutel mit dem Messer und ohne es vom Plastik zu befreien, ramme ich es in seinen Bauch. Die Klinge durchdringt das Plastik, den Stoff seines Anzugs und dringt in seinen Unterleib, immer und immer wieder.

Ein Knubbel wird bleiben.

Mehr als das.

Sein Blut sprudelt über meine Hand.

So warm.

Der Mittelstreifen verschwindet aus meinem Blickfeld, als Weis es aufgibt, den Wagen in der Spur zu halten, oder seine schwindenden Kräfte es nicht länger zulassen. Der Wagen rast auf die schmutzig weiße Leitplanke zu.

Das Krachen erreicht mein Bewusstsein nur noch am Rande. Ich schwebe. Schwerelos und ohne Verbindung zum Erdboden gleite ich in die Unendlichkeit hinein. Der Sternenhimmel erfüllt die Windschutzscheibe. Und so schwebe ich in das Universum hinaus, aus dem Gyamlarhotep einst gekommen ist.

Götter, die an die Stelle von Göttern treten.

Dann folgt der Knall.

Ich bin schon einmal einem Unfallwrack nahezu unverletzt entstiegen. So ist es wieder.

Die Leiche des Staatsanwalts wurde aus dem Wagen geschleudert und liegt unnatürlich verkrümmt im Straßengraben.

Ich weiß nicht wie, aber ich halte die Kanope in Händen. Ich lasse sie nicht los. Sie gehört mir.

Ich drehe mich um.

Die Anhänger verharren in einer Linie nur wenige hundert Meter von mir entfernt. Sie rühren sich nicht, sie schweigen, als wären sie von den Ereignissen nicht überrascht. Ihr Anführer ist tot, doch sie wissen, dass sie dafür eine viel bedeutendere Person erhalten.

Sie warten auf mich, die Auserwählte.

Denn das bin ich, die Auserwählte.

Ich bin.

E N D E

© 2019 Andreas Riehn
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