Kapitel 67

Auf Knien hocke ich vor der Toilettenschüssel in meiner Wohnung und übergebe mich. Dann sacke ich auf dem Linoleumboden zusammen.

Ich betrachte mich im Ganzkörperspiegel, der auf der Rückseite der Badezimmertür angebracht ist. Die Wimperntusche ist verlaufen, ein hässlicher schwarzer Strich verläuft von meinem einen Auge bis zu dem Mundwinkel, den ich nicht richtig anheben kann. Auf meinem Seidenkleid prangt ein Fleck Erbrochenes. Ich habe es nicht rechtzeitig in meine Wohnung geschafft. Ich kämpfe mich auf die Beine und greife mir ein Handtuch, mit dem ich mir den Mund und das Kleid abwische. Mein Gesicht wasche ich mir mit eiskaltem Wasser und trockne es, ohne nachzudenken, mit dem Handtuch, mit dem ich mir gerade die Kotze abgewischt habe.

Rasch schalte ich das Licht im Badezimmer aus und flüchte auf den Flur, um ja nicht länger die erbärmliche Person, die ich abgebe, im Spiegel sehen zu müssen.

Was wird nur Gerrit von mir denken? Nicht auszudenken, wenn ich ihm eine Szene gemacht hätte, die ich bereuen müsste, nachdem ich wieder klar denken kann. Ob er schon bemerkt hat, dass ich nicht länger auf der Vernissage bin? Bestimmt hat er das. Er wird sich Sorgen machen. Vielleicht glaubt er, dass ich kurz auf die Toilette bin, aber irgendwann wird er sich über meine Abwesenheit wundern. Was sage ich ihm bloß, wenn er vor der Tür steht und sich nach mir erkundigt? Ich werde einfach nicht an die Tür gehen. Ich kann unmöglich auf den Empfang zurückkehren. Ich habe meinen seelischen Zustand unterschätzt. Die Erlebnisse der letzten Tage haben tiefere Wunden gerissen, als ich mir eingestanden habe. Der kleinste Anlass genügt und ich sehe Gespenster. Gerrit hat mit Totenbruck und dem Kult nichts zu tun. Wie konnte ich nur auf diesen absurden Gedanken kommen? Natürlich ist er bei den Recherchen zu seinen Fotografien auf Totenbruck gestoßen. Der Ort eignet sich vortrefflich für seine Studien. Es ist nichts weiter als ein dämlicher Zufall. Wie töricht von mir, deswegen hysterisch zu werden.

Und das Symbol der gehörnten Schlange?

Was soll schon damit sein? Es ist ein altes heidnisches Symbol, das habe ich ja selbst schon in Erfahrung gebracht. Das findet sich an tausend ehemals heiligen Orten. Meine Nerven liegen ganz einfach blank. Anders kann ich mir meinen Zusammenbruch nicht erklären. Ich muss mich schonen. Es war unverantwortlich von mir, so rasch wieder auf eine Veranstaltung zu gehen, ja die Wohnung überhaupt wieder verlassen zu haben.

Viel zu aufgedreht, um mich einfach hinzulegen, gehe ich in mein Arbeitszimmer. Ich muss mich ablenken. Paul braucht für die Versicherung noch die Kopie meiner Anwaltszulassung und warum sollte ich das nicht jetzt sofort erledigen, bevor ich es wieder vergesse. Zuerst will ich etwas Musik anmachen, das Radio vielleicht oder einen Streamingdienst über mein Notebook, verwerfe den Gedanken aber. Wenn Gerrit Musik aus meiner Wohnung hört, dann kann ich mich unmöglich verleugnen, wenn er klingelt. Das Licht aus meinem Arbeitszimmer wird mich kaum verraten. Das Zimmer geht nach hinten und die Rollläden sind herunter gelassen. Ich weiß, wie das klingt. Ich verbarrikadiere mich wieder. Nur, dass es diesmal kein Dauerzustand werden soll. Wenn sich der Schrecken erst gelegt hat und ich weiß, was mit Nadia ist, dann nehme ich mein wiedergewonnenes Leben wieder auf. Aufgeschoben ist nicht aufgehoben, heißt es nicht so?

Ganz in Gedanken fahre ich mein Notebook hoch, denn ich habe die Idee mit dem Musikstreaming ja verworfen. Meine E-Mails werde ich heute nicht abfragen, zumal ich Nadia zutraue, dass sie auch auf diesem Weg versuchen wird, mich aus der Reserve zu locken. Bevor ich das Gerät unverrichteter Dinge wieder zuklappe, möchte ich wenigstens nachsehen, was auf den Nachrichtenseiten über die Ereignisse in Totenbruck berichtet wird.

Unter der Rubrik Schlagzeilen werde ich nach wenigen Augenblicken fündig.

Tödlicher Sturm auf Sektenunterschlupf
Gegen 5 Uhr in der Früh stürmte heute ein Großaufgebot von Polizei und Feuerwehr eine unterirdische Anlage in Totenbruck. Vor über zwanzig Jahren geriet der Ort schon einmal in die Schlagzeilen, als bei grausamen Ritualen ein Kind getötet und ein weiteres in letzter Minute aus den Fängen einer Sekte gerettet werden konnte. Es ist einem anonymen Hinweis zu verdanken, dass die neuerlichen Umtriebe erfolgreich unterbunden werden konnten.

Doch noch ehe die Razzia richtig begonnen hatte, begingen drei Mitglieder der Sekte Selbstmord, darunter der vor einigen Tagen aus der geschlossenen Psychiatrie entflohene Adrian R. Unter den Toten befindet sich auch die Mutter des R., eine gewisse Klara T., Witwe des vor siebenundzwanzig Jahren verhafteten Sektenführers Asmus T., der seinerzeit in seiner Zelle Selbstmord verübte.

Die dritte Tote wurde von der Polizei als Erika D. identifiziert, ebenfalls Mitglied der »gefährlichen religiösen Sekte«, wie sich Oberstaatsanwalt Conrad Weis gegenüber dieser Zeitung ausdrückte, nähere Angaben bleiben einer Pressekonferenz vorbehalten. Videoaufnahmen des Senders B-Org TV zeigten die Leiche eines Mannes, der mit durchschnittener Kehle in einem Auto entdeckt wurde. Hierbei soll es sich nicht um ein Mitglied der Sekte handeln, sondern um den Journalisten Sebastian K., der seit zwei Tagen als vermisst gemeldet war. Aus gut unterrichteten Kreisen hieß es, dass K. offenbar bereits vor mehreren Tagen von Mitgliedern der Sekte ermordet wurde, als seine Ermittlungen die neuerlichen Umtriebe der Sekte aufzudecken drohten.

Auf weiteren Bildern von der Polizeiaktion ist außerdem zu erkennen, wie mehrere Personen in Handschellen abgeführt werden. Um wen es sich dabei handelt, steht …

Ich wende den Blick vom Bildschirm. Der Artikel lässt mich ratlos zurück. Wieso anonymer Hinweis? Sarah hat den Staatsanwalt und die Polizei zur Höhle geführt. Vielleicht hat sie sich ausbedungen, dass sie nicht genannt wird, aber trotzdem ist das noch lange kein anonymer Hinweis. Aber, das ist eher eine Kleinigkeit und sollte mich nicht weiter irritieren. Viel erstaunlicher finde ich, dass die Fahndung nach Nadia gar nicht erwähnt wird. Das wäre doch die Gelegenheit. Auf der anderen Seite versuchen sie es vielleicht erst mit einer polizeiinternen Fahndung. Ich sollte mir darüber nicht den Kopf zerbrechen, auch wenn es mich irritiert, dass so gar nicht auf Nadia und mich eingegangen wird. Nun, die Polizei wird schon ihre Gründe haben.

Ich will das Notebook schon zuklappen, als ich mich besinne und den Namen Nadia Westhoff in das Textfeld der Suchmaschine eingebe. Es ist an der Zeit, den Spieß umzudrehen, mich an ihre Fersen zu heften. Es ist gut möglich, dass sie sich dahin verkrochen hat, wo sie her gekommen ist. So einfach kommt sie mir nicht davon.

Ich drücke die Entertaste. Das Ergebnis ist ernüchternd. Es gibt tatsächlich eine Nadia Westhoff, doch die lebt in den Niederlanden und ein Blick auf ihr Instagramprofil zeigt mir, dass es sich nicht um meine Schwester handelt. Ich habe erwartet, wenigstens auf einen Eintrag zu ihrer Praxis zu stoßen. Sie arbeitet als Psychologin, da wird sie doch in dieser Funktion auf irgendeiner Seite erwähnt werden? Wenn ich meinen Namen in die Suchmaschine eingebe, dann findet sie zwar keine Website von mir, denn ich habe keine, aber meinen Eintrag in der Datenbank der Rechtsanwaltskammer. So etwas muss es für Psychologen doch auch geben?

Ich klappe das Notebook so heftig zu, dass es sich anhört, als sei das Display zersplittert, was zum Glück nicht der Fall ist, wie mir ein leichtes Anheben des Deckels bestätigt.

Ich muss mir endlich Abstand gönnen, muss loslassen. Meine Zeit wird schon kommen und Nadia von ganz alleine wieder auftauchen, vor allen Dingen, wenn die Polizei sie endlich dingfest gemacht hat. Ich muss aufhören, mich zu quälen, sollte mich besser schonen und die Erlebnisse hinter mir lassen. Ich will nicht noch einmal in eine Hysterie verfallen, wie vorhin auf der Vernissage. Außerdem habe ich etwas zu erledigen. Deswegen bin ich überhaupt in mein Arbeitszimmer gekommen.

Die Zulassungsurkunde!

Der Ordner steht in meinem Regal und sieht ziemlich abgegriffen aus. Die Bezeichnungen auf dem Rückenschild habe ich mehr als einmal anpassen beziehungsweise ergänzen müssen. Ursprünglich habe ich Rezepte in dem Ordner gesammelt, dann Korrespondenz, wobei ich damit den Kanzleischriftverkehr nach dem Attentat meinte, und da die wenigen Schreiben kaum Platz beanspruchen, steht nach dem durchgestrichenen Titel »Rezepte« nun unter »Korrespondenz« noch zusätzlich »Wichtige Dokumente«.

Die Zulassungsurkunde finde ich in einer Klarsichthülle gleich hinter meinen beiden Examenszeugnissen. Ich lege feierlich meine flache Hand auf jedes der drei Dokumente, als müsste ich mich noch immer versichern, dass ich, ich bin, also die Rechtsanwältin Kosra Borg und nicht die Psychologin Nadia Westhoff. Jetzt, da ich über Nadias Machenschaften und Rachows Verlangen Bescheid weiß, sollte ich darüber hinweg sein, doch der Schock sitzt so tief, dass ich nicht umhin kann, meine Identität im wahrsten Sinne des Wortes beständig begreifen zu wollen.

Ich öffne den Ringmechanismus des Ordners und entnehme die Klarsichthülle mit der Zulassungsurkunde. Bestimmt reicht es, wenn ich sie mit dem Handy abfotografiere, denn ich besitze keinen Scanner. Dann fällt mir ein, dass mein Handy, ebenso wie mein Portemonnaie sich in meinem Wagen befinden, der noch bei der KTU steht.

Zu blöd. Ich werde morgen einfach zum Copyshop an der Ecke gehen. Bestimmt haben sie dort einen Scanner oder ich mache eine Fotokopie und schicke sie mit der Post an die Versicherung.

Das nächste Dokument im Ordner ist ein Schreiben der Staatsanwaltschaft. Komisch, was hat der Brief bei meinen Unterlagen zu suchen. Sieht aus, als gehöre er zu dem Verfahren eines meiner früheren Mandanten. Das Schreiben ist aus dem März 2017, mehr als ein halbes Jahr nach dem Attentat auf mich. Zu dieser Zeit hatte ich gar keine Mandanten mehr. Ich befand mich in der Reha und hatte auch mit der Telefonberatung noch nicht begonnen.

Ich beginne zu lesen.

Sehr geehrte Frau Borg,
bei der Staatsanwaltschaft war ein Ermittlungsverfahren wegen des Verdachts einer Straftat gegen Herrn Dirk Radovics anhängig. Das Verfahren wurde nach dem Ableben des Beschuldigten eingestellt. Sie sind als Person, der materielle und immaterielle Schäden aus der Straftat entstanden sind in der Ermittlungsakte genannt. Um Ihnen zu helfen, Schadensersatz zu erlangen, hat die Staatsanwaltschaft aufgrund eines gerichtlichen Vermögensarrests immobiles Vermögen bei dem Beschuldigten sichergestellt. Diese Mitteilung erfolgt, um Ihnen die Möglichkeit zu eröffnen, Schadensersatz aus dem gesicherten Vermögenswert zu erlangen, indem Sie Ihre Ansprüche bei der Staatsanwaltschaft anmelden. Bei dem sichergestellten Vermögenswert handelt es sich um die Immobilie …

Ich muss nicht weiterlesen, um die Wahrheit zu erkennen. Die verblasste Unterschrift des zuständigen Staatsanwaltes verdrängt jeden Zweifel.

Es fügt sich nicht so, wie ich gedacht habe. Das ist mir gleichgültig. Die süßen Lügen lösen sich auf, wie ein Stück Zucker in einem Glas Wasser. Hydra ist zu meiner Verbündeten geworden. Nicht Götter treten an die Stelle anderer Götter, sondern die greifbare Realität verdrängt die Gewissheiten, die ich errungen zu haben glaubte. Es war die ganze Zeit da. Bemerkenswerterweise verspüre ich keine Panik. Sollte es mir nach dieser Entdeckung nicht eiskalt über den Rücken laufen? Stattdessen halte ich mich aufrecht, strecke mich sogar. Ich bin diesen Weg schon gegangen. Ich werde mich vor keiner Wahrheit dieser Welt mehr beugen. Meine Handflächen sind trocken. Mein Atem geht regelmäßig. Dann höre ich das Geräusch in meinem Rücken. Ich drehe mich um und er steht vor mir.

© 2019 Andreas Riehn
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