Kapitel 66

Götter, die an die Stelle anderer Götter treten.

Gerrit reagiert genauso, wie ich es erhofft habe.

»Wow, du siehst wunderbar aus«, sagt er und strahlt mich an. Dann beugt er sich vor und ich erwarte einen Begrüßungskuss auf die Wange, stattdessen höre ich seine tiefe Stimme so dicht an meinem Ohr, dass seine Bartstoppeln an meinem Kinn kitzeln: »Genieße den Abend«, sagt er. »Lass’ alles hinter dir, was dich in den letzten Tagen gequält hat. Du kannst mir alles erzählen, wenn wir nachher allein sind.«

Ich spüre wieder ein Kribbeln im Unterleib. Die aufsteigende Röte unterdrücke und rechtfertige ich nicht. Ich bin sprachlos. Gerrit versteht die Botschaft meines Schweigens und reicht mir ein Glas Sekt. Ich vergewissere mich erneut, dass er keinen Ring trägt. Er muss mir vorhin an meiner Wohnungstür meine Erschöpfung angesehen haben, er hat meine floskelhafte Erklärung dessen, was mir zugestoßen ist, durchschaut. Ist mir jemals ein derart einfühlsamer Mann begegnet? Bestimmt nicht. Der Ritter ist zum richtigen Zeitpunkt aufgetaucht und ich fasse mein Glück kaum. Ich strahle ihn an und nehme hastig einen viel zu großen Schluck. Eine Haarsträhne fällt mir in die Augen, und Gerrit streicht sie mir aus dem Gesicht.

Er führt mich zum Buffet, das im hinteren Teil des Raumes aufgestellt ist. Ich lade mir viel zu viel Häppchen auf meinen Teller, aber ich bin wirklich hungrig. Ich tausche den Sekt gegen ein Glas Mineralwasser, denn ich spüre bereits den Alkohol. Gerrit entschuldigt sich, als weitere Gäste die Galerie betreten.

Nach und nach füllt sich der Raum mit Besuchern.

Die Galerie war ursprünglich wohl mal ein Ladengeschäft, denke ich mir, als mein Blick zur Schaufensterscheibe wandert, die den Raum zur Straße abgrenzt. Das würde auch erklären, weshalb es mal eine Verbindung dieser Räume zu meiner Wohnung gegeben hat.

Die wachsende Besucherschar spiegelt sich in der Scheibe. Eine bunte Mischung aus Anwälten, Ärzten, Künstlern und Kulturinteressierten jeden Alters. Bislang ist noch keine andere Frau aufgetaucht, die Gerrit auf eine intime Weise begrüßt hätte, dass sie mir als seine Freundin oder Ehefrau erscheinen müsste. Außer den üblichen Küsschen links, Küsschen rechts war da nichts. Dafür bin ich mitten in dieser fröhlich plappernden Gesellschaft. Ich gehöre dazu. Ich verstecke mich nicht länger und genieße den Moment.

Mir fällt fast das Glas aus der Hand, als ich sie draußen auf dem Bürgersteig vor dem Schaufenster entdecke. Nadia! Sie starrt mich an. Ihr Grinsen gefriert in ihrem Gesicht so wie das Lächeln in meinem. Und dennoch dauert es eine Weile, bis ich realisieren, dass es mein eigenes Spiegelbild ist. Ich bin es einfach nicht gewohnt, mich in einem schicken Kleid zu sehen. Der Bürgersteig vor dem Schaufenster ist leer. Der Spuk ist noch nicht vorbei, denke ich. Ich werde mir von dieser Erkenntnis den Abend aber nicht vermiesen lassen.

»Machen Sie auch Mädchenrecht?«

»Wie bitte?«

»Ob sie auch Mädchenrecht machen?«

Ein Mann ist zu mir getreten. Er ist ungefähr fünfzig und untersetzt mit einem aufgeschwemmten, aber freundlichen Gesicht.

»Mädchenrecht?«

»Ja, Internet und so?«

Erst jetzt kapiere ich, dass er Medienrecht meint.

»Gerrit hat mir gesagt, dass Sie Anwältin sind und ich bekomme da immer dieser Abmahnungen.«

In der Telefonberatung habe ich etliche Abmahnfälle aus den verschiedensten Bereichen beraten und mich recht gut in die Materie eingearbeitet. Ich erkläre ihm, was zu tun ist und er fragt mich, ob ich ihn in dem Fall vertreten könnte. Da ist es, mein neues Leben und ich bin überhaupt nicht über mich verwundert, als ich zusage. Ich werde auf meinem neuen Weg nicht zögern oder zaudern. Ich bin bereit. Der Mann akzeptiert mein Stundenhonorar und ist auch gar nicht irritiert, als ich nicht mit einer Visitenkarte aufwarten oder eine Büroadresse benennen kann.

»Ich bin kommende Woche ohnehin wieder hier«, sagt er. »Ich erwerbe heute noch das eine oder andere Bild von Gerrit und die hole ich dann ab. Ich bringe Ihnen dann einfach die Unterlagen mit und Sie bereiten den Mandatsvertrag vor. Das heißt doch so? Mandatsvertrag?«

Ja, so heißt das, bestätige ich ihm. Mandat. Das Wort löst keine Ängste mehr in mir aus. Ich bin geheilt, so hat der Wahnsinn der letzten Tage auch etwas Gutes und Nadia wird noch erfahren, wozu ich fähig bin. Sie soll ruhig kommen.

Ich schlendere durch die Galerie und betrachte die Fotos. Aus den Augenwinkeln werfe ich immer wieder einen Blick auf Gerrit, der mit seinen Gästen vor den Bildern steht und ihr Lob entgegennimmt. Wenn seine wunderbaren Augen meinen Blick auffangen, schaue ich rasch weg, wie eine schüchterne Schülerin auf dem Pausenhof.

Dann stehe ich vor einem Bild, das ich von unserer ersten Begegnung wiedererkenne. Es ist eines der Bilder, die ihm aus den Händen gefallen waren, als wir zusammenstießen.

Es zeigt eine verfallene christliche Kirchenruine. Sie sieht nicht so aus, als sei sie einem neuen Gott gewidmet worden.

Es ist, als habe ich die Ruine auch schon woanders gesehen, es fällt mir nur nicht ein wo.

Götter, die an die Stelle anderer Götter treten.

Meine Kehle schnürt sich zusammen und ich nehme rasch einen Schluck Wasser. Was ist auf einmal mit mir los? Was hat dieses Bild in mir ausgelöst?

Als ich es begreife, wird die erst vor kurzem zurückeroberte Realität von einem gierigen Strudel aus Schwärze aufgesogen und ich bleibe allein zurück.

Ich habe die auf dem Foto abgebildete Kirchenruine nicht nur schon mal gesehen; ich bin sogar drin gewesen. Es ist die Kirche, in der ich zusammen mit Adrian Rachow alias Sebastian Kolev in die Katakomben von Totenbruck hinabgestiegen bin.

Ich schnappe nach Luft und versuche aus der Schwärze aufzutauchen, aber der Sog hält mich fest.

Kann das ein Zufall sein?

Gerrit hat mit den Ereignissen in Totenbruck nichts zu tun. Das ist unmöglich.

Meine zittrigen Knie lassen sich nicht so einfach überzeugen. Ich klammere mich an einem Bistrotisch fest. Merken mir die anderen etwas an? Die Leute um mich herum plappern fröhlich weiter und beachten mich gar nicht. Wo ist Gerrit? Ich kann ihn nirgendwo entdecken. Ist er rausgegangen?

Ich kann mir nicht länger etwas vormachen. Der Alptraum ist noch lange nicht überwunden, wenn das Bild einer Kirchenruine ausreicht, mich aus der Bahn zu werfen. Ich habe mich ganz einfach viel zu schnell wieder ins Leben gestürzt. Ich muss es langsamer angehen lassen.

Der Schwindel legt sich und mein Blick wandert zu einem anderen Bild. Ich erkenne die Aufnahme, die mir aufgefallen war, als ich die Galerie damals, bei unserer ersten Begegnung, verlies.

Die Fotografie eines monolithischen Felsblocks mit einem Symbol, dass mich an eine Art Äskulapstab erinnert hat, der durch ein christliches Symbol ersetzt worden war. Weshalb hatte ich ausgerechnet einen Äskulapstab darin gesehen?, frage ich mich. Natürlich wegen der …

Schlange!

Ich reiße die Augen auf, als ich mich vergewissere. Die Schlange hat Hörner.

Ich versuche, die letzten Fetzen der Realität nicht zu verlieren, klammere mich immer fester an dem Bistrotisch, bis meine Fingerknöchel sich weiß abzeichnen.

Ich habe Totenbruck nicht verlassen. Der Ort ist mir gefolgt.

© 2019 Andreas Riehn
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