Kapitel 65

Ich kann mich gerade noch zurückhalten, das Löschen der Nachricht zu bestätigen. Die Nachricht muss ich für die Polizei aufbewahren und ich überlege, ob ich Staatsanwalt Weis kontaktieren soll, damit er den Anruf zurückverfolgen lässt.

Dieses Miststück. Sie hat nicht kapiert, dass sich die Verhältnisse geändert haben. Ihr Plan ist schief gegangen. Die Polizei ist hinter ihr her und sie sollte sich besser wünschen, dass sie mir nicht zuerst in die Hände fällt. Was soll dieser Anruf anderes sein, als der verzweifelte Versuch, mich aus der Reserve zu locken? Da hat sie sich gehörig geschnitten. Ich genieße ein Gefühl der Entschlossenheit. Kein Entsetzen. Der Anruf hat mich nicht in Panik versetzt, ganz im Gegenteil, er hat meine Kampfbereitschaft bestärkt. Ich bin nicht länger die Getriebene, der Spielball oder die Marionette. Ich bin wieder in meinem Leben und habe nicht länger vor, mich von anderen einschüchtern oder herumschubsen zu lassen. Jetzt nicht mehr. Ich habe meine Lektion gelernt. Dank dir Schwester. So einfach werde ich es dir nicht mehr machen. Du kannst ruhig kommen. Du wirst dein blaues Wunder erleben. Du hast ganz Recht, es ist noch lange nicht vorbei.

Vor lauter Euphorie laufe ich im Flur auf und ab, wie ein Raubtier. Meine Hand hält krampfhaft das Telefon in der Hand und ich lasse es erschrocken fallen, als es an der Tür klingelt.

Das ist sie. Das ist Nadia. Ich bin bereit. Ich gehe zum Fenster. Vor der Haustür steht sie nicht. Sie muss bereits vor der Wohnungstür stehen. Wie ist ihr das gelungen? Auf der anderen Straßenseite steht der Polizeiwagen. Ich kann gut erkennen, wie sich die beiden Polizisten im Wageninneren bewegen. Sie hätten Nadia doch aufhalten müssen. Nicht, dass ich die direkte Konfrontation fürchte. Was will sie schon gegen mich ausrichten? Das hier ist meine Wohnung. Das ist ein Heimspiel für mich, du hast nicht länger Macht über mich, Nadia Westhoff. Bestimmt hat sie sich im Treppenhaus versteckt, bevor ich heute Morgen angekommen bin. Kommt sich wohl ziemlich gerissen vor.

Ich zögere, mich mit einem Messer zu bewaffnen, muss allerdings damit rechnen, dass Nadia keine solchen Skrupel haben wird. Bestimmt führt sie irgendetwas mit sich, um mich überwältigen zu können. Pfefferspray vielleicht oder sie versucht es erneut mit Chloroform. Diesmal werde ich vorbereitet sein. Ich ziehe ein Tranchiermesser aus dem Block.

Auf der Kommode im Flur liegt die Visitenkarte des Polizisten. Wenn das seine persönliche Mobilfunknummer ist, wird sie mir nichts nützen. Der ist bestimmt im wohlverdienten Feierabend. Aber vielleicht sind jetzt die Kollegen, die ihn abgelöst haben unter dieser Nummer zu erreichen? Alles andere ergibt keinen Sinn.

Ich wähle die Nummer. Es läutet. Einmal, zweimal, dann wird abgehoben. Bevor sich die Person auf der anderen Seite melden kann, lege ich wieder auf. Dies ist mein Kampf. Ich brauche keine Hilfe. Die Polizei darf sich meiner Schwester annehmen, wenn ich mit ihr fertig bin.

Ich reiße die Tür auf.

Vor mir steht Gerrit Sturm.

Mein Herz tut einen Hüpfer, ich kann nichts dagegen tun.

»Kosra, ich …«

Der Blick aus seinen schönen, eigenartigen Augen wandert zu meiner Hand, in der ich das Messer halte.

»Wen hast du erwartet? Hannibal Lecter?«

Ich lege die Klinge rasch auf der Kommode ab. Seine ironische Reaktion hilft dabei, meinen Adrenalinspiegel zu senken. Ich erwidere sein Lächeln.

»Ich wollte mir gerade etwas zu Essen machen«, stottere ich.

Ist ja nur halb gelogen. Ich wollte Essen gehen, denn mein Kühlschrank ist eine trostlose Einöde. Ich kann ja schlecht antworten, dass das Messer für meine Schwester bestimmt war. Du musst wissen, wir haben da noch eine kleine Auseinandersetzung unter Geschwistern zu klären.

»Es geht dir also gut? Ich habe mir ganz schön Sorgen gemacht, als die Polizei sich nach dir erkundigt hat.«

Was soll ich ihm zwischen Tür und Angel antworten? Ich erkläre in knappen Worten, dass es sich um eine Verwechslung gehandelt hat. Das ist zwar eine erhebliche Verkürzung der Ereignisse, aber wenigstens nicht gänzlich gelogen. Wie gerne würde ich ihm die ganze Geschichte erzählen. Ich kann ihn doch unmöglich mit der atomisierten Wahrheit abspeisen. Seine unglaublichen Augen signalisieren mir, dass er sich echte Sorgen um mich gemacht hat, also bitte ich ihn herein.

»Liebend gern, aber gleich beginnt meine Vernissage«, sagt er entschuldigend. »Ist wirklich alles okay bei dir?«

Götter, die an die Stelle anderer Götter treten.

Ich fahre mir mit der Hand durchs Haar, eine Verlegenheitsbewegung, weil ich ihm am liebsten um den Hals fallen möchte.

»Ja, klar«, erwidere ich und das ist nun wirklich eine glatte Lüge. »Ich wünsche dir viel Erfolg.«

Den letzten Satz bereue ich sofort. Er heißt nichts anderes wie: War schön, dich wiederzusehen, bis bald. Dabei will ich ihn nicht gehen lassen. Zum Glück stellt sich Gerrit nicht so unbeholfen an wie ich.

Er berührt meine Schulter und fragt: »Magst du nicht vorbei kommen? Ich habe ein Buffet vom Feinkosthändler geordert. Du hast doch gerade gesagt, dass du was essen wolltest. Ich würde mich sehr freuen.«

Hunger? Und wie ich Hunger habe. Hunger auf das Leben, auf die Freiheit, meine Zukunft und auf Gerrit Sturm. Der Gedanke, sich in seine breite Brust zu flüchten ist so verführerisch wie unvernünftig.

»Gerne. Ich ziehe mir nur rasch was anderes an.«

Ich stecke immer noch in diesen scheußlichen Klamotten meiner Schwester. Ich schäme mich. Was mag er nur von mir denken? Ich könnte im Boden versinken. Warum habe ich mich nicht längst umgezogen?

»Also dann, bis gleich.«

Unter der Dusche berühre ich die Narbe auf meiner Brust und stelle mir vor, wie Gerrit Sturm sie ertastet und ich ihm in seinen starken Armen meine ganze Geschichte berichte. Ich muss völlig übergeschnappt sein. Was weiß ich von ihm? Er ist bestimmt vergeben. Mir ist kein Ring an ihm aufgefallen, doch das muss nichts bedeuten. Ich schalte mich eine einfältige Närrin, aber mehr angenehm aufgewühlt und belustigt, als streng und tadelnd. Was soll schon passieren? Ich bin frei. Ich bin bereit für ein neues Leben. Ich werde mich auf Gerrit einlassen, wenn er bereit und nicht in festen Händen ist. Allein das Gefühl, mich nicht länger zu verstecken und für ein Abenteuer bereit zu sein, ist Wohltat genug. Selbst, wenn nichts aus uns wird, ist dieses Gefühl, das größte Geschenk, das ich mir machen kann.

In meinem Kleiderschrank finde ich das einzige Kleid, dass ich besitze. Es ist schwarz und aus Seide. Ich habe es auf der Beerdigung meines Adoptivvaters getragen und was könnte eine schönere Entsprechung für meinen Sprung aus der Dunkelheit in das Licht sein, als dieses Kleid heute Abend zu tragen? Außerdem spüre ich, dass Carsten Borg auf diese Weise an meiner Seite ist und sein fröhliches Lächeln mich auf meinem neuen Weg begleitet. Es fühlt sich sinnlich und liebkosend auf meiner Haut an.

Ich trage kaum Schmuck. Diese Beschränkung ist heute aufgehoben, so wie es aussieht, für immer. In einer Schublade finde ich die Perlmuttschatulle, die mir mein Adoptivvater hinterlassen hat. Sie gehörte seiner Mutter und er wollte, dass ich sie bekomme. Ich öffne die Schatulle und auf einem Samtbett ruht die Perlenkette. Die Perlen sind zwar klein, jedoch von außergewöhnlicher Form, sind nicht völlig rund und dieser Stich ins Ungewöhnliche erscheint für mich passender, als jemals zu vor.

Als ich mich im Spiegel betrachte, ist die Kombination aus Kleid und Kette atemberaubend.

Mit einer Hand hebe ich mein Haar an, um die Wirkung zu begutachten. Ja, genau so.

Als ich mich umdrehe, bewegt sich der Stoff meines Kleides spielerisch mit. Die Perlen funkeln im Licht der Deckenbeleuchtung im perlmuttartigen Schimmer.

Ich bin bereit.

Ich verlasse die Wohnung und gehe zum Eingang der Galerie. Ich nehme eine möglichst effektvolle Haltung ein und betrete das Reich des Fotografen Gerrit Sturm.

© 2019 Andreas Riehn
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