Kapitel 64

Ich erwache aus einem traumlosen Schlaf. Wie kann das sein? Heißt es nicht immer, dass das Gehirn im Schlaf Erlebnisse verarbeitet. Mein Gehirn hätte ja nun weiß Gott genug zu verarbeiten. Nur, da ist nichts. Nicht die geringste Erinnerung an einen Traum.

Ich schaue auf die Uhr. 18 Uhr 30. Ich habe den ganzen Tag verschlafen. Ich fühle mich trotzdem gerädert, bin aber nicht mehr müde genug, um einfach weiter zu schlafen. Außerdem habe ich Hunger.

Ein Blick aus dem Fenster zeigt mir, dass der Polizeiwagen immer noch auf der anderen Straßenseite steht. Ich kann nicht erkennen, ob es dieselben beiden Beamten sind, die im Wagen sitzen. Ich kann mir aber nicht vorstellen, dass sie eine derart lange Dienstzeit haben. Jedenfalls wünsche ich es ihnen nicht. Es sind bestimmt zehn Stunden vergangen, seit ich angekommen bin.

Mein Magen knurrt. Ich gehe in die Küche. Mein Kühlschrank verstärkt das Knurren nur, aber auch nur, weil er genauso leer ist, wie mein Magen.

Ich könnte mir eine Pizza kommen lassen, so wie an jenem Abend, als ich zu der Polizeistation aufgebrochen bin. Mein Gott, das ist erst drei Tage her. Mir kommt es vor wie eine Ewigkeit.

Ich entscheide mich gegen den Lieferdienst. Habe ich mir nicht vorgenommen, ein neues Leben zu beginnen? Ich werde essen gehen. Noch hat sich meine finanzielle Lage nicht gebessert, wahrlich nicht, doch sei’s drum. Ich will unter Menschen. Ich will diese Welt spüren, fühlen, riechen, sehen, hören. Diese pulsierende Welt, die mich wieder hat.

In meinem Geheimversteck über der Spüle in einer alten Brühwürfelschachtel steckt meine Notration. Immerhin einhundert Euro. Das reicht dicke für die nächsten Tage und dann werde ich die Versicherung um einen Vorschuss bitten, sofern ich dort nicht längst rausgeflogen bin. Mir fällt ein, dass das unwahrscheinlich ist. Der Ruf auf die Polizeistation, dieser ach so wichtige Kunde, war fingiert. Ich bin gespannt, was der Staatsanwalt dazu in Erfahrung bringen konnte. Auf jeden Fall bedeutet es, dass ich den Job unmöglich verloren haben kann. Ganz im Gegenteil, die schulden mir eine dicke Entschuldigung, wenn sich ihre Mitarbeiter derart leicht vor den Karren einer durchgeknallten Frau spannen lassen.

Ich verdränge den Gedanken an meine Schwester sofort wieder. Die hat sich nicht blicken lassen. Das ist auch gut so. Komisch allerdings, dass die beiden Polizisten heute Morgen mit ihrem Namen nichts anzufangen wussten. Bestimmt wird sich Staatsanwalt Conrad Weis (Conrad mit C, wie ich mich schmunzelnd erinnere) persönlich um sie kümmern. Gut so.

Als ich das Geld einstecke, fällt mein Blick auf die Spüle. Irgendetwas stimmt nicht. Ich komme erst nicht darauf, was es sein könnte, bis ich mich an das Messer erinnere. Da war ein Messer, das nicht in meinen Messerblock gehörte. Ich kann mich noch genau erinnern, wie ich mich darüber gewundert habe und es achtlos in das Spülbecken gelegt habe. Es ist verschwunden.

Ich durchsuche den Besteckkasten. Nichts. Ich schaue in alle Schubladen, kann das Messer aber nicht finden. Hastig reiße ich alle Schranktüren auf. Es ist ausgeschlossen, dass ich es einfach in einen der Schränke gelegt habe, aber ich will Gewissheit. Das Messer bleibt verschwunden, als habe es nie existiert.

Habe ich es mir vielleicht nur eingebildet? Was nützt es, wenn ich mich wegen dieses Messer verrückt mache. Was soll schon mit diesem dämlichen Messer sein? Es liegt alles nur daran, dass ich immer noch ganz durch den Wind bin. Es wird Zeit, dass ich das Haus verlasse und mir ein gemütliches Restaurant suche. Die ganze Geschichte wird mich ohnehin noch lange genug verfolgen.

Allein mein letztes Gespräch mit dem Staatsanwalt über diesen Lucien.

Er ließ mich alles noch mal ganz genau wiederholen. Was hat die alte Frau im Feierabendhaus genau gesagt? Was war mit den Gestalten, die ich Wald gesehen habe und mit jenen, die in das Feierabendhaus eingedrungen sind und David entführt haben.

Weis hat mir versprochen, den Sohn des Fabrikbesitzers ausfindig zu machen. Lucien. Die Information, dass es sich bei Lucien um den Sohn des Fabrikbesitzers handelt, habe ich von Adrian Rachow, als er noch die Rolle des Sebastian Kolev gab.

Ich kenne nur einen Lucien. Lucien Veys. Der Sohn des Zementfabrikerben Arthur Veys.

Lucien weiß längst über sie Bescheid.

Nun, der Staatsanwalt wird darum kümmern. Dann fällt mir ein, dass es sich lohnen könnte, die Kutulhu Stiftung einer genaueren Betrachtung zu unterziehen. Über die habe ich mit dem Staatsanwalt gar nicht gesprochen. Er wird sich doch mit den Eigentümen des Waldgrundstücks auseinandersetzen, oder?

Fast möchte ich ihn anrufen, lasse es dann aber sein. Ich habe keine Lust zu telefonieren.

Wie zum Hohn klingelt genau in diesem Augenblick der Apparat.

»Kosra Borg?«

»Kosra? Bist du das?« Es ist Paul Reuter. Der Versicherungsmanager, der bei der Rechtsschutz mein Ansprechpartner war.

»Klar bin ich das.« Ich genieße es, wie selbstverständlich mir die Phrase über die Lippen kommt.

»Ist alles in Ordnung bei dir?«

Tja, was sollte ich darauf antworten. Ich bin drei Tage lang durch die Hölle gegangen, bin knapp dem Tode entronnen, ansonsten passt alles. Ich entspanne mich aber aus einem anderen Grund. Paul kann nicht wegen des Kunden auf der Polizeistation anrufen. Das war ein von Nadia eingefädelter Fake.

»Ja. Warum fragst du?«

»Die Polizei hat sich nach dir erkundigt. Sie wollten wissen, welche Aufträge du am vergangenen Mittwoch angenommen hast.«

»Und?«

»Das fragst du noch?«

Warum frage ich überhaupt? Es war ein Fake.

»Ich habe ihnen gesagt, dass du nie Mandate über die Telefonberatung annimmst.«

»Ja, stimmt«, kommt es mir zögerlich über die Lippen. Ich verstehe meine Unsicherheit selbst nicht.

»Hat es Ärger mit einem Versicherungsnehmer gegeben, der auf einer Polizeistation festgehalten wurde?«

»Wovon sprichst du?«

Mist. Warum habe ich bloß gefragt. Der Anruf war getürkt. Er wird in keinem Protokoll erscheinen. Der Mitarbeiter der Vermittlung wird gewusst haben, dass er den nicht eintragen kann. Nadia hat ihn sauber manipuliert. Nicht nur ihn.

»Ähem, ist wirklich alles in Ordnung?«

»Das habe ich dir doch schon gesagt.«

»Nun, die Polizei hat sich ebenfalls nach einem solchen Fall erkundigt. Nur, es gibt kein solches Mandat. Dein letzter Kunde war ein Mann, gegen den wegen Nötigung ermittelt wird. Hatte wohl Ärger mit seinem Nachbarn.«

Dieter Simanski. Er sollte seinen Fernseher leiser stellen.

»Wie kommst du darauf, dass es danach noch eine Beratung oder gar einen Auftrag gab?«

»Nichts. Alles in Ordnung. Ich muss das verwechselt haben.«

»Kosra, du bist eine unserer besten Telefonanwältinnen. Ich hoffe, du bleibst uns erhalten.«

Ich strecke den Rücken durch. Pauls letzter Satz erinnert mich daran, dass ich bereit bin, wieder eine richtige Anwältin zu sein, Mandate zu übernehmen und vor Gericht für die Gerechtigkeit zu kämpfen.

»Natürlich bleibe ich euch erhalten. Ich werde sogar Aufträge aus der Telefonberatung übernehmen. Kannst du das bitte veranlassen?«

Paul schweigt für einen Augenblick und ich bin verunsichert, ob ich nicht zu früh mit meinem Plan herausgeplatzt bin.

»Das ist wunderbar, Kosra«, erwidert er freudig. »Ich werde gleich am Montag alles veranlassen. Wenn du willst, dann stelle ich den Kontakt zu unserer Schadensabteilung her und du kannst ein paar Klageverfahren übernehmen. Natürlich nur die mit einem ordentlichen Streitwert.«

Am liebsten würde ich ihm durch den Hörer um den Hals fallen. Die Aussichten geben meinen positiven Gefühlen und Hoffnungen einen ordentlichen Schub und alle meine zwiespältigen Gedanken sind verflogen.

»Ich werde mir ein Büro anmieten«, sage ich, denn mein Herz quillt über vor Enthusiasmus und ich muss dem ein Ventil geben.

»Da bin ich dir gerne behilflich. Die Versicherung hält ja die eine oder andere Gewerbeimmobilie. Da lässt sich bestimmt was machen. Ach, bevor ich es vergesse …«

»Ja?«

»Der Personalabteilung ist aufgefallen, dass uns die Kopie deiner Anwaltszulassung fehlt. Ich weiß auch nicht, warum das erst jetzt auffällt. Kannst du mir bitte möglichst bald eine faxen oder per E-Mail schicken?«

»Natürlich.«

Weil ich weiß, dass ich ein schrecklich unordentlicher Mensch bin, habe ich alle wichtigen Unterlagen in einem Ordner namens »Dokumente« abgeheftet. Da findet sich auch die Zulassungsurkunde. Ich bin froh, dass ich nicht lange danach werde suchen müssen.

Wir verabschieden uns, nachdem Paul mir mehrmals versichert hat, wie froh er ist, dass es mir gutgeht.

Ich lege den Hörer auf. Die LED, die gespeicherte neue Nachrichten anzeigt, blinkt noch immer.

Was soll’s, denke ich. Irgendwann muss ich sie mir anhören. Besser jetzt, als dass ich beim Essen im Restaurant (ich habe so einen Hunger!) ständig darüber grübele, wer mich angerufen haben könnte.

»Sie haben zwei neue Nachrichten. Erste neue Nachricht. Hallo Kosra, hier ist Paul Reuter. Bitte ruf’ mich zurück. Ist alles okay bei dir?«

Nun, das hat sich erledigt und ich bestätige, dass die Nachricht gelöscht werden kann.

»Zweite neue Nachricht. Hallo Kosra, glaub’ ja nicht, dass es vorbei ist.«

Es ist die Stimme von Nadia Westhoff.

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