Kapitel 63

Ich bin frei.

Ich sitze in einem Taxi und brause durch den frühen Morgen. Mein Kopf lehnt an der Scheibe, und meine Augen saugen die Eindrücke auf, die sich ihnen bieten. Dinge, die ich verloren glaubte, von denen ich zeitweise nicht mehr sicher war, ob ich sie je wieder erblicken würde. Die wirkliche Welt ist so viel magischer, so viel atemberaubender, als ich sie in Erinnerung habe. Mir schwindelt angesichts meines zurückgewonnen Lebens, das mit einem Mal voll unendlicher Möglichkeiten steckt. Ich habe eine Zukunft und ich werde sie ergreifen und nie wieder loslassen. Ich werde wieder Mandate annehmen, in eine Kanzlei eintreten und mich gemeinsam mit anderen den Herausforderungen des Anwaltsberufes stellen.

Die Sonne geht hinter der Silhouette der Stadt auf. Als wir uns dem Stadtrand nähern, wird der Verkehr dichter, die Straßen trotz der frühen Stunde belebter. Ich glotze in die anderen Autos wie ein kleines Mädchen, das zum ersten Mal in die große Stadt fährt. Wenn die Leute irritiert, pikiert oder freundlich zurückschauen, blicke ich nicht etwa weg, sondern lächle ihnen freundlich zu. Ich bin wieder eine von euch, möchte ich ihnen zurufen. Die wirkliche Welt hat mich wieder. Kommt nachher alle zu mir und wir feiern zusammen. Und wenn ihr eine engagierte Rechtsanwältin sucht, dann kommt zu mir, kommt in meine Kanzlei, die es zwar noch nicht gibt, aber bald. So viele Leute blicken mit gesenkten Köpfen starr auf ihre Mobiltelefone. Sie wissen einfach nicht, was einen diese wahre, wirkliche Welt bedeuten kann, aber ich sehe es ihnen nach, ich habe am eigenen Leib erlebt, was es heißt, ohne Mobilfunkverbindung zu sein.

Einmal macht der Fahrer einen Zwischenstopp. Er muss tanken. Ich steige aus und erkläre ihm, das ich gleich zurückkomme. Ich schlendere durch den Kiosk. Ich muss die Dinge einfach berühren. In Zeitschriften blättern, ja sogar einfach das Plastikspielzeug berühren, dass auf quengelnde Kinder lauert. Bald kommt der Winter und ich sollte mir Frostschutzmittel kaufen, denke ich und genieße die Banalität meiner Pläne. Ich werde ein neues Auto brauchen, denn es ist ausgeschlossen, dass ich mich noch mal in meinen alten Kombi setze. Ich deute auf eine von diesen riesigen Plastikplanen in einem Regal und frage den Kassierer: »Wie nennt man das?«

»Vollgarage. Ist ganz praktisch und schützt Ihr Auto, wenn Sie es nirgendwo unterstellen können.«

So etwas bekommt mein neues Auto auch.

»Wo kann ich bitte…?« Ich mache eine knappe Handbewegung und der Mann hinter der Kasse weiß sofort Bescheid.

»Da vorne.«

Als ich zum Taxi zurückkomme, wartet der Fahrer schon ungeduldig. Wir setzen die Fahrt fort. Ich habe die Welt berührt. Das reicht für den Rest der Tour.

Das Taxi hält mit einem Ruck, und ich zucke zusammen. Wir befinden uns vor dem Haus mit meiner Wohnung.

»Da wären wir«, sagt der Fahrer und dreht sich erwartungsvoll zu mir um.

»Die Rechnung zahlt die Staatsanwaltschaft«, sage ich entschuldigend. Ich hätte mich besser auf diesen Augenblick vorbereiten sollen, denn ich kann dem Mann kein Trinkgeld geben.

»Klar natürlich«, erwidert der Fahrer und lächelt mich weiterhin freundlich an. Als er kapiert, dass ich überhaupt kein Geld bei mir habe, und zu keiner mildtätigen Gabe in der Lage bin, verdüstert sich sein Lächeln nicht etwa, sondern er lächelt noch breiter.

»Kein Problem«, sagt er. »Ich weiß nicht, wo ich sie abgeholt habe. Nicht mal mein Navi hat den Ort gefunden. Ich musste mich von der Zentrale leiten lassen. Aber, ich habe irgendwie das Gefühl, dass ich an Ihrer Befreiung mitgewirkt habe. Da habe ich heute meine gute Tat schon am frühen Morgen erledigt.«

Seine Warmherzigkeit begleitet mich noch, als ich längst ausgestiegen bin und etwas verloren auf dem Gehweg stehe. Ich starre durch die Schaufenster der Galerie. Von Gerrit Sturm keine Spur. Dafür hängen überall Bilder und im Raum verteilt stehen Bistrotische mit sauberen Decken und Blumendekoration. Es sieht nicht so aus, als habe ich die Vernissage verpasst. Mein Herz macht einen freudigen Sprung und bleibt dann fast stehen, als zwei Polizisten zu mir treten.

»Frau Borg?«

Es sind die beiden Streifenpolizisten, die Weis zu meiner Wohnung geschickt hat. Ich kann ihren Einsatzwagen aus den Augenwinkeln auf der anderen Straßenseite erkennen.

Sie zeigen mir ihre Ausweise.

»Dürfen wir Sie in Ihre Wohnung begleiten?«

Ich will schon ablehnen. Ich möchte allein sein. Mich ausruhen und die Erlebnisse der vergangenen Tage verarbeiten. Keine Ahnung, wo Nadia sich herumtreibt. Mir scheint offensichtlich, dass sie davon Abstand genommen hat, in meine Wohnung zu gehen. Ohne meinem Unbehagen Ausdruck zu geben, trete ich zusammen mit den beiden Männern in das Treppenhaus. Wir stehen vor der Wohnungstür und mir fällt plötzlich ein, dass ich ja keinen Schlüssel bei mir habe.

»Hat uns die KTU geschickt«, sagt einer der Polizisten und hält den Schlüsselbund in der Hand. »Wir wollten nicht ohne Ihre Erlaubnis hinein gehen.«

Etwas zu hastig, schnappe ich mir die Schlüssel aus seiner Hand. Meine Reaktion ist mehr der Verwirrung, als einem Unbehagen geschuldet. Sie haben mitgedacht, ganz im Gegensatz zu mir, dafür sollte ich Ihnen dankbar sein.

In der Wohnung riecht es nach abgestandener Luft und etwas säuerlich. Ich will vorausgehen, um ein Fenster zu öffnen, mir ist die Situation unangenehm genug, als der Polizist, der den Schlüssel bei sich hatte, mich zurückhält und zusammen mit seinem Kollegen die Wohnung inspiziert.

»Schön haben Sie es hier«, höre ich einen der beiden aus meinem Schlafzimmer rufen, das bestimmt noch so unaufgeräumt ist, wie ich es zurückgelassen habe. Die Beamten meinen gelernt zu haben, missliche Situation zu überspielen. Stattdessen betont ihr Verhalten die demütigende Lage nur.

Nach einiger Zeit treten sie wieder zu mir.

»Sauber«, sagt der Schlüsselwächter und meint damit bestimmt nicht den Zustand meiner Wohnung, sondern die Tatsache, dass sonst niemand in der Wohnung ist.

»Wir haben Anweisung, vor Ihrem Haus Wache zu halten.« Er drückt mir eine Visitenkarte in die Hand, auf der eine Mobilfunknummer unterstrichen ist.

»Unter dieser Nummer können Sie uns im Wagen erreichen, falls etwas sein sollte.«

»Was ist mit meiner Schwester?«, will ich von ihm wissen und sein Gesichtsausdruck sagt mir, dass er nicht weiß, wovon ich spreche.

»Nadia Westhoff, die Frau, die sie hier erwartet haben.«

Die beiden wechseln einen Blick.

»Wir haben niemanden erwartet«, antwortet der Polizist, der schon die ganze Zeit die Konversation führt. Sein Kollege scheint stumm zu sein. Außerdem presst er eine Hand auf seine Brust, als habe er Schmerzen. Ich will ihn schon fragen, ob alles in Ordnung ist, als der andere fortfährt: »Wir sollten nur sichergehen, dass in Ihrer Wohnung alles in Ordnung ist. Das war die Anweisung.«

»Aber, was ist mit Nadia Westhoff? Wird nach ihr gesucht?«

»Der Name sagt uns nichts.« Die beiden verlassen die Wohnung. Im Hausflur dreht sich der Polizist, der bisher geschwiegen hat um und sagt: »Sie wissen, wie sie uns erreichen können.«

Ich schließe die Tür und lehne mich mit dem Rücken dagegen. Ich atme tief durch. Ich bin allein. Zuhause. In meiner Welt.

Mein Blick fällt auf den Anrufbeantworter, der hektisch blinkt. Es gibt Nachrichten. Die können warten. Ich bin müde. Ich gehe ins Schlafzimmer.

Schön haben Sie es hier.

Und lasse mich auf das ungemachte Bett fallen. Ich schlafe augenblicklich ein.

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