Kapitel 61

»Sie hatten einen Schwächeanfall.«

Ich. Bin.

Natürlich bin ich. Blödsinniger Gedanke.

Auserwählt.

Wieso auserwählt? Was schießen mir da nur für Worte durch den Kopf?

Muss an den Kopfschmerzen liegen. Nur …

»Frau Borg? Hören Sie mich?«

Wer? Wer ist Frau Borg? Ich? Ich bin Kosra Borg? Mir gefällt der Gedanke nicht. Er fühlt sich nicht richtig an. Wo bin ich überhaupt?

»Schwächeanfall? Ich?«

Langsam wie ein Polaroidfoto klart mein Blickfeld auf. Mein Blick ist zur Decke gerichtet, auf die einsame, eingelassene Deckenlampe, die gelblich leuchtend zurückstarrt, blind wie ein glotzendes Auge ohne Pupille.

Oh, nein, das darf nicht sein. Es beginnt von vorn. Ich richte mich ruckartig auf und sofort überfällt mich Schwindel.

»Machen Sie sich keine Gedanken. Der Arzt hat Ihnen ein Beruhigungsmittel gegeben. Es ist alles meine Schuld. Es war nicht nötig, Sie in ein Krankenhaus zu bringen.«

Kein Krankenhaus?

Es ist das Hotelzimmer. Ich liege wieder in diesem verdammten Hotelzimmer. Das muss eine Zeitschleife sein. Mein Herz schlägt mir bis zum Hals. Doch da sitzt nicht Erika auf der Bettkante, sondern der Staatsanwalt. Staatsanwalt Conrad Weis. Conrad mit C, das war ihm wichtig. Ich erinnere mich. Die Erkenntnis trägt nicht zu meiner Beruhigung bei. Was mache ich hier? Bin ich angezogen?

Ich bin. Angezogen. Ich trage immer noch das dämliche Glitzershirt und die Designerjeans meiner vermaledeiten Schwester. Nur meine Schuhe wurden mir ausgezogen.

Ich. Bin. Auserwählt.

Stopp! Aufhören.

»Was mache ich hier?«

Ich ziehe die Decke bis zum Hals, obgleich ich angezogen bin. Am liebsten würde ich aus dem Bett springen und davonlaufen.

»Wir hielten es für besser, Sie in das Hotel zu bringen, bis es Ihnen wieder besser geht. Ein Schwächeanfall, wie ich schon sagte«, erklärt der Staatsanwalt mit ruhiger Stimme. Kapiert er denn nicht, dass dies der letzte Ort auf dieser Welt ist, an dem ich jetzt sein möchte.

»Das ist nicht mein Zimmer«, erwidere ich. Es ist das Zimmer von Nadia Westhoff, meiner teuflischen Schwester.

»Aber nein. Da ist die Spurensicherung zugange und auch in dem Zimmer, dass Adrian Rachow unter dem Namen Sebastian Kolev angemietet hat.«

Er mustert mich. Sein Blick verrät, dass er mich für übergeschnappt hält, dann löst sich sein verkrampfter Gesichtsausdruck.

»Ich verstehe, Sie fühlen sich hier nicht wohl. Das ist ja ganz klar. Ich verspreche Ihnen, dass Sie in Sicherheit sind. Die Besitzerin wurde verhaftet und ihr Angestellter, dieser Simon Voigts ebenfalls.«

»Vagts«, korrigiere ich ihn. »Er heißt Simon Vagts.«

»Ah, ja natürlich. Also, Sie können jederzeit gehen. Der Arzt meint, dass Sie transportfähig sind. Sie sollten aber noch kein Fahrzeug im Straßenverkehr führen, wenn Sie verstehen, was ich meine.«

»Ich will hier weg«, gebe ich zur Antwort und stehe auf. Meine Beine fühlen sich ziemlich wacklig an, aber sie halten mich aufrecht.

Der Raum sieht exakt so aus, wie Nadias Zimmer. Es liegen nur keine Akten, Dokumente oder Kleidungsstücke herum. Auch der Kleiderschrank ist leer.

»Wo sind meine Sachen?«

Weis ist auf dem Bett sitzen geblieben und folgt mir mit seinem Blick, wie ich in dem Zimmer auf und ab gehe. Eigentlich könnte ich unverrichteter Dinge aus dem Raum spazieren. Ich möchte jedoch nicht unhöflich sein. Ich vertraue darauf, dass der Staatsanwalt mein Unbehagen versteht und mich gehen lässt. Er hat ja selbst gesagt, dass ich das jederzeit tun kann.

»Ihre Sachen werden von der Spurensicherung untersucht. Das ist reine Routine.«

»Wo ist mein Wagen?«

»Frau Borg, jetzt setzen Sie sich bitte einen Moment hin. Ich habe noch ein paar Fragen an Sie.«

»Wo ist mein Wagen?«, wiederhole ich.

»Der ist auf dem Weg zur KTU.«

KTU. Kriminaltechnische Untersuchung. Ich kenne diese Begrifflichkeiten. Ich bin Rechtsanwältin. Ich habe ständig damit zu tun.

»Warum der Wagen?«

»Nehmen Sie sich bitte den Stuhl, Frau Borg. Setzen Sie sich.«

»Sie haben gesagt, ich könne jederzeit gehen«, gebe ich störrisch zurück. Begreift er denn nicht, dass ich keine Sekunde länger in diesem Ort bleiben kann? Wenn er Fragen hat, dann können wir das in seinem Büro klären, obgleich ich nicht in ein miefiges Staatsanwaltsbüro möchte, sondern nach Hause.

»Bitte.«

Das heißt nicht, bitte Sie können gehen, sondern bitte setzen Sie sich.

»Ich kann nicht hierbleiben.«

»Das sollen Sie auch nicht. Ich lasse Ihnen ein Taxi rufen. Aber bitte verstehen Sie, dass ich von Ihnen noch die eine oder andere Antwort brauche. Machen Sie es uns beiden nicht so schwer.«

Nicht so schwer machen? Hat der einen Vogel? Ich bin hier durch die Hölle gegangen, und zwar buchstäblich. Wer macht hier also etwas schwer. Aber, noch bevor ich den Gedanken zu Ende gedacht habe, schäme ich mich für meine widerborstige Art. Der Mann hat mich gerettet.

Ja, klar. Er hat dich gerettet, so wie Hauptwachtmeister Beck dich gerettet hat.

Ruhe.

»Kann ich ein Glas Wasser haben?«

Beck lächelt mich väterlich an. Für einen kurzen Augenblick blitzt das Bild meines Adoptivvaters in mir auf. Carsten Borg. Wie konnte ich nur glauben, dass ich mir seine Liebe, seine Fürsorge und sein Sterben eingebildet habe? Allein dafür hasse ich diesen Ort und vor allen Dingen Nadia. Mit ihr bin ich noch lange nicht fertig. Sie wird dafür bezahlen, was Sie mir angetan hat.

Weis trottet ins Badezimmer und lässt mir ein Glas Leitungswasser ein.

»Wir haben in Ihrem Wagen die Leiche des echten Sebastian Kolev gefunden. Das war der Grund, weshalb wir in der Nähe waren«, sagt er, während er das Wasser laufen lässt, bis es kalt genug ist und er zurück ins Zimmer tritt.

Noch bevor ich das Glas ergreife, setze ich mich auf den einzigen Stuhl im Zimmer. Eine Leiche in meinem Wagen? Sebastian Kolev? Der etwas untersetzte Mann, den ich auf dem Video gesehen habe? Werde ich jemals wieder in der Lage sein, mich in dieses Auto zu setzen?

»Der Mann muss ungefähr zu der Zeit getötet worden sein, als sie nach Totenbruck kamen. Hier warten wir noch auf die Ergebnisse der Autopsie.«

»Nadia!«, entfährt es mir. Ich weiß nicht, warum sie den Mann getötet hat, aber sie muss es einfach gewesen sein.

Dann erinnere ich mich an die Halluzination, die mich in dem Haus auf dem Rauen Berg überkommen haben, als Nadia den Blutfleck in der Küche entdeckte.

Ich biete Kolev einen Kaffee an. Der dickliche Mann schreitet grinsend voran in die Küche. Noch bevor er sie ganz betreten hat, taucht eine Gestalt, die sich versteckt gehalten hatte, hinter der Tür auf, packt den Mann und zieht ihm ein Messer so kräftig über den Hals, dass ich fürchte, der Kopf des Journalisten könnte sich vom Rumpf trennen und mir vor die Füße plumpsen.

Ich schaue entsetzt zu Boden. Da ist nichts. Nur der verkratzte Holzfußboden des Hotelzimmers. Ich habe die Bilder erneut ganz klar vor Augen gesehen.

Das ist unmöglich. Das kann keine Erinnerung von mir sein. Es müssen Nadias Erinnerungen sein, die sich irgendwie auf mich übertragen haben. Ich habe schon davon gehört, dass es das bei Zwillingen gibt. Dass ein Zwilling die Erinnerungen oder Eindrücke des anderen Zwillings wie eigene sehen und spüren kann. Es muss so sein; eine andere Erklärung habe ich nicht. Aber traue ich ihr wirklich die Beteiligung an einem Mord zu? Sie hat versucht, mir mein Leben zu stehlen, sie hat mich in die Falle gelockt. Ich habe jeden Grund, ihr alles Mögliche zuzutrauen, aber Mord? Und wer ist die Gestalt, die das Messer geführt hat? Adrian Rachow? Das würde bedeuten, dass er mit Nadia unter einer Decke steckte. Bisher hatte ich nicht den Eindruck. Es kam mir eher so vor, als habe er sich Nadias Plan zunutze gemacht, eine Art Trittbrettfahrer.

Weis setzt sich zurück auf die Bettkante.

»Wir können noch nicht mit Gewissheit sagen, wer den Blogger ermordet hat. Wir warten das Ergebnis der KTU ab.«

Er macht eine Pause und fügt dann hinzu:

»Und jetzt erzählen Sie mir die ganze Geschichte. Ich habe schon einiges über diese Nadia Westhoff gehört und das war anfangs ziemlich verwirrend, weil alle sagten, dass Sie Nadia Westhoff seien.«

Ich will protestieren, doch er bringt mich mit einer Handbewegung zum Schweigen.

»Von der Zeugin Eppelsheim und vor allen Dingen von dem Polizeihauptmeister Beck habe ich schon erfahren, dass es sich bei Frau Westhoff offenbar um ihre Schwester handelt.«

»Meine Zwillingsschwester«, ergänze ich und trinke das Glas in einem Zug aus. Ich stelle das Glas auf den Schreibtisch, der bis auf einen der Hotelprospekte (»Luftkurort Totenbruck«) leer ist.

»So, so, Ihre Zwillingsschwester.«

»Glauben Sie mir etwa nicht? Ich habe das selbst erst jetzt erfahren.« Naja, das stimmt nicht ganz. Ich hatte es verdrängt. Wir waren uns ja schon als Kinder hier in Totenbruck begegnet.

»Tja, nun, das ist der Teil, den ich noch nicht ganz verstehe. Also die Zeugin Eppelsheim hat zwar dazu schon etwas mitteilen können, aber ich werde nicht ganz schlau daraus. Hauptwachtmeister Beck kooperiert vollumfänglich mit uns, aber er konnte uns zu Ihrer Schwester auch nicht viel mitteilen. Möchten Sie noch ein Glas Wasser? Oder etwas anderes? Wir haben das Hotel praktisch konfisziert. Wir haben Zugriff auf die gesamte Küche.«

Er strahlt über das ganze Gesicht, als wäre die Sache mit der Küche die beste Nachricht des Tages.

Ich schüttele den Kopf. Aus einer Küche des Teufels will ich bestimmt nichts. Ich sollte dem Leitungswasser hier nicht trauen.

»Ich verstehe es selbst nicht«, sage ich. Dabei stimmt das so nicht. Ich habe verstanden, dass Nadia Westhoff meine Schwester ist. Dass sie jahrelang unter der Vorstellung litt, von einer Sekte als Opfer auserkoren zu sein und verfolgt zu werden. Wenn es stimmt, was Adrian Rachow gesagt hat, traf aber genau das nicht zu. Sie wurde nicht verfolgt. Es gab nur Rachow, der sich opfern und von Nadia den Aufbewahrungsort der Kanope erfahren wollte, den er dann schließlich von mir erfahren hat. Fakt ist, dass Nadia sich mein Leben unter den Nagel gerissen hat und jetzt wahrscheinlich in meiner Wohnung hockt und sich in Sicherheit wiegt. Die wird Augen machen, wenn ich vor ihr stehe. Dann wird abgerechnet. Unter Schwestern. Ich kann es kaum erwarten.

Weis sieht mich mit gerunzelten Brauen an. Hat er meine Gedanken erraten oder habe ich sie etwa wieder ausgesprochen?

Schließlich entspannt sich sein Gesichtsausdruck, wird dadurch nur noch undurchdringlicher.

»Erzählen Sie mir einfach, was sich ereignet hat, seit Sie ihre Wohnung verlassen haben«, sagt er.

Fast möchte ich antworten, dass ich das alles Beck schon berichtet habe, bis mir einfällt, dass Beck zwar Polizist ist (oder war?) und ein falsches Spiel spielte.

»Sagen Sie mir erst, was Sie über Rachow herausgefunden haben«, will ich stattdessen von Weis wissen.

»So funktioniert das nicht, Frau Borg. Das wissen Sie doch.«

Ich weiß genau, was er meint. Ich bin die Zeugin und die hat nach der Strafprozessordnung nicht einmal ein Recht auf Akteneinsicht. Welchen Grund sollte er schon haben, mir von seinen Ermittlungsergebnissen zu berichten?

»Natürlich haben Sie ein Recht, zu schweigen.«

Warum sagt er das? Als Zeugin habe ich gerade kein Recht zu schweigen, es sei denn …

»Wollen Sie etwa sagen, dass ich mich durch eine Aussage selbst belasten könnte?«

Was soll das auf einmal. Womit sollte ich mich bitteschön selber belasten? Ich bin das Opfer. Ich bin hier durch die Hölle gegangen. Wie kann er so etwas auch nur andeuten. Ich spüre, wie die aufkommende Wut mir als Zornesröte ins Gesicht steigt.

»Ich denke nicht, dass wir es so förmlich machen müssen. Ich verstehe sehr wohl, dass Sie viele Fragen zu dem haben, was Ihnen hier widerfahren ist. Das habe ich auch. Ich kann Ihnen aber nichts sagen, solange ich nicht Ihre Geschichte gehört habe.«

Das besänftigt mich etwas, obgleich das Vertrauen zu ihm einen Knacks erlitten hat.

Natürlich haben Sie ein Recht, zu schweigen.

Warum sollte ich überhaupt schweigen wollen? Wenn ich will, dass mir Gerechtigkeit widerfährt, dann muss ich mit dem Staatsanwalt zusammen arbeiten. Wir sind keine Gegner. Ausnahmsweise muss ich als Anwältin hinzufügen und er soll sich ja nicht darauf verlassen, dass das so bleibt, wenn ich ihm erst wieder als Strafverteidigerin gegenüber stehe. Und es ist dieser Gedanke an meine zurückgewonnene Zukunft, die endgültig jedes Unbehagen zum Verstummen bringt. Das wilde, ruhelose Gefühl, das sich in meiner Brust ausbreitet, ist überwältigend. Ich werde frei sein. Ich werde ein neues Leben beginnen.

»Do ut des?« Ein alter Lateinspruch, der uns als Juristen verbindet.

Do ut des. Ich gebe, damit du gibst.

»Do ut des«, bestätigt Weis und schaut mich erwartungsvoll an. Mit einem stummen Nicken bestätige ich überflüssigerweise unsere Abmachung. Ich bin bereit, obwohl das genaue Gegenteil der Fall ist. Aber das Bild von dem Taxi, das mich nach Hause bringen wird, löst die Anspannung. Es sprudelt nur so aus mir heraus, ohne jede Emotion, als ob dies gar nicht mein Bericht wäre, sondern der einer ganz anderen Person. Die Ereignisse der vergangenen Tage ziehen an meinem geistigen Auge vorbei, wie der legendäre Film, der einen angeblich im Augenblick des Sterbens das eigene Leben vor Augen führt. Mein Puls rast und mehr als einmal verhaspele ich mich, wie eine Schülerin, die aufgeregt von einem Ausflug berichtet. Weis nickt verständnisvoll, macht ein besorgtes Gesicht als ich von der Bedrohung im Wald und dem Erscheinen der Gestalten in der Ferienwohnung auf dem Rauen Berg berichte. Ich unterschlage erneut Davids Angriff und seine brutale Attacke auf mich und es ist das einzige Mal, dass der Staatsanwalt mich unterbricht.

»Sie brauchen nicht zu lügen, Frau Borg«, tadelt er mich, weniger verärgert und missbilligend als vielmehr nachsichtig und voller Empathie.

»Herr Grombeck hat uns alles erzählt und Anzeige gegen sich selbst erstattet.«

Als ich auf die Geschehnisse in der Höhle zu sprechen komme, die in dem Tod Adrian Rachows und der beiden Frauen mündete, wird mir zum ersten Mal richtig bewusst, in welch blutiger Orgie die ganze Sache schließlich mündete und meine Hände verkrampfen sich in meinem Schoß. Ich fürchte, mich jeden Augenblick übergeben zu müssen und beende meinen Bericht mit Erikas verzweifelten Versuch, das Ritual zu vollenden und Rachows Herz in die Kanope zu befördern. Den Rest kennt Weis.

Der Staatsanwalt fährt sich mit der Hand über den kahlen Schädel.

»Entschuldigen Sie mich einen Augenblick«, sagt er und noch bevor ich etwas erwidern kann, hat er den Raum verlassen. Ich bleibe derweil regungslos auf dem Stuhl sitzen und starre auf den Boden. Ich fürchte, dass in jeder Ecke des Zimmers Schatten Gestalt annehmen, sich zu einer Person vereinen und auf mich zubewegen könnten. Kurz bevor der Staatsanwalt zurück in das Zimmer tritt, bin ich mir sicher, dass genau das geschieht. Ich blicke auf, als die Tür sich öffnet und sehe in jeder Richtung nur vergilbte Wände und von der drohenden Halluzination verbleibt nur ein leichter Geruch nach eingesperrtem Raubtier in der Luft.

»Ich habe veranlasst, dass eine Streife sich zu Ihrer Wohnung begibt und nach dem Rechten sieht.«

Ich will protestieren, fühle mich überfahren und übergangen. Ich wollte Nadia persönlich stellen und ihre Verantwortung einfordern, bis mir klar wird, dass das ein völlig blödsinniger Gedanke ist. Soll sie ruhig in einer Arrestzelle schmoren. Es ist besser, sie hinter Gittern zu sehen.

Ich versuche, entspannt zu wirken, Weis nicht anzustarren. Jetzt ist er an der Reihe. Do ut des.

»Wenn ich das richtig sehe, dann sind Sie zwischen die Fronten geraten. Auf der einen Seite ihre Zwillingsschwester, die seit Jahren den Plan verfolgte, ihre Identität anzunehmen und sicherzustellen, dass alle Welt Sie für Nadia Westhoff hält.«

»Nicht alle Welt«, korrigiere ich ihn, »sondern diese Sekte.«

»Dazu kommen wir gleich. Es ist jedenfalls gelungen, Sie hierher zu locken. Die Kollegen in der Stadt versuchen gerade, den Mitarbeiter der Versicherung zu identifizieren, der Ihnen den Auftrag erteilt hat. Außerdem müssen wir herausfinden, wer ihre Schwester in Totenbruck unterstützt hat. Die Sache mit dem Motorradunfall konnte nicht ohne Hilfe durchgezogen werden.«

»Nun, das war Erika, die Krankenschwester. Nadia hat es mir selbst gesagt.«

Weis wischt einen nicht vorhandenen Krümel auf seiner Hose weg.

»Wir können diese Erika leider nicht mehr dazu befragen. Mir erscheint es allerdings seltsam, dass sie Rachow und ihre Schwester unterstützt haben soll. Irgendwie ergibt das keinen Sinn.«

Ich straffe mich und verspüre den Impuls, meine Arme vor der Brust zu verschränken. Ich widerstehe ihm. Wozu Schutzgesten? Sein Einwand ist berechtigt. Es sieht ganz danach aus, als haben Nadia und Rachow parallel agiert und nicht zusammengewirkt. Erika hatte keinen Grund, beide zu unterstützen. Nun, wenn Nadia erst gefasst ist, wird sie schon mit der Wahrheit herausrücken. Das ist nicht mein Problem.

»Konzentrieren wir uns für einen Moment auf Adrian Rachow«, fährt der Staatsanwalt fort, und ich entspanne mich ein wenig.

»Er ist tatsächlich jener Junge, der durch den Einsatz des Verkehrspolizisten Dieter Grombeck vor siebenundzwanzig Jahren gerettet wurde. Er war der Stiefsohn von Asmus Troysch und entstammte einer früheren Beziehung seiner Frau Klara.«

»Meiner Tante?«, entfährt es mir. Der Frau, der meine leiblichen Eltern Nadia anvertraut haben?

»So ist es. Der leibliche Vater von Adrian ist offenbar ein pensionierter Diplomat mit Namen Alexander Rachow. Wir konnten leider noch keinen Kontakt zu ihm aufnehmen.«

Er macht eine Pause, als erwarte er eine Reaktion von mir, doch, was soll ich zu diesem Teil er Ereignisse beitragen? Davon weiß ich selbst fast nichts.

»Nun, nach seiner Befreiung kam Adrian Rachow zu Pflegeeltern«, fährt der Staatsanwalt fort. »Der Junge zeigte aber immer wieder Auffälligkeiten. Er hat Tiere, darunter unter anderem den Hund eines Nachbarn, getötet und jedes Mal das Herz entnommen, offenbar, noch während die armen Viecher lebten. Er kam in Behandlung und verbrachte einige Jahre bis zu seiner Volljährigkeit in der Jugendpsychiatrie. Sein Verhalten schien eine Spätfolge der traumatischen Erlebnisse seiner Kindheit gewesen zu sein. Heute wissen wir es besser.«

»Wissen wir das?«

»Oh, ich wollte damit nicht ausdrücken, dass ich die traumatische Kindheit als Auslöser ansehe. Er wollte nicht das Ritual üben, um es an anderen zu praktizieren, sondern um es an sich selbst vollenden zu lassen.«

Ich wollte mir nicht schon wieder die Ereignisse der vergangenen Stunden in der Höhle in Erinnerung rufen, aber ich weiß genau, was er meint. Adrian Rachow wollte geopfert werden. Er war besessen von der Vorstellung, zu Gyamlarhotep aufzufahren, wie einst Jesus an die Seite seines göttlichen Vaters.

»Ist so etwas vorstellbar?«, gebe ich zu bedenken. Es will mir nicht in den Kopf, dass ein Mensch von einem solchen selbstzerstörerischen Wunsch beseelt sein kann.

»Oh, das ist nichts Ungewöhnliches. Erinnern Sie sich nur an den Fall des Kannibalen von Rotenburg.«

Ich begreife nicht, worauf er hinauswill. Natürlich erinnere ich mich an den Fall. Er war vor einigen Jahren ja lang und breit durch die Presse gegangen. Ein Mann hatte im Internet nach anderen Männern gesucht, die sich von ihm schlachten und verzehren lassen wollte. Spielt Weis etwa auf diese Männer an?

»Der Name dieses Kannibalen ist mir leider gerade entfallen, aber er fand einen Gegenpart. Einen anderen Mann, der seit frühester Jugend von der Verlangen besessen war, von einem anderen Menschen verspeist zu werden und somit in dessen Körper, wie soll ich sagen, aufzugehen.«

Mich schüttelte es bei der Vorstellung. Aber mir wird gleichzeitig klar, dass Adrian Rachow unter demselben selbstzerstörerischen Verlangen litt, sofern ›leiden‹ der richtige Ausdruck ist. Nur, dass er nicht gegessen werden wollte, sondern dass ihm auf einem Opferaltar bei lebendigem Leib das Herz herausgerissen und in eine bestimmte Kanope gelegt werden sollte.

Ich will schon erwidern, dass er seinen Wunsch längst hätte in die Tat umsetzen können, als mir einfällt, dass ihm die Kanope wichtig gewesen war. Anscheinend funktionierte das Opfer nicht, sofern das Herz nicht auch in diese bestimmte Kanope gelangte. Mir stellten sich endgültig die Nackenhaare auf. Welch unfassbarer Wahnsinn.

»Wenn Rachow diesen Wunsch zum Ausdruck brachte«, frage ich, »weshalb war er dann nicht schon viel früher wieder in der Psychiatrie gelandet?«

»Nun, einmal aus der Jugendpsychiatrie entlassen, hat er selbstverständlich nicht mehr darüber gesprochen. Sein leiblicher Vater, der Diplomat, hat offenbar jahrelang vergeblich versucht, die Behörden auf die Krankheit seines Sohnes aufmerksam zu machen. Dazu haben wir Unterlagen in dem Hotelzimmer gefunden, das Nadia Westhoff angemietet hat.«

Das müssen die Akten in ihrer Tasche gewesen sein. Die Unterlagen, die mir zu privat erschienen, um sie durchzuschauen. Ich hatte lediglich gewagt, die offen herumliegenden Zeitungsartikel zu lesen.

»Aber, irgendwann ist der Wahnsinn dann doch durchgebrochen«, sage ich. »Immerhin hat er versucht, Davids Vater, den Polizisten, der ihm das Leben gerettet hat, zu töten.«

Weis steht wortlos auf. Er sieht mir in die Augen. Ich fühle mich unwohl auf dem Stuhl, ich muss mich konzentrieren, nicht selbst aufzuspringen. Warum schaut er mich an, als ob ich die Angeklagte wäre. Er sollte sich lieber beeilen, meine Schwester in die Finger zu kriegen. Ich bin das Opfer, meine Schwester ist die Täterin. Ich beruhige mich, als Weis im Bad verschwindet und ich das Plätschern des Wasserhahnes höre. Er macht sich frisch. Er klagt mich nicht an, er ist genauso fassungslos und aufgewühlt, wie ich.

»Ich vermute, dass Rachow Wind von Westhoffs Vorhaben mit Ihnen bekommen hat«, dringt seine Stimme aus dem Bad. »Vielleicht hat sie mit ihm Kontakt aufgenommen oder er mit ihr. Jedenfalls gelang ihm die Flucht aus der geschlossenen Psychiatrie und er kam kurz vor Ihnen und Nadia Westhoff in Totenbruck an. Soweit wir das bisher beurteilen können, kam er im Hause des Arztes von Bargen unter.«

Das unordentliche Zimmer, mit den seltsamen Karten und Symbolen, den Gefäßen mit eingelegten Tierkadavern oder gar Leichenteilen. Das war das Zimmer, in dem Adrian Rachow untergekommen war. Ich beschreibe Weis den Raum und der Staatsanwalt versichert mir, dass seine Leute sich das Haus des Arztes als Nächstes vornehmen.

Er wirft das Handtuch auf das Bett, was mir unpassend erscheint, warum legt er es nicht ins Bad zurück? Erkennt er nicht die Intimität der Geste? Wohl kaum, wenn ich an unsere erste Begegnung denke.

Ein Gedanke verdrängt meine Überlegungen. Ich berichte dem Staatanwalt, dass Erika mir offenbart hat, dass die alte Frau im Feierabendhaus Adrians Mutter war, meine Tante Klara Troysch.

»Wir gehen davon aus«, erklärt Weis. »Sie hat einige Jahre wegen Mittäterschaft im Gefängnis gesessen. Danach verliert sich ihre Spur. Sie ist ganz offensichtlich nach Totenbruck zurückgekehrt. Dieser Theo Bronsky verweigert leider noch jede Aussage. Es steht aber zu vermuten, dass Rachow ihn vor einiger Zeit damit beauftragt hat, sich um sie zu kümmern. Das Feierabendhaus war von Rachows Eltern gepachtet worden. Der Vater hat Selbstmord begangen und die Mutter ist schon vor vielen Jahren an Krebs gestorben.«

Ein schönes Familientreffen ist das hier gewesen, geht es mir sarkastisch durch den Kopf. Erst meine Zwillingsschwester und dann meine Tante. Die Verbindung ist entsetzlich genug. Die beiden hatten sich gegen mich verschworen und Nadia wird Klara instruiert haben, was sie mir sagen und in die Hand drücken soll. Ich hätte gut darauf verzichten können, dass sich die Puzzleteile auf diese Weise fügen.

Weis blickt mich aus grauen Augen an. In seinem fast runden blassen Gesicht markieren sie keinen Widerspruch zu der Vorstellung eines stoischen Beamten, der selbst diesen außergewöhnlichen Fall mit Gründlichkeit und Beharrungsvermögen zu einem erfolgreichen Abschluss bringen wird. Und doch ist da mehr in diesem Blick, denn seine Augen erinnern mich an einen alternden Wolf. Da ist keine Müdigkeit oder Abgeklärtheit. Wenn er nicht länger jagen kann, sagt dieser Blick, dann wird er sterben. Ich versuche, aus dieser Erkenntnis Hoffnung zu schöpfen, dass mit ihm an meiner Seite, sich alles zu einem guten Ende fügen wird. Und gerade, als ich mich frage, weshalb mir das nicht gelingt, klopft es an der Tür.

»Ja, bitte«, sagt Weis knapp.

Ein Polizeibeamter betritt den Raum. Ein hagerer Typ mit einer Hakennase und vollem Haar, das wie ein Toupet wirkt.

»Kann ich Sie kurz sprechen?«, fragt der Mann. Der Zusatz, dass er unter vier Augen reden möchte, schwingt in seiner Frage mit.

Weis blickt mich immer noch an.

»Schießen Sie los!«

Do ut des. Er hat unseren Pakt nicht aufgekündigt.

Der Polizist räuspert sich, macht aber keine weiteren Anstalten zu widersprechen.

»Eine Streifenwagenbesatzung war bei der Wohnung von Frau Borg.«

»Und?«

»Es scheint keiner in der Wohnung zu sein. Jedenfalls hat niemand auf das Klingeln reagiert. Die Kollegen haben einen Nachbarn befragt, einen gewissen Gerrit Sturm.«

Gerrit Sturm. Ich fühle die Wärme, die sich in meinem Bauch ausbreitet, ein Kribbeln und mein Herz legt seit langer Zeit nicht aus Panik sondern aus einem wohligen Schaudern einen Schlag zu.

»Nun fahren Sie schon fort!«

»Also, das ist kein richtiger Nachbar, denn er wohnt nicht in dem Haus. Aber, er betreibt eine Galerie direkt neben der Wohnung von Frau Borg und hat in den vergangenen Tagen eine Vernissage vorbereitet. Das heißt, er war nahezu ununterbrochen in dem Haus beschäftigt. Ihm ist niemand aufgefallen, der die Wohnung betreten oder verlassen hat, seit Frau Borg aufgebrochen ist.«

Weis kneift die Augen zusammen und mir fällt auf, dass er den Blick nicht von mir abgewandt hat.

»Woher will der Mann wissen, wann Frau Borg aufgebrochen ist?«

Das Zögern des Polizisten gibt mir Gelegenheit, die Frage zu beantworten, sie ist ohnehin an mich gerichtet.

»Wir haben uns unterhalten, als ich los musste. Er ist Fotograf und hat die Galerie erst seit kurzem gemietet.«

»Verstehe«, erwidert der Staatsanwalt. »Sonst noch was?«

Unwillkürlich blicke ich zu dem Polizisten an der Tür. Wer von uns beiden ist gemeint?

»Die Streifenwagenbesatzung wartet vor dem Haus, bis Frau Borg angekommen ist. Für alle Fälle.«

»Sehr gut. Wir sind hier fertig. Rufen Sie bitte ein Taxi und sagen sie der Zentrale, dass die Staatsanwaltschaft die Rechnung bezahlt.«

»Das ist nicht nötig«, erwidere ich, erinnere mich aber sofort, dass ich ja gar kein Bargeld bei mir habe. Alle meine Sachen sind in meinem Auto und das dürfte längst auf dem Hof der kriminaltechnischen Untersuchung stehen.

Weis übergeht meinen Einwand und gibt dem Polizisten ein Zeichen, dass er gehen kann.

Als der Polizist gegangen ist, bleiben der Staatsanwalt und ich einfach auf unseren Plätzen. Er steht in der Mitte des Raumes und ich hocke auf dem Stuhl, mit dem Rücken zum Schreibtisch. Keiner sagt ein Wort.

Der Moment dehnt sich. Dann verdüstert sich sein Blick.

»Lassen Sie uns noch über diesen Lucien sprechen.«

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