ACHT: Die Rückkehr der Zementgöttin

Kapitel 61

Ein Déjà-vu ist es nicht. Als solches wird das Gefühl bezeichnet, eine neue Situation schon einmal erlebt, gesehen, aber nicht geträumt zu haben, wenn ich mich richtig erinnere. Dies ist kein bloßes Gefühl. Der Polizist steht mit der gezogenen Waffe im Eingang zur Höhle. Genau das habe ich erst vor wenigen Stunden so ähnlich erlebt und genau deswegen traue ich dem Geschehen im ersten Augenblick so ganz und gar nicht.

Es ist nicht Beck. Der Polizeihauptmeister kauert mit erhobenen Händen am Boden. Er hat von David abgelassen, der nach Luft ringend neben ihm liegt.

Dieser Polizist ist viel jünger. Er trägt die martialische Uniform eines Sondereinsatzkommandos und nicht die vertrauenserweckende Uniform eines Verkehrspolizisten.

Er bleibt nicht lange allein.

Erikas Körper sinkt langsam zur Seite, wie ein unglücklich abgestellter Sack Kartoffeln. Blut pulsiert aus ihrem geplatzten Schädel. Noch bevor ihre Leiche auf dem Boden vor dem Altar aufschlägt, stürmen weitere Polizisten die Höhle.

Kommandos werden gebrüllt. »Auf den Boden!«

Bevor ich dem Befehl folgen kann, packt mich einer der Männer am Arm.

»Kosra Borg?«

Die Stimme dringt nur langsam zu mir durch.

»Frau Borg?«

Das bin ich und niemand sonst. Ich blicke auf. Finde mich langsam wieder in der Realität zurecht. Was für eine Sauerei. Das viele Blut. Ich empfinde weder Mitleid noch Entsetzen. Da ist ein anderes Empfinden, das sich in mir breitmacht, ein Geschmack bitterer als Abscheu. Ein Echo. Ein Echo des Blutes. Wenn nur endlich der schaumige Strom aus Erikas Kopf versiegen würde. Das ist nicht länger der Kopf der Krankenschwester. Nicht die Fratze einer alten Frau, sondern das Gesicht eines …

»Frau Borg?«

»Ja?«

… Mädchens. Mein Gesicht.

»Kommen Sie. Ich bringe Sie in Sicherheit.«

Ich bin in Sicherheit. Es ist vorbei. Rachow ist tot. Dies ist meine Höhle. Ich bin die Auserwählte.

Bevor ich diesem irren Gedanken folgen kann, zerrt mich der Polizist quer durch die Höhle zum Ausgang. Wie in Zeitlupe registriere ich das Geschehen. Doris Kapp wird von einem der Polizisten auf den Boden gedrückt. Ihre Frisur ist zerzaust, ihre Schminke zerlaufen. Speichel tropft aus ihren Mundwinkeln. Simon Vagts kniet, mit auf dem Rücken gefesselten Händen, in seinem Erbrochenen. Polizeihauptmeister Beck liegt bäuchlings auf dem Boden, die Hände auf dem Rücken gefesselt. Ich habe gar nicht mitbekommen, wie er überwältigt wurde. Ein Polizist baut sich mit der Pistole im Anschlag vor dem Rollstuhl auf, in dem Rachows Mutter sitzt.

»Nehmen Sie das Tuch ab!«, befiehlt er der alten Frau. »Sofort!«

Der Mann ist mit der Situation überfordert. Was will er denn machen? Sie erschießen, wenn sie seiner Aufforderung nicht Folge leistet? Sie zeigt keinerlei Reaktion. Ihre Hände zu Fäusten geballt ruhen auf ihren Knien.

Der Polizist beugt sich unsicher vor und reißt ihr das Tuch vom Gesicht. Die Frau ist tot. Die Augäpfel heraus gerissen. Zwei schwarze Löcher in einem im Schmerz erstarrten Gesicht. Ihre Hände rutschen von den Knien und geben frei, was die alte Frau mit der Kraft ihres finalen Atemzuges festgehalten hat.

Das Letzte, was ich in der Höhle sehe, sind die blutig milchigen Augäpfel, die wie klebrige Murmeln unbeholfen über Felsgestein kullern. Direkt auf mich zu.

Du hast schon immer gelogen.

Wir taumeln durch endlos wirkenden Gänge. Erst als wir draußen angekommen sind, bemerke ich, dass wir uns keine engen Treppenschächte zu einem Keller empor kämpfen mussten, sondern zuletzt einem sanft ansteigenden, breiten Tunnel folgten, der nicht enden wollte, bis frische Nachtluft mich umfängt. Es gibt also auch noch einen anderen Zugang zur Opferhöhle.

Ich befinde mich noch in Totenbruck, dennoch erwartet mich am Waldrand eine andere Welt. Mehrere Einsatzwagen der Polizei stehen auf dem Bankett und ebenso mitten auf der Straße. Die ganze Szenerie ist in pulsierendes Blaulicht getaucht. Es sind moderne Polizeiwagen, zwei Krankenwagen und ein Löschzug der Feuerwehr. Hochtechnische Fahrzeuge der wirklichen Welt. Polizeibeamte wuseln durcheinander, Sanitäter und Feuerwehrleute beraten sich oder sprechen in ihre Funkgeräte. Das emsige Geplapper flaut ab, als ihr Kollege mich zu einem Mannschaftswagen führt. Am liebsten würde ich ihnen zurufen, dass sie ruhig weiter quatschen können, es ist alles in Ordnung, ich weiß, dass die Polizisten im Gegensatz zu diesem Beck echt sind und ich in Sicherheit bin. Ich danke euch, ich vertraue euch, alles gut.

Als wir vor einem Einsatzfahrzeug, das die Größe eines Lieferwagens hat, stehen bleiben, erkenne ich, dass es sich dabei nicht um einen Mannschaftswagen, sondern eher um eine Art mobile Einsatzzentrale handelt.

In der Mitte des Innenraumes ist ein Tisch montiert, zu beiden Seiten eine Bank. Ein Polizist steigt aus, halb auf der stählernen Klapptreppe dreht er sich um.

»Und die Fahndung?«

»Damit warten wir noch.«

Die Erwiderung kommt von einem Mann, der jetzt allein auf einer der Bänke zwischen Papieren und Landkarten eine undefinierbare Mahlzeit aus einer Styroporbox löffelt.

Es hat diese absurde Erscheinung gebraucht, damit die Schockstarre von mir abfällt. Ich lebe. Ich bin frei. Ich bin in Sicherheit. Ich weiß absolut nicht, wie dieses Wunder der Befreiung geschehen konnte, aber es ist geschehen. Es sitzt ein hochgewachsener, schwitzender Mann, in einem schlecht sitzenden, dunkelblauen Anzug vor mir, sein fast kahler Schädel glänzt in der Innenbeleuchtung des Fahrzeugs und er genießt seelenruhig sein spätes Abendessen. Das muss ganz einfach die wahre, die sichere Welt sein, sofern mein Wahnsinn nicht in das nächst höhere Level geraten ist.

Er sieht mich an und sein Gesichtsausdruck lässt erkennen, dass er glaubt, ich wäre angesichts seiner Gelassenheit entsetzt. Das Gegenteil ist der Fall. Ich würde ihm am liebsten um den Hals fallen.

»Entschuldigen Sie bitte«, sagt er, schiebt den Teller zur Seite und erhebt sich. »Mein Unterzucker, müssen Sie wissen. Sind Sie Frau Rechtsanwältin Borg?«

Ich nicke. Mir läuft das Wasser im Mund zusammen. Wie lange ist es her, dass ich etwas Gescheites gegessen habe, dass ich in Sicherheit war und einfach nur ein gutes Essen oder ein angenehmes Gespräch genossen habe? Das muss ein anderes Universum gewesen sein.

»Angenehm, Weis, Staatsanwalt«. Er leckt sich schmatzend die Finger ab, bevor er mir die Hand entgegenstreckt. Ich zögere. Er erkennt seinen Fauxpas grinsend und zieht seine Hand zurück.

»Conrad Weis«, ergänzt er. »Conrad mit C. Bitte setzen Sie sich doch.«

Als ich seiner Bitte folge, bemerkt er meinen gierigen Blick, für den ich mich im selben Moment schäme, aber das Essen riecht verlockend.

»Ach herrje, wie benehme ich mich nur«, sagt er. »Sie müssen ja einen Mordshunger haben, wenn man bedenkt, was Sie durchgemacht haben.«

Mordshunger. Das Wort schwirrt mir durch den Kopf. Nach all dem Blut, das ich in der letzten Stunde gesehen habe, sollte mir der Appetit vergangen sein. Stattdessen möchte ich den Teller an mich reißen und ohne Hemmungen mit den bloßen Fingern das Gericht in mich hineinstopfen.

Der Staatsanwalt hat nicht vor, mir etwas anzubieten, er verfrachtet das Essen kurzerhand auf das Armaturenbrett in der Fahrerkabine, in der niemand sitzt. Wir zwei sind allein in dem Fahrzeug. Dann wendet er sich wieder mir zu. Ich rieche die Speise immer noch.

»Das ist Folter.«

Er blickt mich verwirrt an, er dreht sich zur Fahrerkabine um, blickt mich wieder an und wiederholt die entgeisterte Geste.

»Also, ich…, wollen Sie wirklich… Ich meine, ich könnte ein neues Besteck…«, stottert er.

»Nein, lassen Sie nur«, erwidere ich. Ich bin mir sicher, dass ich mich augenblicklich übergebe, wenn ich jetzt eine warme Mahlzeit zu mir nehme. Zwieback oder trockenes Brot wären gut, doch das kann warten, bis ich wieder zu Hause bin. Es kann nicht mehr lange dauern.

Der Staatsanwalt grinst breit. Er ist froh, dass er sein Essen nicht wird teilen müssen. Das ist ihm deutlich anzusehen und dieser menschliche Zug, macht ihn mir ungeheurer sympathisch, auch wenn der Eigennutz, der dahinter sichtbar wird, nicht gerade für ihn spricht. Ich bin ganz einfach dankbar für jede menschliche Regung, nachdem ich den Monstern, diesen vollkommnen entmenschlichten Gestalten in der Höhle, ja in diesem ganzen verdammten Ort, entkommen bin.

Jetzt, wo ich mich hinsetze, steigen die naheliegenden Fragen durch den Sumpf meiner gepeinigten Gefühle wie Blasen an die Oberfläche.

»Woher …?«

»Woher wir wussten, dass Sie in Gefahr sind?«, beendet er die Frage, die zäh über meine Lippen drängt.

»Es ging alles so schnell?«, erwidere ich und weiß selbst nicht genau, was ich damit meine. Die Ereignisse seit meiner Ankunft in Totenbruck? Oder meine Befreiung?

»Nun, das verdanken wir ihrer jungen Freundin.«

»Sarah?«

»Frau Eppelsheim war uns eine große Hilfe.«

Ich höre Sarahs Nachnamen zum ersten Mal. Eppelsheim.

»Sie konnte sich befreien?«

»Man hatte sie unter Drogen gesetzt und in dem Haus eines Arztes …«

Er beugt sich vor und sucht zwischen den auf dem Tisch ausgebreiteten Notizen.

»Dr. von Bargen.«

»Genau. In dem Haus dieses Arztes gefangen gehalten. Sie konnte sich befreien und ist dann …«

Und wieder unterbreche ich ihn.

»Von Bargen ist tot.«

»Oh ja. Wir haben seine Leiche gefunden. Offenbar hat er sich erhängt, aber Sie verstehen sicherlich, dass die Gerichtsmedizin noch nicht so weit ist. Nun, das Mädchen hat uns entdeckt, als wir gerade Ihren Wagen in der Nähe gefunden hatten.«

Mein Wagen? Es muss an meiner anhaltenden Verwirrung liegen, denn noch bevor ich richtig nachdenke, erwidere ich: »Der Volvo gehört nicht mir.«

»Volvo? Ich weiß nichts von einem Volvo. Ich meine den Peugeot.«

Ich möchte ihm schon wieder um den Hals fallen. Ja, mein Peugeot. Die alte Rumpelkiste. Das ist mein Wagen, der Wagen von Kosra Borg, der klammen Rechtsanwältin, die sich noch kein neues Auto leisten konnte. Mein Leben, mein richtiges Leben ist zum Greifen nah. Ich möchte ihm meine Verwirrung erklären, doch er scheint eine Erklärung gar nicht zu erwarten.

Als ich nichts erwidere, fährt er fort: »Nun, ich muss gestehen, dass ich noch nicht alles verstanden habe, aber wir haben jedenfalls soviel von dem Mädchen erfahren, dass wir sofort alle Kräfte mobilisiert haben. Zum Glück befand sich ein Sondereinsatzkommando gerade in der Nähe zu einer Übung. Da haben höhere Mächte Ihnen geholfen, wenn ich das so sagen darf.«

Nein, darf er nicht.

Gyamlarhotep wacht über dich.

Nein.

Gyamlarhotep ist mit dir.

Nein, ist er nicht.

»Alles in Ordnung, Frau Borg? Hat der Arzt Sie schon untersucht?«

»Nein«, obwohl ich mit meiner Antwort auf die Frage nach meinem Befinden abziele, springt der Staatsanwalt auf und beugt sich nach draußen.

»Herrje, hier muss man auch wirklich alles selber machen«, grummelt er und ruft dann lauter: »Neumann, holen Sie einen Arzt. Die Zeugin muss untersucht werden.«

Ich begreife nicht mehr, weshalb mich sein Verweis auf höhere Mächte in Rage gebracht hat. Ich habe einen Schutzengel gehabt, daran gibt es keinen Zweifel und dieser Engel ist sicher nicht von diesem dämlichen Aliengott entsandt worden.

Er setzt sich wieder. Und bei aller Fürsorge ist er offensichtlich nicht bereit, erst auf den Arzt zu warten.

»Ehrlich gesagt bin ich aus den Worten der Zeugin Eppelsheim nicht schlau geworden. Da bin ich auf Ihre Mithilfe angewiesen. Also, …«

»Geht es ihr gut?«

»Sie ist im Krankenhaus.«

In diesem Augenblick erscheint ein Arzt in Begleitung eines Sanitäters und betritt das Fahrzeug. Er sieht eher aus wie ein Metzger. Sein weißer Kittel ist voller Blut. Allein, dass er anstelle eines Schlachtermessers ein Stethoskop in der Hand hält, presst die aufsteigende Panik zurück in meine Eingeweide.

»Ich habe gleich gesagt, dass wir einen weiteren Mediziner brauchen«, raunzt er den Staatsanwalt an. »Das geht so nicht. Ich pendele hier zwischen Leichen und Verletzten wie auf einem Schlachtfeld. Wie denken Sie sich das eigentlich?«

»Wieviele?«

Der Arzt holt tief Luft. Er zwingt sich zur Ruhe.

»Tote?«

Weis nickt.

»Drei. Zwei alte Frauen und dieser…«

»… Adrian Rachow«, führt der Staatsanwalt den Satz zu Ende.

»Gut, dann kann ich die Kollegen entsprechend unterrichten. Was ist mit den Verletzten?«

»Der Junge halt. Er hat eine Schnittwunde, sieht schlimmer aus, als es ist. Er ist auf dem Weg ins Krankenhaus.«

»Wer hat das veranlasst?«

»Na, hören Sie mal. Ich trage die medizinische Verantwortung.«

»Und ich die Verantwortung für die Ermittlungen«, blafft Weis zurück.

Mir ist es unangenehm, zwischen die Kompetenzfronten der beiden Männer geraten zu sein, finde die Situation aber absolut typisch. Um mich kümmern sich die beiden nicht mehr. Sie sind allein mit Revierkämpfen beschäftigt. Ich will schon dazwischen gehen. Mir ist einerseits ein bisschen schwummrig und ich finde nicht die Kraft, auf den Tisch zu hauen, nicht mal im übertragenen Sinne und andererseits genieße ich diesen weiteren Odem der wirklichen Welt. Ich bin dankbar, dass diese mich wieder hat. Sie darf all ihre Lächerlichkeiten ruhig ausspielen.

»Tja, dann wissen Sie ja, wo Sie den Mann finden können«, pariert der Mediziner und er ist mir auf Anhieb sympathisch. Mein Vertrauen in die Ärzteschaft kehrt zurück.

Der Staatsanwalt brummt etwas Unverständliches vor sich hin und sagt dann deutlicher: »Ich lasse Sie mit der Zeugin allein. Aber, Sie reden erst mit mir, bevor Sie wieder irgendetwas veranlassen.«

»Einen Teufel werde ich tun!«

Weis zeigt keine Reaktion, stattdessen wirft er einen Blick in die leere Fahrerkabine und ich begreife, dass er sich fragt, was er mit dem Essen machen soll. Dann tritt er nach draußen.

»Ich schau’ mir die Schweinerei dann mal an«, höre ich ihn noch sagen, dann ist er verschwunden.

Der Arzt lächelt mich freundlich an, was angesichts seiner blutverschmierten Arbeitskleidung irgendwie unangebracht wirkt. Grinsen die Metzger in den Schlachthöfen auch so? Keine neuen Wahnvorstellungen, befehle ich mir und lächele zurück.

»Jetzt geht es um Sie. Es geht um Ihr Wohlergehen«, sagt er.

Der Sanitäter nickt und fühlt meinen Puls.

Die beiden haben Recht. Es geht um mich. Um Kosra Borg. Um mein Wohlergehen.

ICH BIN.

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