Kapitel 60

Ich begreife und begreife doch wieder nicht. Ich komme nicht mehr mit, es geht zu schnell für mich, ich hinke drei Schritte hinterher. Wahrscheinlich hat die Wirkung von Erikas Wundertee doch noch nicht nachgelassen, denn ich kann die Tatsache, dass die alte Frau mir gerade ein Messer in die Hand gedrückt hat, einfach nicht verarbeiten.

»Bist du bereit, meine Priesterin zu sein?«, sagt Rachow, er redet leise und langsam und hat den Blick fest auf die Klinge gerichtet. Er lächelt.

Ich sehe ihn an.

Ich begreife es.

Ich soll ihn töten. Ich soll ihm das Herz aus der Brust schneiden, damit Simon Vagts es in die Kanope legen kann, die angeblich eine direkte Verbindung zu Gyamlarhotep garantiert.

Er will das Opfer sein. Er ist niemals vor dieser Rolle geflüchtet, ganz im Gegenteil, er sehnt sie herbei. Er wurde vor siebenundzwanzig Jahren nicht befreit, ihm wurde seine Bestimmung gestohlen. Deswegen hat er versucht, Grombeck umzubringen. Es war nichts anderes als Rache. Ich verstehe das alles im Bruchteil einer Sekunde. Was heißt verstehen? Er ist Wahnsinn, total krank, das sehe ich ganz deutlich. Ich verstehe nicht, was ihn dazu treibt, aber ich erkenne, was er von mir erwartet.

Die Erkenntnis ist überwältigend. Ich packe die Klinge fester.

Rachow blickt auf meine Hand und nickt zufrieden.

»Wie ich sehe, bist du bereit, dein Schicksal anzunehmen«, sagt er. »Ich bin froh, dass es so gekommen ist. Die Anderen, die Ketzer, haben dich für die Auserwählte gehalten. Es sollte dein Herz in der Kanope die Reise zu Gyamlarhotep antreten. Das war falsch. Ein schrecklicher Irrtum, nur weil der alte Veys die Zeichen falsch gedeutet hat. Schlimmer noch. Klara Troysch war bereit, ihre Nichte zu opfern und Asmus fand sich nicht in der Lage, sich gegen Veys durchzusetzen. Immerhin hörte der Ort noch auf den alten Zausel und Troysch wollte einen Bruch der Anhänger unbedingt vermeiden. Dabei sah er ganz klar, dass du nicht die Auserwählte warst.«

Er kneift die Augen zusammen und in dieser Geste schimmert der Hass gegen mich durch, der ihn neben seinem wahnsinnigen Verlangen, selbst geopfert zu werden, in all den Jahren nicht verlassen hat. Gegen mich? Nein, gegen Nadia. Er hat uns beide nur mit derselben Selbstverständlichkeit ausgetauscht, wie meine Zwillingsschwester es getan hat.

»Nun, damit war Schluss, als deine Eltern androhten, hier aufzutauchen. Wie hätten Klara dein Verschwinden so schnell erklären sollen? Also erkannten sie, dass ich geopfert werden sollte, ohne zu begreifen, dass sich der Wille Gyamlarhoteps durch diese Entwicklung ausdrückte. Er hat von Anfang an mich gewollt. Ich wurde auf dieser Welt geboren, um an seiner Seite zu herrschen.«

»Und wie passt Grombeck in diese Vorsehung?«, erwidere ich. »Ein einfacher Verkehrspolizist, der deinem Gott einen Strich durch die Rechnung macht?«

Seine Augen funkeln. Er muss sich zwingen, mir nicht an die Gurgel zu gehen.

»Ich habe das korrigiert«, brüllt er. »Ich habe Grombeck bezahlen lassen.«

Bevor ich etwas erwidern kann, setzt der Gesang ein.

»Attenrobendum eos, ad constringendum, ad ligandum eos, pariter et solvendum, et ad congregandum eos coram me.«

Sie umzingeln mich und wiegen ihre Körper im monotonen Singsang, der mal lateinisch und im nächsten Augenblick guttural und animalisch klingt und an keine mir bekannte Sprache mehr erinnert.

Rachow weicht zurück, nicht weil er es sich anders überlegt hat, sondern weil er sich auf den Altar legt, die Arme über der Brust verschränkt und die Augen geschlossen. Er wartet. Er wartet, dass ich meiner angeblichen Bestimmung nachkomme und seine erfülle.

Das Messer in meiner Hand fühlt sich schwer an, die Klinge glitzert im Schein der Fackeln. Die Schneide ist bereit, ihren funkelnden Glanz gegen den matten Purpur frischen Blutes zu tauschen.

»Attenrobendum eos, ad constringendum, ad ligandum eos, pariter et solvendum, et ad congregandum eos coram me.«

Ein Schaudern durchfährt meinen Körper. Anfangs glaube ich, dass mich erneut Angst und Entsetzen erfüllen, bis ich erkenne, dass es ein wohliges Schaudern ist, mehr ein Verlangen, als ein Ausdruck von Panik.

»Ad constringendum, ad ligandum eos pariter et solventem.«

Ich halte eine Waffe in Händen. Endlich. Ich bin nicht länger wehrlos. Diese Idioten können nichts gegen mich ausrichten. Sie sollen nur kommen. Sie sollen nur versuchen, mich aufzuhalten. Ich habe ein Messer. Ich werde mich verteidigen. Sie haben den Ring um mich nicht geschlossen. Alles, was ich tun muss, ist loslaufen, selbst, wenn sie mir folgen, ich werde mich verteidigen können. Sie haben einen entscheidenden Fehler gemacht. Sie haben meine Entschlossenheit unterschätzt, meine Wut, mein Verlangen. Mein Verlangen nach…

Rache.

»Ad constringendum, ad ligandum eos pariter et solventem.«

Während ihre Körper sich hin und her bewegen, diese Verrückten ihre Beschwörungsformeln murmeln und einem uralten, archaischen Takt folgen, sind ihre Augen auf mich gerichtet. Und wenn schon. Sie sind alle unbewaffnet. In der ganzen Höhle ist keine andere Waffe, als die, die ich in der Hand halte. Ich habe die Macht. Die Macht und das Verlangen.

Das Gewicht in meiner Hand, mein Gewicht, meine Macht.

Lauf’, Kosra lauf.

Ich starre meine Hand an, die das Messer umklammert, so fest, dass meine Knöchel weiß hervortreten.

Mein Verlangen nach Rache. Nein, das ist falsch. Was denke ich da nur? Nicht Rache ist mein Antrieb, sondern Flucht. Ich muss hier endlich weg. Dieser Gedanke, dieses Verlangen, muss endlich meine Beine und Füße erreichen. Wieso bin ich nur so gelähmt. Was hält mich zurück?

Nichts.

Ein Ruck geht durch meinen Körper und ich mache einen Schritt…

Nach vorn. Hin zum Altar, wo Adrian Rachow, dieses durchgeknallte Scheusal nackt mit geschlossenen Augen auf dem Opferaltar liegt, selig wie ein sattes Baby, erwartungsvoll und die Erfüllung seines elenden Lebens herbeisehnend.

Mein Gehirn rast. Meine Schritte schleichen, in die falsche Richtung. Was will ich am Altar? Was will ich noch von Adrian Rachow. Was will ich…?

Ich habe keine Wahl, als meine Bewegung zur Kenntnis zu nehmen. Diese Schritte in die verkehrte Richtung können unmöglich von mir gewollt sein. Meine Umgebung nehme ich gar nicht mehr wahr, mein Entsetzen konzentriert sich darauf, was gerade mit mir passiert. Ich zittere am ganzen Körper, während ich mich Schritt für Schritt weiter auf den Opferstein zubewege, auf dieses selbstzufriedene Grinsen des Mannes, der mein Leben zerstört hat. Adrian Rachow ist für das Attentat auf mich verantwortlich, selbst wenn er Dirk Radovics nicht geschickt hat. Er hat einen unschuldigen Polizisten brutal niedergestochen, den Mann, der ihn gerettet hat. Jetzt halte ich das Messer in der Hand. Es ist Zeit, es Rachow heimzuzahlen.

Ein Knubbel wird bleiben.

Das ist meine Bestimmung. Das ist mein Empfinden und nichts könnte sich falscher anfühlen, wenn ich nur etwas fühlen könnte. Ich habe keine andere Wahl, als es geschehen zu lassen. Ich beobachte mich selbst, so wie damals im Auto meiner Eltern, nur dass ich damals nicht mich gesehen habe, sondern meine Zwillingsschwester, um die ich mich kümmern werde, wenn ich mit Rachow erst fertig bin. Das können unmöglich meine Gedanken sein. Ich beobachte mich nicht bloß von außen, ich höre auch meinen Gedanken zu, als wären es gar nicht meine eigenen. Es können unmöglich meine eigenen sein. Ich bin nicht so verrückt, einen Mord zu begehen.

Nicht schon wieder.

Was war das? Was ist das für eine dämliche Überlegung? Weshalb ›schon wieder‹? Es ergibt einfach keinen Sinn, was ich tue und was ich denke. Ich habe den Altar fast erreicht. Die Kontinentalplatten meines Gehirns verschieben sich und ich stehe auf dem Kontinent, der sich mit rasender Geschwindigkeit von mir selbst entfernt.

Rachows Körper ist muskulös, die Konturen attraktiver gezeichnet, als ich es mir vorgestellt habe, wenn ich mir seinen nackten Körper überhaupt je vorgestellt habe. Die Klinge wird in einen schönen Körper fahren und die Vorstellung erregt mich. Dies und das Wissen, dass ich endlich Rache nehmen kann.

Der Kreis schließt sich. Er hat mein Leben zerstört und dafür werde ich ihn töten.

Ich stehe über ihm, hebe das Messer und packe es mit beiden Händen. Die Geräusche kehren zurück an mein Ohr. Der archaische Gesang strebt dem Höhepunkt entgegen. Ein Crescendo, dass dem blutigen Höhepunkt entgegen fiebert. Ich bin die Dirigentin dieses Höllenchors. Die Laute sind eins mit dem Schlag meines Herzens. Ich bin nicht länger die Marionette, nicht länger getrieben. Ich habe das Heft des Handelns wieder in die Hand genommen und es ist das Heft einer todbringenden Klinge.

Der Gesang erstirbt. Es ist soweit. Eine Glut wallt in mir auf, als habe sich die prall gefüllte Magmakammer meines Hasses geöffnet. Ein Brennen breitet sich in meinem Bauchraum aus, steigt auf in Richtung Kehle und ich erwarte, dass ich schreie, dass ich meine Wut und Entschlossenheit hinausschreie, mich befreie und meine Bestimmung vollende. Doch da ist kein Schrei, nur ein schallendes Lachen. Es schmerzt, aber ich kann nicht aufhören. Ich lache und lache. Ich schleudere das Messer zur Seite. Es fällt klirrend auf den Höhlenboden. Der schmerzhafte Lachkrampf ebbt ab und verstummt, während das Echo des klirrenden Messers durch die Grote irrt.

Mein Wahnsinn ist wie ein tiefer schwarzer Brunnen, in den ich gefallen bin. Nur, dass ich mit den Zehenspitzen den Grund ertaste, mich wieder aufrichte und in die Realität zurückkehre.

Es ist vorbei. Das Entsetzen darüber, was ich im Begriff war zu tun, überwältigt mich. Ich zittere am ganzen Körper.

Nachdem das Echo verhallt ist, erfüllt absolute Stille die Höhle. Rachow reißt die Augen auf und erhebt sich.

Sein Blick ist voller Verachtung.

»Schaut’ sie euch an«, ruft er. »Seht her, das soll die Auserwählte sein? Sie ist noch nicht einmal in der Lage, Gyamlarhotep als Priesterin zu dienen. Sie ist schwach, sie ist feige, sie ist unwürdig, an seine Seite zu treten. Ich habe es euch immer gesagt.«

Ich habe einen entsetzlichen Fehler gemacht. Ich hätte das Messer nicht wegwerfen dürfen. Wie konnte ich nur so dumm sein? Was soll’s? Entscheidend ist, dass ich meinem Hass nicht nachgegeben habe. Es ist vorbei. So oder so.

Mir ist schwindelig. Ich muss mich erinnern, wie man atmet, mein Körper hat nämlich aufgehört, dies automatisch für mich zu erledigen. Darauf konzentriere ich mich. Ich darf nicht hyperventilieren. Das fehlte jetzt noch, dass ich inmitten dieser Verrückten in Ohnmacht falle.

Ich kann immer noch abhauen. Wenn ich es geschickt anstelle, gelingt es mir vielleicht sogar, das Messer zu ergreifen. Rachow beachtet es im Augenblick gar nicht. Wenn ich es geschickt anstelle und ihn überrumpele, dann könnte es klappen.

Mein Plan fällt in sich zusammen, als meine Arme schmerzhaft nach hinten gezogen werden. Ich hätte den Rest der Versammlung nicht aus den Augen lassen dürfen. Insbesondere nicht Theo Bronsky, der sich angeschlichen hat und mich nun in seinen unerbittlichen Griff zwingt.

»Lasst uns die Klinge an diesem entzückenden Hals ausprobieren«, sagt er; sein heißer Atem dicht an meinem Ohr. »Ich meine, Dirk zu Ehren.«

Rachow grinst verächtlich. Bronskys Vorschlag wird bei ihm nicht auf taube Ohren treffen.

»Wirklich, Kosra, du musst mir glauben, dass ich dir eine andere Rolle zugetraut habe«, sagte er mit heuchlerischer Miene. »Ich habe es versucht, das musst du zugeben. Ich habe mein bestes gegeben, dies zu einem guten Ende zu führen, auch für dich, aber du bist ganz einfach würdelos und lächerlich.«

Er wendet sich zu der Klinge am Boden um. Er stutzt, bevor er danach greifen kann. Ich selbst sehe den Schatten im letzten Augenblick.

Es geht so schnell, dass ich selbst im ersten Augenblick glaube, dass ihm ein hilfreicher Geist das Messer reichen will. So ganz verkehrt ist dieser Blick auf das Geschehen nicht. Die Person schnappt sich das Messer und stürzt sich auf Rachow, aber nicht, um ihm die Klinge reichen, sondern, um sie ihm in den Leib zu treiben.

Erst als der Mann erneut zustößt und die Schneide in den Eingeweiden Rachows herumdreht, erkenne ich ihn. Es ist David. Den hatte ich gar nicht mehr auf dem Schirm. Er muss in die Höhle zurückgekehrt und sich hier versteckt haben. Er hat gehört, was Rachow über den Mord an seinem Vater gesagt hat. Der Blick, mit dem David die Klinge durch die Gedärme Rachows treibt, lässt daran keinen Zweifel.

Die Ereignisse überschlagen sich. Bronsky lässt mich los, stürzt an mir vorbei und entreißt David das Messer. Hin und her gerissen, seinem sterbenden Freund zu helfen oder Rache für ihn zu nehmen, stößt er mit einer weit ausholenden Bewegung nach David, während er mit dem anderen Arm Rachows Körper hält, als dieser auf die Knie sinkt. Aus einer klaffenden Wunde an seinem Bauch sprudelt das Blut dunkel und dickflüssig. Da ist nichts mehr zu machen.

David trägt eine Wunde an der Brust davon und taumelt rückwärts gegen den Opferaltar und sinkt zu Boden. Die Versammlung behält in ihrer Schockstarre den Halbkreis bei und wie aus einem Mund ist ein Stöhnen zu hören.

»Mein Herz!«, brüllt Rachow mit letzter Kraft und immer wieder: »Mein Herz.« Anfangs ergibt das keinen Sinn für mich, da er eine Verletzung doch am Bauch hat, bis ich begreife, dass sie sein Herz herausholen sollen, solange es noch schlägt. Anders kann ich mir seinen panischen Ruf nicht erklären. Wahrscheinlich kann er nur so zu seinem Gott auffahren und wenn nicht alles so schnell ginge, würde ich laut auflachen. Erika stürmt nach vorne. Fast glaube ich, dass sie es mit David aufnehmen will, als ich mit ansehe, wie sie Theo das Messer entreißt und es tief in Rachows Brust treibt.

Es ist Beck, der sich auf David wirft und mit den Händen würgt, da Erika das Messer an sich genommen hat.

Simon Vagts, der, sofern es eine Art Generalprobe gab, mit Sicherheit einen anderen Ablauf verinnerlicht hatte, übergibt sich und lässt die Kanope fallen, die mit einem dumpfen Geräusch auf dem Höhlenboden in dem Erbrochenen aufschlägt.

Erika, die ausgebildete Krankenschwester, hat unterdessen gekonnt den Schnitt gesetzt und stößt eine Hand in Rachows geöffnete Brust. Sein gesamter Oberkörper ist mittlerweile blutverschmiert und auf dem Boden hat sich eine Lache gebildet, auf der Erika immer wieder mit ihren Knien quietschend ausrutscht. Adrian Rachow ist tot. Das ist mir sofort klar, als ich in seine trüben, gebrochenen Augen blicke. Ein Wunder, wenn sein Herz noch schlägt.

Im ersten Augenblick denke ich, dass Erika, meine Gedanken teilend, mit dem Kopf nickt, als ihr Haupt nach vorne zuckt. Dann platzt ihre Stirn auf und ein Schwall aus Knochen und Hirnmasse ergießt sich auf die Leiche von Adrian Rachow. Ihr lebloser Körper kippt zur Seite. Die Wunde am Hinterkopf ist kaum größer als ein Zwei-Euro-Stück.

Erst jetzt höre ich die Explosion.

So viel Blut.

© 2019 Andreas Riehn
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