VIER: Im Reich der Zementgöttin

Kapitel 6

«Sie hatten einen Motorradunfall.»

Ich. Bin.

Natürlich bin ich. Blödsinniger Gedanke.

Auserwählt.

Wieso auserwählt? Was schießen mir da nur für Worte durchs Hirn?

Muss an den Kopfschmerzen liegen. Nur…

«Frau Westhoff? Hören Sie mich?»

Wer? Wer ist Frau Westhoff? Ich? Ich bin Frau Westhoff? Es erscheint mir nicht richtig, aber ich habe keine Ahnung, warum.

Rechtsanwältin Kosra Borg. Was kann ich für Sie tun?

«Unfall? Ich?»

Langsam wie ein Polaroidfoto klart mein Blickfeld auf. Ich schaue zur Decke, auf eine einsame, eingelassene Deckenlampe, die gelblich leuchtend zurückstarrt, blind wie ein glotzendes Auge ohne Pupille.

«Machen Sie sich keine Gedanken. Sie haben sich ein paar Schürfwunden an der linken Seite eingehandelt und Ihr Kopf hat offenbar auch was abbekommen, aber davon abgesehen hatten Sie Glück. Es war nicht nötig, Sie in ein Krankenhaus zu bringen.»

Kein Krankenhaus? Aber, ich liege in einem Bett. Ich lasse den Kopf zur Seite rollen. Eine Frau steht neben dem Bett. Komisch sie sieht aus wie eine Krankenschwester. Sie trägt einen weißen Kittel und auf dem Namensschild steht… Ach, verdammt ich kann ja nicht mal erkennen, in was für einem Raum ich mich befinde, wie soll ich da ein Namensschild entziffern können.

«Wir können uns hier genauso gut um Sie kümmern.»

Sie ist mindestens siebzig. Verdient sie sich etwas zur Rente dazu? Jedenfalls sieht sie blass und erschöpft aus, als könnte auch ihr ein Krankenhausaufenthalt nicht schaden. Sie hat Ringe unter den Augen und Ihre Augäpfel werden von ihren Brillengläsern vergrößert.

«Ich bin Schwester Erika und der Herr Doktor wird gleich nach Ihnen schauen.»

Der Herr Doktor? Komische Ausdrucksweise. Die kommt wirklich aus einem anderen Jahrhundert.

«Ich denke, dies ist kein Krankenhaus?»

«Egal, was Sie über diesen Ort gehört haben, aber Doktor von Bargen ist besser als jeder Krankenhausarzt, das können Sie mir glauben. Ich arbeite schon seit über fünfzig Jahren für ihn.»

Sie hat eine enervierende, süßlich säuselnde Stimme. Klingen Krankenschwestern so? Hört sich eher wie eine Grundschullehrerin an, die einem Kind erklärt, dass es die Aufgabe falsch gelöst hat.

Dieser Ort?

«Wo bin ich?»

«Na, in Ihrem Hotelzimmer. Es war wirklich nicht erforderlich extra einen Krankenwagen zu rufen.»

Mein Hotelzimmer? Die Geschichte wird ja immer bunter. Ich habe kein Hotelzimmer gebucht. Urlaub war schon lange nicht mehr drin. Ich muss nach…, ach jetzt fällt mir der Name des Ortes nicht mehr ein. Diese verdammten Kopfschmerzen. Ich muss mich um meinen Mandanten kümmern. Das wird eine saftige Beschwerde geben, wenn ich nicht rechtzeitig ankomme. Sieht ganz so aus, als könnte ich den Job vergessen. Schöner Mist.

Eine Tür wird geöffnet und jemand tritt in den Raum.

«Ach, Herr Doktor,» flötet Schwester Erika oder wie sie heißen mag. Es ist ihr anzuhören, dass sie froh ist, mit der verrückten Patientin nicht länger allein zu sein. «Die Patientin ist bei Bewusstsein.»

Ein Mann tritt an mein Bett und instinktiv richte ich mich auf. Bin ich angezogen? Ich trage ein graues T-Shirt und unterhalb meiner Brust beginnt eine Bettdecke. Ich spüre, dass ich eine Hose anhabe, fühlt sich wie eine Boxershorts an. Eine Boxershorts? Ich trage nur Slip unter der Jeans. Normalerweise. Und wem gehört das graue T-Shirt? Mir nicht. Ach, egal. Das wird sich schon alles auflösen, dennoch fühle ich mich unwohl. Dies ist kein Krankenhaus. Was soll ich in einem Hotel und in welchem Ort verdammt noch mal befindet sich dieses Hotel?

«Bleiben Sie ruhig liegen. Sie müssen sich noch schonen. Erika wird Ihnen einen Tee bringen, nicht wahr, Erika?»

Die Schwester ist nicht länger in meinem Blickfeld, aber ich höre, wie sie wortlos das Zimmer verlässt und die Tür hinter sich schließt.

«Ich bin Doktor von Bargen. Zum Glück wohne ich nicht weit vom Unfallort entfernt, so konnte ich rasch bei Ihnen sein.»

Der Mann muss die achtzig schon gut und gerne hinter sich gelassen haben. Sein schmales Gesicht ist faltenlos, aber blass und von kleinen roten Äderchen durchzogen. Er blickt mich aus wässrigen, müde dreinblickenden Augen an.

«Ich hatte keinen Unfall,» sage ich, sinke dann auf das Kissen zurück, obgleich ich aufstehen will. Es hat keinen Sinn hier herumzuliegen. Mein Kopf schmerzt. Es pocht so heftig hinter meinen Schläfen, dass mir übel ist und ich fürchte, mich übergeben zu müssen. Keine naheliegende Aktion dem Mann vor die Füße zu kotzen.

«Denken Sie sich nichts,» antwortet er mit ruhiger, gleichmütiger Stimme, die sich in Jahrzehnten bei uneinsichtigen Patienten bewährt hat. «Sie waren bewusstlos und da ist ein Gedächtnisverlust ganz normal. Das wird schon wieder.»

«Sie verstehen nicht. Ich wollte der Frau auf der Straße helfen und dann, dann…»

Tja, und dann? Ich wurde niedergeschlagen. Das ist die einzige Erklärung. Daher die Kopfschmerzen.

«Wo ist sie überhaupt? Geht es ihr gut?»

«Wen meinen Sie?»

«Na, die Motorradfahrerin.»

«Ich fürchte, die Frau auf der Straße waren Sie, also die Motorradfahrerin.»

Ich bin nicht der erste störrische Patient, den er erlebt, das ist deutlich zu hören. Er hat das alles schon einmal mitgemacht. Ich aber nicht. Ich bin zum ersten Mal an einem Unfallort bewusstlos geschlagen worden und dann an einem mir unbekannten Ort wieder aufgewacht.

«Wie hat die Schwester mich genannt?»

«Nun, Sie sind doch Nadia Westhoff, jedenfalls wurde mir das so gesagt.»

Ok. Das lässt sich rasch korrigieren.

«Haben Sie meinen Ausweis gesehen?»

Er schüttelt den Kopf. «Ich bin Arzt und kein Grenzbeamter.» Sofern das ein Witz sein sollte, unterstreicht er das weder durch seine Stimme, noch durch seinen Gesichtsausdruck.

«Woher kennen Sie dann meinen Namen?»

«Nun. Sie haben sich unter diesem Namen im Hotel eingecheckt. Also gehe ich davon aus, dass es Ihr Name ist. Außerdem hat Theo uns bestätigt…»

«Wer ist Theo?»

«Theo Bronsky, der Mann, mit dessen Motorrad Sie unterwegs waren.»

«Ich heiße Kosra Borg und bin…»

Und Sie sind wirklich Rechtsanwältin? Ja, das bin ich.

«Sie müssen sich ausruhen. Schonen Sie Ihren Kopf. Es wird sich alles klären, glauben Sie mir.»

Und ob sich alles klären wird.

«Was ist mit meinem Auto passiert?»

Im Wagen ist meine Tasche mit meinen Ausweispapieren. Der Typ mag kein Grenzbeamter sein, aber er kann trotzdem Ausweise lesen, dann wird sich alles schnell aufklären. Ich heiße nicht Nadia Westhoff, mein Name ist…

Und Sie sind wirklich Rechtsanwältin?

Ach was, aufklären. Er soll mir einfach sagen, wo mein Auto steht und ich haue von hier ab, lasse mich in einem Krankenhaus untersuchen oder fahre am besten gleich nach Hause und vergesse diesen ganzen Alptraum. Ich hatte keinen Unfall. Ich bin nicht verletzt. Ich muss nur von hier weg.

«Wie ich schon sagte, Sie hatten einen Motorradunfall. Da war kein Auto. Nur das Motorrad und das haben wir zu Bronsky gebracht. Ich denke, das ist in Ordnung.»

«Ich bin gestern mit meinem Wagen gefahren und habe diese Motorradfahrerin mitten auf der Straße gefunden, also muss mein Wagen noch dort stehen, wo ich ihn abgestellt habe.»

Da war dieser Picknicktisch mit den Bänken, die Parkbucht. Dort habe ich ihn abgestellt. Habe ich abgeschlossen? Oder den Schlüssel stecken lassen? Instinktiv will ich in meine Jeanstasche greifen, doch ich spüre nur den Stoff der Shorts. Ich trage nie Shorts. Als Studentin hatte ich mal einen One-Night-Stand mit diesem BWLer. Oh Gott, das lag nur daran, weil ich so besoffen gewesen war. Der Typ hatte mir am nächsten Morgen eine von seinen Shorts leihen müssen, weil mein Slip mit seinem Sperma vollgesaut war. Er war deutlich zu früh gekommen, BWLer eben. Weder vorher noch nachher habe ich Shorts getragen. Scheiße. Ich
Rechtsanwältin Kosra Borg
trage keine Shorts und im Bett schon gar nicht.

«Hören Sie Frau Westhoff…»

«Ich heiße nicht Westhoff.»

Ich liege hier im Bett wie ein störrisches Kind. Der Kerl soll aus dem Zimmer verschwinden. Vorher soll er mir sagen, wo sie meinen Wagen abgestellt haben und was mit meinem Autoschlüssel passiert ist.

«Ich bin dort gewesen und habe die Erstversorgung vorgenommen. Da war kein Auto. Da waren nur das Motorrad und Sie.»

«Wo sind meine Sachen?»

«Wie bitte?»

«Meine Kleidung und so.»

Er macht eine Kopfbewegung in den Raum hinein. Ich muss mich aufrichten, um zu sehen, worauf er deutet. Über der Lehne eines Holzstuhles vor einem Schreibtisch hängt eine Lederkombi und auf dem Tisch liegt der Helm. Die Kluft, die die verunglückte Motorradfahrerin gestern getragen hat.

«Das sind nicht meine Sachen.»

«Das sind die Sachen, die Sie anhatten.»

Die Kopfschmerzen. Diese verdammten Kopfschmerzen. Ich kann mich nicht konzentrieren. Bin ich niedergeschlagen worden? Wieso erinnere ich mich nicht mehr daran, was passiert ist nachdem, ja, nachdem was geschehen ist? Ich habe die Frau fast überfahren. Ich hielt in der Parkbucht und ging zu ihr. Das Visier. Was ist hinter dem Visier gewesen?

«Haben Sie mich gefunden?»

«Ich sagte schon. Ich wohne in der Nähe deshalb hat Simon mich gerufen.»

«Simon?»

«Simon Vagts. Der junge Mann, der Sie gefunden hat.»

«Ich will ihn sprechen.»

Von Bargen stutzt, zuckt mit den Mundwinkeln. Mein Vorschlag irritiert ihn.

«Der ist jetzt zu Hause», erwidert er nach einer Weile. «Er arbeitet hier im Hotel und seine Schicht beginnt erst heute Mittag. Dann können Sie ihn bestimmt sprechen. Aber jetzt sollten Sie sich…»

«…ausruhen, ich weiß. Ich hatte nur keinen Unfall und deshalb gibt es auch keinen Grund für mich, mich auszuruhen. Fahren Sie mich zu der Stelle, an der ich gefunden wurde.»

Er reißt die Augen auf und sein Mund öffnet sich, doch bevor er etwas sagen kann, wird die Tür geöffnet und Schwester Erika (dieser Name! Wie in einer billigen Klinikserie im Vorabendfernsehen) betritt den Raum. In ihrer Hand eine dampfende Tasse Tee.

«So, den sollten Sie erstmal trinken und sich dann…»

«Ausruhen. Wir hatten das Thema gerade,» erwidere ich, etwas zu barsch. Ich will nicht unfreundlich sein. Wahrscheinlich können die beiden gar nichts für meinen Schlamassel. Dieser Simon Vagts hat ihnen offenbar nicht alles erzählt. Den muss ich mir vorknöpfen. Was hat er mit meinem Wagen angestellt?

Der Arzt folgt mit seinem Blick der Schwester, als sie die Tasse auf dem Nachttisch neben meinem Bett, also dem Bett, in dem ich liege, abstellt.

«Vielleicht sollten wir sie besser für einen Kernspin…», sagt er, doch Erika unterbricht ihn.

«Es scheint Frau Westhoff doch schon wieder ganz gut zu gehen,» erwidert sie, offenbar dieser undankbaren Patientin überdrüssig. «Sie kann selbst entscheiden, was das Beste für sie ist.»

Ich stelle das mit dem Namen nicht richtig. Dann sollen sie mich eben mit Westhoff anreden, soll mir auch Recht sein. Ich weiß, wer ich bin und das ist alles, was zählt.

«Danke,» antworte ich und hoffe, dass mein Tonfall versöhnlich klingt. Es liegt nur an diesen verdammten Kopfschmerzen und der Situation, dass ich so kratzbürstig bin. Ich sollte das nicht an den beiden auslassen.

«Ich soll sie zu der Unfallstelle fahren,» sagt von Bargen hilfesuchend zu Erika. Der gute Herr Doktor ist mit dieser Situation offenbar überfordert. Seine anfängliche stoische Beharrlichkeit ist dahin.

Schwester Erika zuckt die Schultern. «Dann machen Sie das eben. Liegt doch ohnehin auf Ihrem Weg.»

«Aber…»

«Ich will nur zu meinem Wagen,» sage ich. «Sie brauchen doch bestimmt noch meine Versicherungskarte?»

Schwester Erika lächelt. «Das wäre natürlich gut.»

Ich habe Durst. Bestimmt kommen diese Kopfschmerzen daher. Ich habe seit Stunden nichts getrunken.

«Warten Sie draußen auf mich? Ich ziehe mir nur rasch etwas an.» Vor Ärzten und Krankenschwestern bin ich nie derart verlegen. Aber ich bin ihnen auch noch nie in einem Hotelzimmer ausgesetzt gewesen. Ich beuge mich zu der verlockend dampfenden Tasse Tee. Die wird mir guttun. Ich führe die Tasse an die Lippen. Der Tee duftet süßlich und erinnert mich andererseits etwas an den bitteren Geruch, wenn wir früher als Kinder Brennnesseln zerdrückt haben, so eine Art Mutprobe, als würden wir eine Flamme mit der bloßen Hand löschen. Der Tee brennt im Mund, aber nicht, weil er zu heiß ist, sondern weil der Geschmack irgendetwas anderes überdecken soll. Ohne weiter nachzudenken, trinke ich die ganze Tasse aus, um meinen Körper rasch mit Flüssigkeit zu versorgen. Ich muss diese Kopfschmerzen loswerden.

Ich blicke zu Erika und dem Doktor und will sagen, dass ich dann gleich rauskomme, wenn sie mir nur eine Minute geben. Beide lächeln mich an. Sie sind stolz, dass ich die Mutprobe bestanden habe. Mutprobe? Bestanden? Was für komische Gedanken schon wieder. Wirklich saukomische Gedanken, deswegen lachen jetzt auch beide, denn sie haben meine Gedanken ganz offenbar erraten.

Aber die beiden sagen auch ulkige Sachen.

«Es ist genauso gekommen, wie sie es vorhergesagt hat. Ein erstaunliches Phänomen», sagt der Doktor und dann: «Hast du ihm Bescheid gegeben?»

Erika antwortet: «Ja. Adrian kümmert sich um alles Weitere. Wir haben jetzt nichts mehr damit zu tun.»

«Es wird nie ein Ende nehmen, ich hoffe, das ist dir klar.»

Klar wie Kloßbrühe will ich sagen, doch meine Zunge ist plötzlich so schwer. Der Tee ist klebrig. Ihr fahrt mich jetzt nach… Wohin habe ich vergessen und deshalb lächle ich und lasse mich zurück ins Kissen fallen.

Nur, dass da kein Kissen mehr ist, sondern nur unendliche Schwärze. Selbst die Sterne, die gerade noch vor meinen Augen tanzten, wollen mich nicht begleiten.

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