Kapitel 59

Der scharlachrote Seidenstoff entpuppt sich als Robe, die mir Erika und Doris umgelegt haben. Sie ist derjenigen ähnlich, die ich als Anwältin vor Gericht trage. Nur, dass eine Anwaltsrobe nicht rot, sondern schwarz ist. Scharlachrote Roben sind den höchsten Richtern, den Verfassungsrichtern vorbehalten und so bestätigt sich meine Ahnung, dass ich nicht nur Statistin bin.

Die beiden Frauen stützen mich und führen mich an der Statue des Gyamlarhoteps vorbei in die Opferhöhle. Ich bin immer noch benommen, fühle mich wacklig auf meinen Beinen und nehme meine Umgebung wie unter einer Taucherglocke wahr.

An den Wänden brennen die Fackeln noch genauso wie beim letzten Mal, als ich hier war. Ich frage mich, ob die jemals verlöschen oder ausgetauscht werden müssen und mir kommt der irre Gedanke, dass sie vielleicht auch aus dem Weltall kommen und so etwas wie ewige Lichter sind. Diese wirre Überlegung bewahrt mich davor, beim Anblick der Personen, die sich in der Höhle versammelt haben, zusammenzuzucken.

Sie sind alle da. Theo Bronsky mit einem dämlichen Grinsen auf dem Gesicht und die alte Frau, die ich für seine Mutter gehalten habe, die aber die Mutter von Adrian Rachow ist. Meine Tante Klara. Unsere Tante Klara, Nadia, wenn du sie doch nur sehen könntest. Die alte Frau sitzt in einem Rollstuhl, ein Tuch über ihrem Gesicht, so dass ich erneut allein am sanften Heben und Senken des Stoffes erkennen kann, dass sie überhaupt am Leben ist. Polizeihauptmeister Beck steht hinter dem Rollstuhl, wie ein Krankenpfleger, nur dass die weiße Uniformen tragen und keine schwarzen. Denn allen ist gemeinsam, dass sie schwarz tragen, selbst das Tuch auf dem Gesicht der Frau im Rollstuhl ist schwarz..

Nur Sarah fehlt. Was haben sie mit ihr angestellt? Ich habe getan, was sie von mir wollten, ich habe ihnen die Kanope gegeben. Ich war in der grünen Pyramide, habe die vorwurfsvollen Blicke der Widderhornschlange und ihren Vorwurf ertragen.

Ich weiß, was du getan hast.

Als ich den Opferstein erblicke bleibe ich abrupt stehen. Erika und Doris lassen es geschehen. Sie wollen, dass ich begreife. Sie geben mir Zeit.

Auf dem Altar liegt ein Mensch. Nackt. Über und über mit ockerfarbenen Zeichnungen bemalt. Es ist Adrian Rachow.

Daneben steht wie ein unsicherer Messdiener Simon Vagts. In seinen Händen hält er feierlich die Kanope. Er ist ebenfalls ganz in schwarz gekleidet. Was ist bloß aus den purpurnen Kapuzenmänteln geworden, die die Gestalten im Wald getragen haben?

Es ist falsch. Die ganze Situation ist vollkommen verkehrt. Ich gehöre auf den Altarstein. Ich bin die Auserwählte. Ich bin die Braut Gyamlarhoteps. Was hat Rachow dort zu suchen. Ich lache. Natürlich ist das alles völlig falsch. Ich gehöre gar nicht hierher. Ich muss nach Hause. Ich bin heute für eine Telefonschicht eingeteilt, obgleich ich nicht die geringste Vorstellung habe, was heute eigentlich für ein Tag ist. Selbst, wenn Wochenende ist, so kann ich eine Schicht übernehmen. Ich brauche das Geld. Mein Leben hat sich noch nicht wieder gefügt nach dem Attentat. Ich kann jeden Cent gebrauchen.

Ich will mich umdrehen, die Höhle verlassen, von hier verschwinden. Die beiden Frauen an meiner Seite halten mich zurück.

»Ganz ruhig, Kleines«, flüstert Erika. Was auch immer diesmal in dem Tee gewesen war, es hat mich nicht nur betäubt, sondern endgültig in den Wahnsinn getrieben. Anders kann ich mir meine wirren Gedanken nicht erklären. Weshalb sollte ich die Auserwählte sein? Was ist verkehrt daran, dass Adrian Rachow auf dem Opferstein liegt? Seine Opferung wurde vor siebenundzwanzig Jahren unterbrochen, also ist es völlig in Ordnung, dass er dort liegt und sein Schicksal vollendet. Und trotzdem gibt es mir einen Stich, dass es für mich nicht auf diese Art enden wird. Vielleicht fürchte ich, dass es niemals für mich endet, das ist die einzige Erklärung, die Sinn ergibt. Sofern in dieser Höhle überhaupt etwas Sinn ergeben kann.

Der Griff der beiden Frauen wird fester. Sie zwingen mich, weiter zu gehen. Sie dirigieren mich zum Altar.

Ich blicke mich hilfesuchend um. Endlich spüre ich wieder Angst und Verzweiflung, wie das lose Ende eines Rettungsseils, das meinen Händen entglitten war. Wenn ich die Gefühle zulasse und sie wachsen, wird auch die Kraft zurückkehren. Ich werde mich befreien und diesen unheimlichen Ort endgültig verlassen. Noch bevor ich diese Gedanken zu Ende gedacht habe, stehe ich vor dem Altar.

Rachow wendet den Kopf. Er blickt mich an. Seine Augen sind glasig. Entweder sind das Tränen oder sein Tee war von einer stärkeren Dosis, als sie mir mitgegeben haben.

»Es ist jetzt an dir, deine Bestimmung zu vollenden«, sagt er mit klarer Stimme. Er steht nicht unter Drogen. Sein Wahnsinn benötigt keine Kräutertinkturen.

Erika und Doris lassen mich los. Ich wanke. Kurz greift Erika mir unter den Arm, doch ich schüttele sie ab.

Ich beuge mich vor. Rachow lächelt und eine Träne läuft über seine Schläfe. Er weint. Es sind Freudentränen. Er weiß, dass er seine Bestimmung gefunden hat, während ich keine Ahnung habe, was ich hier überhaupt soll.

Er richtet sich auf, wischt sich mit den Handrücken über die Augen wie ein kleiner Junge, der sich seiner Tränen schämt. Es ist so lächerlich. Da hockt Rachow, dessen nackter Körper mit Hieroglyphen und uralten Schriftzeichen übersät ist vor mir und streckt mir seine Hand entgegen.

»Es war so dumm, dich töten zu wollen«, sagt er. »Sie hatten deine Bestimmung nicht verstanden. Und ich war nicht da, sie davon abzuhalten. Sie sahen in dir nur die Person, die die Anderen fälschlicherweise als die Auserwählte ansahen. Dabei ist es genauso. Du bist auserwählt.«

Ich schlage seine Hand weg. Die Kraft, die ich mobilisiere überrascht mich selbst und die Wucht der Bewegung bringt mich erneut ins Wanken. Die Geräusche in meinem Rücken verraten mir, dass Erika und Doris mich stützen wollen. Bevor ich protestieren kann, gibt Rachow ihnen einen Wink, zurückzubleiben.

»Es ist gut«, sagt er. »Sie erkennt endlich ihr Schicksal.«

Ich erkenne endlich, dass ich im völlig falschen Film bin. Das tumbe Gefühl, dass mich eben noch lähmte, fällt von mir ab. Einen kurzen Moment ist mir noch schwindelig, dann kehrt meine Konzentration zurück. Adrenalin flutet meine Blutbahnen. Ich werde wach. Was auch immer Erika mir verabreicht hat, verliert seine Wirkung.

Ich will ihm ins Gesicht spucken, unterschätze dabei meine zurückkehrenden Kräfte und treffe lediglich seine Brust. Es stellt sich heraus, dass das deutlich effektiver ist. Die Schriftzeichen auf seiner Brust verwischen. Als mein Speichel an seinem Oberkörper hinunterläuft, zieht er noch das eine oder andere Symbol in Mitleidenschaft. Ich grinse.

Erika in meinem Rücken jault auf, als habe ihr jemand eine Ohrfeige gegeben. Sie drängt sich an mir vorbei und betrachtet wimmernd die Zerstörung der rituellen Zeichen auf Rachows Körper.

Er stößt sie zur Seite und erhebt sich.

»Ad ligandum eos pariter eos coram me!«, ruft er. Ich habe Latein nach der zehnten Klasse abgewählt und verstehe kein Wort.

»Ad ligandum eos pariter eos coram me!«, wiederholt er mit lauterer Stimme. Er schreit fast.

»Sie kann den Schwur nicht brechen«, redet er beruhigend auf Erika ein, die rasch wieder bei ihm ist und mit einem Zipfel ihrer schwarzen Bluse zu retten versucht, was zu retten ist. Es sieht ulkig aus, wie sie ihren Körper vorreckt, um mit dem Stoff wenigstens an seinem Bauch dem Zerstörungswerk meiner Spucke Einhalt zu gebieten.

»Es ist gut, Erika. Sie hat keine Macht über die Zeichen.« Erika lässt von ihm ab und als sie sich zu mir umdreht, steht ihr der blanke Hass ins Gesicht geschrieben. Ich genieße meinen kleinen Triumph, der mich aber nicht weiterbringt. Mit Spucke allein, ist den Verrückten nicht beizukommen. Sie sind in der Überzahl und jeder einzelne ist wahnsinnig genug, mich auf der Stelle ohne Skrupel ins Jenseits zu befördern. Sie halten sich nur zurück, weil mir eine Rolle zugedacht ist. Immer noch. Mir ist also nur die stumpfe Waffe geblieben, diese Rolle zu verweigern, worin sie auch immer bestehen mag.

Ich höre, wie sich der Rollstuhl der alten Frau in Bewegung setzt. Es ist ein elektrischer Stuhl. Er poltert über den felsigen Boden der Höhle, durch den Körper der alten Frau geht bei jeder Unebenheit ein Zittern. Es fehlt nicht viel und sie stürzt mit ihrem Rollstuhl, gelangt dann aber doch bis zum Altar und bleibt vor Rachow und mir ruckelnd stehen.

»Du hast Mutter ja bereits kennengelernt«, bemerkt Rachow.

Und ob ich das habe. Tante Klara.

Das schwarze Tuch ist, wie jenes, dass die alte Frau im Feierabendhaus trug, mit einer Klammer an ihrem schütteren Haar befestigt. Das Tuch hebt und senkt sich regelmäßig. Sie atmet. Über ihre Beine ist eine Wolldecke gelegt. Sie nickt mir zu und sagt:

»Ich habe deine Stimme ja gleich erkannt, als du zu mir gekommen bist. Nicht, dass du mich für senil hältst. Aber, du hast ja immer schon gelogen.«

Ich schweige. Dann greift die alte Frau unter ihre Decke und holte einen Gegenstand hervor. Es ist ein Messer. Eine blank polierte Klinge. Sie hält das Messer in der Hand, die Schneide reflektiert das lodernde Feuer der unzähligen Fackeln an der Wand und ich bin mir sicher, dass sie gerade einen riesengroßen Fehler gemacht hat. Rachow sieht gar nicht hin. Er sieht nicht, dass seine Mutter eine Waffe hervorgeholt hat und es für mich ein Leichtes ist, nach dem Messer zu greifen und endlich die Oberhand zu gewinnen. Eine Möglichkeit, mich endlich zu verteidigen.

Es dauert viel zu lange, bis ich in der Lage bin, mich aus meiner Starre zu lösen. Rachow wird den Fehler jeden Augenblick bemerken und dann ist es vorbei. Er wird das Messer an sich nehmen. Nur, dass gerade das nicht passiert. Stattdessen reicht die Frau mir mit zitternden Händen das Messer. Als ich den Griff zu fassen bekomme, überzieht Gänsehaut meinen Körper. Von oben bis unten. Ich halte eine Waffe in meinen Händen.

Endlich.

© 2019 Andreas Riehn
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