SIEBEN: Das Urteil des Blutes

Kapitel 58

Keine Panik und ich meine das ganz wörtlich. Ich empfinde keine Panik. Mein Herzschlag ist vollkommen ruhig, mein Atem gleichmäßig. Ich versuche zu begreifen, was gerade mit mir geschieht. Ich richte meine Aufmerksamkeit auf das, was vor mir liegt und nicht auf das, was in den letzten Tagen geschehen ist. Und obgleich der größte Schrecken mir erst noch bevorsteht, bin ich von einer tumben Gelassenheit erfüllt, klebrig und fest wie ein Beutel voller Schleim. Ich betaste ihn, kratze an seiner Oberfläche, wie an einer Eiterblase, die jedem Versuch widersteht, sie zum Platzen zu bringen.

Ich liege nackt auf einer Art Pritsche. Erika beugt sich über mich und trägt mit einem feinen Pinsel Symbole und Schriftzeichen auf meine Haut auf. Dabei wiegt sie ihren Kopf hin und her. Sie murmelt beschwörende Formeln in einer mir unbekannten Sprache, leckt sich die Lippen wie eine beflissene Schülerin, die sich in Schönschrift übt. Glotzt durch ihre dicken Brillengläser auf meinen unbekleideten Körper und ihre Glubschaugen folgen den Linien, die der Pinsel zieht, über meine Brust hinab zum Bauch und weiter nach unten. Knapp über meiner Scham hält sie inne und betrachtet ihr Werk. Bestimmt kommt es genau darauf an, dass sie die Zeichen richtig aufmalt, da der Zauber sonst nicht wirkt. Ein Lächeln umspielt ihren Mund, sie ist mit sich zufrieden.

Sie ist heute nicht in ihrer Schwesterntracht unterwegs, sondern in ein schwarzes Kleid gewandet. Eine goldene Kette mit schweren Gliedern, wie amerikanische Rapper sie tragen, hängt um ihren Hals. Der massive Anhänger hat die Form der tentakelbehafteten Gesichtszüge Gyamlarhoteps.

Wir sind allein. Nur wir beide. Warum springe ich nicht auf? Weshalb wehre ich mich nicht? Erika wird nichts gegen mich ausrichten können, wenn ich sie angreife und niederringe.

Ich bleibe liegen, spüre, wie der Pinsel mit nasser Farbe (oder Blut?) erneut über meine nackte Haut streicht, wie sie ihn absetzt, ihr Werk betrachtet, lächelt und dann fortfährt.

Haben sie mir ein Beruhigungsmittel gegeben? Einen weiteren ›Scheiß-egal-Tee‹? Ich erinnere mich nicht. Alles, was ich weiß ist, dass wir in der Höhle sind. Ich habe den Opferaltar gesehen, als sie mich vorhin hierher geschleppt haben. Geschleppt? Mitnichten. Ich bin ihnen freiwillig gefolgt, wie ein Lamm zur Schlachtbank. Sie müssen mir ganz einfach etwas eingetrichtert haben, anders kann ich mir meinen Zustand nicht erklären. Es muss mir gelingen, Angst in mir zu entfachen. Allein blankes Entsetzen kann mich aus meiner Lethargie reißen und mich zur Besinnung bringen.

Ich versuche, mir vorzustellen, was mich in der Opferhöhle erwartet. Was haben sie mit Tim Strohm angestellt? Ich rufe mir den Artikel über die Entdeckung seiner Leiche in Erinnerung.

Uns wurde mitgeteilt, dass nicht davon ausgegangen werden könne, dass die Organentnahme erst nach Eintritt des Todes erfolgte.

Ein Messer. Ein Messer, das in meine Brust eindringt. Ich habe das alles schon einmal mitgemacht.

Ich blicke an mir hinab und sehe den Griff des Messers, wie er aus meiner Brust herausragt. Radovics hat mir das Messer in den Körper getrieben.

Sie haben gesagt, es geht nicht anders.

Ich presse mein Kinn auf meine Brust. Da ist kein Messer. Nur ein Zeichenpinsel in der Hand eines alten Weibes, die geschwungene Linien und krakelige Buchstaben auf meine Brüste aufträgt. Ich habe halluziniert.

Erika legt den Pinsel zur Seite. Ist es soweit? Sie verharrt. Begutachtet sie ihre Arbeit? Ihr Blick fixiert einen Punkt auf meinem Körper und dann betasten ihre schwieligen Finger die Narbe auf meiner Brust.

Ein Knubbel wird bleiben.

»Dirk hat ihn bewundert, musst du wissen«, sagt sie. »Ein einfältiger Junge, wenn du mich fragst, aber in Adrian hat er sich nicht getäuscht. Er hat alles für ihn getan.«

Dirk? Spricht sie von Dirk Radovics? Ich bin unsicher, ob ich sie richtig verstanden habe. Ich höre ihre Stimme wie durch Watte. Sie hat mir irgendetwas eingeflößt, daran kann es jetzt keinen Zweifel mehr geben.

»Er hat versucht, mich zu töten«, erwidere ich. Meine Zunge ist schwer, klebt an meinem Gaumen und ich weiß nicht recht, ob ich die Worte wirklich gesagt oder mir nur eingebildet habe.

»Es war ein Fehler, das habe ich ihm gleich gesagt. Aber Dirk glaubte, dass du eine Gefahr für das wahre Opfer darstellst, für Adrian. Und Adrian konnte ihn nicht von seiner Dummheit abhalten, denn er saß ja in der Psychiatrie. Selbst Adrians Mutter konnte Dirk nicht aufhalten.«

»Adrians Mutter?«

»Die gute Lydia war aber auch damals schon etwas gaga. Du hast sie ja kennengelernt. Aber sie wollte nicht, dass Dirk sich einmischt. Nun, es war vergebens.«

Lydia?

»Aber ja, natürlich Lydia. Adrians Mutter. Theo Bronsky kümmert sich rührend um sie. Adrian war ja verhindert. Die Sache mit dem Polizisten war seine Dummheit. Aber jetzt fügt sich alles. Die Bestimmung erfüllt sich. Ich habe es immer gewusst. So eine Idiotie, dich umbringen zu wollen. Ich habe Dirk gesagt, dass Gyamlahortep dir eine andere Rolle zugedacht hast. Aber er hat nicht auf mich gehört, sondern auf die Einfältigen. Auf diesen Beck zum Beispiel. Ein Wunder, dass Adrian ihn nicht zur Verantwortung gezogen hat. Aber einen Polizisten können wir unserer Situation nun mal gut gebrauchen. Nun, das ist nun alles einerlei. Es fügt sich. Du bist nicht die Auserwählte, das nicht, aber du wirst Adrians Schicksal vollenden, das ist deine Bestimmung.«

»Warum?«

»Warum? Weil es Gyamlarhoteps Wille ist. Darum. Die Anderen halten dich für die Auserwählte. Immer noch. Das ist wie ein Schimmelfleck, kommt immer wieder durch. Aber, bald hat der Spuk ein Ende.«

»Nadia ist die Auserwählte.« Es geht mit einem Mal besser mit dem Reden. Meine Zunge löst sich. Wenn ich jetzt auch noch meine Entschlossenheit zurückgewinne, dann werde ich den Kampf schon noch aufnehmen.

»Nadia, Kosra. Das ist doch ohne Belang«, blafft sie mich an. »Komm‹ mir nicht so. Es war dein Plan. Du bist hier einfach wieder aufgetaucht und hast die Dinge ins Rollen gebracht.«

»Ich habe gar nichts getan.«

»Ja, red’ dir das nur ein. Ich habe sowieso nicht begriffen, was du vorhattest. Hat ›ne Weile gedauert, bis ich deine Rolle begriffen habe.«

Sie hebt ihre Hand von meiner Brust und streichelt über meine Wange. Ich versuche, den Kopf zu schütteln. Meine Bewegungen sind langsam und verzögert, wie in Zeitlupe, dass ich stattdessen meine Wange gegen ihre Handfläche presse, als wolle ich mich in ihrer Berührung wiegen.

»Es ist gut, Kindchen. Alles ist gut. Gyamlarhotep hat über dich gewacht und Dirk Radovics hat für seine Dummheit bezahlt. Du bist jetzt da, wo du sein solltest. Erfülle dein Schicksal und wehr‹ dich nicht länger.«

Aus den Augenwinkeln sehe ich, wie eine weitere Person den Raum betritt. Auch sie ganz in schwarz, ein plüschiger Pullover und Leggings und die gleiche schwere Kette wie Erika. Doris Kapp, Inhaberin und Wirtin des Galgenkrugs. Sie hat ein gefaltetes Stück Stoff aus scharlachroter Seide ordentlich über ihren Arm gelegt, vielleicht ein großes Tuch oder eine Art Umhang. Ich kann es nicht genau erkennen.

»Es ist soweit«, sagt sie und kontrolliert mit der freien Hand den Sitz ihrer betonierten Frisur.

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© 2019 Andreas Riehn
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