Kapitel 57

Rachow und Beck sind vor dem Eingang zurückgeblieben. Zuerst habe ich noch auf Rachow gewartet. Ich konnte nicht glauben, dass er sich die Untersuchung des Grabes entgehen lässt. Was hält ihn zurück? Fürchtet er einen Angriff von mir, den er in der Enge des Grabes nicht parieren könnte? Lächerlich. Ich habe keine Waffe und ich wüsste nicht, was mir hier drin als solche dienen könnte.

Als Rachow mich antrieb, mich zu beeilen, wusste ich endgültig, dass ich das Grab allein erkunden muss und so seltsam es klingen mag, ich bin dankbar. Ich fürchte die Fragen, die er stellen könnte, wenn er sieht, was im Inneren der Grabkammer lauert. Ich will nicht danach gefragt werden und erklären müssen, was vor siebenundzwanzig Jahren hier geschehen ist.

Zum Glück habe ich noch den Schlüsselbund bei mir, an dem sich die kleine Taschenlampe befindet. Vom Eingang her fällt kaum Licht in die Kammer. Die Batterie der Lampe ist zwar fast leer. Es reicht aber, um die Umrisse im Inneren der Grabkammer knapp ausmachen zu können.

»Mach' schon, Kosra. Und keine Sperenzien.«

Die Kammer ist noch kleiner als es die Grabanlage von außen vermuten lassen würde. Und sie ist viel kleiner als ich sie in Erinnerung habe. Überhaupt meine Erinnerung. Ich verdränge sie. Ich kann mich ihr nicht stellen. Keinesfalls in diesem Grab.

Die Wände sind glatt und aus Lehm gefertigt. Sie wölben sich zur Decke hin nach innen. Am unteren Rand der Grabaußenwände reiht sich ein kniehoher Felsbrocken an den anderen. An der gegenüberliegenden Wand ist eine Urne in einer Nische eingelassen. Das ist nicht die Kanope, das weiß ich genau, denn ich erinnere mich, dass diese Urne schon da war, als ich das erste Mal die Grabkammer betreten habe. Damals konnte ich mich aufrichten, was heute nicht mehr geht. Ich würde mir den Kopf an der Decke stoßen.

Mein Blick wandert weiter an der Wand entlang. Da ist sie. Sie ist real. Sie ist es immer gewesen. Ich kann mir nichts mehr vormachen. Das Symbol ist in den Lehm geritzt. Schwach schimmert der ockerfarbene Farbton in der Zeichnung. Die Widderhornschlange. Sie hat auf mich gewartet. Sie hat gewartet und gewacht. Gewartet und gewacht.

Ich weiß, was du getan hast.

Ich senke den Blick. Unterhalb der Schlangenzeichnung ruht in der hinteren Ecke der Kammer auf kleineren Steinbrocken ein Baumsarg. Er schält sich schwach aus dem funzeligen Licht der Minitaschenlampe und den Schatten meiner Erinnerung. Es ist alles vorhanden. Die Darsteller und auch das Bühnenbild meines Alptraumes. Ich weiß genau, was noch fehlt, was selbst der Alptraum vor mir verborgen hat.

Der schwache Lichtkegel der Taschenlampe gleitet über einen Körper auf dem Boden. Meine Erinnerung bringe ich zum Schweigen.

Das Skelett liegt in der Mitte der Kammer, dort, wo ich es erwartet habe. Es ist nicht das Skelett eines Erwachsenen. Wie denn auch? Es liegt auf dem Bauch. Zum Glück. Ich könnte es nicht ertragen, in die leeren Augenhöhlen zu blicken. Ich wollte schon damals nicht in die Augen blicken. So legte ich mich, als es geschehen war, daneben und starrte an die Decke des Grabes. Ich war bereit, dort liegen zu bleiben. Bis mich die Stimme rief und mir befahl, wieder hinaus zu treten ins Licht, ins Leben. Es war meine Stimme.

Vielleicht sollte ich mich jetzt wieder daneben legen, auch wenn ich mittlerweile gewachsen bin und wir nicht mehr Schulter an Schulter und Fuß an Fuß ruhen könnten. Ich könnte einfach die Ewigkeit über mich hinweg rollen lassen, wie die Wellen über einer Ertrinkenden.

»Verdammt, was dauert da drin so lange?« Rachows Stimme peitscht mich in die Wirklichkeit zurück, zwingt meinen Blick in die Gegenwart und zerreißt die Bilder, die sich vor meinem inneren Auge fügen wollten. Zum Glück. Ich könnte sie nicht ertragen.

Der Schein der Taschenlampe gleitet über das Skelett, über den verrotteten Stoff des Kleides, über den eingeschlagenen Schädel hinweg zu jener Stelle, an der ich das Gefäß vergraben habe. Es ist die Stelle, an der es

mir
ihr
uns

aus den Händen geglitten ist.

Es ist tiefer im Boden vergraben, als ich erwartet habe. Ich schaufele das Erdreich zu Seite und da ist sie. Das Heiligtum. Die Kanope der Kurgankhre.

»Ich hab es«, rufe ich erleichtert. Ja wirklich. Ich fühle Erleichterung. Ich will hier raus. Ich will fort. Mir ist egal, was mir draussen bevorsteht. Dieses Grab hat mich erwartet, sich für meine Rückkehr bereit gehalten.

Du hättest nicht zurückkehren dürfen.

Wenn ich diesem Grab erst wieder entronnen bin, kann kein Schlimmeres auf mich warten.

Noch bevor ich ganz aus der Kammer hervor gekrochen bin, entreißt Rachow mir die Kanope. Seine Augen leuchten, als er das Gefäß von allen Seiten betrachtet, mit zittrigen Fingern fährt er über die Symbole und Zeichnungen an der Oberfläche.

»Du hast es wirklich geschafft. Du hast die Kanope des Kurgankhre zurückgeholt. Zweifelst du immer noch an deiner Bestimmung?«

Ich höre seine Worte kaum. Schüttele den Kopf, weil es keine Erwiderung, kein Auflehnen mehr gibt. Ich will nur, dass sie es endlich zu Ende bringen.

Beck hält die Pistole in der Hand und richtet sie auf mich.

»Nicht!« Rachow drückt seinen Arm herunter, bis der Lauf auf den Boden zeigt. »Steck‹ sie weg. Kosra wird uns folgen. Sie wird ihr Schicksal vollenden. Ist es nicht so, Kosra?«

Ich bringe immer noch kein Wort heraus. Ich nicke.

»Ich habe die Wahrheit immer gewusst und jetzt ist es an dir, deine Bestimmung zu vollenden.«

Wir gehen.

Ich drehe mich nicht um, Rachow und Beck müssen mich nicht zwingen, ihnen zu folgen. Der Ruf in meinem Rücken treibt mich an.

»Viel Glück, Schwesterherz.«

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