Kapitel 56

»Ein Meteoritenkrater. Mehr als zehn Millionen Jahre alt«, doziert Rachow, als wir den Rand des Kessels erklommen haben. Ich bin immer noch wacklig auf den Beinen. Beck hält meine Arme auf meinem Rücken in dem unerbittlichen Schraubstock seiner Pranken und stößt mich vorwärts, bis ich fast über die Kante stürze.

Vor uns erstreckt sich eine schüsselartige Senke nahezu kreisrund. Der Leuchtturm ragt erloschen und verlassen hinter den Wipfeln der Bäume hervor.

Aus dem Boden der Seitenwände erheben sich Bäume und Büsche, hinter denen das Gebilde am Boden des Kraters verborgen liegt. Ich muss es nicht sehen, um mich genau an den Bau zu erinnern. Eine grasüberwucherte Pyramide. Also nicht direkt eine Pyramide wie die berühmten Bauten in Gizeh, sondern eine Art Aufschüttung die auf einer quadratischen Grundebene mit abgeflachten Seitenwänden zwar in die Höhe strebt, deren Winkel in der Mitte jedoch abrupt spitzer werden, als wäre es den Erbauern plötzlich nicht schnell genug gegangen.

Überhaupt die Bilder meiner Erinnerung. Ich sehe zwei Mädchen, die in blutverschmierter Kleidung in den Kessel hinab taumeln. Eines der Mädchen trägt ein Gefäß mit beiden Händen vor sich her und eilt voraus.

Komm', es ist noch nicht vorbei.

An wucherndes Unterholz erinnere ich mich nicht. Wir stolperten zwischen Farnen und Gräsern hindurch, stürzten ein ums andere Mal über eine Wurzel oder weil wir zu schwach waren, aber, da waren keine Bäume und nicht solch hohe Sträucher, wie sie sich jetzt vor uns auftun.

»Muss ein eher kleiner Brocken gewesen sein, vielleicht der Begleiter eines größeren Meteoriten, der zur gleichen Zeit über dem Meer niedergegangen ist.«

Ich lasse Rachow reden. Es verschafft mir Zeit, meine Situation und meine Möglichkeiten zu überdenken, wobei die Situation mehr als genug Anlass zum Grübeln gibt, während die Möglichkeiten spärlich gesät sind, sofern sie überhaupt existieren.

»Bemerkenswert, dass Nadia ausgerechnet diesen Ort gewählt hat, um die Kanope zu verstecken«, fährt Rachow fort. »Ob sie von dem Grab gewusst hat? Was meinst du? Oder hat Gyamlarhotep sie geführt?«

Ich möchte ihm ins Gesicht spucken, wenn ich nur genügend Spucke zusammen bekommen könnte. Ich kann den affigen Namen seiner albernen Gottheit nicht mehr hören. Meine Gedanken rasen, was die Trockenheit meines Mundes nur verstärkt. Was wollen sie noch von mir? Sie wissen jetzt, wo das Ding ist. Sie brauchen mich nicht mehr. Werden sie mich jetzt töten und meine Leiche hier vergraben? Ich muss an den Jungen denken, dessen geschundenen Körper sie in einem anderen Wald vergraben haben. Bald werden sich die Maden an meinem verwesenden Fleisch laben, wie einst an dem von Tim Strohm.

Beck gibt mir einen schmerzhaften Stoß in den Rücken.

»Na, los. Mach‹ schon«, faucht er und ich spüre seinen feuchten Atem in meinem Nacken. Er treibt mich hinunter in die Senke. Rachow folgt uns mit einigen Schritten Abstand.

»Wie können wir die Fügungen ignorieren?«, höre ich seine Stimme hinter mir. »Er hat Nadia damals wie heute geführt. Ohne ihren perfiden Plan, wäre ich nicht so einfach an dich heran gekommen und hätte sie damals das Heiligtum nicht versteckt, wäre es mit Sicherheit in die Hände der anderen gefallen.«

Beck treibt mich gnadenlos vor sich her durch das Unterholz, das die Seitenwände der Senke bedeckt. Steine bohren sich durch meine viel zu dünnen Schuhsohlen und Dornen zerren an meiner Kleidung. Ein peitschendünner Zweig schlägt mir ins Gesicht und hinterlässt einen blutigen Striemen auf meiner Wange.

»Von welchen anderen sprechen Sie eigentlich die ganze Zeit?«, gebe ich Rachow zur Antwort. »Ihr seid doch eine einzige Mischpoke.«

»Kosra, du enttäuscht mich ein ums andere Mal«, erwidert er mit einem fröhlichen Unterton, als befänden wir uns auf einem heiteren Wochenendausflug.

»Ich habe es dir doch ausführlich erklärt?!«

»Dann erklären Sie es mir nochmal!«

Und lass‹ dir Zeit, damit ich mir im Klaren werde, wie ich hier rauskomme, denke ich.

»Na schön. Es ist mir wichtig, dass du die Zusammenhänge erkennst.«

Beck knurrt etwas Unverständliches in meinem Rücken und lässt seinen Unmut an mir aus, indem er mir einen Boxhieb in die Wirbelsäule mitgibt.

Rachow baut sich so dicht vor mir auf, dass sich unsere Nasen fast berühren. Beck macht sich einen Spaß daraus, mich näher an seinen Herren und Meister zu schieben.

»Die Sekte ist Vergangenheit. Troysch ist tot und die überlebenden Mitglieder sind nie wieder nach Totenbruck zurückgekehrt. Der Gedanke wird dir nicht behagen, aber mich macht das traurig, denn die Anhänger, die der Kult unter den Einwohnern in Totenbruck noch hat, sind ein jämmerlicher Haufen. Sie haben Gyamlahortep nach dem Krieg verraten und allein der armselige Gedanke, dass sie durch ein geeignetes Opfer wieder zu Wohlstand kommen könnten ist erbärmlich. Sie sind die Anderen und es ist meine Bestimmung den Glauben wahrhaft neu zu entfachen. Gyamlahortep wird die Anderen nicht erhören, denn er will ihr Opfer gar nicht. Er verlangt nach einem Gefährten. Er verlangt nach einer Seele, die an seiner Seite steht und über diese Welt herrscht. Troysch hatte das erkannt und die richtige Entscheidung getroffen und der alte Veys hat das auch verstanden und ihn unterstützt. Nur sein Sohn Lucien hat das nicht kapiert. Aber dieser Feigling braucht uns nicht weiter zu interessieren. Er war vor siebenundzwanzig Jahren schon nicht mehr in Totenbruck. Vielleicht will er zurückkehren und den Platz seines Vaters einnehmen. Ich weiß es nicht. Aber, was auch immer er vorhat, er wird zu spät kommen, denn ich werde die Kanope besitzen und sie allein weist den Weg zu Gyamlarhotep.«

Ich zögere, hin und hergerissen, zwischen dem Wunsch, ihn auszulachen und dem Bestreben ihn weiter hinzuhalten, um einen Ausweg für mich zu entdecken. Wenn ich nur einen klaren Gedanken fassen könnte.

Zeit. Ich muss Zeit gewinnen. Selbst, wenn ich Interesse an diesem ganzen Irrsinn heucheln muss.

»Was ist so besonders an gerade dieser Kanope?«

Rachow wendet schweigend sein Gesicht und blickt zur grünen Pyramide, die sich aus dem Dickicht langsam herausschält. Sie ist grün, weil sie von Gräsern bewachsen ist. Das ist kein Steingebilde, sondern eine Aufschüttung in der Form einer Pyramide.

Sie ist nur noch wenige Meter entfernt.

»Tu‹ nicht so, als ob es dich interessieren würde.« Er verharrt und dreht sich wieder zu mir um.

»Nun gut, ich will es dir sagen. Es ist die Kanope des Kurgankhre. Er kam neunhundert Jahre vor Christi nach Totenbruck. Gesandt von seinem Pharao, der von Gyamlarhotep gehört hatte. Kurgankhre war sein ranghöchster Priester und er gab ihm die Kanope mit, die vollständig aus Metall gefertigt ist. Aus Eisen, um genau zu sein. Erstaunlich nur, dass die Ägypter zu der Zeit die Eisenherstellung praktisch nicht beherrschten. Sie arbeiteten mit Bronze, aber nicht mit Eisen. Außerdem zeichnet sich die Kanope durch einen hohen Anteil an Nickel aus. Einen viel höheren Nickelanteil als irdisches Eisen.«

War ja klar, dass es wieder irgendwas mit Außerirdischen zu tun hat. Ich habe keine Lust mir auszumalen, welche abstrusen Theorien er dazu entwickelt hat, sehe aber auch keinen Sinn darin, ihn mit einer provokanten Erwiderung vor den Kopf zu stoßen. Auf der anderen Seite wird mein Leben von diesem antiken Teil abhängen. Ich kann mir beim besten Willen nicht erklären, wozu ich ihnen noch nützlich sein soll, wenn sie es erst in Händen halten. Meine Uhr tickt, lauter und eindringlicher je näher wir der Grabanlage kommen. Es ist klar: Meine Zeit läuft ab.

In meiner Erinnerung und den wirren Bildern meines Alptraumes kam mir der Grabhügel viel größer vor. Er ist ohne Zweifel riesig, bestimmt zehn bis fünfzehn Meter hoch, von Gräsern und Büschen überwuchert. Das Gebilde in meinem Alptraum hatte jedoch glatte grüne Wände, wie aus einem gewaltigen Edelstein herausgearbeitet und erschien so groß wie die ägyptischen Pyramiden, die ich in Bildbänden gesehen hatte. Wahrscheinlich gab es damals das Buschwerk noch nicht, sondern nur eine Grasfläche. Letztlich erscheinen uns die Räume und Orte unserer Kindheit in der Erinnerung immer viel größer, als wir sie als Erwachsene empfinden.

Den Eingang markiert ein knapp hüfthoher, rechteckiger Durchlass, breit genug, dass sich ein Mensch gebückt gerade so hindurch quetschen kann. Eine eingelassene stählerne Gittertür versperrt den Zugang und ist mit einem massiven Vorhangschloss gesichert.

»Scheiße«, murmelt Beck in meinem Rücken und packt mich noch schmerzhafter als zuvor, als könnte ich etwas dafür, dass der Eingang gesichert ist. Was haben sie geglaubt, hier vorzufinden?

Obgleich? Rachow scheint überhaupt nicht überrascht zu sein.

»Was hast du erwartet?«, erwidert er. »Das Grab wurde wissenschaftlich noch nicht untersucht. Es ist doch klar, dass es geschützt ist.«

»Wie sind dann die Mädchen damals hineingelangt?«

»Ach, Beck, beschäftigst du dich denn gar nicht mit den heiligen Orten?«

Beck gibt nur ein missgelauntes Knurren von sich und sagt kein Wort.

»Was hast du erwartet? Der Krater wurde überhaupt erst vor dreißig Jahren freigelegt. Er war von Erdreich zugeschüttet. Zuvor hielten sie ihn für die Aufschüttung eines eiszeitlichen Gletschers, auch wenn seine nahezu runde Form das nicht eben nahelegte. Das Grab wurde damals erst entdeckt. Ein Wunder, dass die Idioten es nicht versehentlich mit abgetragen haben. Es wurde nur kurz geöffnet und inspiziert, danach in situ verschlossen. Als die Mädchen die Kanope hier versteckten, muss das in dem Zeitfenster der Öffnung gewesen sein. Hat jetzt noch irgendjemand Zweifel an den Fügungen Gyamlarhoteps?«

Der Stoßseufzer entfährt mir ganz unwillkürlich, doch Rachow grinst nur breit.

»Nun, von dir habe ich nichts anderes erwartet. Lass' sie los, Beck.«

Beck zögert, gibt mich nach einem kurzen Augenblick aber frei. Ich reibe mir die Handgelenke und spüre, wie das Blut wieder in meinen Händen zirkuliert.

»Und jetzt?«, will Beck wissen.

Rachow schaut hoch zum Rand des Kraters, der nur undeutlich durch die Bäume und Büsche zu erkennen ist.

»Den Bolzenschneider hast du im Auto gelassen, oder?«

»Ich kann ihn holen.«

»Dafür haben wir keine Zeit. Schieß es auf!«

»Bist du wahnsinnig. Der Schuss verrät uns.«

»Hier ist niemand. Und wenn schon? In der Nähe befindet sich ein militärisches Übungsgelände. Ein einzelner Schuss erregt keine Aufmerksamkeit.«

»Bist du dir da sicher?«

Rachow macht einen gequälten Gesichtsausdruck. Becks Widerrede behagt ihm gar nicht.

»Du bist die Polizei. Dir wird schon was einfallen, falls jemand zu neugierig wird.«

»Ich weiß nicht…«

»Jetzt mach‹ schon!«

Beck zieht umständlich die Pistole hervor, tritt vor den Eingang und zielt auf das Schloss.

Der Knall ist ohrenbetäubend. Vögel fliegen auf und ein Pfeifen erklingt in meinen Ohren. Es wird lauter als das Echo verhallt und löst sich dann in meinen gepeinigten Hirnwindungen auf. Werden sie sich tatsächlich herausreden können, falls jetzt hier jemand auftaucht? Müssen sie das? Beck hält ein gutes Argument in seinen Händen und ich hege keinen Zweifel, dass sie bereit sind über Leichen zu gehen.

»Du hast schlecht gezielt«, kommentiert Rachow. Das Schloss ist unversehrt. Beck gibt der Tür frustriert einen Tritt. Sie erbebt nur leicht in den Angeln.

»So wird das nichts«, schimpft Rachow. »Du musst nochmal schießen, doch diesmal besser zielen.«

Beck schießt. Es sind keine Vögel mehr da, die auffliegen könnten und diesmal habe ich mir die Ohren zugehalten. Kein Pfeifen diesmal. Ich fühle das Blut in meinen Adern, so schwer und heiß. Allein das Rauschen des Blutes, wie es an- und abschwillt.

So viel Blut.

Mein Kopf droht zu platzen. Ich reiße die Augen auf.

Das Vorhangschloss ist auseinandergesprengt und seine Einzelteile liegen am Boden verteilt. Die Tür ist aufgesprungen. Die Tür, die vor siebenundzwanzig Jahren nicht da war. Damals war dort nur ein dunkles Loch, in das zwei neunjährige Mädchen gekrochen sind. Zwillingsschwestern. Die Ältere voran. Wie sollte es auch anders gewesen sein. Ich zögerte.

Ich bin zurück. Es geht zu Ende.

»Komm’ endlich«, sagt das andere Mädchen in den Schatten des Grabes. »Komm’! Hier ist Platz für uns beide.«


© 2019 Andreas Riehn
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