Kapitel 55

I see your face before me
As I lay on my bed

Ich ringe nach Luft. Das gleißende Licht ist verloschen. Dunkelheit hat mich erneut umschlossen. Am schlimmsten aber war, dass ich nicht atmen kann. Nein, so ist es nicht. Ich kann einatmen, aber nicht ausatmen.

Irrlichter tanzen vor meinen Augen. Die Panik weicht einer unendlichen Ruhe, bis ich meinen Köper über die undurchdringliche Schwärze gleiten lasse. Ich schwebe und es dauert einen Moment, bis ich erkenne, dass es keinen Körper mehr gibt.

Mama?

Alles wird gut. Es wird alles wieder wunderbar.

»Mama?«

Und etwas lauter: »Mama!«

Keine Antwort. Ich öffne die Augen und sofort ist die Panik zurück, dass ich ersticke. Meine Lunge ist bis zum Bersten mit Luft gefüllt, ich richte mich hastig auf. Als die Schatten mich schon wieder umfangen wollen, entweicht die Luft meinen Lungen wie ein unendlicher Stoßseufzer. Ich atme. Tränen rinnen über mein Gesicht.

Ich reibe mir die Augen und durch den Schleier entdecke ich mich selbst. Jedenfalls halte ich das Mädchen, das nur wenige Meter von mir entfernt steht für mein Spiegelbild. Dann begreife ich, dass es nicht mein Spiegelbild sein kann, denn ich halte kein Gefäß in meinen Händen. Meine Hände sind leer.

Das ist kein Spiegelbild. Das ist sie. Meine Zwillingsschwester. Sie hat meine Welt in eine Hölle verwandelt. Sie ist ein Monster. Ich habe ihren Namen schon vergessen und wenn ich mich nur anstrenge, dann wird auch sie wieder verschwinden und alles wird wieder gut. Sie hat meine Welt zerstört.

»Dreh' dich nicht um«, sagt das andere Mädchen und umklammert das Gefäß nur noch fester.

Ich wende dennoch den Blick, will sehen, wo unser Auto geblieben ist. Unser neues postgelbes Auto.

Dreh' dich nicht um.

Warum nicht?

Erst kommt ein einzelner Reifen in mein Blickfeld, dann das Heck, das bis auf den abgerissenen Reifen intakt aussieht. Die Rücksitzbank ragt ins Freie. Der vordere Teil des Wagens liegt zusammengeknüllt wie ein riesiges Bonbonpapier einige Meter weiter vorne.

Ich blick in die schreckensgeweiteten Augen meiner Mutter. Der leicht geöffnete Mund gibt keine Antwort. Wie denn auch? Es ist ja eben nur der Kopf. Der Rest ihres Körpers ist verschwunden.

»Komm’«, sagt das andere Mädchen. »Wir müssen es verstecken.«

Ich folge ihr. Mir wird schon noch einfallen, wie ich verschwinden lassen kann. Wenn sie erst verschwunden ist, ist alles wieder gut.

Wir erklimmen eine Anhöhe. Oben angekommen blicken wir in eine Art Kessel, eine nahezu kreisrunde Senke, so weitläufig, dass die Bäume auf der anderen Seite auf die Größe von Streichhölzern geschrumpft sind. Der gegenüberliegende Wald ist nicht so dicht wie das Gehölz, aus dem wir getreten sind. Dahinter liegt das Meer. Und rechts von uns ragt ein Leuchtturm aus braunen Ziegeln in die Höhe. Sein Licht wandert gleichmäßig über den Rand der Senke, streicht über ihre blutverschmierten Körper und beleuchtet für einen kurzen Moment eine Pyramide in der Mitte des Abgrundes. Eine grüne Pyramide.

»Komm’«, wiederholt das Mädchen. »Es ist noch nicht vorbei.«

Ich weiß.

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