Kapitel 54

Sie haben mich geknebelt und in den Kofferraum verfrachtet. Gefesselt haben sie mich nicht. Das ist auch nicht nötig. Ich kann mich auch so kaum bewegen und im Kofferraum befindet sich nichts, was ich als Waffe gegen sie einsetzen könnte, wenn sie mich erst wieder herauslassen. Was kann mir eine Waffe schon nützen? Es gibt kein Überraschungsmoment und Beck ist bewaffnet. Dass seine Pistole jetzt mit scharfer Munition geladen ist, war keine leere Drohung. Mir ist nur die Erkenntnis geblieben, dass sie mich für irgendetwas noch brauchen. Ich bin nützlich, das ist der einzige Grund, weshalb ich am Leben bin. Ich besitze nur nicht die blasseste Vorstellung, was sie von mir wollen. Ist es möglich, dass sie den genauen Fundort der Kanope ohne meine Hilfe nicht bestimmen können?

Was hatte Beck gesagt?

Das alte Königsgrab an der ehemaligen Landstraße. Das Miststück muss sie dort vergraben haben.

Was meinte er mit ›Königsgrab‹? Was auch immer damit bezeichnet wird, könnte zu groß sein, als dass sie dort ohne meine Hilfe weiterkommen. Erwarten sie, dass ich an diesem Königsgrab einer Erinnerung begegne, die ihnen der Bericht meines Traumes nicht längst offenbart hat? Eine Erinnerung, die das Versteck exakt lokalisiert? Das ist die einzige Erklärung.

Mir selbst gelingt es nicht, die Bilder des Traumes mit einer realen Landschaft in Verbindung zu bringen. Eine grüne Pyramide? Beck hat mich nach der Farbe gefragt. Das muss ein wichtiges Indiz sein, aber, wie kann es in dieser Gegend eine Pyramide geben? Bei dem Gedanken an die reale Welt, die meinen Blicken entzogen draußen vorbeizieht, versetzt es mir einen Stich.

Wir müssen Totenbruck längst verlassen haben. Die beklemmende Enge des Kofferraums lässt die verstrichene Zeit zwar wie eine Ewigkeit erscheinen, aber es ist mindestens eine viertel Stunde vergangen. Der Wagen gleitet seit einigen Minuten in konstant hohem Tempo dahin, nachdem er eine langgezogene Kurve durchfahren hat. Ich vermute, dass wir uns auf einer Autobahn befinden. Das Brummen schwerer Dieselmotoren zieht von Zeit zu Zeit auf der rechten Seite vorbei, wenn wir einen LKW überholen und von den anderen Fahrzeugen kann ich einmal das tuckernde Geräusch eines Käfermotors identifizieren und ein anderes Mal das verhaltene Röhren eines Sportwagens, der sich angesichts des vermeintlichen Polizeiwagens mit der Geschwindigkeit zurückhält. In der Ferne läuten die Glocken einer Kirche und später dringt mehrere Minuten ein Lied aus einem aufgedrehten Autoradio an mein Ohr.

Oh baby, baby, how was I supposed to know
That something wasn’t right here

›Baby One more Time‹ von Britney Spears.

Die alltäglichen Geräusche, so nah und doch unerreichbar, unterstreichen meine ausweglose Situation. Die wahre Welt scheint für mich verloren, ihr Klang begleitet den Weg zwischen den Albträumen; dem Albtraum meiner Kindheit und dem Albtraum einer von einem Teufel besessenen Ortschaft. Das Ziel unserer Fahrt verspricht mir keine bessere Realität, als Totenbruck.

Der Wagen verringert seine Geschwindigkeit und bleibt schließlich stehen. Das war keine Ausfahrt. Wo auch immer sie angehalten haben, es befindet sich in unmittelbarer Nähe der Autobahn. Viel zu dicht am Verkehrsgeschehen, um ein Parkplatz oder eine Raststätte zu sein. Die Geräusche der vorbeirasenden Autos und LKWs sind so nah, dass wir wahrscheinlich auf dem Seitenstreifen stehen.

Rachow und Beck wechseln kein Wort. Der Motor läuft. Eine Wagentür wird geöffnet und einer der beiden steigt aus. Kurz darauf setzt sich der Wagen erneut in Bewegung, nur um nach wenigen Metern wieder anzuhalten. Die Person die ausgestiegen ist, kehrt in den Wagen zurück und die Fahrt setzt sich auf einem holprigen Weg fort. Mehr als einmal schlingert der Wagen oder fährt durch ein Schlagloch. Wasser spritzt an die Unterseite und ich werde hin und her geworfen, stoße mir den Kopf am Radkasten und mein Knie schlägt gegen den Kofferraumdeckel. Nach einer Weile erklimmt das Auto eine Steigung, die Reifen drehen durch und zum ersten Mal, seit sie mich hier eingesperrt haben, höre ich ihre Stimmen.

»Pass‹ doch auf«, ruft Rachow. »Es fehlt noch, das wir hier im Schlamm steckenbleiben.«

»Ist halt kein Geländewagen«, erwidert Beck. »Ich mach‹ das schon.«

Die Geräusche der Autobahn sind verklungen, zumindest höre ich sie neben dem aufheulenden Motor und den durchdrehenden Reifen nicht mehr. Es macht einen Schlag gegen das Fahrwerk, als der Wagen über einen größeren Gegenstand rumpelt. Danach scheint sich der Weg zu ebnen. Keine Schlaglöcher mehr, aber holprig genug, um keine befestigte Straße zu sein.

Kurze Zeit später stoppen sie. Der Motor brummt im Leerlauf.

»Sollen wir von hier aus zu Fuß weiter?« Das war Beck.

»Ist sie das überhaupt?«, fragt Rachow.

»Klar. Die alte Landstraße. Stillgelegt, seit die Autobahn fertig gestellt wurde.«

»Ist das die Stelle?«

»Da vorne ist es passiert. Ich habe den Unfallbericht und die Fotos gesehen. Dort wo die Straße eine Biegung macht. Damals waren da aber keine Bäume. Der Lastwagenfahrer hat die Kurve geschnitten. Klassiker.«

»Ok. Verstecken wir den Wagen und dann los.«

Der Motor heult auf, die Hinterreifen finden anfangs keinen Halt, dann macht der Wagen einen Satz und biegt auf eine Straße ein, die gepflastert sein muss, wenn ich die Laufruhe der Reifen richtig interpretiere. Nach einigen Metern verringern sie die Geschwindigkeit, biegen erneut ab, lassen den Wagen ausrollen und halten schließlich an. Der Motor geht aus. Sie steigen aus. Als sie den Kofferraum öffnen ist da nur gleißendes Licht.

© 2019 Andreas Riehn
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