Kapitel 53

Es ist aus. Vorbei. Ende. Ein Mantra. Mehr nicht. Ich bin zu keinem klaren Gedanken mehr fähig. Ende.

Ich möchte schreien, toben, zusammenbrechen. Ich tue es nur einfach nicht. Es ist wie in meinem Traum. Ich sehe mich selbst auf der Rücksitzbank des Wagens sitzen. Ich möchte mich selbst an den Schultern packen und schütteln. Wehr' dich. Sitz' nicht einfach nur da. Tu' endlich was.

Lass' mich in Ruhe. Es ist aus. Vorbei, verstehst du? Ende!

Erst als Beck und Erika Sarah aus dem Wagen zerren, erwache ich aus meiner Erstarrung. Ich springe auf. Rachow packt mich, bevor ich es ganz aus dem Wagen schaffe, zwingt mich in seinen Griff und ich spüre seinen Atem an meinem Hals.

»Ruhig, Kosra. Dem Mädchen wird nichts passieren«, wispert er. »Sie ist in guten Händen. Auch David ist wieder munter geworden. Deshalb musste ich ihn leider fesseln. Und auch dir wird nichts geschehen, wenn du vernünftig bist. Es ist an dir, alles zu einem guten Ende zu bringen«, fährt er fort, als rede er mit einem Kind.

»Ich werde gar nichts tun«, erwidere ich. »Sie können mich mal.«

Beck kehrt zurück. Ich möchte die Hand, die über seinen Mund fährt, in seinen Rachen stopfen.

»Und?«, fragt Rachow an den Polizisten gerichtet.

»Das alte Königsgrab an der ehemaligen Landstraße. Sie müssen sie dort vergraben haben.«

»Schau' Kosra,« sagt Rachow wieder an mich gerichtet. »Es geht nicht um dich. Wir wollen die Kanope, das ist alles.«

Arthur Weisz und Edgar Bronsky präsentieren SS-Obergruppenführer Westhoff die Kanope des KurgAnkhRe, Geburtstag des Führers, 20. April 1937.

»Ich habe keine Ahnung, wo sich das Ding befindet.«

»Aber natürlich hast du das«, säuselt Rachow. »Du hast es Beck doch gerade erzählt. Dein Traum!«

Mein Traum? Der Alptraum vom Unfall meiner Eltern? Die Vase. Das Teil, das Nadia in Händen gehalten hat. Wenn diese jetzt Affen wissen, wo es versteckt ist, sollen sie es sich holen. Was wollen sie noch von mir?

Beck zieht seine Waffe aus dem Holster. Die Pistole, mit der er Adrian Rachow erschossen hat. Aber das ist nicht passiert. Rachow lebt. Beck zieht das Magazin aus dem Griff, holt ein anderes aus seiner Jackentasche hervor und lässt es einrasten.

»Das sind jetzt keine Platzpatronen mehr, Schätzchen«, sagt er.

»Gut gemacht«, lobt Rachow ihn. »Ich war mir nicht sicher, dass es klappt.«

Beck grinst über beide Ohren.

»Was soll dieses Theater noch? Sie wissen jetzt, wo sich die Kanope befindet. Sie sollten Gyamlarhotep nicht länger warten lassen.«

»Ach, Kosra. Du verstehst es nicht. Und lästere nicht über unseren Gott. Du leugnest ihn, wie alle Ignoranten.«

»Euren Gott? Wie kann es Ihr Gott sein? Sie sollten geopfert werden. Sie sind das Kind, das damals gerettet wurde.«

»Gerettet? Was weißt du schon?« Er spuckt die Worte aus und Zorn zeichnet sein fiebrig glänzendes Gesicht.

»Ich war auserkoren, erwählt. Dieser Idiot von Verkehrspolizist hat alles zerstört. Er hat den Priester getötet. Das war keine Rettung. Er hat mir meine Bestimmung geraubt. Und deine Schwester das Miststück hat die Kanope, das Heiligtum, gestohlen. Du bist genauso ahnungslos wie sie.«

Er streckt seine Hand nach mir aus. Ich weiche zurück und pralle gegen Beck, der hinter meinem Rücken um das Auto herum gekommen ist. Instinktiv packe ich Rachows Hand und stoße sie weg. Er lässt es lächelnd geschehen.

Sie haben noch etwas vor und es wird darauf ankommen, meine Entschlossenheit zum richtigen Zeitpunkt zurückzugewinnen. Wenn ich überhaupt noch eine Chance habe, dann wird es nur eine einzige sein. Sie brauchen mich noch. Ich weiß zwar noch nicht, wofür. Aber, wenn ich es erst erkenne, heißt es, einen Plan zu schmieden.

»Wie mutig du doch bist, Kosra. Kaum zu glauben, dass du dich jahrelang in deiner Wohnung verkrochen hast. Es ist dieser Ort, der dich stark macht, Kosra. Das solltest du endlich erkennen. Es ist Gyamlarhotep, der über dich wacht und dich führt.«

»Der kann mich mal.«

Sein Gesicht zuckt so heftig, das es sich für einen Augenblick zur Fratze verzerrt und ich fürchte schon, den Bogen überspannt zu haben. Wenn ich mich täusche und sie mich doch nicht mehr brauchen, dann habe ich in diesem Augenblick mein Leben verwirkt. Doch Rachow fängt sich wieder.

»Ich erwarte keine Erkenntnis von dir, aber etwas mehr Dankbarkeit. Wir haben Lucien von dir abgelenkt. Ist es nicht so, Beck?«

»Er ist beschäftigt«, höre ich den Polizisten hinter mir sagen. »Aber er wird die Finte bald erkennen.«

»Es ist ganz einfach. Ich will nur die Kanope. Ich hatte befürchtet, dass allein Nadia weiß, was mit ihr geschehen ist. Alles was ich wusste, war, dass das Gefäß beim Unfall verloren gegangen oder schlimmer noch zerstört worden war. Der Gedanke, dass das Heiligtum für immer verloren sein könnte, machte mich wahnsinnig. Dank‹ dir weiß ich jetzt, dass es gerettet wurde.«

»Dann holen Sie sich endlich das verdammte Ding und lassen Sarah und mich in Ruhe.«

Bevor Rachow meine lästerlichen Worte mit einem gepeinigten Gesichtsausdruck oder Schlimmeren quittieren kann, ruft Erika.

»Was ist jetzt? Die Kleine wird allmählich wach. Ich kann mich hier nicht um sie kümmern.«

Rachow lässt es sich nicht nehmen, mir einen drohenden Blick angedeihen zu lassen, bevor er sich zum Volvo umdreht, wo Erika neben der geöffneten Fahrertür mit in den Hüften gestemmten Fäusten auf eine Antwort wartet. Mutter verliert allmählich die Geduld mit den Jungs, genau wie ich, nur dass ich nicht in der Lage bin, es zum Ausdruck zu bringen. Ich muss auf den geeigneten Moment warten.

»Fahr‹ schon mal los. Wir holen das Heiligtum. Wir sehen uns dann am Treffpunkt.«

Erika nickt, steigt ein und startet den Wagen. Sie fährt mit Sarah davon.

Wir sehen uns dann am Treffpunkt.

Beck hat unterdessen eine Straßenkarte aus dem Polizeiwagen geholt und auf der Motorhaube ausgebreitet. Er fährt mit den Fingern über das Papier.

»Hier ist es.«

Rachow lässt von mir ab und gesellt sich zu ihm.

»Die Straße ist gesperrt.«

»Na und? Ich bin die Polizei. Ich komme überall hin. Was machen wir mit ihr?«

»Wir nehmen sie mit. Was sonst?«

© 2019 Andreas Riehn
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