Kapitel 52

Es ist kein Traum, keine erneute Halluzination. Es ist Realität und es musste auch niemand von den Toten auferstehen. Der Mann, der sich über Adrian Rachow beugt, ist Polizist, aber natürlich nicht derselbe wie vor siebenundzwanzig Jahren.

Ein einfacher Verkehrspolizist. Ein wahrer Held.

»Es war Notwehr«, sagt er. Der Beamte ist ungefähr in meinem Alter und etwas dicklich. Sein volles rotbraunes Haar ist akkurat gescheitelt. Vielleicht ist er tatsächlich Verkehrspolizist. Wie das Mitglied eines Sondereinsatzkommandos wirkt er nicht auf mich.

Irgendwie erinnert er mich an jemanden, den ich vor langer Zeit getroffen habe. Ich komme nur nicht drauf, an wen. Wahrscheinlich bin ich aber ganz einfach durch das Gefühlschaos überwältigt, das über mich hereinbricht.

Adrian Rachow ist tot. Er liegt unnatürlich verkrümmt vor der Anrichte. Seine Augen sind geschlossen, der Mund steht, im Erstaunen erstarrt, offen. Sein Oberhemd ist blutdurchtränkt.

»Sehen Sie besser nicht hin«, rät er mir.

Wenn er wüsste, was ich an diesem Ort schon gesehen habe.

Der Polizist kniet sich neben Rachows Körper, fühlt den Puls erst am Handgelenk, dann an der Halsschlagader.

»Da ist nichts mehr zu machen«, stellt er knapp fest.

»Wer hat sie gerufen?«, will ich ihm wissen. Am liebsten würde ich ihm um den Hals fallen, doch dazu müsste ich erstmal aufstehen. Noch traue ich meinen zitternden Beinen nicht zu, mich auch zu tragen.

»Tja, das ist ein Ding, das kann ich Ihnen sagen«, beginnt er zu erklären. »Ich war auf Streife und plötzlich läuft mir da dieses Mädchen vor das Auto.«

»Sarah«, entfährt es mir.

»Genau, das ist ihr Name. Hat irgendetwas von einer Sekte geredet. Seltsam wirres Zeugs. Zuerst dachte ich, dass sie unter Drogen steht. Zum Glück habe ich ihr dann doch noch geglaubt. Sie war aufgeregt und hat mich an diesen Ort geführt. Sie wartet draußen im Wagen.«

Sarah hat es geschafft. Ich habe ihren Schrei gehört. Deswegen bin ich überhaupt wieder in den Wald zurückgekehrt. Ich fürchtete, dass sie der Sekte in die Hände gefallen sein könnte, doch dem ist nicht so. Sie ist in Sicherheit. Sie hat es geschafft. Wir haben es geschafft. Jetzt wird alles gut. Jetzt wird sich alles aufklären.

Mit beiden Händen stoße ich mich vom Boden ab, stütze mich erst auf meine Knie, dann setze ich den rechten Fuß auf und richte mich auf.

Ich fühle mich etwas wacklig, aber meine Beine versagen nicht.

Der Polizist kümmert sich um David, bringt ihn langsam in eine stabile Seitenlage, denn er ist immer noch nicht bei Bewusstsein.

»Gehört der auch zu dieser Sekte?«

»Nein. Sein Name ist David. Er ist Sarahs Freund.«

»Stimmt. Sie erwähnte einen Freund. Ich werde einen Krankenwagen rufen. Allein werden wir ihn nicht aus diesem Keller an die Oberfläche bringen können. Sein Puls ist stabil und die Wunde an seinem Kopf blutet nicht mehr. Er wird es schaffen.«

Er fährt sich nervös mit der linken Hand über den Mund.

»Wir gehen jetzt besser zu meinem Wagen«, sagt er. »Ich muss dringend Verstärkung rufen. Sind hier noch mehr von dieser Sekte unterwegs?«

Er deutet mit seiner Pistole auf die Leiche von Adrian Rachow, dann steckt er sie mit zitternder Hand in sein Holster und fährt sich sogleich wieder über den Mund.

»Ich habe im Wald einige gesehen«, erwidere ich, ohne genau zu erklären, wann und unter welchen Umständen.

»Dann lassen Sie uns gehen. Solange die Verstärkung noch nicht da ist, sollten wir uns hier nicht aufhalten.«

»Wir können David doch hier nicht liegenlassen?«

»Ich bringe Sie zum Wagen, rufe die Zentrale und kümmere mich dann um ihn. Er atmet, die Luftröhre ist frei. Er wird durchhalten.«

Durch das Blätterdach des Waldes dringt das Licht der tiefstehenden Sonne. Es scheint aufgeklart zu haben. Als ich in den Wald ging, war der Morgen gerade angebrochen. Ich muss fast einen ganzen Tag in der Höhle verbracht haben. Ich habe jedes Zeitgefühl verloren.

Ich fühle nichts. Ich bin einfach nur leer. Ist erschöpft der richtige Ausdruck? Ich möchte eher sagen ausgeschöpft, leer geschöpft.

In den letzten Stunden ist zu viel geschehen. Ich habe von meiner Zwillingsschwester erfahren und gelernt, dass sie mich in eine tödliche Falle gelockt hat. David und Adrian Rachow haben versucht, mich zu töten und vor wenigen Augenblicken ist ein Mensch direkt neben mir erschossen worden. Wie ein Schwarm aufgeregter Hummeln ballen sich die Gefühle in mir zusammen, ohne den Ausbruch zu wagen. Es scheint, als ob die meine Gefühle keinen Ausbruch wagen, weil schon die nächste Überraschung bereitstehen könnte und einen noch stärkeren Gefühlstaumel verlangen wird. Doch, was kann das jetzt noch sein?

Selbst die frische Waldluft, gesättigt noch von den Regenfällen des gestrigen Tages, bringt keine Erfrischung. Nicht hier. Nicht in diesem Wald. Nicht in diesem ganzen verdammten Ort.

Vielleicht ist es die erneut aufkommende Dämmerung um mich herum, die meine trüben Gedanken befeuert und die keimende Hoffnung auf ein Ende des Wahnsinns unterdrückt.

Zu viele Schatten wirft das Licht und diese sind in ständiger Bewegung. Die Finsternis macht sich wieder breit.

Bevor die düsteren Gedanken mich niederringen, kriecht hinter mir der Polizist aus dem Kellerzugang und zieht sich unbeholfen an dem Ast nach oben. An der Oberfläche angekommen, ist er ziemlich aus der Puste. Er beugt sich vor und stemmt die Hände auf die Oberschenkel, als habe er gerade einen Marathon absolviert. Er ringt nach Luft, richtet sich stöhnend auf und fährt sich mit der flachen Hand über den Mund. Das scheint ein Tick von ihm zu sein.

Wie ein Held erscheint er wirklich nicht.

»Wie geht es David?«, will ich von ihm wissen.

»Er atmet gleichmäßig«, erwidert der Mann japsend. »Ich werde sofort zu ihm zurückkehren, sobald ich die Zentrale verständigt habe.«

»Mir gefällt es nicht, ihn mit der Leiche allein zu lassen. Ich könnte hierbleiben«, schlage ich vor.

»Auf gar keinen Fall. Solange wir nicht wissen, was mit dieser Sekte ist, lasse ich Sie nicht mehr aus den Augen.«

Er klopft mit der Hand auf das Holster seiner Waffe. Die Geste soll mich beruhigen. Was für einen Moment gelingt, bis er sich erneut mit der Hand über den Mund fährt. Ich kann solche Ticks nicht ausstehen.

»Wie sind Sie bloß da reingeraten?«, fragt er, während wir einer Art Tierpfad folgend, zum Waldrand hasten.

Ich bin mir nicht sicher, ob er das ganze Abenteuer oder lediglich meinen Aufenthalt in der Kellerruine meint.

Bevor ich etwas erwidern kann, fährt er fort: »Ich frage auch bloß, weil ich aus dem Bericht des Mädchens nicht schlau geworden bin.«

»Wie geht es ihr?«

»Sie ist erschöpft. Wir müssen sie in ein Krankenhaus bringen und Sie natürlich auch. Naja, wir sind gleich da, dann können Sie selbst mit ihr reden. Aber, Sie werden mir schon erklären müssen, was das alles zu bedeuten hat.«

Was das alles zu bedeuten hat und wie es vor allen Dingen zusammenhängt, ist mir selbst nicht klar. Nadias Plan lässt zwar nur die Frage offen, ob sie geistig noch gesund ist, aber, welche Rolle dieser Adrian Rachow gespielt hat und was er genau von mir wollte, bleibt mir vorerst ein Rätsel. Er ist auf der Suche nach dieser Kanope, doch weshalb will er das ausgerechnet von mir wissen. Nadia war es doch, die sie vor siebenundzwanzig Jahren an sich genommen hat. Eigentlich habe ich gar keine klare Erinnerung daran, sondern nur die Bilder des Albtraumes, der mich seit meiner Kindheit verfolgt. Wenn ich den Bildern trauen kann, dann saß sie mit dem Ding neben mir auf der Rücksitzbank des Wagens unserer Eltern. Aber, woher soll ich wissen, was danach mit der Kanope passiert ist? Ich kann mich ja nicht mal mehr erinnern, wer uns aus dem Autowrack befreit hat. Polizei oder Feuerwehr wahrscheinlich. Ich kann mir nicht vorstellen, dass die sich groß um ein verstaubtes Tongefäß gekümmert haben werden. Viel wahrscheinlicher ist, dass es bei dem Unfall zerstört worden ist.

Der Polizist hat eine Taschenlampe dabei, die ein spärliches Licht spendet, das uns in dem Dickicht keine Hilfe ist. Wir können einen bloßen Schatten kaum von einer an der Oberfläche verlaufenden Wurzel unterscheiden. Wir merken es erst, wenn wir stolpern, wobei der Polizist einmal sogar hinfliegt und sich mühsam und fluchend wieder aufrappelt.

Wir erreichen den Zaun und ich erkenne gleich, dass ein Loch hineingeschnitten wurde.

»Waren Sie das?«

Er fährt sich wieder mit der flachen Hand über den Mund. Entweder Tick oder er ringt mit seinem Gewissen, weil er gerade einen Menschen getötet hat.

»Wir haben letzte Woche einen Fahrraddieb auf frischer Tat ertappt. Zum Glück hatte ich den sichergestellten Bolzenschneider noch im Kofferraum. Ich hätte ihn längst zu den Asservaten geben müssen.«

Er zuckt mit den Schultern. »Schicksal würde ich sagen.«

Schicksal. Den Begriff werde ich für mich erst neu definieren müssen.

»Wie sind Sie in den Wald gekommen?«, will er von mir wissen.

Ich berichte ihm von dem umgestürzten Baumstamm und deute in die Richtung. In der Dunkelheit ist aber nichts zu erkennen.

»Naja, Sie können mir das gleich alles in Ruhe erklären«, sagt er japsend. Mit seiner Kondition steht es wirklich nicht zum Besten.

Ich kann das Polizeiauto sehen, noch bevor ich mich ganz durch das Loch im Draht gezwängt habe. Es ist ein kantiges, älteres Modell eines VW Golf.

Der Volvo ist verschwunden. Bevor diese Erkenntnis das Räderwerk meiner Überlegungen in Gang setzen kann, entdecke ich Sarah.

Sie sitzt im Polizeiwagen auf der Beifahrerseite. Sie zeigt keinerlei Reaktion, als wir an das Auto treten. Sie ist eingeschlafen. Sie muss vollkommen erschöpft sein. Ich betrachte sie durch das Seitenfenster, während der Polizist sich auf der Fahrerseite in den Wagen beugt und an dem Funkgerät hantiert. Er gibt sich keine Mühe, sie nicht aufzuwecken, aber sie schläft so tief und fest, dass sie gar nichts mitbekommt. Ist vielleicht ganz gut so.

Sarah sieht elendig aus und ich frage mich, ob ich wohl auch so aussehe. Sie lässt sich von dem Polizisten und seinem Funkspruch nicht aufwecken. Es ist besser, wenn sie noch eine Weile schläft, jedenfalls solange David nicht geborgen wurde. Sie würde nur wie ein aufgescheuchtes Huhn verlangen, sofort zu ihm zu dürfen und das wäre ohne weitere Polizisten viel zu riskant.

Der Polizist hat seine Meldung beendet und tritt zu mir.

»So, Verstärkung ist unterwegs. Die Kollegen in der Einsatzzentrale schicken auch einen Krankenwagen. Jetzt kann nichts mehr passieren.«

Ich würde ihm gerne zustimmen, doch das Gefühl, dass der Spuk vorbei ist, mag sich nicht einstellen. Die Anspannung will nicht von mir abfallen.

Als ich nicht antworte, sagte der Mann: »Ich habe mich noch gar nicht vorgestellt. Polizeihauptmeister Beck.«

Habe ich mich ihm eigentlich schon vorgestellt oder hat er mich nach meinem Namen gefragt?

»Kosra Borg«, erwidere ich und erwarte, dass er bestätigt, meinen Namen schon zu kennen. Stattdessen sagt er: »Wie?«

»Kosra Borg.«

»Also, das ist komisch. Das Mädchen sagte, dass Ihr Name Nadia Westhoff sei. Ist da im Wald etwa noch eine weitere Frau in Gefahr?«

Wo Nadia jetzt steckt, weiß ich nicht, aber ich bin mir sicher, dass sie sich nicht länger im Wald befindet. Dass der Volvo verschwunden ist, kann eigentlich nur bedeuten, dass Nadia mit dem Wagen abgehauen ist. Ich denke, es ist an der Zeit, Polizeihauptmeister Beck meine Geschichte zu erzählen. Ich erzähle ihm alles. Angefangen mit meinem Telefonat mit der Rechtsschutzversicherung bis hin zu Adrian Rachows plötzlichem Auftauchen im Keller. Ich habe nichts ausgelassen. Naja, fast nichts. Von Davids Angriff habe ich kein Wort gesagt und Beck erklärt, dass wir gemeinsam zu dem Ferienhaus auf der Anhöhe gefahren sind, nachdem David es auf dem Video erkannt zu haben glaubte. Ich weiß auch nicht, warum ich das tue, aber irgendwie tut er mir leid, dass er verletzt und mit einer Leiche allein gelassen in der modrigen Kellerruine liegt. Ich möchte erst in Ruhe darüber nachdenken, wie ich mit seiner Tat umgehe. Vielleicht hat er ja schon genug gebüßt. Also sage ich, dass er Sarah entgegen gehen wollte, als sie den Wagen holte. Um die Geschichte nicht komplizierter zu machen, als sie bereits ist, kürze ich auch den weiteren Fortgang ab. Ich sage nichts von den Sektenmitgliedern, die in das Ferienhaus eingedrungen sind, sondern erkläre, dass Sarah ohne David aufgetaucht ist und eine Panne hatte und wir uns auf dem Weg zum Wagen aus den Augen verloren haben. Erst als ich mit meinem Vortrag fertig bin, fällt mir ein, dass Sarah ihm die Geschehnisse bereits ganz anders geschildert haben könnte und er mir nun nicht glauben wird. Aber, was soll mich das kümmern? Er wird mich ja nicht gleich verhaften? Und wenn schon? Die Wahrheit wird ohnehin bald als Licht kommen, wenn sich die Polizei erst Nadia vorgenommen haben wird.

Beck legt mehr als einmal den Kopf schief und kneift die Augen zusammen, als würde er an meinen Worten zweifeln. Er fährt sich fortwährend mit der flachen Hand über den Mund und wenn ich nicht überzeugt wäre, dass das nur ein nervöser Tick von ihm ist, wäre die Botschaft dieser Geste eindeutig.

Hey Lady, tragen Sie da nicht ein wenig dick auf?

In Katakomben herumkriechen und eine jahrhundertealte Leiche um eine Videokamera erleichtern? Kapuzengestalten, die mir auflauern? Eine Zwillingsschwester, die wie aus dem Nichts auftaucht? Wer würde da nicht Zweifel bekommen.

Von dem Selbstmord des Arztes wusste er nichts, erklärt mir aber, dass sich die Kollegen später darum kümmern werden.

Er schaut auf die Uhr.

»Das Einsatzkommando müsste gleich hier sein«, sagt er.

»Da Gefahr im Verzug vorliegt, brauchen wir nicht erst auf einen richterlichen Durchsuchungsbeschluss warten. Aber, wem sage ich das? Sie sind ja Anwältin.«

Meint er das ironisch? Glaubt er mir nicht?

Er lehnt sich mit dem Rücken an das Heck seines Wagens und verschränkt die Arme, als würde er zu einem zwanglosen Plausch übergehen.

»Also, das mit Ihrer Schwester ist ja echt ein Ding«, sagt er.

»Was werden Sie in Bezug auf Nadia unternehmen?«

Beck löst die Verschränkung seiner Arme und fährt sich erneut mit der flachen Hand über den Mund. Allmählich macht mich dieser Tick nervös.

»Sie wird zur Fahndung ausgeschrieben, denke ich. Das muss die Einsatzleitung entscheiden. Am besten schicken wir eine Streife zu Ihrer Wohnung. Wenn ich Sie richtig verstanden habe, dann ist sie dorthin unterwegs.«

»Ich gehe davon aus. Sie will …«, ich überlege. Ja, was will sie? Mein Leben kapern, so kann ich das wohl ausdrücken, doch diese Formulierung findet nicht den Weg zu meinen Lippen. Stattdessen stelle ich nüchtern fest: »Sie wird sich als mich ausgeben. Das steht fest.«

»Sie kann doch nicht glauben, dass sie damit durchkommt?«

Soll ich jetzt etwa Rechtfertigungen für meine Schwester finden?

»Ich weiß nicht, was sie glaubt. Sie hat sich jedenfalls Mühe gegeben, ihren verrückten Plan in die Tat umzusetzen.«

Er antwortet nur mit einem knappen »Hm« und stößt sich von der Heckklappe des Polizeiwagens ab. Er wendet sich zum Wald.

»Und dieser Adrian Rachow? Was ist mit ihm? Weshalb hatte er es auf Sie abgesehen?«

»Das habe ich Ihnen doch schon gesagt«, gebe ich etwas unwirsch zur Antwort. Hat er mir denn nicht zugehört? Fast rutscht mir heraus, dass Beck ihn erschossen hat, bevor er irgendwelche Erklärungen abgeben konnte, doch diese zynische Erwiderung verkneife ich mir, mein unwirscher Tonfall ist mir schon unangenehm genug.

»Ja, klar, die Sache mit dieser Vase«, erwidert er.

»Der Kanope«, korrigiere ich ihn.

»Genau. Schauen Sie im Fernsehen gerne Historysendungen?«

Geht er jetzt wirklich zum Smalltalk über?

Ich schüttele den Kopf.

»Also, ich liebe diese Sendungen. Daher weiß ich auch, was eine Kanope ist. Das war so eine Art Grabgefäß im alten Ägypten.«

Zu dumm, dass er Rachow alias Kolev erschossen hat, geht es mir sarkastisch durch den Kopf. Der hätte ihm mit Sicherheit gerne erklärt, was es mit dieser blöden Kanope auf sich hat. Die beiden hätten einen hübschen Plausch halten können. Ich erinnere mich nur an die vergilbte Schwarzweiß-Aufnahme im Feierabendhaus.

Arthur Veys und Edgar Bronsky präsentieren SS-Obergruppenführer Westhoff die Kanope des KurgAnkhRe, Geburtstag des Führers, 20. April 1937.

Bestimmt ist es das Gefäß, das Rachow unbedingt haben wollte, genau diese Kanope. Na, mir kann das jetzt egal sein.

Unterdessen plappert Polizeihauptmeister Beck weiter über altägyptische Gräber und Pharaonen. Er will mich mit seinem Geplauder beruhigen. Das gelingt ihm nur bedingt.

Zu viele Fragen sind geblieben. Und dabei meine ich nicht nur Adrian Rachow. Wie passt Dirk Radovics ins Bild? Ich weiß jetzt, dass er aus Totenbruck stammte, ja sogar in dem Haus wohnte, in das Sarah und David mich verschleppten. Wer hat ihn damals beauftragt, mich umzubringen? Wenn nicht alles gelogen war, was Nadia mir erzählt hat, dann dürfte die Sekte vor drei Jahren noch gar nichts von meiner Existenz gewusst haben. Und wenn Adrian Rachow mich tot sehen wollte, hätte es schon im Hotel Möglichkeiten gegeben, mich zu töten und in der Katakombe unter der Kirchenruine erst recht.

Dann fällt mir ein, dass David mich nur deswegen zu dem Haus gebracht hat, weil er es auf Nadias Video gesehen hat. Hat sie etwa Radovics geschickt? War er ihr Patient gewesen? Weshalb hat sie davon nichts erwähnt?

Und wer ist Lucien? Die alte Frau im Feierabendhaus hat seinen Namen genannt.

So leicht lässt Lucien sich nicht in die Irre führen.

Später dann die Leute, die in die Bauernkate eingedrungen sind.

Wo bleibt Lucien?

Was hat Rachow mir in seiner Rolle als Sebastian Kolev über diesen Lucien gesagt?

»Ich kenne nur einen Lucien. Lucien Veys. Der Sohn des Zementfabrikerben Arthur Veys.«

Ein unerklärlicher Mordanschlag in der Vergangenheit und ein weiterer Unbekannter in der Gegenwart. Hydra ist meine ständige Begleiterin an diesem Ort geblieben.

Wo bleibt nur die Verstärkung? Wenigstens der Krankenwagen hätte längst hier sein müssen. Wie lange liegt David jetzt schon bewusstlos in der Kellerruine? Einer von uns sollte nach ihm schauen. Was ist, wenn er sich erbricht? Beck hat ihn zwar in die stabile Seitenlage gebracht, dennoch darf ein bewusstloser nicht allein gelassen werden.

Gerade als ich Beck in seinem Redefluss unterbrechen möchte, spricht er von den monumentalen Gräbern in der Wüste; den Pyramiden.

Seine Bemerkung löst etwas in mir aus. Eine Bewegung, wie das Kräuseln der Wasseroberfläche, wenn ein unsichtbarer Raubfisch darunter lauernd seine Bahnen zieht.

Der Traum, der mich seit dem Unfall meiner Eltern verfolgt. Die giftgrüne Pyramide, die plötzlich statt des gelben Autos auf der riesigen Pappschachtel erschienen war.

Die Seiten dieser Pyramide liefen nicht zu einer Spitze zusammen, sondern zu einem Buckel, als hätten die Erbauer keine Zeit mehr gehabt, das Bauwerk mit einer Spitze fertigzustellen. Der obere Teil der Pyramide mit einem abgeflachten Gipfel; wie ein Buckel.

»Ist alles in Ordnung mit Ihnen?«, fragt er mich.

Ich habe ihm meine Erlebnisse an diesem Ort anvertraut, ihm von meiner vollkommen durchgedrehten Schwester berichtet, immerhin ist er Polizist und hat mir das Leben gerettet. Aber es ist etwas ganz anderes, ihm meinen Traum anzuvertrauen. Und dennoch lasse ich es geschehen.

»Ich finde, dass Traumdeutung eine faszinierende Sache ist«, antwortet er unbekümmert, als ich ihm von dem Traum berichtet habe. Mich überkommt das schale Gefühl, dass ein Gespräch über die eigenen Träume ein zu intimes Thema ist, um es mit einem wildfremden Polizisten zu erörtern. Es ist nicht richtig, dass ich diese Vertrautheit zugelassen habe und ich fühle mich unwohl dabei.

»Ich setze mich zu Sarah in den Wagen, wenn Sie nichts dagegen haben?«, sage ich, weil ich nur auf diese Art glaube, das Gespräch abbrechen zu können, ohne unhöflich zu erscheinen.

»Ja, natürlich.«

Er öffnet mir die Tür, um mich einsteigen zu lassen.

»Welche Farbe hatte die Pyramide?«

»Die in meinem Traum?«

»Exakt.«

»Weshalb wollen Sie das wissen?«

»Ich sagte doch, dass Traumdeutung ein Steckenpferd von mir ist.«

Nun, so hat er es nicht ausgedrückt, aber was soll’s. Was kann es noch schaden, ihm die Farbe zu nennen.

»Grün.«

»Das dachte ich mir.« Er grinst und schlägt die Tür zu.

Bevor ich noch lange über seine letzte Bemerkung nachdenken kann, fällt mein Blick auf Sarah. Sie schläft tief und fest. Ihr Kopf ruht schief auf ihrer Schulter. Es sieht unbequem aus. Sie wird mit Nackenschmerzen aufwachen. Behutsam versuche ich, ihren Kopf in eine andere Position zu bringen. Es ist gar nicht nötig, vorsichtig zu sein. Sie reagiert nicht auf meine Berührungen.

Beck steigt in den Wagen.

»Was schauen Sie so entsetzt?«

»Sie scheint bewusstlos zu sein«, erkläre ich mit Blick auf Sarah.

»Wundert Sie das? Das junge Ding hat einiges durchgemacht.«

Das Ding.

»Sie reagiert nicht«, erwidere ich. »Ist alles in Ordnung mit ihr?«

»Hören Sie denn nicht? Sie schläft den Schlaf der Gerechten, wie meine Mutter immer sagt.«

Mutter.
Das Ding.

Sie atmet. Ach was, sie schnarcht. Da hat er schon Recht. Aber dennoch. Sie schläft so tief.

Mein Blick fällt auf eine Thermoskanne, die auf dem Armaturenbrett abgestellt ist.

»Brennnesseltee«, sagt Beck. »Von meiner Mutter selbst gemacht. Der wirkt wahre Wunder.«

Wir haben als Kinder Brennnessel zerdrückt. Es war eine Mutprobe.

Mutter.
Das Ding.

Sarah schläft so tief, als wäre sie …

… betäubt.

Im Nebel der Erschöpfung, in der Hoffnung, den eisigen Klauen der Angst entkommen zu sein, habe ich nicht aufgepasst.

Beck schaut mir in die Augen.

»Sie sind ja ganz blass«, sagt er grinsend.

»Es ist nichts«, lüge ich. Er grinst so breit, dass ich gar nicht lügen muss. Ich bin schon wieder in eine Falle getappt.

»Ich schau‹ mal, wo die anderen bleiben«, sagt er immer noch grinsend.

Die Anderen.

Er nimmt das Sprechgerät in die Hand und betätigt eine Taste. Ein Knistern ist zu hören.

Die Thermoskanne. Brennnesseltee. Mutter.

Es ist zu spät.

Ich bin gefangen.

»Ihr könnt kommen«, sagt Beck. »Ich weiß jetzt, wo sich die Kanope befindet.«

Dann wendet er sich wieder mir zu.

»Sie kennen doch den Tee meiner Mutter. Sie ist Krankenschwester, müssen Sie wissen.«

Ich weiß.

Dann geht alles sehr schnell.

Den Volvo erblicke ich zuerst im Seitenspiegel, der die rückwärtige Fahrbahn zeigt. Er biegt vor uns auf den Seitenstreifen ein und bleibt stehen. Erika steigt aus. Schwester Erika.

Ich greife nach dem Türhebel. Er ist blockiert.

»Ruhig, Schätzchen. Du kommst hier nicht raus. Versuch‹ es also gar nicht erst.«

Der Wagen scheint zu schrumpfen, als befände er sich in einer Schrottpresse. Gleich werde ich zwischen Stahl, Plastik und Schonbezügen zerquetscht. Ich halte mich an den Nackenstützen der Vordersitze fest. Sarah schnarcht seelenruhig weiter. Ein Speichelfaden hängt aus ihrem Mundwinkel.

Schlaf der Gerechten.

Mir stockt der Atem, die Brust wird mir eng, als bekäme ich gleich eine Panikattacke. Ich warte darauf, dass alles um mich herum weiß wird, aber das geschieht nicht. Mein Blick bleibt klar. Ich bemerke die Bewegung sofort, ein Schatten knapp außerhalb meines Blickfeldes.

Wieder keine Halluzination, aber dennoch ein Geist. Ich sehe, wie Adrian Rachow durch das Loch im Zaun steigt und lächelnd die Hand zum Gruß erhebt.

© 2019 Andreas Riehn
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