Kapitel 51

Ich erkenne die Stimme sofort. Sein Name ist nicht Sebastian Kolev. Das weiß ich mittlerweile. Ich würde zu gerne sehen, ob er die Fassade des jungenhaften Typs aufrechterhält, die er mir bei unserem ersten Zusammentreffen präsentierte. Nur leider kann ich überhaupt nichts sehen. Es ist stockdunkel.

Die Dunkelheit fühlt sich wie eine erneute Ohnmacht an, wäre da nicht der kalte Beton des Fußbodens unter meinen Händen. Ich bin bei Bewusstsein, nur weiß ich nicht, was ich tun oder sagen soll. Adrian Rachow hat mir im wahrsten Sinne des Wortes gerade noch gefehlt.

Ich versuche, mich mit Gewalt zusammenzureißen.

»Was wollen Sie von mir?«

»Sie hören sich nicht überrascht an«, kommentiert er meinen unerschrockenen Ausdruck.

»Die Fähigkeit, Überraschung oder auch nur Erstaunen zu empfinden, stumpft in Totenbruck rasch ab«, gebe ich zur Antwort und nehme die Schlagfertigkeit meiner Worte perplex zur Kenntnis. Er hat hier gelauert und bestimmt nicht, um Smalltalk zu machen.

Hat er auf mich gewartet oder auf Nadia? Was kann er von mir schon wollen?

Hastig suche ich mit den Händen den Boden ab. Wo ist nur die Taschenlampe?

Es raschelt. Ein Streichholz wird entzündet. Im flackernden Licht erblicke ich Adrian Rachow alias Sebastian Kolev. Er steht direkt vor mir und führt das Streichholz an den Docht einer Petroleumlampe, die er auf der heruntergeklappten Tischtennisplatte abgestellt hat.

»So sieht man sich wieder, Kosra Borg«, sagt er. Sein Gesicht ist ausdruckslos. Er hat die spitzbübische Erscheinung des Sebastian Kolev abgelegt wie ein nutzloses Kleidungsstück.

Ich erinnere mich, was ich von Nadia erfahren habe. Rachow ist krank. Er sehnt sich danach, geopfert zu werden. Er will der Auserwählte sein.

Rachow steht zwischen mir und dem Ausgang. Mir ist der Fluchtweg abgeschnitten. Er ist mir körperlich überlegen. Ich werde nicht an ihm vorbei kommen, wenn er mich nicht lässt.

»Sie fragen sich bestimmt, was ich von Ihnen will, nicht wahr?«

»Ich halte Sie nicht auf, wenn sich von der Sekte opfern lassen möchten«, erwidere ich. Soll er sich doch seinem Wahnsinn ergeben. Ich habe ganz andere Probleme.

Rachow starrt mich an, als könne er in mich hineinsehen.

»Kosra Borg, Nadia Westhoff«. Er spricht die Namen bedächtig so aus, so als könne er nicht sicher sein, welche von uns beiden er gerade vor sich hat. »Zwillingsschwestern.«

»Sie müssen es doch die ganze Zeit gewusst haben. Immerhin stehen Nadia und Sie sich doch nahe.«

»Hat sie Ihnen das erzählt?«

»Ich gehe davon aus. Immerhin haben Sie beide wie Geschwister im selben Haushalt gelebt.«

»Nun übertreiben Sie aber. Meine Mutter war so großzügig, Nadia bei uns aufzunehmen. Das ist korrekt. Ich habe sie aber nicht als Schwester empfunden. Das verstehen Sie doch. Immerhin hat sie mir den Platz an Gyamlarhoteps Seite streitig gemacht.«

»Wenn es das ist, was Ihnen Sorge bereitet, dann kann ich Sie beruhigen. Weder Nadia noch ich machen Ihnen diesen Platz streitig.«

Er grinst und für einen kurzen Augenblick blitzt der spitzbübische Blogger durch, für den er sich mir gegenüber ausgegeben hat.

»Da bin ich mir sicher.«

»Also dann.«

Rachow spricht weiter, als habe er meine kaum verhohlene Aufforderung, mich gehen zu lassen, gar nicht gehört. Oder muss ich deutlicher werden?

»Ich will Ihnen etwas über Nadia Westhoff verraten. Ich habe sie selbst erst vor wenigen Wochen wieder gesehen. Das erste Mal seit dieser unglückseligen Geschichte vor siebenundzwanzig Jahren. Sie hat sich an von Bargen und Erika rangemacht, wollte wissen, ob die Sekte noch existiert und solche Sachen.«

»Sie hat sich nicht an die beiden rangemacht. Sie waren ihre Freunde.«

Das ist es jedenfalls, was ich von den Worten meiner Schwester erinnere.

Sie waren meine Freunde. Ich konnte auf sie zählen.

»Blödsinn«, fährt Rachow mich an, als habe ich seine nächsten Verwandten beleidigt. »Erika und von Bargen haben Nadia ebenfalls erst zu dieser Zeit kennengelernt und waren genauso überrascht über ihr Auftauchen, wie ich. Bisher hatten wir nämlich allein dich auf dem Schirm.«

Auf dem Schirm.

Wieso mich? Nadia hat mir erzählt, dass die Sekte hinter ihr her war. Von mir hatten sie keine Ahnung. Hat sie mich etwa angelogen? Spielt sie in Wahrheit ein ganz anderes Spiel?

Ich denke über Rachows Worte nach.

Dirk Radovics kam aus Totenbruck. Der Mann, der versucht hat, mich zu töten. Ich habe die an ihn adressierte Post gesehen. Er hat in dem Haus gewohnt, in das Sarah und David mich verschleppt haben. Das Haus auf dem Rauen Berg. Radovics wollte mich töten, die Anwältin Kosra Borg. Er kann mich unmöglich verwechselt haben.

»Niemand hier hat von Nadia Westhoffs Existenz gewusst.«

»Das stimmt nicht«, protestiere ich schwach. Nadia hat mich reingelegt. Die Lüge, sie sei eine gespaltene Persönlichkeit lediglich gegen eine neue Unwahrheit ausgetauscht. Was führt das Miststück im Schilde?, ohne zu wissen, wohin diese Diskussion führen soll. Oder lügt Adrian Rachow? Vielleicht hat er nichts von ihrer Existenz gewusst, immerhin hat er die letzten Jahre in der geschlossenen Psychiatrie verbracht. Das könnte eine Erklärung sein.

Ich habe keine Grund, Nadias Geschichte zu verteidigen, dennoch starte ich einen Versuch.

»Sie ist bei Betram Westhoff aufgewachsen.«

»Betram Westhoff? Wer soll das sein?«

»Wolfgang Westhoffs Sohn.«

»Wolfgang Westhoff? Der SS-Obergruppenführer?«

»Genau der!«

»Wolfgang Westhoff war schwul. Er hat nie eine Familie gegründet. Er ist kurz vor Ende des Krieges gefallen.«

Sie hat mich angelogen. Wieder einmal. Ich verstehe nur nicht, welchen Sinn diese Lüge haben soll. Aber, was soll in dem, was meine Schwester getan hat, überhaupt einen Sinn ergeben? Ich muss hier weg, um sie davon abzuhalten, sich vollends mein Leben zu kapern, einerlei welches perfide Spiel sie genau spielt. Jetzt oder nie.

Ich versuche, mich an ihm vorbei zu drängen.

»Lassen Sie mich in Ruhe«, sage ich und versuche, jede Unsicherheit in meiner Stimme zu unterdrücken.

Er packt mit der rechten Hand meinen Hals und drückt zu. Gleichzeitig drängt er mich nach hinten gegen die Wand.

Ich schnappe nach Luft, spüre, wie er meine Schlagadern zudrückt, und ich jeden Augenblick das Bewusstsein verlieren werde.

»Nicht so eilig, da ist noch etwas, was du mir schuldest.«

»Ich schulde Ihnen gar nichts«, presse ich mit letzter Kraft hervor, während meine Sinne schwinden.

Er lockert seinen Griff so weit, dass ich Luft holen kann und das Blut zirkuliert. Er braucht mich bei Bewusstsein. Noch.

Mit dem Zeigefinger der linken Hand tippt er an meine Stirn.

»Es ist da drin. Du hast es bisher nur nicht beachtet oder für nicht bedeutend erachtet.«

Ich rieche Blut. Bin ich etwa verletzt? Als er erneut den Griff um meinen Hals verstärkt, versuche ich, mich mit beiden Händen von ihm abzustoßen, doch ich gleite an seiner Brust immer wieder ab. Er ist voller Blut. Wo kommt nur auf einmal das ganze Blut her? Und dann erkenne ich, dass meine Sinne mich bereits verlassen und ich in Traumbilder abgleite. Er hat mich schon einmal auf diese Weise gepackt, nur dass er mich damals zu Boden geworfen hat. Er war der Junge, der blutüberströmte Junge, der plötzlich mit dem Polizisten aufgetaucht war und sich auf mich stürzte. Er hatte mich mit Nadia verwechselt. Nadia, das verängstigte Mädchen, dass sich in einer Ecke des Kellers verkrochen hatte. Nadia, das Mädchen mit dem Gefäß in den Händen. Ich habe es zuerst für eine Art Vase oder einen Krug gehalten. Doch es war keine Vase und auch kein Krug.

»Die Kanope«, bringe ich mit letzter Kraft hervor.

Er lässt mich los und ich sinke entkräftet zu Boden, bemüht nicht in der Schwärze zu versinken, die sich aus den Schatten über mich zu ergießen versucht.

»Es geht doch«, sagt Rachow und kniet sich hin.

»Was ist mit der Kanope nach dem Unfall geschehen? Im Wrack eures Wagens wurde sie jedenfalls nicht gefunden.«

Ich versuche, nach hinten auszuweichen, doch in meinem Rücken ist die Wand.

»Ich weiß es nicht«, stottere ich. »Nadia hatte das Ding doch.«

»Natürlich hatte sie es. Das Miststück hat die Kanope gestohlen, als dieser verdammte Polizist die Zeremonie störte und den Priester erschossen hat.«

»Arthur Veys.«

»Genau. Arthur Veys. Der alte Fabrikbesitzer. Einen Priester kann man ersetzen, aber nicht die Kanope. Das musst du doch verstehen.«

Ich verstehe kein Wort. Ich begreife überhaupt nicht, was er von mir will. Woher soll ich denn wissen, wo diese dämliche Kanope abgeblieben ist? Und warum ist sie überhaupt so wichtig?

»Ohne die Kanope kann die Zeremonie nicht zu Ende geführt werden. Das Herz des Opfers muss in diese Kanope, sonst ist die Seele verloren«, beantwortet er meine nicht ausgesprochene Frage.

Der Wahnsinn nimmt einfach kein Ende. Nicht nur, dass er unbedingt getötet werden will, sein Herz muss in diese vermaledeite Kanope. Von mir aus sollen seine kranken Wünsche in Erfüllung gehen. Wenn ich könnte, würde ich den ganzen Mistkerl in die Kanope stopfen. Wenn er doch begreifen würde: Ich habe keine Ahnung, was mit dem Gefäß geschehen ist.

Ich höre ein Rascheln hinter dem Vorhang, der den anderen Kellerraum verdeckt. Was war das? Oder täuscht mich das Rauschen des Blutes in meinen Ohren? Rachow scheint jedenfalls nichts gehört zu haben. Er konzentriert sich ganz auf mich.

Seine Hand schnellt erneut an meinen Hals und drückt zu.

»Ich weiß es doch nicht«, erwidere ich, wobei ich mich immer wieder verschlucke und nach Luft ringe.

Die schlecht montierte Schraubzwinge im Raum hinter dem Vorhang ist nicht zu Boden gefallen, sondern hat sich in Rachows Hand verwandelt. Ich reiße den Mund auf. Über meine Lippen kommt ein schwaches Keuchen und kein bisschen Luft in meine Lungen. Sein zur Fratze verzerrtes Gesicht ist dicht vor meinem, wie damals das Gesicht von Radovics, als er mir die Klinge an die Kehle drückte.

»Sie sind genauso ignorant wie Nadia!«, zischt er und sein Speichel spritzt in mein Gesicht. »Ihr seid beide so dumm und armselig. Wie könnt ihr es wagen? Sie hat Gyamlarhotep verraten. Jeder hier hat ihn verraten. Selbst von Bargen hat ihn am Ende verraten.«

Mit letzter Kraft hebe meine Hände. Erst presse ich sie an seine Brust und versuche erneut, ihn von mir wegzuschieben. Es ist aussichtslos. Ich bin nicht bereit aufzugeben. Ich hebe eine Hand und drücke sie in sein Gesicht, bevor es mit meinem verschmelzen kann.

Der Vorhang in seinem Rücken atmet ein und aus, wie es meine Lunge gerne täte. An seinen Rändern dringt Licht aus dem anderen Kellerraum in diesen. Es wird immer heller und strahlender, bis schließlich der ganze Vorhang aus gleißendem Licht gewebt zu sein scheint. Dann wird das Licht mit einem ohrenbetäubenden Knall ausgeschaltet und ich gleite zu Boden. Ich erwarte, dass ich in die Unendlichkeit stürze, daher strecke ich die Arme nicht aus, um den Sturz abzufangen, da ich ohnehin nicht spüre, wo sich meine Arme derzeit befinden. Ich schlage so heftig auf den Betonboden auf, dass mir der Schmerz durch den ganzen Körper fährt. Rachow hat mich losgelassen. Ich sauge die Luft heftig in meine Lungen und ignoriere die stechenden Schmerzen in meinen Rippen.

Langsam richte ich mich auf und da steht vor dem Vorhang, der sich nicht aufgelöst hat, der Polizist aus meinen Träumen mit einer Pistole in der Hand. Ein wahrer Held. Er ist auferstanden, um mich zu retten.

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