SECHS: Das Echo des Blutes

Kapitel 50

Ich. Bin.

Allein.

Viel Glück, Schwesterherz.

Sie ist gegangen. Ich bin nicht länger gefesselt. Die durchtrennten Stricke liegen achtlos auf dem Boden der Höhle. Nadia hat ihr Versprechen gehalten. Sie wird auch das andere nicht brechen.

Ich will dein Leben.

Du kannst mich mal!

Ich stehe viel zu schnell auf. Die Wirkung der Betäubung hat längst nicht nachgelassen. Ich kann mich an dem Altarstein abstützen, bevor ich zurück auf den Boden gleite. Ich ziehe meine Hand zurück, als hätte ich auf eine glühend heiße Herdplatte gegriffen. Der Altar. Ein Opferstein. Hier wurden Menschen ermordet. Ein zwölfjähriger Junge. Tim Strohm.

Die Hand wische ich mir hektisch an der Hose ab, doch das ist gar nicht nötig. Die Blutschlieren auf dem glatten Altar sind längst getrocknet. An meiner Hand kleben nur Dreck und Schweiß.

Ich versuche, auf meinen wackligen Beinen stehenzubleiben, ohne mich irgendwo abzustützen oder mich wieder hinzusetzen.

Wie gerne würde ich meine Erinnerung an die Beichte meiner Schwester als Einbildung abtun. Ich habe Antworten gesucht. Jetzt habe ich sie erhalten. Die Opferhöhle ist nicht der geeignete Ort, mich meinen widerstreitenden Gefühlen zu stellen. Ich habe keine Ahnung, wie viel Zeit mir noch bleibt, bis die Anhänger des Kultes hier auftauchen. Meine Schwester hat mich ihnen zum Fraß vorgeworfen. Bei dem Gedanken versagen mir sofort wieder meine Knie, doch das Stöhnen, das an meine Ohren dringt, ist nicht mein eigenes.

David!

Er liegt an Händen und Füßen gefesselt auf der anderen Seite des Opfersteines. Als er mich erblickt, reißt er die Augen auf und versucht sich mit den Fußsohlen abzustoßen.

Was erwartet er? Dass ich ihm das gleiche antue, was er mir angetan hat? Wenn etwas von der Verbitterung und Bosheit meiner Schwester in mir wäre, läge er mit seiner Befürchtung gar nicht so falsch.

Aber ich bin nicht Nadia Westhoff. Ich bin Kosra Borg.

»Wie lange bist du schon wach?«, will ich von ihm wissen. Bevor Nadia mich betäubt hat, habe ich kein Lebenszeichen von ihm vernehmen können.

Er starrt mich an, wie ein Kind, das eine Bestrafung fürchtet. Wie einfach wäre es, meine Wut, mein Entsetzen und selbst meine Furcht an ihm auszulassen. Ihn spüren lassen, wie es sich anfüllt, einem Wahnsinnigen ausgesetzt zu sein. Mir ist nicht nach Rache. Er wird sich schon noch verantworten müssen, denn ich habe nicht vor, das, was er mir angetan hat bei meinem Bericht gegenüber der Polizei unter den Tisch fallen zu lassen. Doch, das muss warten. Ich löse seine Fesseln.

»Mit wem haben Sie gesprochen?«, fragt er mich, während er sich Hand- und Fußgelenke massiert.

»Mit Nadia Westhoff.«

Kurz bin ich verwirrt, wie erleichtert ich durch seine Bestätigung bin. Ich habe mir das Gespräch mit Nadia, meiner Schwester, nicht eingebildet. Für einen kurzen Augenblick war ich unsicher, ob ich wieder auf ein Trugbild hereingefallen bin.

»So ist es. Du hast also die Falsche erwischt.«

Als ich mich zu ihm vorbeuge, versucht er von mir fort zu robben. Er ist erbärmlich. Und dennoch kann ich ihn hier nicht einfach seinem Schicksal überlassen, so wie Nadia es mit mir getan hat.

»Wir müssen von hier fort«, sage ich. »Kannst du aufstehen?«

Statt zu antworten, stützt er sich erst mit den Ellenbogen auf den Felsboden und richtet sich dann auf.

»Wo ist Sarah?«

Ich sage ihm nicht, dass sie vor mir geflohen ist. Denn das ist sie, sonst wäre sie nicht einfach durch das Toilettenfenster abgehauen.

»Sie hat es auf eigene Faust versucht«, kaschiere ich die Wahrheit, ohne zu lügen. »Wenn wir Glück haben, dann hat sie bereits die Polizei benachrichtigt.«

Das hoffe ich jedenfalls. Ich würde es vorziehen, wenn die Kavallerie bereits vor Ort wäre.

»Geht es ihr gut?«

Fast empfinde ich Mitleid, dann erinnere ich mich, was er mir angetan hat.

»Gut. Sie hast du ja auch nicht mit deinen Fäusten traktiert.«

Er blickt beschämt zu Boden.

»Es tut mir leid«, sagt er. »Ich wusste ja nicht …«

»Lass‹ gut sein«, erwidere ich. »Wir haben keine Zeit dafür. Wir müssen von hier verschwinden.«

Die Fackeln an den Wänden sind fast heruntergebrannt. Ich nehme die Taschenlampe auf, die Nadia zurückgelassen hat. Wie fürsorglich von ihr, geht es mir sarkastisch durch den Kopf.

Vor dem Eingang zur Opferhöhle bleibt David stehen und blickt entsetzt zu der riesigen Steinfigur auf. Ich kann mir gut vorstellen, welche Wirkung sie auf ihn hat. Er sieht sie zum ersten Mal. War er bewusstlos, als sie ihn hierhergeschleppt haben?

Bevor er von seinen Gefühlen übermannt wird, packe ich ihn am Arm und ziehe ihn weiter den Gang entlang.

Die Grubenlampen im Schacht sind erloschen und schalten sich auch nicht ein, als wir auf allen vieren nach oben kriechen. Wahrscheinlich befindet sich nur oben ein Bewegungssensor und nicht auch hier unten, überlege ich.

Ich krieche voraus und gerate kurz in Panik, als der Schacht nicht enden will. Mit ausgestreckten Armen und immer wieder an den glatten Wänden entlangfahrenden zitternden Fingern, schiebe ich mich Meter um Meter nach oben. Immer darauf bedacht, dass mir jetzt nicht auch noch die Taschenlampe aus den Fingern gleitet.

David bleibt dicht hinter mir und diese Tatsache ist nicht gerade dazu angetan, meine Panik zu mildern. Das fehlt mir noch, mit ihm hier eingeschlossen zu sein. Es mag sein, dass er seinen Fehler erkannt hat, dennoch kann ich nicht vergessen, was er mir angetan hat.

War der Schacht wirklich so lang? Es kommt mir vor, als strecke sich die enge Röhre mit einem Mal in die Unendlichkeit.

Dann endlich stoße ich an ein Hindernis. Wir sind oben angelangt. Doch, was ist das? Der Zugang ist versperrt.

Es würde Nadia ähnlichsehen, die Anrichte wieder vor die Öffnung zu schieben, um uns die Rückkehr an die Oberfläche zu versperren. Vielleicht gibt es aber einen Mechanismus, der das Möbelstück zurück in seine Ausgangsposition geschoben hat.

Meine schweißnassen Hände gleiten fiebrig über die glatte Fläche, die David und mich gefangen hält.

»Was ist?«, keucht David hinter mir.

»Der Ausgang ist versperrt.«

»Lassen Sie mich mal«, drängt er und ich spüre, wie er versucht, sich an mir vorbei zu quetschen.

Das Gefühl der Beklemmung überwältigt mich. Statt David Platz zu machen, werfe ich mich mit aller Kraft gegen das Hindernis.

Nichts.

Ich spüre, wie David versucht, mich hinter sich zu ziehen, um es selbst zu versuchen. Oder will er mich gar zurück in den Schacht stoßen?

Mir bleibt nur die Flucht nach vorne und als ich erneut mein ganzes Gewicht gegen die Barrikade presse, fährt die Wand mit einem Ruck zur Seite und ich falle auf den Betonboden des Kellers.

Es ist vollkommen dunkel. Was ist mit der Taschenlampe? Ich muss sie bei dem Versuch, die Sperre zu überwinden, verloren haben.

Hastig robbe ich zur Seite, als ich spüre, wie David hinter mir in den Kellerraum kriecht. Dann flammt die Taschenlampe in seiner Hand auf.

»Ich konnte sie gerade noch festhalten«, sagt er und steht auf.

Er reicht mir die Hand, um mir aufzuhelfen. Als ich sie ergreife, reißt David die Augen auf, als habe ihn durch die Berührung der Schlag getroffen.

Er stürzt nach vorne und knallt mit voller Wucht auf den Boden. Die Taschenlampe gleitet aus seinen Händen und erlischt beim Aufprall mit einem scheppernden Geräusch.

Finsternis.

Ein Rascheln.

Die Stimme, die sich aus der Schwärze erhebt, schnürt mir den Atem ab.

»Guten Tag, Frau Rechtsanwältin.«

© 2019 Andreas Riehn
Powered by Chimpify