Kapitel 5

Hatte sie sich etwa verfahren? Laut Navi war sie nur wenige Minuten von dem Ort entfernt, der ihr genannt worden war, doch die Straße zog sich nur endlos dahin. Von einem Ortsschild oder irgendwelchen Ansiedlungen keine Spur. Sie fuhr durch eine schwarze Unendlichkeit, die zu beiden Seiten der Lichtkegel ihres Wagens von breiten Lindenstämmen gesäumt wurde. Im Rückspiegel versanken die Bäume für einen Moment in flammendes Rot getaucht in der Nacht. Es fehlte bloß noch, dass ihr Wagen, ein betagter Fiat-Kombi, schlapp machte. Wenigstens besaß er ein Navi, auch wenn ihr das im Moment auch nicht viel zu helfen schien.

Den ganzen Tag waren schwere Wolken aufgezogen. Es würde bald regnen. Kein Wunder, dass es stockfinster war.

Kaum zu glauben, dass in dieser Gegend um diese Uhrzeit noch eine Polizeistation geöffnet hatte. Normalerweise übernahmen in den Nachtstunden die Reviere der größeren Orte den Dienst, doch von einer solchen Kleinstadt kündete weit und breit nichts.

Plötzlich schien inmitten der Finsternis eine braunrötliche Insel am Rande des Himmels zu schweben, umgeben von einigen wenigen Sternen zwischen den Wolkentürmen. Eine Wolke, die davon kündete, dass der Mondaufgang bevorstand. In wenigen Tagen war Vollmond, deswegen die seltsam rostige Farbe, die an geronnenes Blut erinnerte. Aber wenn sich der Himmel zuzog, dann würde es nichts mit dem Vollmond am Himmel.

Kosra schaltete das Radio ein.

«… immer noch nicht gefasst. Die Polizei warnt, dass der Entflohene gefährlich ist und auf gar keinen Fall angesprochen werden sollte.»

In den Nachrichten ging es offenbar immer noch um den Mann, der aus einer geschlossenen Psychiatrie entwichen war.

«Erst jetzt wurde bekannt, dass der Mann bereits vor mehreren Wochen aus der Anstalt entkommen war. Der Sprecher der Ermittlungsbehörden wollte sich nicht dazu äußern, weshalb ein öffentlicher Fahndungsaufruf erst jetzt erfolgt. Bürger, die auf den Gesuchten treffen, sollen umgehend die nächstgelegene Polizeidienststelle benachrichtigen.»

Kosra versuchte, einen anderen Sender einzustellen. Etwas Musik wäre nicht schlecht. In dieser gottverlassenen Gegend wurde sie verrückt, solange sie nur Nachrichten von entflohenen Gewaltverbrechern hörte. Außerdem ärgerte sie sich, dass sie den Auftrag überhaupt angenommen hatte. Sie war noch nicht soweit.

Sie fand einen Sender, der ein Lied spielte, das sie nicht kannte, das ihr aber gefiel.

Mit fester Stimme sag ich dir
„Hab keine Angst“
Und ich weiß nicht mehr
Habe ich dir kürzlich erzählt
Dass bald etwas passiert das dir gefällt
Und wir werden nicht vergessen
Wie furchtbar es war

Zum Glück hatte sie im Moment keine Kanzlei, in der sie den Mann empfangen musste. Das Mandat würde sie ausschließlich telefonisch und per eMail führen, basta.

Durch die Straßen durch die Gassen
Weht ein heißer Wind
Der nur sagt:
«Bitte bleib am Leben»

Kosra rieb sich die Schläfe. Warum war sie nicht auf ein Glas Rotwein bei dem Fotografen geblieben? Zu blöd. Warum nur hatte sie sich zu diesem Auftrag breitschlagen lassen?

Wichtiger Kunde.

Wenn sie mehr Geld brauchte, dann konnte sie einfach ein paar mehr Telefonschichten übernehmen. Sie brauchte keine Mandate. Wenn sie allerdings jetzt diesen Typen auf der Polizeistation versetzte, dann würde sie bestimmt auch den Telefonjob verlieren. Und dann? Also Augen zu und durch oder besser gesagt Augen auf, denn dieser verdammte Ort musste doch jetzt bald auftauchen. Nicht ein einziges Hinweisschild. Hatte sie sich die Adresse richtig notiert? Hatte sie sie falsch ins Navi eingegeben? Zu blöd, dass das Gerät nicht anzeigte, was sie eingetippt hatte. Der Zielort wurde durch ein schwarzweiß kariertes Fähnchen symbolisiert und daneben die erwartete Ankunftszeit. Das Fähnchen steckte inmitten einer gähnend leeren dunkelblauen Fläche. Allein ein rotes Dreieck, das ihren Wagen markierte, zeigte, dass sie sich auf das Ziel zubewegte. 21 Uhr 47 blinkte die Anzeige neben dem Fähnchen. Das war in drei Minuten. Verdammt. Sie musste einen Fehler gemacht haben. Es gab keine andere Erklärung, es sei denn, dass Navi war defekt.

Wichtiger Kunde.

Ein Sprecher erklärte, dass das Lied von einer Gruppe namens ‹Tomte› stammte, dann war der Sender abrupt verschwunden. Nur noch statisches Rauschen. Kosra drückte den Sendersuchlauf, doch sie konnte keinen Sender vernünftig empfangen, manchmal drangen Stimmen schwach und unverständlich durch, Wort- und Klangfetzen, als befinde sie sich in einer Rakete, die sich von der Erde entfernte. Irgendwie beschlich sie tatsächlich das Gefühl, sich nicht mehr in dem ihr vertrauten Universum zu befinden.

Sie schaute auf ihr Handy, das sie achtlos auf den Beifahrersitz geworfen hatte.

Kein Netz.

Was wäre geschehen, wenn sie sich auf das Gläschen Wein mit dem Fotografen eingelassen hätte? Wäre sie mit ihm im Bett gelandet?

Die Schlange schmiegte ihren Körper an das Kreuz, ihre lange zittrige Zunge leckte am Kopf des Mannes, der sich mit ausgebreiteten Armen an das Kreuz klammerte, dem Betrachter ungewohnt den Rücken zugewandt. Götter, die an die Stelle anderer Götter treten.

Was für ein absurder Gedanke. Und dann auch noch ausgerechnet eine Schlange. Sie schüttelte über sich selbst den Kopf und blickte dann wieder auf das Handy. Immer noch kein Netz.

Als sie wieder aufschaute, sah sie den Körper, der mitten auf der Straße lag. Ein menschlicher Körper am Rande des Scheinwerferkegels.

Oh, mein Gott nein, schoss es Kosra durch den Kopf.

Götter, die an die Stelle anderer Götter treten.

Sie trat auf die Bremse. Der Wagen schlingerte. Das würde nicht reichen. Sie ließ kurz von der Bremse und riss das Lenkrad herum, als der Körper unter dem Kühlergrill verschwand. Hatte sie gerade einen Menschen überfahren? Sie hatte nichts gespürt, erst als das Auto auf das Bankett fuhr, fühlte sie einen Schlag an der Lenkung.

An der Stelle standen zum Glück keine Bäume, sondern Bänke an einem Tisch, eine Raststelle. Der Wagen kam kurz vor einer der Bänke zum Stehen. Der Motor ging aus. Kosra sank mit dem Oberkörper auf das Lenkrad. Sie schreckte hoch, als die Hupe dröhnte.

Die Person auf der Straße. Hatte sie sie überfahren? Kosra riss die Tür auf und blickte in die Dunkelheit. Nichts. Es war zu dunkel. Sie konnte gerade so die Umrisse der Straße ausmachen, aber nicht erkennen, ob etwas auf der Straße lag. Sie nahm ihr Handy und schaltete die Taschenlampenfunktion ein. Das plötzliche grelle Licht blendete sie und reichte nur bis zum Rand der Straße. Als sie rasch nähertrat und das weiße Licht endlich den Asphalt beleuchtete sah sie den Körper. Hatte sie diesen Menschen gerade überfahren?

Bitte nicht.

Ein Motorradfahrer in einer hellen Lederkombi und schwarzen Stiefeln. Die Person lag auf dem Rücken und das Visier des dunklen Helms war gen Himmel gerichtet.

Bitte, lieber Gott.

Kosra kniete sich neben den Körper.

Das Visier des Helms reflektierte das Licht des Handys. Kosra blinzelte. Die Person in der Motorradkleidung zeigte keine Reaktion. Das Gesicht hinter dem Visier war unsichtbar. Es war eine Frau, so viel erkannte Kosra an den Konturen des Körpers.

Sie hielt das Handy jetzt seitlich, um nicht länger von der Reflexion geblendet zu werden und natürlich um die Person hinter dem Visier nicht zu blenden. Sofern die Person in dieser Welt überhaupt noch geblendet werden konnte.

Was sollte sie nur tun? Sie hatte immer noch kein Netz. Auf gar keinen Fall konnte die Motorradfahrerin länger hier mitten auf der Straße liegen bleiben. Aber durfte sie einfach so bewegt werden? Was wäre, wenn sie sich das Rückgrat gebrochen hatte und jede unachtsame Bewegung nur alles verschlimmern würde? Konnte Kosra ihr überhaupt den Helm abnehmen?

In diesem Augenblick zuckte der Arm der Person und sie packte im nächsten Moment Kosras Hand. Der Griff war erstaunlich kräftig. Sie lebte. Das war das Wichtigste.

«Können Sie aufstehen?»

Keine Reaktion. Der Griff der Hand wurde fester. Sollte Kosra das als Antwort verstehen? Und falls ja, was wollte die Motorradfahrerin damit sagen?

Dann führte die Frau Kosras Hand langsam zum Helm.

«Soll ich ihn abnehmen? Können Sie sprechen?»

Die Frau nickte. Oder besser gesagt, der Helm nickte.

«Ich werde das Visier hochschieben!»

Vorsichtig hob Kosra das Visier an. Ihr raubte es den Atem, als hielte ihr jemand plötzlich den Mund zu. Da war kein Gesicht, nur ein schwarzes Loch. Kosra hob das Handy, um in die Tiefe zu leuchten, die sich hinter dem Visier erstreckte, doch da wurde sie schon hineingezogen und kippte kopfüber in die Finsternis.

Götter, die an die Stelle anderer Götter treten.

ICH BIN.

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