Kapitel 49

«Glaubst du wirklich, dass ich mir die ganze Mühe mit dir gegeben habe, nur um die Polizei zu rufen?»

Zuerst kann ich nichts sehen. Ich spüre, dass ich mit angewinkelten Beinen am Boden hocke und an nacktes Felsgestein lehne. Ich versuche, die Beine zu strecken, doch es gelingt mir nicht. Ich bin gefesselt. Meine Hände sind hinter meinem Rücken zusammengebunden und auch um meine Beine ist etwas geschlungen, das mir jede Bewegung unmöglich macht. Wenn ich nur endlich etwas sehen könnte.

«Warum musst du auch so ungeduldig sein, Schwesterherz?»

Es ist ihre Stimme, die wie meine klingt, die wie meine klingen muss, denn Nadia Westhoff ist ja meine Zwillingsschwester. Sie hat mich niedergeschlagen und gefesselt, soviel ist klar, auch ohne, dass ich mit meinen Augen etwas sehen könnte. Eigentlich sollte ich dankbar sein, denke ich zynisch, immerhin weiß ich jetzt, dass ich nicht verrückt und eine gespaltene Persönlichkeit bin. Ich habe meine Identität zurückerhalten. Ich bin Kosra Borg. So bitter der Gedanke schmeckt, er bringt im wahrsten Sinne des Wortes Licht in meine Welt. Zuerst nur verschwommen, dann immer klarer zeichnen sich die Umrisse der Höhle ab und schließlich die Gestalt meiner Peinigerin, die mit in den Seiten gestemmten Händen vor mir aufragt.

«Schön, dass du wach wirst, bevor ich losmuss. Ich würde dir gerne noch den Rest der Geschichte erzählen.»

«Was tust du?», presse ich ungläubig hervor und es zuckt in meinem Bein, als wollte ich nach ihr treten. Es ist nur ein Reflex meiner geschundenen Muskeln. Wenn ich könnte, wie ich wollte, würde ich aufspringen und sie wachrütteln. Sie ist nicht bei Sinnen. Sie ist verrückt geworden. Eine andere Erklärung gibt es nicht. Ich sollte ihr eine runterhauen, damit sie endlich zur Vernunft kommt. Familienbande hin oder her, die scheinen hier ohnehin der Kern des Problems zu sein.

«Ich kann dich verstehen,» erwidert sie höhnisch. «Mir ging es all die Jahre ja genauso. An mir klebten die Gottesanbeter, während du ein sorgloses Leben in einer glücklichen Adoptivfamilie lebtest. Ich habe das mit der Krankheit deines Adoptivvaters gehört. Schrecklich ist das, aber du wurdest immerhin geliebt und nicht benutzt, so wie ich. Zum Schluss schrieb Bertram voller Begeisterung einen Aufsatz über die Opferpraxis der Totenbrucker Ureinwohner zur Zeit der Römer und was für eine Ehre es für die Auserwählten war, geopfert zu werden. Da wusste ich, dass ich mich aus dem Staub machen musste. Ich war sechzehn, als ich von zu Hause abgehauen bin. Ich musste für mich selber sorgen und das ist mir gelungen. Anfangs arbeitete ich als Krankenschwester und dann habe ich studiert. Ich wurde Psychologin, um die kranken Seelen heilen zu können, die kleinen Kindern das Herz herausschneiden wollen, um es irgendeiner Scheißgottheit zu opfern. Tja, so naiv bin ich gewesen. Irgendwie sind wir alle doch entweder naiv oder einfach nur planlos, wenn wir uns für einen Beruf entscheiden, nicht wahr?»

«Was willst du von mir?»

«So eine dämliche Frage kannst auch wirklich nur du stellen. Ich will Gerechtigkeit. Ich will dein Leben?»

«Mein Leben? Willst du mich töten?»

Sie reißt die Augen auf, als habe nicht sie, sondern ich den Verstand verloren.

«Natürlich nicht. Dann wäre ja alles umsonst gewesen. Hast du überhaupt eine Vorstellung, wie schwierig es war, dich hierher zu locken?»

«Du warst das! Du steckst hinter dem Anruf bei der Versicherung?»

«Es gab keinen Anruf bei der Versicherung, also jedenfalls kein Mandat. Es gab da diesen jungen Sachbearbeiter, der mir noch einen Gefallen schuldete. Dabei glaubte er eine gute Tat zu tun. Ich habe ihm nämlich gesagt, dass es eine Überraschung für dich ist. Eine Familienzusammenführung sozusagen und irgendwie war das ja auch nicht gelogen. Es war ihm richtig unangenehm, dich so unter Druck zu setzen. Du solltest ihm also nicht böse sein.»

«Es gab auch keinen Motorradunfall?»

«Oh, das war clever, finde ich. Viel einfacher zu inszenieren, als ein Autounfall. Du hättest dich sehen sollen. Du warst so geschockt von dem Anblick der scheinbar verunglückten Motorradfahrerin, dass Erika sich von hinten mit einem Tuch Chloroform anschleichen konnte.»

Ich wusste, dass die alte Krankenschwester dahintersteckt.

«Wir haben dich dann ins Hotel gebracht und dir meine Sachen angezogen. Den Rest kennst du.»

Bestimmt war auch von Bargen Teil des Komplotts. Ich habe es mir nicht eingebildet. Das war keine Paranoia.

«Warum, Nadia? Warum tust du das?»

«Ist das nicht klar?»

Sie geht vor mir in die Knie. Ich erwarte schon den nächsten Schlag und mein Kopf zuckt automatisch zur Seite, als sie die Hand ausstreckt. Stattdessen nimmt sie meine Wange zärtlich in die Hand.

«Ich habe dich all die Jahre beschützt, ist dir das nicht bewusst?», sagt sie. «Ich habe niemandem gesagt, dass es dich gibt. Selbst Bertram Westhoff hat es nicht gewusst. Ich wollte nicht, dass du ihre Auserwählte wirst. Erkennst du das denn nicht?»

Ich entziehe ihr mein Gesicht mit einer ruckartigen Bewegung und zerre an meinen Fesseln. «Fällt mir im Augenblick etwas schwer, das zu erkennen.»

Lachend lässt sie sich nach hinten fallen und setzt sich im Schneidersitz mir gegenüber hin.

«Stimmt. Die Umstände haben sich geändert. Es gab eine Zeit, da wollte ich Kontakt mit dir aufnehmen und bin sogar in deine Nähe gezogen. Das war nachdem dich dieser Verrückte niedergestochen hat. Ich dachte, vielleicht brauchst du meine Hilfe und es wäre der richtige Moment, um dich mit meiner Existenz zu konfrontieren. Du hast dich ganz schön eingeigelt in der Zeit und ich bin einfach nicht an dich rangekommen. Und dann ist mir klargeworden, wie einfach du es dir machst und machen kannst. Verbarrikadierst dich einfach in deiner Wohnung und machst deinen Job nur noch über das Telefon. Da wurde mir klar, dass dir eine Lektion ganz guttun würde. Du solltest erkennen, was es heißt, wenn du den Dämonen, die dich verfolgen, nicht entkommen kannst. An mich hatten sie sich nämlich wieder herangepirscht und es war nur noch eine Frage der Zeit, bis sie zu Ende bringen würden, was vor Jahren begonnen wurde. Also vergewisserte ich mich, dass sie in Totenbruck nichts von deiner Existenz wussten. Erika und der Doktor waren die Einzigen, die von dir wussten, die wussten, dass wir zu zweit sind. Sie bestätigten mir, dass die Sekte erstarkt war, aber nichts von deiner Existenz ahnten. Sie waren meine Freunde. Ich konnte auf sie zählen.»

«Schöne Freunde,» presse ich hervor. «Ein seniler Arzt und seine sadistische Hilfe Erika.»

«Oh, du tust ihnen unrecht. Fürwahr, von Bargen und Erika sind selbst Anhänger des Gyamlarhotep, nur glauben sie nicht, dass er Menschenopfer verlangt. Bei Erika bin ich mir da nicht so sicher, aber von Bargen war angewidert von den Opferritualen.»

«Hat er deswegen Selbstmord begangen?»

Nadia stützt die Hände lässig hinter ihrem Rücken auf den Felsboden, als säßen wir hier gemütlich an einem Lagerfeuer.

«Er war krank. Krebs. Du weißt ja, wie das endet. Er wollte einfach die Schmerzen hinter sich lassen und seine Aufgabe war erfüllt.»

«Mich in eine Falle locken.» Denn nichts anderes ist es ja. Eine Falle, in die ich getappt bin.

«Du siehst das zu eng. Ich würde es eher eine Chance nennen. Eine Chance, zu lernen.»

«Was zu lernen? Dass ich eine wahnsinnig gewordene Schwester habe, die mich töten will?»

«Wer redet denn von töten? Du lebst doch noch und wenn du dich nicht allzu dumm anstellst, dann überleben wir beide. Ich meine, du hast eine faire Chance. Es ist eher so, dass ich den Staffelstab an dich weiterreiche. Ich habe so lange überlegt, wie ich es anstellen kann, dass auch du am eigenen Leib erfährst, wie es sich anfühlt, von diesen Spinnern gejagt zu werden. Es wäre viel zu einfach gewesen, sie nur auf deine Existenz aufmerksam zu machen. Außerdem wäre es nicht ausgemacht, dass sie gleichzeitig von mir ablassen. Warum sollten sie auch? Es gab also keine andere Möglichkeit, als meine Verfolger glauben zu lassen, dass ich du bin.»

«Deswegen also das Video.»

Sie strahlt, als habe ich ihr ein unverhofftes Kompliment gemacht.

«Genau, das Video ist sozusagen das Meisterstück. Alles andere waren nur simple Tricks. Die Traueranzeige auf dem Ausdruck der Website der Rechtsanwaltskammer, war nun wirklich ganz einfach zu fälschen. Doch die Lüge musste dreidimensional sein, verstehst du? Es brauchte eine passende Geschichte, weshalb du behauptest, nicht Nadia Westhoff, sondern Kosra Borg zu sein. Und es brauchte eine Erklärung, dass es wirklich nur eine von uns gibt. Das Video war eigentlich für meine Verfolger bestimmt. Deswegen habe ich so viele Spuren zu dem Video legen müssen, damit entweder du oder die Gemeinschaft das Video finden. Es war übrigens von Bargen, der erkannt hat, dass sich mit deinem Namen und dem Schreibfehler auf dem Grab dieses alten Persers ein Anagramm bilden lässt. Das war seine letzte gute Tat. Außerdem war es ein Test, ob die Gemeinschaft wirklich nichts von uns beiden weiß. Ich musste es einfach an der Alten ausprobieren.»

Die alte Frau im Feierabendhaus. Mutter.

«Sie ist Gyamlarhotep immer noch hörig. Sie hat überhaupt nichts bemerkt. Durch sie konnte der Hinweis nur in die richtigen Hände geraten. Entweder würde die Gemeinschaft die Botschaft entschlüsseln oder du würdest den Zeichen folgen.»

Und in diesem Moment fällt mir auf, welches Teil die ganze Zeit gefehlt hat. Welches Bruchstück noch nicht an den passenden Platz im Bild gelangt ist. Ich konnte den Zeichen nur folgen, weil ich Hilfe hatte. Sebastian Kolev alias Adrian Rachow.

«Du bist nicht die Auserwählte», schreie ich sie an. Sie hat die ganze Zeit gelogen. Ihre angebliche Verfolgung ist nichts anderes als eine Wahnvorstellung, in die sie mich mit hineinzuziehen versucht.

«Nicht du wurdest damals von dem Polizisten befreit, sondern der Junge, Adrian Rachow. Sie wollten ihn opfern, nicht dich. Du bildest dir nur ein, dass du die Auserwählte bist. Du bist nichts weiter, als eine verirrte Seele.»

Ihr Mienenspiel, das eben noch von unerträglicher Überheblichkeit geprägt war, ändert sich schlagartig. Sie wirkt verwirrt, von der Wahrheit ihrer erbärmlichen Existenz überrumpelt. Doch mein Triumph währt nicht lange.

«Adrian Rachow? Aber natürlich war er es, der befreit wurde. Hast du mir denn nicht zugehört? Sie konnten mich nicht mehr opfern, weil sich unsere Eltern auf den Weg nach Totenbruck gemacht hatten. Adrian war genau wie Tim nur ein Lückenbüßer, ein Ersatz, um Gyamlarhotep zu besänftigen, bis sie ihm die wahre Auserwählte zuführen konnten. Adrian wäre gerne der Auserwählte. Er ist besessen von dem Gedanken, dass er der Auserwählte ist. Nur er ist es nicht.»

Sie streckt ihre Brust vor und klopft sich mit einer lächerlich überzogenen Geste mit der flachen Hand auf die Brust.

«Ich bin die Auserwählte.»

Wie konnte ich nur hoffen, ihren Wahnsinn zum Wanken gebracht zu haben? Ich habe ihn nur weiter angestachelt. Fast sieht es so aus, als wäre sie stolz darauf, von den Anhängern der Gottheit auserkoren zu sein.

Sie beugt sich verschwörerisch zu mir vor.

«Um ihn brauchst du dich nicht zu kümmern. Er ist wirklich krank. Hast du das Krankenblatt von ihm nicht in meinem Wagen gefunden?»

Pat. trägt vor, in Verbindung mit einem außerirdischen Gott zu stehen, den Pat. als Gyamlarhotep bezeichnet. Pat. sei das auserwählte Opfer für diese Gottheit und nur durch das unselige Eingreifen eines Polizisten an dieser Bestimmung gehindert worden.

Nadia, die erkannt hat, dass ich mich erinnere. Lehnt sich erneut selbstzufrieden zurück.

«Er tut mir leid,» sagt sie. «Ich habe versucht ihm zu helfen. Immerhin ist er so eine Art Bruder für mich.»

«Er ist Karlas Sohn», spreche ich das Offensichtliche aus.

«Ja. Aus ihrer Ehe mit einem Diplomaten, der sich nie um seinen Sohn gekümmert hat.»

«Dann hat David also Recht gehabt», sage ich und hoffe, dass es ihm gut geht. Ich kann ihn von meiner Position aus nicht sehen und er hat schon eine geraume Zeit kein Lebenszeichen mehr von sich gegeben.

«Adrian ist dein Patient.»

«Wo denkst du hin?», erwidert sie empört, als habe ich ihr eine Beziehung mit Rachow unterstellt.

«Adrian hält seine Besessenheit nicht für eine Erkrankung. Er würde sich mir als Psychologin nie anvertrauen, aber als Freundin schon.»

«Hat er sich dir anvertraut?»

Ich weiß selbst nicht genau, was ich mit der Frage bezwecke. Es mag daran liegen, dass immer noch nicht alle Teile der Geschichte zusammenpassen und mir andere wieder zu entgleiten drohen. Die Küche in dem Ferienhaus. Da war etwas in der Küche, das mir einfach nicht mehr einfällt, außer, dass es mit meiner Schwester und Rachow zusammenhängen muss.

Nadia kneift die Augen zusammen, als habe sie mich durchschaut oder erkannt, was mir selbst zu entgleiten droht.

«Sich mir anvertrauen? Hörst du mir überhaupt zu? Er hasst mich. Er hält sich doch selbst für den Auserwählten. Wenn du diesen David aufgegabelt hast, dann solltest du die Geschichte doch kennen? Für Adrian war der Einsatz des Polizisten damals keine Rettung. Adrian hat ihn dafür gehasst, dass er seine Bestimmung vereitelt hat.»

«Seine Bestimmung? Du tust gerade so, als wäre es vollkommen normal, an diese verrückte Gottheit zu glauben.»

«Sieh‘ dich doch nur um», entfährt es Nadia. «Diese Höhle dient seit Jahrtausenden der Anbetung nur eines einzigen Gottes. Was sind dagegen schon Christentum, Judentum oder der Islam. Gegen die Macht dieser Religion, der wir hier unterworfen sind, sind das bloße Ammenmärchen.»

«Nadia, das hier mag kein Märchen sein, aber es ist krank, es ist Wahnsinn und wir können es beenden. Lass‘ uns gemeinsam von hier verschwinden und zur Polizei gehen. Dann hat der Spuk ein Ende.»

Sie lacht wie irre und schüttelt den Kopf.

«Du hast keine Ahnung, womit wir es hier zu tun haben, aber du wirst es bald am eigenen Leib erfahren.»

«Wach‘ auf!», brülle ich. «Wach‘ endlich auf.» Und meine damit gleichzeitig mich, denn wie gerne würde ich aus diesem Albtraum aufwachen. Doch, so einfach ist es nicht.

Wir sind beide in Gefahr. Wir sind Schwestern. Wir müssen jetzt zusammenhalten. Ich sehe nur nicht, wie ich sie davon überzeugen kann. Auf die Blutsbande scheint sie wenig Wert zu legen. Ganz im Gegenteil. Sie will, dass ich endlich einen Teil der Schuld übernehme, auch wenn ich für die ganze Situation nichts kann.

Sieht sie denn nicht, dass wir noch eine Chance haben, es gemeinsam zu beenden?

«Gemeinsam?», sie spuckt das Wort aus, dass ich wieder ausgesprochen habe, ohne es zu bemerken.

«Dafür ist es ja wohl zu spät. Ich war all die Jahre auf mich allein gestellt. Um mich brauchst du dich nicht zu sorgen.»

Die Gedanken rasen in meinem Kopf hin und her wie aufgeregte Glühwürmchen im Wind, nur dass sie meine Situation in keiner Weise erhellen.

«Du willst mich diesem Kult also einfach so zum Fraß vorwerfen?»

Ihrem Gesicht ist deutlich anzusehen, dass sie sich zwingt, ihre Gefühle nicht zum Ausdruck zu bringen. Ihre Augenlider zucken, sie presst angestrengt die Lippen aufeinander, bevor sie antwortet.

«Oh, nicht zum Fraß», sagt sie. «Oder doch? Das hängt davon ab, wie du dich schlägst. Jetzt bist du an der Reihe. Du bist jetzt Nadia Westhoff. Ich mache es mir als Kosra Borg bequem und schaue von außen zu. Ich werde mit deinem Wagen in die Stadt zurückkehren und dann werden wir sehen, ob du klarkommst. Du hast eine reelle Chance. Und wenn du es schaffst, dann gehen wir beide als Siegerinnen aus dieser Sache hervor. Dann kann uns nichts mehr aus der Bahn werfen, dann sind wir zwei unschlagbar. Wer weiß, was wir dann noch alles gemeinsam auf die Beine stellen.»

«Das ist also dein Plan. Du glaubst, nicht verlieren zu können? Entweder ich schaffe es, dann holen wir unser Leben als Schwestern nach oder du machst es dir in meinem Leben bequem.»

«Von wegen bequem», blafft sie theatralisch. «Ich werde deine ganzen Sozialkontakte neu aufbauen müssen, hast du ja alles ziemlich vernachlässigt, aber du wirst stolz auf mich sein, was ich aus den Trümmern deines Lebens machen werde.»

«Wie denkst du dir das? Glaubst du wirklich, dass es so einfach ist, dass du mein Leben weiterlebst und die Sekte dich in Ruhe lässt?»

«Sie werden mich in Ruhe lassen, wenn sie erst haben, was sie wollen. Die Auserwählte. Und das bist ab jetzt du! Ich habe diesen Part mein ganzes bisheriges Leben einnehmen müssen, ab jetzt musst du dich der Herausforderung stellen.»

«Oh vielen Dank», erwidere ich mit bitterem Zynismus. «Damit du auch ganz sicher sein kannst, lässt du mich gefesselt zurück. Wie einfach du es dir doch machst.»

«Wer sagt denn, dass ich dich gefesselt zurücklasse? Die Fesseln sind nur für den Augenblick. Ich habe doch geahnt, dass mit dir keine vernünftige Unterhaltung möglich sein würde.»

Sie zieht ein gefaltetes Taschentuch hervor und nimmt mit der anderen Hand ein kleines braunes Fläschchen vom Boden auf, das bislang in den Schatten verborgen war. Chloroform steht auf dem vergilbten Etikett.

«Ich schicke dich kurz wieder ins Reich der Träume und befreie dich von den Fesseln. Das gibt mir genug Zeit, von hier zu verschwinden. Du findest bestimmt allein heraus. Es wird eine Weile dauern, bis die Anhänger wieder auftauchen. Sie wissen noch nicht, dass du hier bist.»

«Ich komme hier raus», schleudere ich ihr entgegen. «Verlass’ dich drauf. Ich hole mir mein Leben zurück. Und du wanderst in den Knast.»

Ich zerre wie wild an meinen Fesseln. Mein Zorn wird von schierer Verzweiflung getrieben und diese Erkenntnis macht mich umso wütender.

«Oh, kleine Kosra. Ich werde auf dich warten und mich derweil in anwaltlicher Telefonberatung üben. Ich habe schon einiges gelernt. Jura ist gar nicht so schwer. Aus mir wird eine hervorragende Anwältin werden und im Gegensatz zu dir, werde ich mich nicht länger verkriechen. Ich werde dazu gar keinen Grund haben, denn der Kult hat ja jetzt seine Auserwählte.»

Ihre Worte machen mich nur noch rasender. Ich winde mich, aber die Fesseln sind so unerbittlich wie meine Peinigerin. Ihr Gesicht ist jetzt nah an meinem. Meine gespiegelten Gesichtszüge, unser nahezu identisches Antlitz so dicht vor meinen Augen. In ihren Pupillen erblicke ich meinen eigenen verschwitzten Anblick und die Missgunst, die sie für mich empfindet, springt auf mich über. Er ist so leicht und naheliegend, dieses wütende und gleichzeitig verängstigte Wesen, dass keine Ahnung hat, wie ihm geschieht, zu verachten.

Mit einer raschen Bewegung öffnet sie die Flasche und träufelt etwas von der Flüssigkeit auf das Tuch. Ich drehe den Kopf hilflos zur Seite, doch es ist zu spät. Sie presst mir das Tuch auf Mund und Nase. Mein letzter klarer Gedanke ist, dass ich einfach nur die Luft anzuhalten brauche und mit dieser sinnlosen Idee entschwinde ich in die unendliche Dunkelheit. Von den Worten, die mich ein kurzes Stück begleiten, weiß ich schon nicht, wer von uns beiden sie ausgesprochen hat.

«Viel Glück, Schwesterherz.»

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