Kapitel 48

So habe ich Kosra Borg zuletzt gesehen, als ich zu Hause vor dem Spiegel mein Outfit kontrollierte. So habe ich mich zuletzt gesehen. Die Jeansjacke fehlt, aber die hängt im Kellerraum über einer Stuhllehne.

Was ist das? Eine Halluzination? Eine neue Version meines Alptraumes, nur dass ich mich diesmal nicht als Kind auf dem Rücksitz eines Autos von außen betrachte? Und dann begreife ich. Ich habe mich nie von außen selbst betrachtet, weder damals noch heute.

«Ich sehe diesen ungläubigen Blick von dir nicht zum ersten Mal», sagt die Andere mit unserer gemeinsamen Stimme. «Du hast schon bei unserem ersten Zusammentreffen nicht begreifen können, dass du nicht die Einzige bist.»

Vor meinen Augen beginnt ein Film abzulaufen. Nein, das stimmt nicht. Die Schnipsel, die ich bisher erinnerte, fügen sich zu einem Film zusammen.

Ich bin wieder neun Jahre alt. Ich will nicht mitfahren. Meine Eltern haben mir erst vor wenigen Tagen die Wahrheit erzählt. Ich bin wütend, verletzt, fühle mich gedemütigt. Ich bin nicht einzigartig. Es gibt mich noch mal. Ich habe eine Zwillingsschwester. Das ist schon schlimm genug, aber weshalb müssen wir sie zu uns holen, wieso kann sie nicht bleiben, wo sie ist? Darüber sprechen meine Eltern nicht mit mir. Sie sprechen nur über ihren eigenen Schmerz. Dass sie viel zu jung waren, als Zwillinge auf die Welt kamen und dass sie sich nur um eine von uns kümmern konnten und die Andere daher zur Schwester meiner Mutter gaben. Sie reden von ihrem schlechten Gewissen und meinen damit, dass sie die Andere weggeben mussten. Was ist mit ihrem schlechten Gewissen mir gegenüber? Sie haben mir meine Einzigartigkeit geraubt. Ich brauche keine Schwester.

Irgendetwas scheint mit dem Ort, an dem meine Schwester bisher lebte, nicht zu stimmen. Ist mir doch egal. Wenn sie erst bei uns ist, wird für mich nichts mehr so sein, wie es war. Das ist grausam.

I see your face before me.

Sie war es, die ich im Keller hinter dem Vorhang gefunden habe. Das Mädchen mit dem Gefäß in den Händen. Nachdem der Polizist den Jungen von mir wegzerren konnte, kamen meine Eltern dazu, nahmen mich in die Arme, erschrocken über das viele Blut auf meiner Kleidung. Und jetzt höre ich auch wieder die Stimme meiner Mutter dicht an meinem Ohr.

«Du lebst,» sagt sie mit zitternder Stimme. «Es wird alles gut. Wir nehmen dich mit nach Hause, Nina.»

Sie hatte mich verwechselt. Das verängstigte, blutverschmierte Mädchen konnte nur die verlorene Tochter sein, die zu retten sie gekommen waren.

«Ich bin Kosra», erwiderte ich.

«Ich bin Kosra.»

Plötzlich ist es kein Film mehr, als die Zeitebenen verschmelzen. Ich spüre, was ich damals gespürt habe. Es gibt mich zweimal. Ich bin nicht allein und auch nicht einzigartig. Ich will sie umarmen und gleichzeitig wegstoßen. Ich will meine Schwester so viel fragen und sie im selben Augenblick zum Teufel wünschen. Vor siebenundzwanzig Jahren endete unser Zusammentreffen in einer Katastrophe, bei der unsere Eltern starben. Wie wird es heute sein? Welche Katastrophe wartet heute auf uns? Wartet? Die Katastrophe ist längst da.

Sie lacht. Langsam schreitet sie in den Altarraum. Sie ist nicht zum ersten Mal hier. Der Raum beeindruckt sie nicht.

«Ja, du bist Kosra,» sagt sie. Ich muss es laut ausgesprochen haben.

«Anfangs wollte ich es nicht glauben, dass du mich vergessen haben könntest», fährt sie fort. «Doch dann wurde mir klar, dass es für dich nur eine verwirrende Episode gewesen sein muss. Ein Albtraum, aus dem du erwachen durftest.»

«Eine Episode? Wie kannst du so etwas sagen? Es war das Unglück meines Lebens. Unsere Eltern…»

«Hör’ mir auf mit unseren Eltern», fährt sie mich an. Ich versuche, in ihrem Ausdruck das Gegenstück meiner widerstreitenden Gefühle zu entdecken. Freude und Verwirrung, doch da ist nur Verachtung.

«Unsere Eltern hatten keinen Platz für mich. Haben mich zu unserer Tante abgeschoben, die mit ihrem Mann in diesen idyllischen Ort zog, um ein Ungeheuer wie einen Gott zu verehren.»

Ich setze das Puzzle zusammen, während gleichzeitig mehr und mehr Teile wie aus dem Nichts auf mich herabstürzen, um mich unter sich zu begraben. Meine Gefühle überwältigen mich, vor allem in ihrer Gegensätzlichkeit, von der ich bei Nadia keine Spur finden kann. Ich empfinde Liebe und Hass, Verwunderung und Abscheu und versuche gleichzeitig, den Gedanken zu unterdrücken, der wie ein Schimmelfleck an einer geweißelten Wand jedes meiner Gefühle durchdringt. Ich will, dass sie wieder verschwindet. Ich will, dass es wieder so wird, wie es war, bevor ich jemals nach Totenbruck gekommen bin, damals wie heute. Ich will die eine sein. In diesem Punkt gleichen sich unsere Empfindungen offenbar, nur mit dem Unterschied, dass Nadia keine anderen Regungen mehr zulässt. Sie hat sich bereits entschieden.

«Oh ja, unsere liebe Tante, die mich so aufopferungsvoll zu sich nahm und Asmus Troysch, der das mit dem Aufopfern leider etwas zu wörtlich genommen hat. Er hat mich dieser verdammten Sekte praktisch zum Fraß vorgeworfen. Das krönende Opfer für seinen Gott, Gyamlarhotep.»

«Aber…?»

«Nichts aber, Schwesterherz. Es gibt kein Aber. Ich will nicht undankbar sein. Wenn unsere Eltern ihr Kommen nicht angekündigt hätten, wäre ich an jenem Tag auf dem Altarblock geendet. Du kannst den Mund ruhig wieder zu machen. Das ist die Wahrheit und es ist an der Zeit, dass du deinen Anteil bezahlst. Du schuldest mir etwas. Da ist im Laufe der Jahre eine Menge zusammengekommen.»

Es ergibt immer noch keinen Sinn, jedenfalls erkenne ich ihn nicht. Es passt einfach hinten und vorne nicht.

«Das Video…?»

Ihre Stimme, die ich aus der beschädigten Kamera gehört habe. Eine Lüge. Von wegen multiple Persönlichkeitsstörung. Eine Farce. Doch wozu?

«Gemach, gemach, kleine Kosra, hör’ dir nur die ganze Geschichte an, dann wirst du schon verstehen. Ich darf dich doch ‹kleine Kosra› nennen, so habe ich es jedenfalls die Jahre über gehalten, weil du doch die jüngere von uns beiden bist, ganze dreizehn Minuten immerhin. Da sag’ noch mal einer, dreizehn sei eine Unglückszahl. Für dich war das eine verdammte Glückszahl. Warst wohl zuerst etwas kleiner und schwächer als ich, da brachten es unsere Eltern nicht übers Herz, dich wegzugeben. Also musste ich dran glauben, fast wortwörtlich sozusagen.»

«Sie haben dich zurückgeholt damals,» verteidige ich mich, obwohl ihr Plädoyer der Anklage noch nicht zu Ende ist. «Der Brief. Ich habe ihn gelesen.»

Wir holen unsere Tochter zu uns zurück. Ob es dir gefällt oder nicht.

«War aber nicht gerade ein Happy End, oder, Schwesterchen? Für uns beide nicht und für unsere Eltern auf gar keinen Fall. Da war nichts mit ‹Sie lebten glücklich und zufrieden als Familie, und wenn sie nicht gestorben sind, dann leben sie noch heute.› Da hat uns alle zusammen ein Zwölftonner aus der Bahn gekickt und unsere Eltern ins Jenseits.»

Sie grinst. Sie ist nicht verlegen, sie will vielmehr ihren sarkastischen Worten Nachdruck verleihen. Sie hadert nicht mit ihren Gefühlen, das spüre ich deutlich. Sie verachtet mich. So wie es aussieht, weiß sie schon eine ganze Weile von meiner Existenz und hat sich ihr Urteil längst gebildet. Ich hingegen habe gerade eben erst erfahren, dass ich eine Zwillingsschwester habe, und meine gegensätzlichen Gefühle zerreißen mich schier.

«Nach dem Unfall wurden wir erneut getrennt,» fährt sie fort und lacht bitter. «Du hast gar nicht richtig begriffen, dass wir zu zweit sind, nicht wahr? Für dich war es keine Trennung, während ich schier daran zugrunde gegangen bin, dich verloren zu haben. Du warst die letzte, die von meiner richtigen Familie übrig war und hast mich schon in dem Moment verdrängt, in dem du mir begegnet bist.»

«Wie kommst du nur darauf?», platzt es aus mir heraus. «Ich hatte gar keine Zeit, um zu begreifen, dass ich eine Schwester habe. Selbst jetzt bin ich vollkommen überrumpelt, wie soll es mir als Kind da anders gegangen sein?», sage ich und versuche, die Tränen zu unterdrücken, die sich in meinen Augen sammeln. «Du hattest Zeit, dich damit auseinanderzusetzen, während ich erst jetzt richtig…»

«Ach, hör’ doch auf,» fährt sie mich an. «Was gibt es da schon groß zu begreifen? Ich will dir sagen, was ich nicht begreife. Vielleicht verstehst du dann.»

Sie legt den Kopf schief, als erwarte sie eine Erwiderung, scheint es sich dann anders zu überlegen und fährt fort: «Weshalb habe ich nicht auch so einen fürsorglichen Adoptivvater bekommen wie du? Mich haben sie Bertram Westhoff überlassen. Bertram Westhoff, Sohn des berühmten SS-Obergruppenführers Wolfgang Westhoff.»

Das Bild. Die Fotografie im Feierabendhaus.

Arthur Weisz und Edgar Bronsky präsentieren SS-Obergruppenführer Westhoff die Kanope des KurgAnkhRe, Geburtstag des Führers, 20. April 1937.

«Der gute Wolfgang war im Geheimauftrag Heinrich Himmlers unterwegs. Die Nazis waren ganz versessen auf alles Okkulte. Vor allen Dingen Himmler. Kannst dir ja sicher vorstellen, dass dieser Ort mächtig Eindruck gemacht hat bei Himmler.»

Ihre Kopfbewegung umfasst die Höhle und meint ganz Totenbruck. Ich habe keine Zweifel, dass die Anbetung einer urzeitlichen Gottheit den Reichsminister SS in Verzückung versetzt hat.

«Tja und so war Wolfgang mitten drin. Hat sich hier alles zeigen lassen und den berühmten Filmregisseur Veit Harlan herbestellt, um die Höhle filmen zu lassen. Und ich komme ausgerechnet in die Obhut seines Sohnes, Bertram, der wie sein Vater ein Faible für diesen beschissenen Kult hat. Kapierst du jetzt? Ich bin vom Regen in die Traufe gekommen.»

Ich verstehe zumindest, dass sie damit der Sekte nicht wirklich entkommen war. Ich erkenne die Wurzel ihrer Verachtung mir gegenüber. Es geht gar nicht um mich. Es geht darum, dass sie nie wirklich befreit wurde, während ich bis vor wenigen Stunden weder von Totenbruck noch von dem Kult überhaupt eine Ahnung besaß.

«Was hat dieser Bertram dir angetan?»

«Angetan? Nichts. Was denkst du? Dass sie mich gleich wieder hierhergeschleppt haben, um ihre Rituale fortzusetzen?»

Ehrlich gesagt, ist genau das meine Befürchtung gewesen.

«Das brauchten sie nicht. Außerdem ist es in den ersten Jahren nach der Sache hier ruhig geworden um den Kult. Ich meine, niemand war interessiert daran, Aufmerksamkeit zu erregen. Da haben sie sich lieber still verhalten. Außerdem war Bertram Westhoff eher der wissenschaftliche Typ, der sich mit der Geschichte des Kultes und der Herkunft der Gottheit beschäftigt hat, dem ging es nicht um die Anbetung des Gottes, der wollte ihn einfach nur untersuchen.»

«Aber, du hast nie die Chance erhalten, deine Erlebnisse zu verarbeiten,» sage ich, weil ich vermute, dass in ihrer Adoptivfamilie niemand den Kult infrage stellte. Wahrscheinlich wurde die Notwendigkeit einer therapeutischen Unterstützung gar nicht gesehen.

«Bin ich hier die Psychologin oder du?» Sie lächelt und es wirkt tatsächlich, als mache sie einen freundschaftlichen Scherz, ihre Verachtung ist mit einem Mal wie weggeblasen. «Scheinst dich ja in meine Rolle ganz gut eingelebt zu haben. Erlebnisse verarbeiten, das ist wirklich schön gesagt. Es war viel schlimmer. Ich fühlte mich anfangs sicher bei Bertram Westhoff und seiner Frau. Unheimlich wurde es nur, wenn die Besucher kamen.»

«Besucher?»

«Abordnungen aus Totenbruck. ‹Arbeitstreffen› nannte Bertram das immer. Sie versorgten ihn mit Materialien aus der Geschichte des Ortes für seine Forschungen. Und dann diese verstohlenen Blicke von ihnen. Ist sie das? Ist das die Auserwählte? Oh, Gott, die Auserwählte. Jedes Mal kam die Erinnerung wieder hoch, wie Klara es mir zum ersten Mal sagte. ‹Kind, du bist die Auserwählte. Die Braut unseres Gottes Gyamlarhotep.› Als Kind glaubst du wirklich, dass das eine Ehre ist, das du etwas Besonderes bist, nicht das verstoßene Kind, das deine richtigen Eltern weggegeben haben.»

«Die Sekte wollte dich…». Ich weiß selber nicht, wie ich den Satz beenden will, ‹opfern›?, ‹schlachten›? Was auch immer, sie lässt mich den Satz nicht zu Ende führen.

«Was weißt du schon,» schreit sie. «Was weißt du von diesem Tag und was ihm vorausging.»

Ich möchte es aber wissen, denke ich. Ich muss wissen, was geschehen ist, um endlich zu begreifen, wie die Dinge zusammenhängen.

«Sie wussten immer, wo ich bin. Bertram hielt sie an, nicht in meiner Gegenwart von den Ereignissen in Totenbruck zu sprechen und wahrscheinlich glaubte er, mich auf diese Weise zu beschützen oder er hat selbst nicht geahnt, dass sie es immer noch auf mich abgesehen hatten, was weiß ich? Ihm ging es um die Forschungen, die große Geschichte dieses beschissenen Ortes, an dem durchgängig seit tausenden von Jahren eine Gottheit angebetet wurde. Ich kann ihn noch heute reden hören, welche einzigartige Kulturgeschichte das wäre, das es keine andere Religion auf der Welt gibt, die sich seit Urzeiten beständig gehalten hat. Und ich war der Lockvogel, der ihm die Quellen seiner Forschungsarbeiten erschloss, weil seine Besucher ihn nur deswegen mit Material versorgten, weil sie an mir interessiert waren und wo ich mich aufhielt. Hast du eine Vorstellung davon, was das für eine Kindheit war? Und du schwafelst davon, dass ich meine Erlebnisse nicht aufarbeiten konnte.»

«Ist die Sekte denn nicht zerschlagen worden?», werfe ich ein. «Es gab einen Prozess. Troysch hat im Gefängnis Selbstmord begangen.»

Wie hat die Sekte sich in Totenbruck halten können? Wie konnten die Mitglieder überhaupt zurückkehren, wo die Siedlung doch dem Erdboden gleichgemacht worden war, selbst, wenn der Keller über der Höhle übriggeblieben war?

«Natürlich ist die Sekte von Asmus Troysch zerschlagen worden. Um sie geht es gar nicht. Diese Sekte gibt es nicht mehr.»

«Ich habe sie gestern im Wald gesehen. Sie haben David entführt.»

«Du hast gesehen, aber nicht verstanden. Wie solltest du auch? Weißt du was das Wort Katalysator in der Chemie bedeutet? Es bezeichnet einen Stoff, der eine Reaktion herbeiführt. Und so verhält es sich in Totenbruck mit der Sekte. Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs war die Anbetung der Gottheit praktisch erloschen. Die Nazis hatten sich etwas zu sehr für diese unheilige Religion interessiert. Niemand wollte mehr damit in Verbindung gebracht werden.»

Ist es das, was als ‹Deja vu› bezeichnet wird? Nicht ganz, denn ich weiß, dass es mir genauso schon erklärt worden ist. Von jenem Mann, der sich mir gegenüber als Sebastian Kolev vorgestellt hat. Und so weiß ich, wie Nadias Vortrag weitergeht.

«Das Gelände», sagt sie, «auf dem die Sekte ihre Siedlung errichtete gehörte der Zementfabrik und ihr Eigentümer der greise Arthur Weisz war ein glühender Verehrer Gyamlarhoteps, nur das ihm im Ort niemand mehr folgen wollte und dann kam Troysch mit seinen Anhängern und versprach ihm eine Renaissance der Anbetung durch seine willfährigen Gefolgsleute, die auf der Suche nach einer Gottheit waren, abseits von all den christlichen Heilslehren. Das war der Grund, weshalb ihnen das Grundstück praktisch für einen Apfel und ein Ei überlassen wurde, wenn sie überhaupt etwas dafür bezahlen mussten. Und es hatte noch einen praktischen Nebeneffekt. Plötzlich begannen sich auch die Einwohner wieder für ihren verstoßenen Gott zu interessieren und schlossen sich Weisz an. Als die Sekte dann zerschlagen wurde, war der Boden für Weisz bereitet, die Anbetung wieder mit eigenen Leuten aufzunehmen. Sie ließen sich das Gelände rücküberschreiben, gründeten eine harmlos klingende Immobilienverwaltung namens ‹Kutulu Stiftung›, die sich des Geländes annahm. Sie rissen die Häuser der Sektenmitglieder ab, ließen die Zugänge über die Keller in die Höhle bestehen. Das Ganze tarnten sie als Forstverwaltung. Ich meine, hast du den Wald gesehen? Da gibt es nun wirklich keine Forstverwaltung. Der Wald dient nur dazu, die Zugänge zu der Höhle zu verstecken. Daher auch der Zaun.»

Und wieder erscheint eines der Fotos aus dem Feierabendhaus vor meinen Augen.

Gründung der Kutulu Stiftung, 01. Oktober 1995.

«Aber die Ritualmorde waren das Werk der Sekte,» erwidere ich. «Die Einwohner haben doch auch vorher keine Menschen geopfert. Die Anbetung dieses komischen Gottes ist das eine, aber Menschen zu töten, insbesondere Kinder, ist etwas ganz anderes.»

«Es war genau andersherum, Schwesterherz. Die Sekte hat die Sache mit den Ritualmorden aus der Geschichte des Ortes übernommen. Als 1862 die Zementfabrik gegründet wurde, verschwand ein Mädchen aus einem Nachbarort. Niemand hat ihr Verschwinden mit Totenbruck in Verbindung gebracht, wo dieser teuflische Ort doch mit einem Mal zum Garanten für wirtschaftlichen Aufschwung wurde. Von Bertram weiß ich, wo in dieser Höhle die sterblichen Überreste des armen Kindes ruhen. Sie haben sie Gyamlarhotep geopfert, um seinen Beistand für die Fabrik einzufordern. Die Sekte tauchte hier auf, als die Fabrik gerade geschlossen und abgerissen worden war. Hier lag alles danieder, die Menschen wurden arbeitslos. Was meinst du wohl, wie verlockend da der Gedanke war, ein neues Opfer könnte wieder für wirtschaftlichen Aufschwung sorgen? Und dann kam ich.»

Die Bruchstücke meiner Erinnerung und dessen, was ich an diesem Ort herausgefunden habe, greifen ineinander und wollen sich doch nicht zu einem abschließenden Bild fügen. Es passen einfach nicht alle Teile zusammen. Wenn ich nur erkennen könnte, was nicht passt.

Mir ist ganz schwindlig und am Ende weiß ich nicht, ob es an dem verwirrenden Bild liegt oder ob mich der Wahnsinn an diesem Ort endgültig überwältigt.

Ich erinnere mich an einen der Zeitungsartikel im Hotel, in dem vom Fund einer Kinderleiche berichtet wurde.

«Dieser Junge, dessen Leiche sie in den 90er Jahren hier gefunden haben. Ist er hier…» Ich stocke bei der Vorstellung und kann kaum weitersprechen. «Ist er hier ermordet worden?»

Sie nickt. Dann sagt sie: «Sein Name war Tim Strohm. Ein Kind aus einem Nachbarort. Ich war dabei, als er starb und ich wusste, dass ich die nächste sein sollte, denn ich war ja die Auserwählte und Tim war…» Sie zögert und ich bemerke, dass sich ihre Augen mit Tränen füllen. «Tim war eine Art Testlauf.»

Wir schweigen. Die Tötung eines Kindes als Test? Überhaupt dieser ganze Irrsinn, der in diesem Ort kein Ende genommen hat. Es ist Zeit, endlich zu handeln. Ich habe noch so viele Fragen, ich muss auch die letzten Teile zusammenfügen, doch hier unten rennt uns die Zeit davon.

«Wir müssen sofort zur Polizei,» durchbreche ich die Stille, die sich zwischen uns ausgebreitet hat. Ich drehe mich zu David um, der bewusstlos hinter dem Opferaltar liegt. «Wir haben genug zu berichten, so dass die Staatsanwaltschaft gewichtige Gründe für Durchsuchungsbefehle hat. Die werden hier keinen Stein auf dem anderen lassen. Wir müssen das jetzt beenden.»

Als ich mich wieder zu meiner Schwester umwenden will, trifft mich ihr Schlag mit voller Wucht an der Schläfe. Ich taumele rückwärts gegen den Altarstein und sinke zu Boden.

«Natürlich müssen wir das beenden,» höre ich ihre Worte, bevor ich in die Dunkelheit versinke.

«Aber anders, als du es dir denkst, Schwesterherz.»

© 2019 Andreas Riehn
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