Kapitel 47

Kein versteckter Mechanismus, kein geheimer Hebel, wie ich es oft in Filmen gesehen habe. Ich schiebe die Anrichte zur Seite, bis dahinter die versteckte hüfthohe Öffnung freigelegt ist.

Der Eingang zum finsteren Herz dieses Ortes und der Zugang zur ebenso düsteren Erkenntnis über mein wahres Leben. Ich muss mich der Höhle stellen. Ich muss dorthin gehen. Das ist meine Bestimmung. Denn dort, tief unter der Erde, hat das Unglück seinen Ursprung genommen.

Ich nehme die Taschenlampe und krieche auf allen vieren in den dunklen Schlund.

Kalte Luft umfängt mich. Ich schalte die Lampe ein und leuchte in einen engen Tunnel, der steil nach unten führt. Er ist zu niedrig, als dass ich mich aufrichten könnte. An den Wänden Grubenlampen in regelmäßigen Abständen. Die Lampen sind ausgeschaltet. Nirgendwo ein Schalter oder etwas in der Art. Erst als ich vorwärts robbe, die Taschenlampe krampfhaft festhaltend, damit sie mir nicht entgleitet und womöglich in der Tiefe verschwindet, flammt das Licht der Grubenlampen auf.

Ein Bewegungssensor!

Die moderne Technik angesichts des mit Spinnweben übersäten, aus altertümlichen Ziegeln gemauerten Tunnels, verblüfft und erschreckt mich zugleich. Was wenn dieser Sensor irgendwo in der Tiefe mein Eindringen vermeldet?

Es gibt kein Zurück. Ich muss mich dem stellen, was mich in der Tiefe erwartet. Was oder wer es auch immer sein mag.

Ich schalte die Taschenlampe aus.

Der Tunnel führt mich beängstigend weit in die Tiefe.

Normalerweise leide ich nicht unter Klaustrophobie. Hier allerdings behagt mir der Gedanke nicht, etliche Meter unter den Waldboden zu sein. Unbegreifliche Erdmassen über mir zu wissen und gleichzeitig darauf zu vertrauen, dass die Erbauer eine Vorstellung von Statik besaßen.

Auf dem feuchten Boden rutsche ich mehr als einmal auf Händen und Knien aus. Die Wände fühlen sich nass an. Wulstige Kalkstriemen deuten darauf, dass hier schon seit längerer Zeit Wasser eindringt. Nicht gerade beruhigend, nur dass mir der Drang, meiner Bestimmung im wahrsten Sinne des Wortes auf den Grund zu gehen, keine Zeit für solche Überlegungen lässt.

Wir holen unsere Tochter zu uns zurück. Ob es dir gefällt oder nicht.

Ich hole mir mein Leben zurück!

Am Fuß des Tunnels erreiche ich eine Art Zwischenraum, der hoch genug ist, dass ich mich wieder aufrichten kann.

Die Wände sind aus nacktem Fels, der Boden aus gestampften Lehm. Auf der linken Seite ist am Boden eine Nische in den Fels eingelassen. Sie sieht genauso aus, wie die Grabnischen in der Katakombe unter der Kirchenruine, nur, dass sich in dieser ein Sarkophag befindet, der kaum größer als ein Schuhkarton ist.

Ich will absolut nicht wissen, was sich darin befindet.

Die Zeichnungen an den Seitenwänden erinnern an ägyptische Hieroglyphen, vermischt mit steinzeitlichen Jagdszenen, in deren Mittelpunkt eine riesenhafte unförmige Kreatur aufragt, aus deren Gesicht unzählige schlauchartige Fortsätze wuchern. Ich habe weder Zeit noch Lust, mich mit den Bildern weiter zu beschäftigen. Sie helfen mir nicht weiter und heizen nur die Furcht an, die mich an diesem unwirklichen Ort umfängt.

Vor mir befindet sich ein aus Ziegelsteinen gemauerter Türbogen. Ein kühler Luftzug strömt mir entgegen und streicht den eisigen Schauer, der mir über den Rücken kriecht über meinen ganzen Körper. Ich bibbere vor Kälte und Angst.

Ich richte den Lichtstrahl in den Gang hinter dem Türbogen. Mir stockt der Atem. Dies muss die eigentliche Höhle sein, denn hier gibt es keine gemauerten Wände oder Stützbalken. Dieser Teil ist natürlichen Ursprungs, bis auf den Boden, der wie derjenige im Zwischenraum aus festgestampftem Lehm besteht. Die Höhle ist mindestens vier Meter hoch und drei Meter breit. Wie gespenstische Schatten ragen zu beiden Seiten Felsvorsprünge und Stalagmiten auf.

Meine Hand zittert und so erbeben die Schatten an den Wänden, die der Lichtstrahl der Taschenlampe wirft, als ich langsam in die Höhle vordringe.

Es riecht faulig, die Wände sind feucht und von der Ferne höre ich ein Plätschern. Nicht nur das Plätschern wie von Wasser dringt an mein Ohr, sondern noch ein weiteres, viel gleichmäßigeres und tieferes Geräusch. Ein Brummen wie von einem Motor. Dasselbe Geräusch habe ich im Feierabendhaus gehört, als ich an der geöffneten Kellertür vorbei gegangen bin.

Ich konzentriere mich so sehr auf das seltsame Geräusch und versuche zu erfassen, um was es sich dabei handelt, dass ich nicht gleich merke, wie ich in einen viel größeren Höhlenraum trete. Erst als ich die Taschenlampe kreisen lasse, begreife ich die Weite und mir bleibt staunend die Luft weg. Kein Wunder, dass solche riesigen Höhlen auch als Kathedralen bezeichnet werden.

Bevor ich mich für den Anblick wappnen kann, erfasst der Lichtkegel eine riesenhafte Götzenfigur. Ich habe das Ding auf einem Foto im Feierabendhaus gesehen. Eine gewaltige vielleicht sieben oder acht Meter hohe Steinfigur. Ich hatte schon schlucken müssen, als ich sie auf dem Foto sah. Jetzt, wo sie sich nur wenige Meter von mir entfernt tatsächlich erhebt, haut mich die Wucht der Erscheinung fast um. Ich taumele. Oh Gott, ist das ein Koloss. Und was für ein Ungeheuer.

Der Körper ist massig; dicke fast schlauchförmige Arme und Beine, klauenartige Hände mit Fingernägeln, die fast doppelt so lang sind, wie die Finger selbst und wulstige, wie verkrüppelt wirkende Füße. Auf den wuchtigen Schultern ruht ein überproportional großer Schädel mit aus den Höhlen tretenden schlitzartigen Augen und Tentakel, die einem wuselnden Schlangennest gleich aus dem Gesicht sprießen, dort, wo Nase und Mund zu erwarten wären.

Gyamlarhotep!

Der Name so unaussprechlich wie die Erscheinung unfassbar.

Neben der Figur führt ein gemauerter Rundbogen in eine weitere Höhle. Dort muss sich der Altarraum befinden. Ein flackernder Lichtschein dringt heraus. Bis auf das unaufhörliche Plätschern und das monotone Brummen, ist kein Laut zu hören.

Als ich durch den Rundbogen trete und den Raum dahinter erblicke, falle ich vor Erstaunen und Ehrfurcht beinahe auf die Knie. Vor mir erstreckt sich eine gigantische Höhle, die der Länge und der Breite nach gut dreißig mal dreißig Meter misst.

An den Wänden unzählige Fackeln, die das Gewölbe in flackerndes Licht tauchen und unruhige Schattenbilder zeichnen. Aber da sind nicht nur die Fratzen, die der Lichtschein erzeugt, sondern richtige Zeichnungen, archaische Bilder von Tieren und Menschen, Jagdszenen aber auch Darstellungen grausamer Opferrituale und immer wieder die eindrucksvolle Darstellung eines die Menschen überragenden Wesens mit Tentakeln im Gesicht und einem schwerfälligen, unförmigen Körper. Gyamlarhotep. Der Gott aus den Weiten des Universums, das alte weise Alienwesen, sofern Adrian Rachow, als er mir die Rolle des Mysterybloggers vorspielte, nicht auch damit gelogen hat. All meine Ehrfurcht zerfleddert, als ich mir die Lächerlichkeit dieser Gottesanbetung vor Augen führe. Dieses schleimige Wesen, so nehme ich mir vor, verdient meine Ehrfurcht nicht, aber dem Naturschauspiel dieser gewaltigen Höhle will ich sie nicht verweigern. Vorsichtig setze ich einen Fuß vor den anderen und dringe in den Raum vor. Hier gibt es kein einziges elektrisches Licht, sondern allein das Licht der Fackeln. Der Boden ist nicht eben, wie noch im Gang. Ich muss aufpassen, dass ich nicht stolpere, während ich mit weit offen stehendem Mund die Pracht bestaune.

Dann erkenne ich ihn. Den Opferaltar im hinteren Bereich der Höhle. Ein aus dem Fels gearbeiteter ockerfarbener Quader. Als ich nähertrete, ahne ich den Grund seiner Farbgebung. Die Färbung ist nicht gleichmäßig und nicht nahtlos. Breite Schlieren ziehen sich an den Seiten herab, wie ausgelaufene Farbe, nur das ich mir sicher bin, dass es sich nicht um Farbe handelt. Es muss das getrocknete Blut unzähliger Opferungen sein. Die Zeichnungen beweisen es ja, die Höhle wird schon seit Urzeiten, seit Jahrtausenden von Menschen zu Ritualhandlungen aufgesucht. Ich will mir gar nicht vorstellen, wie viele Lebewesen hier den Tod gefunden haben unter dem Schlachtmesser eines Priesters und in diesem Augenblick ist da wieder dieses Bild in meinem Kopf, das Bild eines von Kopf bis Fuß mit Blut besudelten Jungen.

So warm, alles.

Ich will den Blick von dem Opfertisch wenden, als mir ein matter Glanz an seiner Oberfläche auffällt und der Stich ins Purpurne, den die Färbung an der Stelle nimmt. Frisches Blut.

Zuerst glaube ich an eine Sinnestäuschung, als ein Stöhnen an mein Ohr dringt. Ich umrunde den Opfertisch. Ein Mann liegt zusammengekrümmt und gefesselt am Boden. Es ist David. Er ist bewusstlos und blutet aus einer Wunde am Kopf. Ich sollte kein Mitleid mit ihm haben, denn er hat mich ebenso zugerichtet, allerdings hat kein Mensch es verdient, von diesen durchgeknallten Sektenheinis misshandelt zu werden. Ich beuge mich zu ihm und fühle seinen Puls. Er ist schwach aber regelmäßig. David atmet ruhig und seine Atemwege scheinen frei zu sein. Die Frage wird nur sein, wie ich ihn von hier fortschaffe.

„Lass ihn,“ ruft eine Stimme. Ich erschrecke, als wäre die Götterstatue erwacht, und würde plötzlich neben mir stehen.

„Er ist unwichtig. Es geht allein um uns beide.“

Ich schaue zum Eingang. Im Rundbogen steht Kosra Borg.

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