Kapitel 46

Kein Zweifel. Das ist die Jeansjacke von Kosra Borg. Ich erinnere mich noch genau. Ich hatte kurz überlegt, eine hellblaue Steppjacke anzuziehen, mich dann aber für die Jeansjacke entschieden.

Ich? Nein, denn es ist Kosra Borg, die mit modischen Steppjacken nicht viel anfangen kann.

Was macht die Jeansjacke hier über der Stuhllehne? Wo sind die anderen Kleidungsstücke, die ich als Kosra Borg getragen habe? Wer hat hier Quartier bezogen? Denn so wirkt es, als habe sich hier jemand eingerichtet, um die nächsten Stunden oder gar die nächsten Tage in diesem Raum zu verbringen.

Ich ziehe die Jacke von der Stuhllehne und streife sie über. Es ist, als habe ich nicht nur Kosras Jacke, sondern ihre Haut, ihre ganze Identität wieder angezogen. Selbst jetzt, wo ich die Wahrheit kenne, ist der Drang, Kosra Borg zu sein, ungebrochen. Oder er wird umso stärker, weil ich die Wahrheit kenne. Die Identität der Kosra Borg schien Nadia Westhoffs Rettung zu sein und doch ist auch das jetzt nichts weiter, als ein Trugschluss, wie all die Halluzinationen, die mir in diesem Ort schon begegnet sind.

Sie sind hinter mir her, egal, wer ich bin.

Als ich die Jacke schon wieder ausziehen will, bemerke ich ein Blatt Papier, das zusammengefaltet in der linken Brusttasche steckt.

Ich behalte die Jacke an, ziehe das Blatt hervor und falte es auseinander.

Das Papier ist alt, gelblich und stockfleckig. Ein Brief.

Ich habe zuvor nur wenige geschriebene Zeilen meiner leiblichen Mutter gesehen. In den Papieren, die mir nach dem Unfalltod meiner Eltern überlassen wurden, fanden sich Notizen zu einer Wohnung, die meine Eltern beziehen wollten. Eine Galeriewohnung, so ganz das Gegenteil zu der engen Behausung, in der wir bislang wohnten. Meine Mutter hatte genau notiert, welche Möbel sie brauchen würden und wo sie stehen sollten. Sie hatte sogar kleine Skizzen angefertigt und Grundrisse der einzelnen Zimmer aufgezeichnet. In der Zeit, bevor ich zu meinen Adoptiveltern kam, habe ich mir ihre Zeilen immer wieder durchgelesen und mir versucht die Wohnung vorzustellen, in der wir gemeinsam als Familie leben wollten. In meiner Phantasie bezog ich ein kleines Zimmer auf der Galerie, mit einem Fenster zum Hof. Natürlich bekam ich das Hochbett, das ich mir schon lange gewünscht hatte, mit einem schlichten Schreibtisch unter dem Bettgestell. Auf der Arbeitsplatte würde mein Walkman liegen, den ich in meinem Zimmer nicht brauchte, da meine Eltern mir endlich die Stereoanlage schenkten, um die ich sie seit Monaten anbettelte.

I see your face before me
As I lay on my bed

Meine Mutter hatte die Einrichtung exakt beschrieben, auch wenn sie in meinem Zimmer ein einfaches Bett mit einem Schreibtisch an der gegenüberliegenden Wand eingezeichnet hatte und direkt neben meinem Zimmer eine Art Gästezimmer, jedenfalls hielt ich es für ein Gästezimmer, da das Schlafzimmer meiner Eltern direkt neben dem Wohnzimmer eingeplant war. Dieses Gästezimmer sah genauso aus, wie der mir zugedachte Raum, wie eine Kopie. Dieses Zimmer war mit einem ‹N› markiert.

In meiner Vorstellung war diese Wohnung so real, als hätten wir sie tatsächlich bezogen, obgleich es nie dazu gekommen ist.

Vielleicht hat es selbst die Skizzen nie gegeben oder den Unfalltod meiner Eltern. Was weiß ich schon vom Leben der Nadia Westhoff? Welche Gewissheit besitze ich noch über mein Leben?

Sei es, wie es sei. Ich kenne die Handschrift, die sich auf dem brüchigen Papier erhalten hat, wem auch immer sie gehört haben mag. Ich beginne zu lesen.

29. Juni 1992
Liebe Klara,
da du auf meine bisherigen Briefe nicht reagiert hast, gehe ich davon aus, dass du unsere Tochter nicht freiwillig herausgeben willst. Ich habe nichts anderes erwartet. Wir haben herausgefunden, was es für eine Sekte ist, der du dich angeschlossen hast. Wir sind nicht bereit, dir unsere Tochter weiterhin anzuvertrauen. Wir können jetzt auch für Nadia sorgen. Nächsten Monat beziehen wir eine größere Wohnung und nachdem Hinrich jetzt endlich eine feste Anstellung gefunden hat, werden wir für unsere Familie sorgen können. Unabhängig davon fürchten wir um das Wohl unseres Kindes. Wie konntest du sie nur da mit hineinziehen?
Wir holen unsere Tochter zu uns zurück. Ob es dir gefällt oder nicht.
Deine Schwester

Mit zittrigen Händen lege ich den Brief auf dem Tisch ab.

…unsere Tochter nicht freiwillig herausgeben…
Wir holen unsere Tochter zu uns zurück.
Wie konntest du sie nur da mit hineinziehen?

Herausgeben? Zurückholen? Was soll das? Ich weiß doch genau, dass ich zusammen mit meinen Eltern hierher gekommen bin. Ich wusste bisher nur nicht, dass es Totenbruck war, wohin meine Eltern mit mir gefahren waren.

Halt. Das stimmt nicht. Ich muss aufhören, die Wahrheit zu ignorieren. Ich habe es doch mit eigenen Ohren gehört, Worte gesprochen mit meiner eigenen Stimme.

Meine leiblichen Eltern haben mich als Kleinkind in die Obhut von Klara Rachow gegeben.
Klara.
Liebe Klara.

Aber, dann können meine Eltern nicht mit mir hierher gefahren sein, wenn sie mich doch erst befreien wollten. Dann war ich ja schon hier in Totenbruck.

Du bleibst hier und gehst nicht fort.

Meine Mutter, die mich ermahnt, auf sie zu warten. Auf dem Spielplatz auf sie zu warten, nachdem wir aus dem Auto ausgestiegen sind.

Der gelbe Passat.

Sind wir ausgestiegen? War ich überhaupt vorher in dem Wagen? Oder wollten wir einsteigen und meine Eltern sind noch mal zurückgekehrt zu dem Ort, aus dem sie mich befreit haben? Ich sehe den Wagen vor mir, seine leuchtende Farbe, die mich an ein Postauto erinnerte. Ich kann mich nur nicht mehr erinnern, ob ich in dem Wagen saß, als meine Eltern hierher aufbrachen. Wo war ich gewesen, wenn nicht zusammen mit meinen Eltern in dem Auto? Ganz sicher saß ich auf dem Rücksitz, als der Unfall passierte, auf der Heimfahrt. War ich gar nicht von ihnen mitgenommen, sondern von hier abgeholt worden?

Befreit?

Aus den Fängen der Sekte?

Wir holen unsere Tochter zu uns zurück.

Ich bin nicht länger fähig, zu entscheiden, welche meiner Erinnerungen und Empfindungen bloße Einbildung sind, um der Persönlichkeit Kosra Borg Leben einzuhauchen, und was davon Nadia Westhoff erlebt hat.

Ich möchte begreifen. Ich will verstehen und mich an alles erinnern. Ich will mein Leben zurück. Im Moment bin ich nur ein vergehender Schatten in der Dämmerung zwischen Kosra Borg und Nadia Westhoff. Ich will meine Erinnerungen zurück, selbst wenn es die grausamen Erinnerungen an blutige Rituale sind. Ich muss mich meiner Vergangenheit stellen. Selbst wenn ich mich in eine Frau zurückverwandeln müsste, von der ich in mir nicht die geringsten Spuren entdecke, außer solchen, die mit Blut gezeichnet wurden. Ich weiß jetzt, dass es keine Trugbilder sind. Es sind Erinnerungen. Nur nicht die Erinnerungen von Kosra Borg, sondern von Nadia Westhoff. Ich muss mich dem Echo des Blutes stellen. Dann werde ich begreifen.

Versteckt hinter der Anrichte beginnt der Eingang zur Hölle. Ich weiß es. Dorthin muss ich gehen.

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