Kapitel 45

Ich schlage um mich. Schreie und falle schluchzend auf die Knie, als ich begreife, dass ich allein bin. Allein in dem düsteren Wald, umgeben von Schatten und durchdrungen von Erinnerungen, die mich packen und mir die Luft zu rauben scheinen.

Die Erscheinungen sind verschwunden. Der Polizist, der Junge und das andere Mädchen. Ich bin allein. Eine erwachsene, verwirrte Frau allein im Wald. Zu dumm, dass mir meine Ironie längst abhanden gekommen ist, denn sie ist ohnehin nie meine gewesen, sondern der eingebildete Schutzmechanismus einer Frau, die ich nie gewesen bin.

Mein Name ist Nadia. Du musst mir helfen.
Nadia.
Ich weiß.

Und tatsächlich begreife ich. Der Kinderspielplatz. Das Foto auf dem Regal in dem Ferienhaus, das einst Dirk Radovics bewohnt hat.

Inmitten der Neubausiedlung prangte ein klinisch sauberer Spielplatz mit einer Schaukel aus rotem Gestänge und gelben Sitzschalen, daneben ein Sandkasten und eine Rutsche.

Die Siedlung der Sekte.

Hier, wo heute der Wald steht, war vor über zwanzig Jahren die Siedlung der Sektenanhänger! Meine rechte Hand zuckt zu meiner Brust, legt sich auf mein trommelndes Herz. Ich begreife. Nach den grausamen Ereignissen wurden die Häuser abgerissen und ein Wald auf dem Gelände angelegt. Ein Wald, der die Geheimnisse dieses Ortes verdecken soll, deswegen auch der Drahtzaun mit der stacheligen Krone.

Ich bin gestern, als mich die verhüllten Gestalten bedrängten, nicht einfach in ein Erdloch gefallen oder in den Zugang zu einem Weltkriegsbunker, sondern in einen Kellerzugang. Sie haben die Keller unberührt gelassen. Mindestens einen.

Zum ersten Mal habe ich das Gefühl, einen größeren Teil der Hintergründe zu begreifen, also nicht direkt zu begreifen, aber jedenfalls zu erkennen. Mehrere Puzzleteile fügen sich zusammen und ergeben einen Ausschnitt des Gesamtbildes.

Der Polizist, das war Davids Vater, der quasi im Alleingang ein Kind gerettet hat. Der blutverschmierte Junge. Adrian Rachow. Aber, warum sollte er sich auf mich gestürzt haben und was hat es zu bedeuten, dass ich erneut mich als kleines Mädchen gesehen habe, mit diesem komischen Behälter in der Hand, so wie das Abbild in meinem Albtraum. Das andere Mädchen auf der Rückbank unseres Wagens?

Auf welche Art sind all diese Personen miteinander verwoben? Adrian Rachow, Dirk Radovics, der Polizist und ich?

Der Keller!

Sie haben mich gestern nicht zufällig hierher gelockt und in das Erdloch stürzen lassen. Genauso wie sie Sarah heute ausgerechnet hier entführt haben, in der Erwartung, dass ich ihren Schreien folge und zum Keller zurückkehre.

Nur, was soll ich dort? Ist der Keller der Ort, der Antworten für mich bereithält oder ist es der letzte Schritt hinein in eine Falle?

Eines ist klar: Der Keller ist das alles verschlingende schwarze Loch dieses Ortes. Und so, wie er alles verschlingt, verbirgt er in sich auch alle Geheimnisse.

Wenn ich Antworten will, dann muss ich dorthin gehen. Wenn die Sekte meinen Tod wollte, dann hätten sie mich längst erledigt. Sie wollen, dass ich dorthin gehe, wo alles begann, und ich bin bereit.

Und sehr wahrscheinlich haben sie, wer auch immer sie sind, Sarah und vielleicht auch David dorthin verschleppt. Wenn ich sie retten will, dann muss ich ihnen folgen. Es gibt keine Alternative.

Ich hebe die Taschenlampe auf.

Was ist das?

Ganz in meiner Nähe ertönt ein hechelndes Geräusch. Irgendetwas schleicht durch das Dickicht um mich herum. Ein Tier? Vielleicht ein Wildschwein? Oder bloß ein Fuchs? Nein, das Tier muss größer sein. So schnauft kein Fuchs. Das Wesen schnüffelt, dann faucht es und schweigt schließlich. Ich lausche und suche mit hastigen Blicken den Urwald um mich herum nach einer Bewegung ab. Nichts.

Ich kenne das Geräusch. Ich habe es im Feierabendhaus gehört und als ich den blutüberströmten Jungen auf der Straße halluzinierte.

Als es sich es sich schwächer, aber unverkennbar erneut erhebt, folge ich ihm. Es wird mich zum Keller führen.

Dort, wo die morgendliche Sonne durch das Blätterdach bricht, streckt sich mein Schatten über den laubbedeckten Waldboden, als wollte er sich von mir trennen und zu den anderen Schatten überlaufen. Mein namenloser Schatten, der gut ohne jede Identität überleben kann.

Als ich schließlich die Grube erreiche, kommt sie mir gar nicht mehr so tief vor. Bin ich da tatsächlich nicht ohne Hilfe wieder raus gekommen?

Nur, wenn ich schon so dämlich bin, in diese Grube zurückzukehren, dann sollte ich den Rückweg sicherstellen.

Nach einer kurzen Suche finde ich einen abgebrochenen Ast auf dem Waldboden, der lang und dick genug ist, dass ich mich später an ihm wieder aus dem Loch werde befreien können. Jedenfalls rede ich mir das ein.

Ohne weiter darüber nachzudenken, verkeile ich ihn zwischen dem Rand des Loches und dem Boden der Grube und hangele mich an dem Ast hinab. Er hält. Er wird auch halten, wenn ich später wieder an die Oberfläche will. Das hoffe ich zumindest.

Ich schalte die Taschenlampe ein und leuchte in die Öffnung. Die Stufen, die ich gestern nur ertastet habe, führen von einem milchiggrünen Schimmer überzogen weit in den Untergrund. Der Lichtstrahl trifft ungefähr drei Meter weiter unten auf einen mit Blättern und Ästen überzogenen Betonboden. Das sagt noch nichts. Es könnte sich immer noch um einen ausgedienten Kriegsbunker handeln.

Bevor ich es mir anders überlege, krieche ich mit den Füßen voran in den Tunnel, rutsche auf den glitschigen Stufen hinab. Selbst wenn ich wollte, könnte ich mich nicht aufrichten. Der Tunnel ist nicht hoch genug und außerdem fürchte ich, auf den schmierigen Stufen auszurutschen, also schlittere ich hinab.

Wurzeln hängen herab. Überall sind Spinnweben. Ich erschrecke, als ein Käfer vor mir auf den Boden fällt und eilig davon krabbelt. Ich atme viel zu hastig und zwinge mich zur Ruhe. Wenn nur die Vorstellung nicht wäre, in mein eigenes Grab zu kriechen.

Am Boden angekommen, stelle ich erleichtert fest, dass ich mich hier unten aufrichten kann. Die Seiten und die Decke sind mit Brettern stabilisiert. Vor mir befindet sich eine Stahltür. Bevor ich lange darüber nachdenke, ob sie versperrt ist, drücke ich den Türgriff und stelle erleichtert fest, dass sie sofort aufspringt. Kühle Luft strömt mir entgegen. Ein Schauer überfährt mich und Gänsehaut breitet sich auf meinem ganzen Körper aus.

Die Tür führt in einen vielleicht zwei Meter hohen, gemauerten Raum. An einer Wand ist ein Metallregal angebracht, auf dem Kisten und allerlei Krimskrams herumliegen, ein ausrangierter Staubsauger, eine schnörkelige Deckenlampe mit Leuchten aus gelblich milchigem Glas mit blanken Fassungen ohne Glühbirnen. Ist das möglich? Ist das wirklich der Keller aus meiner Erinnerung? Was hat es schon zu bedeuten, dass mir der Staubsauger bekannt vorkommt? Solche Geräte gibt es unzählige in Kellern und solche Regale auch. Auf dem untersten Regal stehen Bierkästen mit leeren Flaschen. Es wirkt fast so, als könnte jeden Augenblick jemand in den Keller treten, um die Kästen zur Getränkeabteilung eines Supermarktes zu bringen. Allein die dicke Staubschicht verrät, dass sich hier schon seit vielen Jahren niemand mehr um das Flaschenpfand Gedanken macht.

Gegenüber dem Regal steht eine Werkbank aus massivem Holz. Am Boden liegt ein Schraubstock. Der schief befestigte Schraubstock ist also nach all den Jahren heruntergefallen.

Ich hebe den Blick und richte gleichzeitig meine Taschenlampe auf die andere Seite des Raumes. Da ist er. Der Vorhang.

Die Ränder des groben Stoffes schimmern schwach, wie ein fluoreszierender Saum. Im ersten Augenblick halte ich es für eine Reflexion der Taschenlampe. Ich schalte sie aus, dann sehe ich es. Es ist ein Lichtschein von der anderen Seite. Dort brennt ein schwaches Licht.

Meine Kehle zieht sich zusammen. Ich stehe nur da, gebannt, in ohrenbetäubender Stille und bis auf den Schimmer in tiefschwarzer Dunkelheit.

Langsam schiebe ich einen Fuß vor den anderen. Ich lausche. Wenn sich jemand in dem Raum hinter dem Vorhang befindet, verhält er sich mucksmäuschenstill. Ich rechne damit, dass der Lichtschein jeden Augenblick verlöscht. Wer auch immer sich hinter dem Vorhang befindet, wird das Licht ausschalten, da bin mir absolut sicher, doch es passiert nichts. Vielleicht hat die Person gar nicht bemerkt, dass ich hier eingedrungen bin?

Kann ich es wagen, meine Taschenlampe wieder einzuschalten? Ich entscheide mich dagegen. Zwischen dem Vorhang und mir stand nichts auf dem Boden, ich laufe also nicht Gefahr zu stolpern und das schwache Glimmen weist mir die Richtung.

Die Taschenlampe ist meine einzige Waffe.

Ich schleiche auf den Vorhang zu. Wie soll ich vorgehen? Den Vorhang langsam und vorsichtig zur Seite schieben und die Person oder die Personen auf der anderen Seite vorwarnen? Sinnvoller ist es wahrscheinlich, den Vorhang aufzureißen und das Überraschungsmoment zu nutzen. Fragt sich nur, für wen die Überraschung am Ende am größten sein wird.

Ich horche.

Nichts. Kein Geräusch dringt von der anderen Seite heran. Werde ich bereits erwartet? Ich packe den Stoff, der sich pelzig und feucht anfühlt, wie das blutige Fell eines Tierkadavers.

Mit einem Ruck reiße ich den Vorhang zur Seite und rechne schon damit, dass ich ihn aus der Verankerung gerissen habe und er mich beim Herabfallen unter sich begraben wird. Der Vorhang schwingt zur Seite und hält, allerdings hüllt mich eine modrige Staubwolke ein, die mir den Atem raubt. Ich huste und als mein Blick sich lichtet, erfasse ich einen Raum, der größer ist, als das Kellerabteil zuvor. Der Raum wird schwach von einer Deckenleuchte erhellt, die an eine Grubenlampe erinnert. Ihr Glas ist dreckverschmiert. Der ölige Überzug schirmt das Licht der Glühbirne ab. In der Mitte des Raumes steht der Tischtennistisch. Eine Seite des Tisches ist heruntergeklappt. Eine Tasse steht darauf und ein Frühstücksbrett mit einem angebissenen Brötchen. Die Tasse dampft. Ein Küchenstuhl ist achtlos zur Seite geschoben. Unter den Tisch wurde ein Feldbett geschoben. Darauf liegt ein Kissen sowie eine Armeedecke.

Kein Mensch zu sehen. Ich bin allein.

Als ich mich in dem Raum weiter umsehe, fällt mir der Begriff Partykeller ein. Es gab eine Zeit, da war das ein Muss für jedes Eigenheim. Nur dass das Wort Partykeller an diesem Ort einen seltsamen Beigeschmack hat.

Und da ist auch der alte Küchentisch mit der Anrichte. Alles wie in meiner Erinnerung. Doch irgendetwas ist anders und ich meine nicht die dampfende Tasse, das Frühstück oder das Feldbett.

Es ist der Schrank! Er steht falsch. In meiner Erinnerung stand er links von der Stelle, an der er jetzt steht. Er wurde verschoben. Dort wo er jetzt ist, war in meiner Erinnerung das riesige Loch in der Wand, das ich zuerst für einen Fleck gehalten habe. Auf der Arbeitsplatte steht eine Kaffeemaschine, ein Wasserkocher und verschiedene Lebensmittel. Brot in einer Plastiktüte, Butter, Marmelade und ein kleiner Stapel unterschiedlicher Konservendosen. Eine Tür des Schrankaufsatzes ist halb geöffnet und ich erkenne Tassen, Gläser und Teller.

Ein Radiorecorder mit Kassettendeck steht neben einem angebrochenen Pack Mineralwasser. Musikkassetten? Die gibt es schon seit Jahren nicht mehr.

Aus dem Pack Mineralwasser wurde eine Flasche herausgenommen und steht noch halb gefüllt am Boden.

Wer auch immer in diesem Raum war, kann noch nicht lange fort sein. Fragt sich nur, wohin die Person verschwunden ist?

Mein Blick fällt erneut auf den Küchenstuhl neben der Tischtennisplatte. Über der Lehne hängt eine Jeansjacke. Ich erkenne sie sofort. Diese Jacke habe ich getragen, als ich noch Kosra Borg war.

Ich bin zurück.

Ich werde erwartet.

Noch keine Kommentare vorhanden.

Was denkst du?

© 2019 Andreas Riehn
Powered by Chimpify