Kapitel 43

Renn‘! Wer immer du bist.

Zuerst stolpere ich nahezu blind durch die Nacht, knicke auf dem unebenen, steinigen Weg, der sich nur schemenhaft vor mir abzeichnet, immer wieder um. Aber nichts kann mich aufhalten. Nicht die spitzen Steine, die sich durch meine dünnen Schuhsohlen bohren und auch nicht der in den Weg ragende Zweig eines Strauches, der mir ins Gesicht schlägt und einen blutigen Striemen hinterlässt.

Stehenbleiben kommt nicht in Frage. Ich muss hier weg und ich muss das Auto erreichen, bevor Sarah es wieder zum Laufen bringt und mich hier zurücklässt.

Überall sehe ich Gestalten, die im Schutze der Nacht in Mulden kauern oder sich Bäumen und Sträuchern am Wegesrand verstecken. Mein Verstand spielt mir Streiche, aber ich renne immer weiter.

Über dunklen schweren Wolken zeigt sich der blaue Himmel des dämmernden Tages. Es wird wieder Regen geben. Der Kondensstreifen eines Flugzeugs taucht hinter einer der Wolken auf und verschwindet sogleich hinter der nächsten, wie ein kurzes Blinzeln der Zivilisation. Ich stelle mir vor, ich säße dort oben in diesem Flugzeug und hätte die ganze Welt hier unten im Blick. Ich könnte endlich all die Orte außerhalb der finsteren Insel Totenbruck sehen, in denen Lichter brennen in Häusern, die der wahren Welt angehören, Wohnungen in denen Menschen sich einfach nur auf einen neuen Tag einstimmen und keine Gestalten auf das nächste Opfer für ihre dunkle Gottheit lauern. Bei dem Gedanken an eine sichere warme Behausung kommt mir der Gedanke, dass ich selbst nichts weiter bin als ein leeres Haus, mit einem morschen Fundament, denn die Identität ist das Fundament eines Menschen und ich habe nur noch die verblassende Erinnerung an eine Frau, die ich nie war und keine einzige an die Person, die ich tatsächlich bin.

Und ausgerechnet Dirk Radovics ist die Verbindung zwischen meinen beiden Identitäten.

Ich habe mir angewöhnt, eine abgespaltene Persönlichkeit als «Innie» zu bezeichnen.

Nadia Westhoff muss ihn gekannt haben. War er ihr Patient? Wie nah muss sie ihm aber gewesen sein, um einen Schlüssel zu seinem Haus zu besitzen?

Auf der anderen Seite musste Radovics Adresse auf den Briefen nicht bedeuten, dass ihm das Haus gehörte. Es konnte Nadia Westhoff gehören und sie hatte es an Radovics vermietet. Ja, so muss es sein. Radovics war nicht ihr Patient, sondern ganz einfach ihr Mieter gewesen.

Ihre Familie besitzt eine Verbindung zu diesem Ort.

Edgar Bronsky präsentiert SS-Obergruppenführer Westhoff die Kanope des KurgAnkhRe, Geburtstag des Führers, 20. April 1937.

Das Foto im Flur der Feierabendhauses.

SS-Obergruppenfüher Westhoff.

Es gibt eine Verbindung zwischen Nadia Westhoff und diesem Ort, die bedeutend weiter zurückreicht, als die aktuellen Ereignisse, ja sogar weiter, als die Rituale an den Kindern in den neunziger Jahren.

Es ist nur logisch, dass ihr hier ein Haus gehört.

Als Radovics dann das Attentat auf Kosra Borg verübte, wurde Nadia Westhoff auf Kosra Borg aufmerksam und so kam es, dass sie…

Was?

Dass Nadia Kosras Identität stahl?

Das trifft es nicht. Sie hat sich die Identität einer Kosra Borg geschaffen, die das Attentat überlebt hat und danach kaum noch die Wohnung verließ. Die richtige Kosra Borg war nichts weiter als eine Schablone gewesen, um sich die Identität zu schaffen, die sie brauchte, um sich zu verstecken.

Na, das war ihrmir ja wunderbar gelungen. Statt in Kosras Wohnzimmer in Sicherheit zu sein, renne ich hier wie auf dem Präsentierteller durch die Gegend.

Ich grübele und grübele, bis mir ganz schwindlig wird und meine Hand wie von selbst zu der Narbe auf meiner Brust wandert. Was mache ich nur? Ich denke über Nadia Westhoff nach und über Kosra Borg, als wären beide ganz fremde Personen. Dabei bin ich eine von den beiden und bilde mir immer noch ein, die andere zu sein.

Gedankenverloren streiche ich darüber, fühle die leichte Erhebung der Haut, den wulstigen Streifen, der von dem Stich des Messers zurückgeblieben ist. Die Narbe! Woher stammt diese Narbe, wenn ich nicht Kosra Borg bin? Hat Nadia Westhoff sich diese Narbe absichtlich beigebracht? Das wäre eine Möglichkeit und ich sehe mich, wie ich mit einer spitzen Klinge immer wieder in die Haut ritze, den heilenden Schorf nach einigen Stunden abkratze, um erneut hineinzuschneiden, in die Haut, damit am Ende eine deutlich fühlbare Narbe zurückbleibt.

Ein Knubbel wird bleiben.

Kann ich mir selbst trauen? Bin ich so verrückt, dass ich mich selbst verletze, um mich in eine andere Identität zu flüchten? Bin ich? Ich?

Ich!

Das eine Wort breitet sich in mir aus, spült alle anderen Gedanken hinfort. Ich. Ein sich aufblähendes Gebilde, das mein gesamtes Denken auszufüllen bereit ist. Ich.

Ich. Bin.

Ich.

Die Namen verschwinden dahinter. Kosra Borg. Nadia Westhoff. Die Namen verstummen. Versinken unter der Last des einen Gedankens. Ich. Bin.

Ich erreiche eine Anhöhe und dahinter taucht die Straße auf.

Ist das die richtige Abzweigung? Genau wie meine Identität habe ich jegliche Orientierung verloren. Sie muss es sein, denn es führt nur dieser eine Weg vom Haus zur Straße.

Es muss die richtige Abzweigung sein und gleichzeitig wünschte ich, ich würde mich täuschen. Hatte Sarah nicht gesagt, dass sie den Wagen an der Abzweigung stehen lassen musste?

Dort steht kein Wagen.

Sie hat den Wagen starten können, hat ihn gewendet und ist auf der Straße Richtung Totenbruck davongebraust. Auf dem feuchten Asphalt haben die vom Matsch verdreckten Reifen Spuren hinterlassen, die sich in der Ferne verlieren.

Wie hatte ich nur glauben können, dass ich sie einholen könnte? Bestimmt hatte sie genug Vorsprung gehabt, bis ich entdeckte, dass sie nicht länger in der Toilette war.

Und jetzt?

Ich stehe an der Straße und blicke in die Richtung, die vom Wald und Totenbruck fortführt. Worüber denke ich noch nach? Ich werde ja wohl kaum so verrückt sein, nach Totenbruck zurückzukehren? Wie weit kann der nächste Ort schon entfernt sein?

Warum zögere ich?

Ich blicke in die andere Richtung, dorthin wo der Wald beginnt. Die aufgehende Sonne erzeugt sonderbare Lichtreflexionen. Zwei rotglühende Augen, die mich vom Waldrand anstarren. Lichtreflexionen? Das ist keine Sinnestäuschung, das sind die Rücklichter eines Autos.

Der Volvo!

Sarah muss erneut oder Panne gehabt haben oder sie hatte einen Unfall.

Der Wagen ist weiter entfernt, als ich zuerst dachte. Es kommt mir wie eine Ewigkeit vor, als ich ihn endlich erreiche. Aber, es ist tatsächlich der Volvo. Er steht quer auf der Straße, kurz vor der Biegung, hinter der ein umgestürzter Baum den Zaun nach unten drückt. Die Stelle, an der ich gestern den Wald betreten habe. War es erst gestern? Mir kommt es viel länger vor.

Die Fahrertür des Volvos steht halb offen. Der Schlüssel steckt. Die hinteren Sitze sind umgeklappt, weil Sarah ihr gesamtes Campingzeugs in den Laderaum verfrachtet hat. Kaum zu glauben, dass sie das alles allein mit dem Motorrad zum Kreidesee transportiert haben.

Auf dem Beifahrersitz liegt eine der beiden Taschenlampen, die jener Mann, der sich mir gegenüber als Sebastian Kolev ausgegeben hat, und ich für den Abstieg in die Katakombe unter der Kirchenruine benutzt haben. Von der zweiten Taschenlampe keine Spur.

Ich lasse mich auf den Fahrersitz fallen und betätige den Zündschlüssel. Nichts. Der Wagen tut keinen Mucks.

Was ist geschehen?

Hatte Sarah wieder eine Panne? Ist sie zu Fuß weitergegangen? Oder wurde sie von Gestalten in Kutten zum Halten gezwungen?

Ich schaue zum Wald. Er ist wie ein Schwamm, der die Reste der Nacht aufgesogen hat. Die Schatten zwischen den mächtigen Baumstämmen und im Unterholz verspotten mich.

Dann ein Schrei.

Sarah!

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