Kapitel 42

Die Aufnahme bricht ab. Die Kamera schweigt. Ich bin leer.

Battery low.

Das Pochen meines Herzens holt mich zurück. Es schlägt wild in der Brust einer Frau, die ich nicht kenne, denn Kosra Borg ist eine Lüge. Meine Haut beginnt zu kribbeln, als habe ein Stromstoß mich durchfahren. Mein Mund ist trocken.

Ich habe Antworten gewollt, jetzt habe ich sie. Ich bin krank. Wahnsinnig. Schizophren. Nein, nicht schizophren.

Der von Laien häufig benutzte Begriff der Schizophrenie ist hingegen nicht korrekt.

‹Dissoziative Persönlichkeitsstörung›. Das waren ihre Worte, das waren meine Worte, denn es war meine Stimme, die gesprochen hat. Ich fühle mich leer, verzehrt wie ein Insekt von einer Spinne, die ihr Gift in meinen Körper gespritzt und den Saft meiner Innereien dann genüsslich ausgesaugt hat. Zurück bleibt eine leere Hülle, die im nächsten Augenblick zu Staub zerfallen wird.

Ich bin nicht Kosra Borg. Diese Frau ist seit drei Jahren tot. Ich bin Nadia Westhoff, eine geisteskranke Psychologin.

Der von Laien häufig benutzte Begriff der Schizophrenie ist hingegen nicht korrekt.

Ich zittere am ganzen Leib. Ich begreife und begreife doch wieder nicht. Wieso kann ich mich nicht an Nadia Westhoff erinnern, an mein wahres Ich? Selbst jetzt nicht, da ich die Wahrheit erfahren habe? Erfahren von mir selbst, ausgesprochen von meiner eigenen Stimme? Sosehr ich auch in mich hineinhorche, so höre ich doch kein Echo von Nadia Westhoff, sondern nur von Kosra Borg. Das Echo einer Toten.

Schon bald wird sie mich vollkommen beherrschen und Nadia Westhoff wird verschwunden sein.

So ist es gekommen. Ist das die Antwort auf meine Fragen, die Lösung dessen, was mir hier widerfährt? Es passt nicht. Es ergibt keinen Sinn. Wann habe ich mich endgültig verwandelt? Gestern Nacht auf der Straße, als ich meinte, eine Motorradfahrerin zu retten? Habe ich mir das nur eingebildet? Und wieso bin ich überhaupt in diesen Ort gekommen? In die Höhle des Löwen. Kosra Borg ist die ideale Identität, um sich versteckt zu halten, da sie nicht in der Öffentlichkeit praktiziert, keine Mandanten empfängt und lediglich Telefonberatungen in ihrer Wohnung ausführt. Aber, das betrifft die Kosra Borg, die von Nadia Westhoff erschaffen wurde. War die wirkliche Kosra Borg auch so? Nadia Westhoff hat das Leben der Kosra Borg so weitergesponnen, dass sie sich darin verstecken konnte. Das, was ich als Makel angesehen habe, meine Flucht in die eigenen vier Wände und meine Tätigkeit als reine Telefonanwältin, war die Rolle, die Nadia Westhoff für mich geschaffen hatte, um ihren Verfolgern zu entkommen. Oder habe ich mich selbst geschaffen, aus dem Nichts?

Habe ich mich erschaffen, um sie zu retten? Nur, weshalb war ich dann ausgerechnet wieder in Totenbruck gelandet? War der Anruf der Versicherung, der mich hierhergeführt hat, inszeniert? Aber von wem und warum? Wenn mein Identitätswechsel aufgeflogen ist, dann hätten sie mich auch in der Stadt überwältigen können. Hätten sie? Oder ist es nicht viel einfacher für meine Häscher, mich hier zu erledigen, wo es keine Zeugen gibt und wahrscheinlich ohnehin alle unter einer Decke stecken?

Es fühlt sich falsch an, wie Puzzleteile, deren Formen sich ineinanderfügen, aber kein erkennbares Bild ergeben.

Wie kann ichsie juristische Telefonberatungen durchgeführt haben, ohne juristisches Studium?

Ach komm‘ schon, geht eine innere (meineihre?) Stimme dazwischen. Wie schwer ist es schon, sich in die ständig wiederkehrenden Fragen der Telefonkunden einzuarbeiten?

Muss ich meine Wohnung beim Auszug renovieren? Mein Arbeitgeber hat mir ein Auflösungsangebot gemacht, soll ich das annehmen? Muss ich meiner Frau Unterhalt bezahlen? Die Äpfel meines Nachbarn fallen in meinen Garten. Die Ampel war nicht rot, die war höchstens gelb.

Es sind immer dieselben Probleme. Und wenn du nicht weiterwusstest, dann hast du den Kunden hingehalten und rasch im Internet recherchiert. Kollege Google, erinnerst du dich nicht?

Natürlich erinnere ich mich. Aber, es ist etwas ganz anderes, wenn man mit einer juristischen Ausbildung im Internet sucht.

Ja, klar, ist meineihre spöttische Antwort.

Du hast schon immer gelogen.

Hast du etwa noch nie von dem Postboten gehört, der jahrelang als Arzt praktizierte? Wie schwer kann es dann schon sein, sich in überschaubare Rechtsprobleme einzuarbeiten.

Und dann diese ganze Schnitzeljagd? Der Ausriss aus dem Gästebuch, die eingeritzte Botschaft in den Kameraakku. Wie hängt das alles zusammen? Wer hat der alten Frau im Feierabendhaus den Akku gegeben? War ich das noch als Nadia Westhoff gewesen, doch dann hätte ich gewusst, dass ich nach Totenbruck zurückkehren würde.

Nenn‘ mich Kosra Borg, wenn ich wiederkomme. Das hast du gesagt.

Welches Spiel habe ich mit mir selbst gespielt?

Welches Spiel spiele ich in diesem Augenblick?

Du hättest nicht zurückkehren dürfen.

Was habe ich als Nadia Westhoff getan? Die Bilder an die Ermordung des Bloggers, als er die Küche betrat. Ist Nadia Westhoff Zeugin eines Mordes geworden? Zeugin oder Beteiligte? Immerhin hat sie, habe ich, den Mord nicht verhindert, als der andere Mann aus seinem Versteck kam und dem echten Sebastian Kolev die Kehle durchschnitt. Der andere Mann – Adrian Rachow.

Nur eines wird immer deutlicher, je länger ich darüber nachdenke. In den Ereignissen der letzten Stunden laufen unterschiedliche Schicksale zusammen, so wie Davids Geschichte, die mit dem, was mir geschieht nur am Rande und vielleicht auch nur zufällig zu tun haben. Gemeinsam ist nur die dunkle Vergangenheit dieses Ortes, die in der Anbetung eines grausamen Gottes besteht. Das alles verschlingende Zentrum der Ereignisse, wie ein schwarzes Loch in der Mitte einer Galaxie.

Und dann plötzlich ringe ich nach Luft, als wäre ich nach einem langen, kalten Aufenthalt unter Wasser endlich wieder an der Oberfläche. ‹Ich will leben›, ist der Gedanke, der sich wie der Urknall über die absolute Leere erhebt. Ich will nicht sterben, egal, wer ich bin.

Ich stehe langsam auf. Mit Wucht strömt das Blut durch meine Adern und einen kurzen Moment lang tanzen Sterne vor meinen Augen. Ich halte mich an der Kante des Beistelltisches fest und dabei rutscht die Kamera scheppernd auf den Boden. Ich lasse sie liegen. Das Gerät ist nutzlos für mich. Ich weiß jetzt, was ich weiß. Ich weiß, dass ich Nadia Westhoff bin und Kosra Borg vor drei Jahren gestorben ist.

Und ich weiß noch viel mehr. Egal was ich als Nadia Westhoff mit meinem anderen Ich ‹Kosra Borg› vorhatte, sieich war bei einem Mord dabei, ohne diesen zu verhindern. Ich stecke mit Adrian Rachow unter einer Decke. Er ist mein Patient. Das haben David und Sarah ja bereits herausgefunden.

Er sagte uns, dass sie kurz zuvor nach Totenbruck aufgebrochen seien, um einen Patienten zu treffen. Da war uns klar…

Adrian Rachow. Mein Patient? Oh mein Gott, ich habe auf die wahre Verbindung bislang gar nicht geachtet. Klara Rachow. Adrians Mutter. Meine Tante. Adrian Rachow ist mein Cousin.

Sarah!

Hat sie den Bericht gehört? Was denkt sie jetzt von mir? Es kann für sie jetzt keinen Zweifel mehr geben, dass ich mit Rachow unter einer Decke stecke.

Ich lausche. Es ist vollkommen still im Haus. Sie rührt sich nicht. Ist sie noch auf der Toilette? Ich habe nicht gehört, dass sie die Tür aufgeschlossen hat. Oder war ich zu sehr mit meinen Gedanken beschäftigt, um überhaupt irgendetwas in meiner Umgebung wahrzunehmen?

«Sarah?»

Nichts.

Vorsichtig trete ich in die Diele. Wenn Sarah denkt, dass sie die ganze Zeit Recht gehabt hat, dann könnte sie auf mich lauern, um mich zu überwältigen. Für sie muss es so aussehen, dass ich mit Adrian Rachow gemeinsame Sache mache und geholfen habe, David aus dem Weg zu räumen. Sie muss glauben, dass sie die Nächste ist.

In der Diele befinden sich nur wenige Möbelstücke. Von Sarah keine Spur und auch kein Laut.

Neben der Eingangstür steht ein kleiner Tisch, der als Ablage dient. Auf einer Häkeldecke liegt der Wohnungsschlüssel mit der Taschenlampe als Anhänger. Hat Sarah den Wagenschlüssel des Volvos noch bei sich? Dann habe ich ein Problem, denn ich muss schnellstens aus Totenbruck verschwinden.

Eine schmale Treppe führt nach oben. Der Weg ist durch eine Falltür in der Decke versperrt. Das Schloss ist verstaubt und von Spinnweben verdeckt. Dort ist niemand.

«Sarah?»

Ich gehe zur Toilette. Klopfe an die Tür.

«Sarah?»

Keine Antwort.

Ich drücke die Klinke. Die Tür ist verschlossen.

«Sarah?»

Nichts.

Ich zerre an der Tür, rufe Sarahs Namen, dann werfe ich mich dagegen und das Schloss gibt schon nach diesem ersten Stoß nach.

Der Raum ist leer. Sarah ist verschwunden. Das Fenster steht weit offen und es ist groß genug, dass Sarah hindurchschlüpfen konnte. Ein kalter Hauch strömt durch das Fenster und umfasst mich. Sarah ist abgehauen. Ich bin allein und das Mädchen hat die Autoschlüssel.

Ich muss ihr hinterher. Ich darf keine Zeit verlieren. Vielleicht kann ich sie einholen. Sie darf den Wagen nicht vor mir erreichen. Ohne Auto bin ich aufgeschmissen.

Als ich zitternd in die Diele zurückkehre, fällt mir ein wuchtiger alter Kühlschrank auf, der unter dem Treppenaufgang abgestellt ist. Das Gerät hat noch so einen Hebelgriff, von der Art, wie sie seit langem verboten sind, da sich die Kühlschranktür damit nicht von innen öffnen lässt.

An der Vorderseite sind unterschiedliche Papiere mit Klebestreifen und Magneten befestigt, Stromrechnungen und ähnliche Dokumente sowie Ansichtskarten und zahllose Notizzettel, auf denen nur ein einziger Satz steht:

«Es geht nicht anders.»

Immer wieder.

«Es geht nicht anders.»

Der kalte Hauch, der mir aus dem engen Bad gefolgt ist, greift nach meinem Herzen.

Mein Blick fällt auf die Adresse, an die die Briefe, Rechnungen und Behördenschreiben gerichtet sind:

‹Auf dem Rauhen Berg, Totenbruck.›

Die Anschrift dieses Hauses.

Der Name des Empfängers ist Dirk Radovics.

Sie haben gesagt, es geht nicht anders.

Die Klinge dringt in meine Brust. Immer wieder.

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