Kapitel 41

Mein Name ist Nadia Westhoff und dies ist der Bericht meiner Krankheit. Die medizinischen Befunde befinden sich in der Akte. Dies ist ein reiner Erfahrungsbericht und ich werde die klinischen Aspekte nur soweit erwähnen, wie sie zur Einordnung meiner Handlungen erforderlich sind. Für mich als Psychologin steht fest, dass ich an der schwersten Form der Dissoziation erkrankt bin, der dissoziativen Identitätsstörung, die auch als multiple Persönlichkeitsstörung bekannt ist. Der von Laien häufig benutzte Begriff der Schizophrenie ist hingegen nicht korrekt. Laienmäßig wird Schizophrenie als gespaltene Persönlichkeit angesehen, obgleich der Begriff tatsächlich schwere psychische Krankheitsbilder mit ähnlichem Symptommuster bezeichnet, zu denen die dissoziative Identitätsstörung gerade nicht gehört.

Eine multiple Persönlichkeit vereinigt kurz gesagt mehrere unterschiedliche Identitäten in sich, die verschiedenen Alters sein, unterschiedliche Geschlechter und Namen haben können.

Als Ursachen werden Entwicklungsstörungen im Gehirn aufgrund extrem negativer Lebensumstände oder Erlebnisse während der Kindheit angesehen. Entsprechende funktionelle und anatomische Veränderungen im Gehirn sind bei Betroffenen in ihrem Erwachsenenalter vielfach durch statistische Auswertung von Gehirn-Scans nachgewiesen worden. Wie bereits gesagt, befinden sich die entsprechenden Befunde für meine Person in der Patientenakte, die ich für mich angelegt habe. Ich möchte hier die tatsächlichen Umstände erläutern, die meiner Erkrankung zugrunde liegen. Ich muss davon ausgehen, dass, wenn Sie diesen Film sehen, meine Verwandlung chronisch geworden ist. Da die Medizingeschichte nur wenige Beispiele einer sich dauerhaft auf eine Abspaltung konzentrierende Persönlichkeitsstörung kennen, halte ich es für meine berufliche Pflicht, meinen Fall für die weitere fachliche Beurteilung festzuhalten, zumal ich davon ausgehe, dass ich persönlich dazu schon bald nicht mehr in der Lage sein werde.

Ich habe mir angewöhnt, eine abgespaltene Persönlichkeit als «Innie» zu bezeichnen. Abgespaltene Persönlichkeit ist als Begriff einfach zu sperrig und trifft es auch nicht ganz, da die Person im Grunde genommen keine «abgespaltene» Persönlichkeit darstellt, sondern eine «übernehmende», so wie auf der Brücke eines Schiffes mal der Kapitän und mal einer seiner Offiziere das Ruder übernimmt, so übernimmt auch jeder «Innie» mal die Kontrolle, hat dabei seinen eigenen Lebenslauf, seine eigene Wahrnehmung, eine eigene Handschrift, seinen eigenen Charakter, eigene Vorlieben.

Ich bin noch relativ gut dran. Mein Innie ist ebenfalls Frau und genauso alt wie ich. Deswegen sind mir die Wechsel anfangs auch gar nicht aufgefallen. Kosra Borg nimmt immer weiter Besitz von mir und schon bald wird sie mich vollkommen beherrschen und Nadia Westhoff wird verschwunden sein.

Schlimmer noch. Ich musste feststellen, dass Kosra Borg sich sogar bereits ihre eigene Lebensbühne geschaffen hat. Vor einigen Monaten bemerkte ich regelmäßige Abbuchungen für eine Wohnung in einer anderen Stadt. Während einer Abspaltung habe ich tatsächlich diese Wohnung als Kosra Borg angemietet. Es geht sogar so weit, dass ich als Kosra Borg ein eigenes Auto erworben habe, und zwar genau das Auto, das der echten Kosra Borg zu Lebzeiten gehört hat. Ich habe noch nicht genau rekonstruieren können, wie es mir als Kosra Borg gelungen ist, eine Anstellung als Telefonanwältin zu erlangen, da ich bei dem Arbeitgeber kein Aufsehen durch meine Nachfragen erregen wollte. Immerhin ist die Rechtsanwältin Kosra Borg seit drei Jahren tot. Ich habe mir aber sagen lassen, dass sich die Bewerbungsunterlagen sehr leicht fälschen lassen, zumal die Zulassungsurkunde lediglich als Fotokopie vorzulegen ist. Es sind in der Stadt über zehntausend Rechtsanwälte zugelassen, da fällt es nicht weiter auf, dass Kosra Borg gar nicht mehr lebt, zumal ihr Fall seinerzeit nur begrenzte Aufmerksamkeit erfahren hat. Die Telefonvermittler besitzen überdies Pauschalversicherungen für die beschäftigten Anwälte, so dass auch eine fehlende Berufshaftpflichtversicherung nicht aufgefallen sein muss. Gestern habe ich in meinem Portemonnaie einen Anwaltsausweis ausgestellt auf ihren Namen gefunden. Er ist abgelaufen und ich fürchte, er hat tatsächlich der echten Kosra Borg gehört. Ich mag mir gar nicht vorstellen, wie es meinem Innie gelungen ist, an das Dokument heranzukommen. Entschuldigen Sie, wenn ich an dieser Stelle lache, denn eigentlich müsste es ja heißen, wie es mir gelungen ist, an dieses Dokument heranzukommen.

Ich sehe mich dennoch nicht dazu in der Lage, diesem Treiben der anderen Person in mir Einhalt zu gebieten. Ich darf sie gar nicht aufhalten. Kosra Borg ist angetreten mir das Leben zu retten.

Ich hatte ja bereits erwähnt, dass extreme negative Erlebnisse in der Kindheit die Krankheit auslösen können.

Negative Erlebnisse? Nun, mein Gott, woran denkt man dabei? Ein Unfall vielleicht, vor allem natürlich Missbrauch. Viele meiner Patienten, an denen ich beobachten konnte, was jetzt mit mir geschieht, sind Opfer sexuellen Missbrauchs in ihrer Kindheit geworden.

Der Missbrauch an mir war nicht sexueller Natur, jedenfalls nicht in erster Linie.

Meine leiblichen Eltern haben mich als Kleinkind in die Obhut von Klara Rachow gegeben. Sie war die Schwester meiner Mutter und hatte bereits ein eigenes Kind ungefähr in meinem Alter. Meine Eltern gingen offenbar davon aus, dass sie als Mutter bereits Erfahrung besaß und ich bei ihr in guten Händen wäre. Ihr Irrtum hätte nicht größer sein können. Klara hatte sich einer Sekte angeschlossen, die von einem gewissen Asmus Troysch geführt wurde. Troysch war in einem Ort namens Totenbruck auf die Reste eines uralten Kultes gestoßen, der unter den Bewohnern des Ortes kaum noch Anhänger besaß. Troysch war fasziniert von den archaischen Ritualen, die er in alten Aufzeichnungen entdeckte. Er erwarb ein Grundstück außerhalb der Ortschaft, genau an dem Ort, an dem sich der Zugang zu der einstigen Opferhöhle des Kultes befand und siedelte sich dort mit seiner Gefolgschaft an. Er baute sein eigenes Haus direkt über dem Eingang zur Höhle, machte es zu einer Art Kirche und empfing dort die Mitglieder seiner Sekte im Wohnzimmer, bevor sie in die Tiefe der unterirdischen Gewölbe hinabstiegen, um ihre Rituale zu zelebrierten. Klara war zwischenzeitlich eine Beziehung mit Troysch eingegangen und bei ihm eingezogen. Mein Kinderzimmer richtete sie direkt in einem Raum über dem Zugang zu den unterirdischen Gewölben ein. Für mich war es der Eingang zur Hölle. Jeden Abend hörte ich die Gesänge aus der Tiefe, Beschwörungsformeln in einer unbekannten Sprache.

Mein Martyrium begann, als Troysch auf die fixe Idee verfiel, ich sei eine auserwählte Seele, die dem urzeitlichen Gott geopfert werden müsste. Ja, Sie haben richtig gehört: Ich sollte geopfert, also umgebracht werden. Ich sei die Auserwählte und sie bereiteten alles für meine Opferung vor. Ich wurde in letzter Minute gerettet. Meine Eltern hatten von den Sektenumtrieben erfahren, in die ich geraten war und konnten mich gerade noch vor dem Schlimmsten bewahren. Zumindest mussten sie das glauben, als sie mich endlich nach Hause holten. Nur sind wir dort nie angekommen. Unser Auto geriet in einen Unfall. Ich überlebte als Einzige und wurde nach Monaten in einem Waisenhaus von Carsten Westhoff, einem Bundeswehroffizier, adoptiert. Damit begann eine glückliche Zeit für mich und die Schatten der Vergangenheit verzogen sich mehr und mehr. Ich konnte ja nicht ahnen, dass der Großvater von Carsten Westhoff, ein hochrangiges SS-Mitglied während der Nazizeit, enge Verbindungen zu dem Kult in Totenbruck besessen hatte. Die Sekte von Asmus Troysch wurde zwar nach meiner Befreiung zerschlagen, aber die Anhänger unter den Bewohnern Totenbrucks hielten sich im Hintergrund und waren irgendwann wieder soweit gestärkt, dass sie die uralten Rituale erneut zelebrierten. Dumm nur, dass sie sich an die vereitelte Opferung erinnerten und den Niedergang ihres Ortes damit erklärten, dass ihrer Gottheit das versprochene Opfer versagt worden war. Sie nahmen Kontakt mit Carsten Westhoff auf, der von ihren Absichten nichts ahnte und glaubte, dass sie lediglich an den Aufzeichnungen seines Großvaters interessiert waren. Mittlerweile war ich alt genug, um zu begreifen, in welcher Gefahr ich mich befand. Ich hörte, wenn sie im Flur unter sich waren und flüsterten: «Sie ist es. Sie ist die Auserwählte.»

Westhoff wollte mir einfach nicht glauben und tat meine Warnungen als Hirngespinste ab. Zum Glück war ich gerade achtzehn geworden. Also verließ ich ihn. Zog weit weg in eine andere Stadt und versuchte, meine Spuren so gut es ging, zu verwischen. Seither bin ich auf der Flucht. Es gab zwar einige wenige Jahre, in denen sie mich nicht ausfindig machten, aber jetzt haben sie mich gefunden. Sie sind mir auf den Fersen. Sie wollen endlich das letzte Opfer zelebrieren und da ist niemand, der mir helfen kann. Außer Kosra Borg. Ich habe mich sozusagen in das Leben einer gestorbenen Anwältin geflüchtet und der Kult hat es nicht bemerkt. Daher ist sie meine Rettung und die komplette Verwandlung wird meine Erlösung sein, da ich damit nicht nur meine Spuren endgültig verwische, sondern auch die eigenen Erinnerungen an meine Verfolger tilge.

Mein Name ist Nadia Westhoff und wenn Sie diesen Bericht sehen, werde ich in Sicherheit sein.

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