Kapitel 40

Ich sitze wieder auf dem Sofa. Sitzen? Ich kauere mit angewinkelten Beinen und zittere am ganzen Körper. Sarah übergibt sich auf der Toilette. Während sie würgt, überlege ich, ob ich zu ihr gehen und ihr helfen soll. Das Geräusch der ins Schloss knallenden Toilettentür und das eindeutige Klacken des Schlosses, als sie die Tür versperrt, beenden meinen Zwiespalt.

Ich beschließe zu warten, bis sie sich wieder beruhigt hat. Dann werden wir entscheiden, wie wir hier am schnellsten fortkommen. Sarah weiß bestimmt, in welcher Richtung der nächste Ort liegt, immerhin ist sie mit David häufiger hier gewesen. Ich weiß zwar nicht, ob sich der Volvo starten lässt, dennoch bereue ich es, ihr nicht längst den Wagenschlüssel abgenommen zu haben. Mir behagt der Gedanke nicht, von ihr abhängig zu sein. Ich weiß genau, dass sie mir noch nicht traut. Wie könnte ich es ihr verübeln? Kann ich mir denn selbst trauen, ohne zu wissen, wer ich eigentlich bin?

Ich komme mir vor, wie ein überfordertes Kind, das am 100-Teile-Puzzle gescheitert ist und es jetzt mit 10.000 Teilen versuchen soll. Erkenntnis um Erkenntnis und Erinnerung um Erinnerung türmen sich vor mir auf und es gelingt mir einfach nicht, sie zu einem Bild zusammenzufügen.

Nun, das stimmt nicht ganz. Es gibt ein komplettes Bild, nämlich das der Kosra Borg. Wenn sich dieses Bild nur nicht mehr und mehr auflösen würde, so als hätte jemand Säure darüber verschüttet.

Und wieder streiche ich mit den Fingerspitzen über die Narbe auf meiner Brust. Wenn die Erinnerung an ein Leben als Kosra Borg nur ein eingebildet sein sollte, woher stammt dann die Narbe?

Ich schwinge von einer Überlegung zur anderen, wie eine Luftakrobatin von Trapez zu Trapez und genau wie die Artistin drohe ich jeden Augenblick in die Tiefe zu stürzen, da ich kaum noch einen Gedanken sicher fassen kann.

Alle Hinweise, dass ich nicht Kosra Borg bin, kommen von außen. Als ich in dem Hotelzimmer erwachte, waren es der Doktor und Schwester Erika, die mir einredeten, ich sei Nadia Westhoff. Auf dem Film habe ich zwar mich erkannt, doch in mir ist keine Erinnerung an diese Begebenheit. Eine Videodatei kann verändert werden, zumal ich zu der Zeit, als das Video gedreht wurde, nicht in Totenbruck gewesen sein kann. Die Datumsangabe wurde manipuliert, ebenso wie das Gesicht der Frau, die unter dem Helm zum Vorschein kommt. Die Angaben auf dem Gästebuchausriss, die Kopie der Todesmeldungen der Rechtsanwaltskammer, alles Dokumente, die leicht zu fälschen sind. Doch weshalb? Wieso geschieht all das mit mir?

Und was ist mit der Erinnerung an die Ermordung des Journalisten? Habe ich nicht deutlich vor meinem inneren Auge gesehen, wie der Blogger die Diele betrat und dann von dem Mann, der sich mir als Sebastian Kolev vorgestellt hat und in Wirklichkeit Adrian Rachow heißt, brutal getötet wurde? Habe ich das wirklich gesehen oder angesichts der getrockneten Blutspritzer nur halluziniert? So wie ich mir auch den blutüberströmten Jungen auf der Straße eingebildet habe.

Was hat es zudem damit auf sich, dass ich plötzlich das Fahndungsbild im Fernsehen deutlich erinnere? Wieso habe ich es nicht bereits erkannt, als ich auf meiner Couch saß und auf den stummen Fernseher blickte?

Ich bemerke, wie ich mit den Fingernägeln über die Narbe kratze, bis es schmerzt und ich Blut spüre, als wollte ich sichergehen, dass sie nicht einfach verschwindet und sich ebenfalls als Trugbild herausstellt.

Von Sarah ist nichts zu hören, wahrscheinlich hängt sie blass und ausgelaugt über der Toilettenschüssel. Sie hat das Klo noch nicht verlassen, das hätte ich gehört. Soll ich mich nach ihrem Befinden erkundigen, ihr Hilfe anbieten?

Irgendwie komme ich auf die Füße. Bevor ich zu Sarah gehe, sollte ich mich vergewissern, dass ich selbst nicht gleich wieder zusammenbreche.

Ich blicke mich in dem Wohnzimmer um. Es ist geschmackvoll eingerichtet. Nicht modern, die Möbel müssen aus den 70ern oder 80ern stammen, aber alles in allem fühle ich mich in dem Raum wohler als in Westhoffs spießigen Klamotten. Die Möbel sind gepflegt, also entweder Retro oder behutsam behandelt. Auf mich wirkt es wie in einem Ferienhaus. Nicht, dass ich mir vorstellen könnte, dass es jemanden gibt, der in diesem Ort Ferien machen würde, aber die gepflegte jedoch konservierte Individualität des Hauses, die zu einem Zeitpunkt vor vielen Jahren eingefroren wurde, erinnert mich an die Ausstrahlung eines Ferienhauses.

Wie kommt es, dass Nadia Westhoff die Schlüssel zu einer Ferienwohnung bei sich trägt und gleichzeitig ein Hotelzimmer mietet? Wenn sie nicht selbst hier wohnen wollte, für wen war dieses Haus dann vorgesehen?

Meine schwachen Beine tragen mich durch den Raum bis zu dem Regal, das mit Büchern, Spielekartons (Mensch ärgere dich nicht, Mühle und es gibt sogar Puzzles) und allerlei Krimskrams gefüllt ist. Bei den Büchern handelt es sich um Unterhaltungsromane und populäre Sachtitel. Was halt in einer Ferienwohnung zu erwarten ist. Kein einziges psychiatrisches oder medizinisches Fachbuch. Die Titel deuten eher auf Krimis, Liebesromane und Reiseberichte sowie Abhandlungen über parapsychologische Phänomene. Von einem der Autoren glaube ich, schon gehört zu haben: Erich von Däniken. Schreibt er nicht über Außerirdische, die früher auf der Erde waren? Die Titel lauten Erinnerungen an die Zukunft, Aussaat und Kosmos und dergleichen. Passt ja, wenn ich bedenke, dass die Menschen in diesem Ort einen außerirdischen Gott anbeten. Ich entdecke aber auch Romane eines amerikanischen Schriftstellers, von dem ich noch nie gehört habe: H.P. Lovecraft. Eines der Bücher heißt Chronik des Cthulhu-Mythos. Cthulhu? Irgendwie erinnert mich der Titel an etwas, doch ich erinnere mich nicht, an was.

Alles in allem das übliche Sammelsurium an abgegriffenen Büchern, die für gewöhnlich in Hotels und Ferienwohnungen dargeboten werden und deren Verlust, sollte ein Gast sie behalten, niemanden schmerzt.

Wem auch immer dieses Haus gehört, es ist nicht Nadia Westhoff, davon bin ich überzeugt. Nur, wo ist der Eigentümer und was hat Westhoff hier gewollt?

In der Mitte einer Regalreihe, zwischen den Büchern eines gewissen H.G. Konsalik (eines der Bücher heißt Ein Mensch wie du) und flach übereinandergestapelten Bildbänden, befindet sich ein vergilbtes, gelbstichiges Foto in einem braunen Plastikrahmen. Das Bild zeigt eine Häusersiedlung aus der Vogelperspektive. Die identischen einstöckigen Holzhäuser erinnern mich an Bilder amerikanischer Vororte. In der Mitte prangt ein klinisch sauberer Spielplatz mit einer Schaukel aus rotem Gestänge und gelben Sitzschalen, daneben ein Sandkasten und eine Rutsche. Der Spielplatz ist verwaist, keine Kinder. Es sind überhaupt keine Menschen auf dem Bild zu sehen.

Als ich das Regal weiter abschreite, stoße ich mit dem Fuß an einen Gegenstand. Die Kamera!

Das Teil sieht ziemlich ramponiert aus. David hat es mit großer Wucht gegen das Regal geschleudert. Der Zorn, der mir galt und mich ebenso zerschmettern sollte. Mich erinnert die Kamera jetzt an ein Insekt, das sterbend am Boden liegt. Ich weiß nicht warum, aber ich möchte es zertreten. Oder will ich einfach nur nicht wahrhaben, was ich gesehen habe. Die Motorradfahrerin an der Haustür. Das war ich und kann es gleichzeitig nicht gewesen sein.

Ich hebe die Kamera auf und setze mich auf das Sofa. David hat eine weitere Filmdatei auf einer Speicherkarte erwähnt. Hat er sie nicht sogar abgespielt?

Der Bildschirm ist halb aus seiner Befestigung gerissen, das Glas zersprungen und schwarz. Auf der Suche nach dem Kartenschacht drehe und wende ich das Gerät. Ich komme auf einen der Knöpfe und aus den Lautsprechern erklingt meine Stimme.

«Mein Name ist Nadia Westhoff und dies ist der Bericht meiner Krankheit.»

Es ist für jeden Menschen unangenehm, die eigene Stimme zu hören und jetzt fällt mir auch wieder ein, woran es liegt. Der Grund dafür ist banal. Wir sind es einfach nicht gewohnt, unsere eigene Stimme von außen zu hören.

Mein Name ist Nadia Westhoff und dies ist der Bericht meiner Krankheit.

Ich habe Angst. Angst vor der Wahrheit. In einer Aussparung an der Seite des Gerätes entdecke ich die Speicherkarte, die David korrekt eingeschoben hat. Zuvor war sie wohl nicht richtig eingelegt und der kleine Film mit der Motorradfahrerin an der Tür auf dem internen Speicher abgelegt. Ich bin hin- und hergerissen, dem Gerät endgültig den Gar auszumachen, die Speicherkarte herauszuziehen und zu zerbrechen. Doch, das tue ich nicht.

Ich ergebe mich dem Bericht.

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