Kapitel 4

Hatte sie alles dabei? Einen Block, einen Stift und ihren Anwaltsausweis. Mehr brauchte sie nicht. Sie schnappte sich ihren alten blauen Rucksack, der schon ganz ausgeblichen war und warf die Sachen hinein. Nur den Anwaltsausweis steckte sie in ihre Jeansjacke.

Eine Vollmachtsvorlage? So etwas besaß sie schon lange nicht mehr. Sie wollte ja keine Mandanten.

Sie hatte sich breitschlagen lassen. Was hatte der Typ gesagt? Wichtiger Kunde. Wird sich beschweren und dann ist Schluss mit Telefonberatungen. Sie hätte das Telefon durchklingeln lassen sollen. Naja, das mit der Vollmacht würde vorerst mündlich gehen. Sie hatte ohnehin nicht richtig verstanden, worum es ging, der Typ von der Hotline wusste es nicht so genau.

«Sie sind doch die Anwältin. Sie werden das schon noch herausfinden.» War ziemlich anmaßend, nachdem er kapiert hatte, dass seine Drohung Wirkung zeigte. Ohne Telefonberatung war sie aufgeschmissen. Dieses eine Mandat und wenn sie es packte, dann war sie wieder auf dem Damm. Eine Chance für einen Neuanfang.

Dumm nur, dass der ach so wichtige Kunde nicht auf einem Polizeirevier in der Stadt, sondern auf dem Land festgehalten wurde. Bestimmt war er besoffen Auto gefahren. Bei einer vorsätzlichen Trunkenheitsfahrt würde die Versicherung nicht zahlen, das musste sie rechtzeitig abklären. Hoffentlich hatte sie sich den Namen des Ortes korrekt notiert, damit sie ihn in ihr Navi eingeben konnte. Eigentlich konnte sie sich das Auto gar nicht mehr leisten und es ging nur, weil sie zusätzlich am Wochenende Telefonberatungen machte, manchmal verpflichtete Kosra sich für sieben Tage pro Woche. Aber, das würde sich ja jetzt alles ändern, wenn sie erst wieder in der Lage war, echte Mandate anzunehmen. Sie schnappte sich den Autoschlüssel aus der mit Krimskrams gefüllten Obstschale im Flur. Als sie ihre Jeansjacke von der Garderobe nahm, überlegte sie, ob es das richtige Outfit für diesen gar so wichtigen und langjährigen Kunden der Versicherung war. Sie zögerte. Sollte sie nicht besser die modische hellblaue Steppjacke nehmen? Wo kam die überhaupt her? War es etwa die Jacke, die sie letzte Woche im Schlussverkauf erworben hatte? Was war da nur über sie gekommen? Das Teil war sowas von spießig. Doch schon bald würde sie auf den Schlussverkauf nicht mehr angewiesen sein.

Da war ein dicker rotbrauner Fleck auf dem Innenfutter. Das sah ja fast aus wie Blut. Steppjacke hin oder her, mit diesem Fleck konnte sie sich unmöglich zeigen. Sie war ganz froh. Sie hatte keine Lust, sich zu verbiegen. Sie behielt die Jeansjacke an.

Ihre Wohnung war früher Teil eines Ladengeschäfts gewesen, das zu einer Art Galerie ungestaltet worden war. Es gab längst einen separaten Eingang zu ihrer Wohnung, doch im Hausflur war ein Zugang verblieben, der es ihr erlaubte, einen Blick in die Galerie zu werfen. Kosra war gespannt, wer die Räume übernommen hatte, nachdem die Künstlerin, die sie bislang nutzte, ausgezogen war. Bestimmt war der Zugang um diese Uhrzeit zugesperrt oder es war noch überhaupt niemand eingezogen, doch das konnte nicht sein, sie hatte vorher Geräusche aus der Galerie gehört. Als sie gerade die Klinke drücken wollte, wurde die Tür aufgerissen und sie stieß mit einem Mann zusammen, der mehrere Bilder balancierte, die alle zu Boden purzelten.

«Oh, mein Gott, bitte entschuldigen Sie,» sagte Kosra und bückte sich gleichzeitig mit dem Mann, um die Bilder aufzuheben, wobei sie fast mit den Köpfen zusammengestoßen wären.

Zum Glück war nichts mit den Bildern passiert. Es waren Fotos. Schwarz-Weiß-Fotos. Für Kosra ohnehin die einzige Art künstlerische Fotos darzustellen.

«Gerrit Sturm,» stellte sich der Mann vor. Nachdem sie ihm ihren Namen gesagt hatte, half sie ihm, die Bilder in die Galerie zu tragen. Einige ähnliche Bilder hingen bereits an den Wänden.

«Sie fotografieren Kirchen?»

Sturm nahm eines der Bilder auf, die sie hereingetragen hatten. Das abgebildete Gebäude sah aus wie eine Moschee und kam ihr irgendwie bekannt vor.

«Die Hagia Sophia in Istanbul,» erklärt er und zog ein weiteres Bild hervor, auf dem eine Mauer mit arabischen Schriftzeichen und einigen ausgebesserten Stellen zu sehen war.

«Sie wurde als christliche Kirche errichtet und dann als Moschee genutzt, nachdem die Osmanen die Stadt noch unter ihrem ehemaligen Namen Konstantinopel erobert hatten. Sehen Sie diese Stelle dort in der Mauer?», fragte er und deutete auf das zweite Bild. «Ein Kreuz, das beseitigt werden sollte, aber die Form ist natürlich immer noch zu erkennen. Ich fotografiere heilige Orte, die von verschiedenen Religionen genutzt wurden und dokumentiere die Übergänge. Da vorne habe ich Fotos des Pantheons in Rom. Errichtet als Tempel für römische Götter und nun eine christliche Kirche.»

Heilige Orte. Wechselnden Göttern geweiht. Kosra faszinierte die Vorstellung. Und ja, er war attraktiv. Die hellen Locken seines kurz geschnittenen Haares, seine Augen blau wie Gasflammen und seine bernsteinbraune Gesichtsfarbe ließen Kosra von seiner Kindheit in einem verwunschenen Küstenort träumen. Eine Künstlerkolonie vielleicht, obgleich sie natürlich keine Ahnung haben konnte, wo er aufgewachsen war. Ein Dialekt war nicht herauszuhören. Keine Ahnung, warum sie die Vorstellung einer außergewöhnlichen Kindheit überhaupt bei einem Mann so elektrisierte, aber so war es immer. In seinem Fall waren es ohnehin seine auffallend hellblauen Augen, die ihre Träumerei befeuerten und Kosra strengte sich an, sich von dem Kribbeln in ihrem Bauch nicht überrumpeln zu lassen. Sie war schon lange alleine. Ein Händedruck oder eine flüchtige Umarmung waren das Maximum an Körperkontakt, das sie in den letzten Jahren zugelassen hatte. Warum kamen diese Empfindungen ausgerechnet jetzt über sie? Es war zu spät, der Gedanke durchzuckte sie: Mit diesem Mann würde sie schlafen.

Er strahlte Selbstbewusstsein und Charme aus. Über einem Hemd mit geöffnetem Kragen trug er einen hellgrünen Pullover, dessen Wolle seine breiten, kräftigen Schultern betonte. Er trug die Ärmel ein wenig hochgekrempelt. Kosras Blick blieb an seinem Unterarm hängen, an der Beschaffenheit seiner gebräunten Haut und in Gedanken strich sie darüber und fühlte die Wärme, die von ihm ausging. Er bemerkte ihren Blick und lächelte. Kosra ertappte sich bei dem Gedanken, ob er wohl noch da sein würde, wenn sie von diesem dämlichen Mandanten zurückgekehrt war. Gerrit Sturm wirkte sexy und locker.

«Ich wollte ohnehin gerade eine Pause machen,» sagte er. «Und ein Glas Rotwein trinken. Wollen Sie sich anschließen?»

Das wäre die ideale Gelegenheit, diesem ungewollten Mandat zu entgehen, doch wohin sollte das führen?

«Furchtbar gerne. Es ist nur so, dass ich erwartet werde.»

«Ein Mann?» Er lächelte.

Kosra nickte. «Aber, nicht wie Sie denken. Ein Mandant, der auf einer Polizeistation festgehalten wird.»

Wieso hatte sie das überhaupt richtiggestellt? Sie spürte, wie sie rot wurde.

«Sie sind Anwältin?»

«Ich muss jetzt.»

Vielleicht sind Sie ja noch da, wenn ich später…, doch das war nur ein Gedanke. Kosra sprach ihn nicht aus. Als sie sich umdrehte, sah sie aus den Augenwinkeln auf einem der Bilder ein Symbol. Hineingeritzt in einen monolithischen Felsblock. Ein Äskulapstab, der durch ein christliches Kreuz ersetzt worden war oder umgekehrt. Beide Symbole waren miteinander verschmolzen, so dass es so aussah, als winde sich die Schlange lasziv um ein Kreuz. Er musste später einfach noch da sein. Sie wollte die Geschichte hören.

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