Kapitel 39

Wir sitzen im Wohnzimmer. Ich mit den Händen unter den Oberschenkeln auf dem Sofa und Sarah mir gegenüber mit dem Rücken an der Wand auf dem Boden. Sie hat die Arme um ihre angewinkelten Beine geschlungen. Sie wippt fast unmerklich mit dem Oberkörper vor und zurück.

Allein die Reste des zerbrochenen Stuhls am Boden zeugen von den Ereignissen der letzten Stunden. Erinnerungen, die ich in dem einen Moment von mir schiebe, um sie mir im nächsten wieder vor Augen zu führen. Ist all das wirklich geschehen?

Davids Angriff auf mich hat stattgefunden. Meine Verletzungen und der geborstene Stuhl sind die zweifelsfreien Zeugnisse seiner Tat. Doch welche Spuren haben die Sektenmitglieder hinterlassen? Es gibt einfach nichts, das von ihrer Anwesenheit zeugt. Der Fußboden ist staubig und schon lange nicht mehr gereinigt worden, aber hätten die vielen Eindringlinge nicht Dreck von draußen hineingetragen? Erdklumpen? Grasbüschel? Nichts dergleichen. Und doch waren sie hier. Ich habe ihre Stimmen gehört.

Gyamlarhotep sei Dank.

Warum lasse ich überhaupt Zweifel an den Ereignissen zu? Weshalb hinterfrage ich meine Erinnerung? Weil ich an meinem gesamten Leben, an meiner Identität, an jeder einzelnen Erinnerung meines Lebens zweifeln muss. Ich weiß nicht mehr, wer ich bin, wie sollte ich da wissen, welche Erinnerung wahr ist? Und dann sind da die Erinnerungen, die auf gar keinen Fall wahr sein dürfen. War ich wirklich Zeugin des Mordes an dem Reporter? Wie kann das sein, wenn ich etliche Kilometer entfernt in meiner Wohnung Telefonberatungen durchgeführt habe? Der Zeitstempel auf dem Video besagt, dass der Reporter gestern um halb sechs vor diesem Haus die Motorradfahrerin abgefangen hat. Da hatte mein Telefondienst schon begonnen. Aber ich habe mich auf einem Video gesehen. Es war mein Gesicht, das unter dem Motorradhelm zum Vorschein kam. Ich habe nur keine Ahnung, wer diese Nadia Westhoff ist. Ich besitze nur Erinnerungen an ein Leben als Kosra Borg. Doch wenn das Video und die Mitteilung im Rundbrief der Anwaltskammer keine Fälschungen sind, dann gibt es Kosra Borg nicht mehr. Sie ist seit drei Jahren tot. Schwindel, Angst und Entsetzen schlagen Purzelbäume in mir.

«Lassen Sie das!», fährt Sarah mich an.

«Was?»

«Hören Sie auf, mich nachzumachen!»

Ich begreife nicht. Erst als ich aufhöre, mit dem Oberkörper vor und zurück zu schaukeln, fällt mir auf, dass sie die Bewegung meint.

Ich richte mich auf, ziehe meine Hände unter den Oberschenkeln hervor und lege sie in den Schoß. Ich balle sie zu Fäusten, als ich erkenne, wie falsch die Geste ist. Ich darf die Hände nicht in den Schoß legen. Ich kann mir auch nicht länger den Kopf zerbrechen. Ich muss endlich das Richtige tun. Das was ich längst hätte tun sollen.

«Wir gehen zum Wagen und fahren zur nächsten Polizeistation», sage ich und als ich bemerke, wie matt und kraftlos die Worte aus meinem Mund kommen, ergänze ich lauter: «Gib‘ mir den Schlüssel. Wir verschwinden von hier.»

Sarah streicht sich eine Strähne aus dem Gesicht, die ihr gar nicht ins Gesicht hing.

«Der Wagen ist kaputt», erwidert sie matt. «Ich weiß nicht, was passiert ist. Er ist einfach ausgegangen. Ich habe ihn nicht mehr starten können. Ich bin das letzte Stück zu Fuß gegangen. Deswegen habe ich solange gebraucht.»

Schon wieder. Genau wie die Panne, die ich am Waldrand hatte. Aber, da ließ er sich nach einer Weile wieder starten. Vielleicht stimmt etwas mit der Elektronik nicht. Was weiß ich? Ich weiß nur, dass wir einen Wagen brauchen, um von hier zu schnell wie möglich fortzukommen.

«Wo steht der Wagen?»

«Unten an der Abzweigung von der Hauptstraße», gibt sie wie in Trance zur Antwort.

«Hör‘ mir zu. Der Volvo funktioniert wahrscheinlich schon wieder. Ich hatte die gleiche Panne. Nach einer Weile ließ er sich wieder starten», rede ich uns beiden Mut zu, denn mir kommt plötzlich der Gedanke, dass auch das Benzin ausgegangen sein könnte. War die Tankanzeige nicht fast auf Null gewesen, als ich am Hotel losfuhr?

Sarah hebt den Kopf. Ihr Haar ist zerzaust, ihre Augen blutunterlaufen und unter ihrer Nase hat sich Rotz gesammelt, den sie mit dem Handrücken wegwischt.

«Mit ihnen fahre ich nirgendwo hin!»

Ich will schon antworten, dass das ihre Entscheidung sei und mir wurscht, ob sie mitkommt oder hierbleibt. Doch ihr Anblick lässt mich innehalten. Ich kann sie unmöglich hier zurücklassen. Was ist, wenn die Sektenmitglieder wieder auftauchen und sie genauso verschleppen, wie David oder ihr Schlimmeres antun?

«Dann sag‘ mir wenigstens, was ich getan haben soll, dass du mich so sehr verachtest.»

Sarah springt auf und ich wappne mich schon für eine erneute Attacke, doch sie verharrt mit verschränkten Armen in der Mitte des Zimmers.

«Hören Sie doch endlich auf, mir etwas vorzumachen. Ich glaube Ihnen kein Wort. Sie wissen genau, was hier gespielt wird.»

«Bitte glaube mir, dass ich es nicht weiß», entgegne ich und zweifle, ob mein flehentlicher Ton etwas ausrichtet.

Sarah schüttelt den Kopf. Sie schwankt und im ersten Moment fürchte ich, dass sie in Ohnmacht fällt, bis ich erkenne, dass sie unschlüssig ist, ob sie nicht einfach abhauen sollte.

«Ich weiß es doch auch nicht», schluchzt sie, löst die Verschränkung ihrer Arme und schlingt sie um den Oberkörper, als wollte sie sich selbst festhalten.

«David wollte mich umbringen», sage ich laut, überdrüssig, Antworten zu erbitten.

«Nein, das ist nicht wahr. So ist er nicht.»

«Was ist dann die Wahrheit?»

«Er wollte Ihnen nur einen Denkzettel verpassen!»

«Einen Denkzettel?»

Sie presst die Arme fester um ihren Körper. «Ja, einen Denkzettel, weil sie diesem Adrian Rachow helfen wollten.»

Diesmal ist es nur ein einzelnes Bild, das vor meinem inneren Auge aufblitzt, keine Szene wie die Erinnerung an das, was in der Küche geschehen war. Ich sehe das Wohnzimmer meiner Wohnung. Besser gesagt, ich sehe den Fernseher. Der Bildschirm ist verschwommen. Dann ist das Bild wieder verschwunden.

«Wer ist Adrian Rachow?»

«Bitte hören Sie auf!» Sarah wimmert. Tränen rollen über ihr Gesicht. «Bitte sagen Sie, dass Sie es wissen.»

«Nein, ich weiß es nicht.»

Es ist eine Lüge. Ich weiß es plötzlich. Das Bild meines Fernsehers ist zurück, doch es ist nicht länger verschwommen. Es ist klar und deutlich, so wie das Bild im Sucher einer Kamera, wenn der Fokus endlich scharf gestellt hat. Ich habe es gestern gesehen, als ich den Mann beriet, der seinen Nachbarn mit einer Axt in der Hand auffordern wollte, den Ton leiser zu stellen.

Aufgefordert! Jetzt drehen Sie mir auch noch das Wort im Mund herum. Ich habe die Axt ja nur über seinen Kopf gehalten, weil …

Auch gestern war das Fernsehbild vor meinen Augen verschwommen. Ich konnte es einfach nicht erkennen. Das Fahndungsbild eines Straftäters, der aus der geschlossenen Psychiatrie entflohen war. Selbst den Namen unter dem Bild hatte ich nicht lesen können. Jetzt stehen die Buchstaben klar vor meinen Augen. Adrian Rachow. Und das Bild zeigt jenen Mann, der mein Hotelzimmer durchsucht und sich mir als Sebastian Kolev vorgestellt hat. Er ist Adrian Rachow.

«Er ist Ihr Patient!»

«Adrian Rachow?» Ich wiederhole den Namen, um nach weiteren Erinnerungsblitzen zu suchen, doch da ist nichts. Nur das Fahndungsbild im Fernsehen, das ich endlich deutlich erkennen kann. Oder bilde ich mir das nur ein?

Sarah lässt die Arme sinken und verschränkt die Hände so fest, dass ihre Fingerknöchel weiß hervortreten.

«Oder Sie wollen, dass er ihr Patient ist. Was weiß ich? Er ist aus der Psychiatrie geflohen. Dorthin hat das Gericht ihn gesteckt, nachdem er versucht hat Davids Vater zu ermorden.»

Mein Herz hämmert in der Brust. Ich spüre, dass ich zum ersten Mal einer wirklichen Antwort nahe bin. Ich versuche mich an Davids Worte zu erinnern.

Mein Vater hat nie darüber gesprochen, was in Totenbruck geschehen ist.

«Davids Vater war der Polizist, der das letzte Kinderopfer befreit hat», entgegne ich.

«Er ist durch Zufall in die Sache hineingeraten. Es war gar nicht seine Aufgabe nach dem verschwundenen Kind zu suchen. Er war ein einfacher …»

«Verkehrspolizist», ergänze ich, bin mit den Gedanken aber ganz woanders. Das Kind. Das verschwundene, befreite Kind. Westhoffs Patient.

«Und dieses Kind war Adrian Rachow?»

Sarah nickt. «Er war der Sohn dieses Sektenführers.»

«Bist du dir sicher?»

Sarah löst ihre Hände voneinander, nur um eine Verlegenheitsgeste gegen eine andere zu tauschen. Sie führt einen Zeigefinger zum Mund, und beginnt am Nagel zu kauen.

«Natürlich bin ich mir sicher.»

Er hatte eine Gruppe willfähriger Anhänger um sich geschart, denen er bislang nur keinen passenden Gott anbieten konnte, da seine Jünger mit Jesus und Maria und allen anderen gängigen Religionen schon durch und auf der Suche nach etwas Neuem waren.

Wie war noch gleich der Name dieses Sektenführers. Ich komme nicht drauf.

«Der Mann hieß nicht Rachow,» sage ich, als meine fieberhaften Überlegungen, wie der Name war, nicht sofort zu einem Ergebnis führen.

«Er war nicht sein leiblicher Vater. Dieser Sektenführer war mit Rachows Mutter zusammen. So eine Art Stiefvater also.»

«So eine Art?»

«Die beiden waren nicht verheiratet.»

«Troysch!», platzt es aus mir heraus. «Asmus Troysch. So war der Name des Sektenführers.»

«Keine Ahnung. Jedenfalls hat Davids Vater diesem Adrian Rachow das Leben gerettet.»

Ich schließe die Augen. Ich denke nach. Ich denke, bis mir der Kopf pocht. Wieso hält diese Sekte mich für die Auserwählte, wenn es ein Junge war, der befreit wurde? Adrian Rachow ist das Kind, an dem das Opfer nicht vollendet wurde.

Ich kenne doch deine Stimme, Kind. Wann hörst du endlich damit auf, immer zu lügen?

Das Messer mit dem auffallend roten Knauf, das gestern Abend in meiner Spüle lag. Der Messerblock mit den gleichen auffälligen Messern in der Küche dieses Hauses. Der dicke rotbraune Fleck auf dem Innenfutter der Steppjacke, die an meiner Garderobe hing.

Plötzlich kommen die Erinnerungsfetzen alle auf einmal. 

Wir betrauern den Tod folgender Kolleginnen und Kollegen.

Die Wahrheit, der ich mich so nahe glaubte, entgleitet mir wieder. Die Kakophonie an Stimmen und Bildern bedrängt mich, so dass ich Sarahs Bericht zwar noch höre, aber kaum noch folgen kann.

«Rachow stand eines Abends vor Davids Haus und wollte mit seinem Vater sprechen. Sie dachten, dass er sich nach all den Jahren bedanken wollte und ließen ihn eintreten. Von wegen. Er hat Davids Mutter niedergeschlagen. Er hatte ein Messer dabei und hat versucht Davids Vater das Herz …»

Ich lasse sie reden, während ich versuche die Person, die sich mir als Sebastian Kolev vorgestellt hat mit Adrian Rachow in Übereinstimmung zu bringen. Das Fahndungsbild im Fernsehen, das war er gewesen. Kein Zweifel. Das gleiche jungenhafte Gesicht, die eng beiander stehenden Augen. Es war Adrian Rachow gewesen, den ich in dem Hotelzimmer überrascht habe und der mit mir zu Theo Bronsky gefahren ist, mich aus dem Erdloch im Wald befreit hat und mich in die Katakombe unter der verfallenen Kirche brachte. Warum hat er das getan? Warum hat er so getan, als sei er Sebastian Kolev, wo er doch in Wirklichkeit Adrian Rachow ist, das Kind, das aus den Fängen der Sekte befreit wurde? Wieso hat er dieses Spiel mit mir gespielt?

«Wie kommen Sie darauf, dass Adrian Rachow der Patient von Nadia Westhoff ist?»

Sarah blinzelt. Hat sie meine unvermittelte Frage aus dem Konzept gebracht? Ich habe ihr gar nicht mehr zugehört, sosehr war ich mit meinen Gedanken beschäftigt. Wahrscheinlich hadert sie immer noch mit der Situation, dass ich behaupte, nicht Nadia Westhoff zu sein beziehungsweise nicht zu wissen, wer ich bin.

Sie zögert, bevor sie mit einer Gegenfrage antwortet.

«Aber, deswegen sind Sie doch hier?»

Wenn ich das doch nur selbst wüsste, weshalb ich hier bin und wer ich überhaupt bin. Ich muss an den Titel eines Buches denken, von dem ich gehört habe.

Wer bin ich und wenn ja wie viele.

Das trifft es ziemlich genau. Ich weiß nicht, wer ich bin und was das alles zu bedeuten hat. Wie kann ich Sarah erklären, was ich selbst nicht verstehe?

«Ich weiß es nicht», gebe ich schwach zur Antwort und fürchte, dass ihr das nicht reicht, dass sie nicht länger bereit ist, mir ihre Geschichte zu offenbaren, solange ich ihr nicht erklären kann, was Sache ist.

Sie beißt sich auf die Unterlippe. Was geht in ihrem Kopf vor? Was geht in meinem Kopf vor?

«Sie wissen es wirklich nicht,» erwidert sie schließlich. «Ist das so ’ne Art Amnesie?»

Ist es das? Eine Art Gedächtnisverlust? Nein, es ist komplizierter und genau das macht es unmöglich, es Sarah zu erklären. Ich erinnere mich an mein Leben als Kosra Borg, es ist genau das Gegenteil eines Erinnerungsverlustes. Es kommen neue Erinnerungen hinzu, die mir sagen, dass ich nicht die bin, nicht die sein kann, für die ich mich halte. Kosra Borg ist seit drei Jahren tot und doch habe ich gestern als Rechtsanwältin Kosra Borg Telefonberatungen durchgeführt. Ich verliere keine Erinnerungen, es strömen fortwährend neue auf mich ein, wollen die alten verdrängen, ohne zu verraten, gegen welches Leben mein bisheriges ausgetauscht werden soll.

Und Sie sind wirklich Anwältin?

Habe ich mir das alles nur eingebildet? Habe ich das Leben als Kosra Borg nur geträumt? Doch warum? Warum sollte ich mich wehren Nadia Westhoff zu sein? Weshalb hänge ich an meiner Identität als Kosra Borg, außer, dass ich Kosra Borg bin und eben nicht Nadia Westhoff? Was wäre schon so schlimm daran, sie zu sein, außer dass sie einen spießigen Kleidergeschmack hat?

Ich schaue zu Boden, entziehe mich Sarahs Blick, denn ich bin mir sicher, dass sie mir nichts weiter berichten wird. Welchen Grund hat sie auch, sich der verrückten Frau, die vor ihr steht, zu offenbaren? Ich kann ihr die Erklärungen, die sie ebenso verdient wie ich, nicht geben.

‹Do ut des›, geht es mir durch den Kopf.

Ich gebe, damit du gibst. Ein alter lateinischer Rechtsspruch, den Jurastudenten schon im ersten Semester lernen. Habe ich ihn wirklich gelernt?

Sarah gibt. Ohne Gegenleistung.

«Als Rachow vor Wochen aus der Psychiatrie entflohen ist, fürchteten wir, dass er einen weiteren Versuch unternehmen könnte, Davids Vater zu töten. Wir waren jeden Tag im Haus von Davids Eltern, um seinen Vater zu beschützen. Dann kam David die Idee, dass Rachow vielleicht nach Totenbruck zurückkehren würde. David fuhr hierher, um nach Rachow zu suchen und fand heraus, dass eine Psychologin kurz nach Rachows Ausbruch auffallend häufig im Ort auftaucht. Sie.»

«Nadia Westhoff», entgegne ich, unsicher, ob ich Sarah damit bestätigen oder korrigieren will.

«Es war nicht schwer, Ihre Praxisadresse in Erfahrung zu bringen, also riefen wir dort an, um Sie zur Rede zu stellen, doch da lief immer nur Ihr Anrufbeantworter. Also sind wir zu der Praxis gefahren, die Sie sich mit einem Psychiater teilen. Er sagte uns, dass sie kurz zuvor nach Totenbruck aufgebrochen seien, um einen Patienten zu treffen. Da war uns klar …»

Da war uns klar. Den Rest höre ich nicht. Ich bin erneut umzingelt von Erinnerungsfetzen, werde überwältigt, winde mich zuckend im Griff der Gedankenbilder. Es sind zu viele, als dass sie einen Sinn ergeben. Ein grausames Kaleidoskop meines wahren Gedächtnisses. Ich sehe Rachow, der hier auf mich gewartet hat, grinsend im Flur stehen, während hinter ihm die Blutfontänen aus dem aufgeschlitzten Hals des Reportes schwächer und schwächer werden, der Körper des Mannes hilflos zuckt und er mit dem Fuß einen Küchenstuhl umstößt. Ich sehe die alte blinde Frau im Feierabendhaus. Sie beugt sich über mich und hält mir einen Fahrzeugschlüssel entgegen, den Zündschlüssel eines Motorrads. Sie starrt mich aus ihren milchig toten Augen an.

«Vollende deine Bestimmung!», kreischt sie.

Auch Dr. von Bargen ist da, der mich auf der Straße vor seinem Haus empfängt und mir zeigt, wo ich das Motorrad ablegen soll, so dass es wie ein Unfall aussieht. Und schließlich ist da das blutverschmierte Mädchen, das in dem Albtraum an meiner Stelle im Wagen meiner Eltern sitzt, kurz bevor der Unfall geschieht. All die Laute und Bilder, die ich so lange von mir ferngehalten habe. Sie sind zurück, und verspotten mich, indem sie sich zeigen und gleichzeitig verbergen, wie alles zusammenhängt. Schließlich ist da nur noch das Mädchen. Sie allein bleibt zurück, als wäre sie die Erklärung für alles und sie sagt: «Ich weiß, was du getan hast!»

Panik und Schmerz und Zorn durchrasen mich, mischen sich in mir und brodeln auf wie eine chemische Reaktion.

Das Mädchen schreit.

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