Kapitel 38

Sie sammeln sich im Wohnzimmer. Wie viele mögen es sein? Solange ich mich nicht aufrichten kann, sind die zaghaften Schritte auf dem Teppich sowie das unablässige Wispern und Raunen meine einzigen, aber unzuverlässigen Anhaltspunkte. Eine Handvoll Sektenmitglieder? Ein Dutzend?

Schweiß rinnt in meine Augen. Sie brennen so sehr, dass Tränen meinen Blick trüben. Die Füße der Personen, die mich umzingeln, nehme ich nur als verwischte Schatten wahr. Sie scharren sich um mich, rücken näher und es drängen weitere hinzu. Was haben sie vor?

Ich beuge den Oberkörper, versuche, mich aufzurichten. Ich will ihnen aufrecht begegnen und nicht als Häuflein Elend auf dem Boden. Schmerz schießt durch meinen Körper. Ich sinke wieder zurück und komme mir vor, wie ein Fisch auf dem Trockenen.

Meine Augen brennen fürchterlich. Wenn ich nur endlich Tränen und Schweiß wegwischen könnte.

«Die Auserwählte!»

Die beiden Worte erheben sich aus dem Murmeln. Immer wieder «Die Auserwählte!» und «Sie ist es wirklich.»

«Ein Scheißdreck bin ich», will ich entgegnen, doch das Klebeband verschluckt die Worte und es ist nur ein Wortbrei zu hören.

Ich robbe von der Gruppe weg, wie eine Made, die sich vor dem Schnabel des Vogels in Sicherheit bringen will. War da nicht ein Sessel? Ein Hocker? Das Regal? Irgendetwas, an dem ich mich aufrichten kann? Ich will diesen Idioten ins Gesicht sehen. Von wegen Auserwählte!

«Seht nur,» ruft jemand. Eine alte männliche Stimme. «Sie ist verletzt.»

«Aber sie ist am Leben!», erwidert eine jüngere weibliche Stimme. «Gyamlarhotep sei Dank!»

Wie die Gläubigen in einer Kirche wiederholen alle gemeinsam: «Gyamlarhotep sei Dank!»

«Das wird ein Fest,» ruft eine andere männliche Stimme, die fast wie die eines bekannten TV-Moderators klingt. «Wir sollten sie jetzt gleich mitnehmen, bevor die Ungläubigen sie töten.»

«Sei doch leise», fährt ihn der alte Mann an. «Sie ist hier in Sicherheit. Du siehst doch, dass Gyamlarhotep sie beschützt. Er hat uns gerufen. Der Andere kann ihr nichts anhaben.»

«Wo bleibt Lucien?», will der Moderator wissen.

«Gyamlarhotep hat auch ihn gerufen. Aber, der Weg der Auserwählten ist noch nicht zu Ende. Sie hat das Gefäß noch nicht gefunden. Lasst uns beten.»

Die Stimme des alten Mannes erhebt sich feierlich.

«Ph’nglui mglw’nafh Gyamlarhotep Y’urhat wgah’nagl fhtagn.»

Der Singsang, der sich daraufhin aus vielstimmigen Kehlen erhebt und den fremdartigen Satz wiederholt, flößt mir seltsamerweise keine Furcht ein, sondern beruhigt mich, als wäre es ein heilsames Mantra.

«Ph’nglui mglw’nafh Gyamlarhotep Y’urhat wgah’nagl fhtagn.»

Die archaische Kraft der Worte lässt mich nicht erschaudern, ich wiege mich vielmehr im rhythmischen Klang der Worte. Ich weiß, was sie bedeuten.

Ph’nglui mglw’nafh Gyamlarhotep Y’urhat wgah’nagl fhtagn.
In seinem Haus zu Y‘urhat wartet der tote Gyamlarhotep träumend.

Schatten sickern zwischen den Zeilen hervor und verdichten sich zu einem dunklen Umhang, der mich umfängt und mit dem ich davonschwebe. Wieso spüre ich nur keine Angst mehr? Ich will, dass der Gesang niemals endet.

Ein heftiger Schlag lässt den Boden erzittern. Die Worte sind verklungen. Vor meinem inneren Auge erkenne ich den Priester, der sich mit einem Zeremonienstab Gehör verschafft.

Es ist soweit.

Das wird ein Fest.

«Wachen Sie auf!»

Ich muss ohnmächtig geworden sein. Das Letzte, was ich will, ist aufzuwachen.

Jemand schlägt heftig in mein Gesicht. Ich reiße die Augen auf.

«Wo ist David?»

Es ist Sarah. Sie kniet vor mir, die Hand erhoben, falls ich wieder in die Bewusstlosigkeit fliehen sollte. Wie lange bin ich ohne Bewusstsein gewesen? Wo sind die Gestalten? Mit einem Mal bin ich hellwach. Die einschläfernde Wirkung des Ritualgesangs hat keine Macht mehr über mich.

Wartet der tote Gyamlarhotep träumend.

Panisch versuche ich, in eine Ecke des Raumes zu robben. Nur fort von den Gestalten. Sofort schießt mir der Schmerz in die Gelenke und er ist heftiger als je zuvor. Ich bin noch gefesselt, aber nicht länger im Bann des Gesanges.

«Bring’ dich in Sicherheit,» flehe ich Sarah an. Hat sie die Gestalten im Haus nicht bemerkt? Sie muss ihnen direkt in die Arme gelaufen sein. Hat sie den Gesang nicht gehört und das Keuchen der Bestie?

Nun, dass Keuchen der Bestie stellt sich als mein eigenes hyperventilierendes Atmen heraus. Erst jetzt realisiere ich, dass das Klebeband vor meinem Mund verschwunden ist.

Sarah und ich sind allein. Es ist sonst niemand im Wohnzimmer und vor den Fenstern.

Sarah starrt mich an, als wäre ich geisteskrank und vielleicht bin ich das auch. Wie konnte ich mich nur von dem Gesang einlullen lassen und glauben, dass ich die Worte verstehen könnte.

Ph’nglui mglw’nafh Gyamlarhotep Y’urhat wgah’nagl fhtagn.
In seinem Haus zu Y‘urhat wartet der tote Gyamlarhotep träumend.

«Wo ist David?»

«Bind mich los.»

«Was hast du mit ihm gemacht?»

Ich bin hellwach.

«Ich gemacht?» Ja, ist sie vollkommen plemplem?

«Was soll ich denn mit ihm gemacht haben? Schau’ mich doch an. Sehe ich so aus, als hätte ich etwas gegen ihn ausrichten können? Er hat versucht mich umzubringen. Du bindest mich jetzt augenblicklich los oder ich sorg’ dafür, dass du genauso im Knast landest wie er.»

Ich versuche, die erneut aufkeimende Panik in Entschlossenheit zu verwandeln, was mir nur teilweise gelingt. Die Sekte ist Realität und sie hat es auf mich abgesehen. Auf die Auserwählte.

Auf Sarah zeigen meine Worte Wirkung. Sie holt eine Schere, die in der Nähe herumgelegen haben muss, denn Sarah hat das Zimmer nicht verlassen.

Blut schießt in meine tauben Hände, als die Fesseln entfernt sind. Meine Gliedmaßen kribbeln und ich muss meine Beine erst massieren, bis ich wage, aufzustehen.

Sarah rennt derweil aufgeregt im Haus umher.

«David? Wo bist du?»

Es ist niemand im Wohnzimmer und es gibt nicht die geringste Spur, dass sich hier irgendeine Sektengemeinschaft versammelt hatte. Bis auf den zerborstenen Stuhl wirkt das Zimmer noch genauso wie in dem Moment, als wir es zum ersten Mal betreten haben.

«David?»

Die Erinnerung sickert langsam in meinen Kopf zurück. David hat ein gesplittertes Holzbein des Stuhles genommen, um es als Waffe gegen die Eindringlinge zu benutzen.

Im Flur stoße ich fast mit Sarah zusammen, die alle Räume nach David absucht. Sarah reißt eine Tür am Ende der Diele auf. Ich erkenne einen Spiegel und ein Waschbecken darunter. Das Bad. Dort ist David nicht, denn Sarah wirft nur einen kurzen Blick hinein und wendet sich dann um. Eine Treppe führt an der Wand nach oben, wo sie auf eine verschlossene Lucke trifft. Sarah stolpert hinauf. Die Lucke ist verschlossen und das Mädchen hämmert mit der Faust gegen das massive Holz.

«David?!»

Keine Antwort.

Ich stehe unschlüssig im Flur, unfähig einen klaren Gedanken zu fassen. Habe ich mir die Gestalten und den Gesang etwa nur eingebildet? Doch, wo ist David?

Direkt neben mir führt eine angelehnte Tür in einen weiteren Raum. Es ist nur ein kurz aufflammendes Bild, aber ich weiß, dass sich dahinter die Küche befindet.

Weitere Erinnerungen zucken auf wie kurze, überraschende Blitze. Als würde ich durch Fernsehkanäle vor und zurück zappen und immer wieder für Sekunden Bilder aus einem Film erblicken, von dem ich weiß, dass ich ihn kenne.

Ich sehe mich, wie ich von draußen in die Diele trete. Ich lege den Motorradhelm auf dem Tischen neben der Tür ab.

«Kommen Sie rein Kolev, wenn es denn unbedingt sein muss.»

Der dickliche Reporter macht ein triumphierendes Gesicht und folgt mir in das Haus. Er lässt die Kamera in seiner feisten Hand sinken.

Im nächsten Augenblick saust Sarah an mir vorbei, durchbricht die Erinnerung, als durchstoße sie die schimmernde Erscheinung eines Gespenstes, die sich daraufhin wie Nebelschwaden verflüchtigt.

Sarah reißt die Tür zur Küche auf. Dann stößt sie einen Schrei aus. Während sie wimmernd auf die Knie sinkt, bricht die verschüttete Erinnerung hervor, wie ein von den Toten auferstandener Zombie, der mich mit Händen packt, von denen sich die Haut abschält. Die Bilder sind zurück, ganz vorn in meinem Gedächtnis, unauflöslich, laufen gnadenlos ab, ohne, dass ich sie abschalten könnte.

Ich biete Kolev einen Kaffee an. Der Mann, den ich bislang nur als Spiegelung auf einer Glasscheibe in einem Video gesehen habe, schreitet grinsend voran in die Küche. Noch bevor er sie ganz betreten hat, taucht eine Gestalt, die sich versteckt gehalten hatte, hinter der Tür auf, packt den Mann und zieht ihm ein Messer so kräftig über den Hals, dass ich fürchte, der Kopf des Journalisten könnte sich vom Rumpf trennen und mir vor die Füße plumpsen. Blutfontänen spritzen aus den durchtrennten Halsschlagadern und spülen die Erinnerung fort. Ich sinke neben Sarah auf die Knie. Erschöpft von der Erkenntnis.

«Das ist nicht sein Blut», sage ich. Ich weiß es.

«Was haben Sie mit ihm gemacht?», schreit Sarah hysterisch. «Was haben Sie ihm angetan?»

Ich packe sie, will sie zur Vernunft bringen, doch sie windet sich in meinem Griff und versucht aufzustehen. Wie zwei zappelnde Marionetten, deren Fäden sich miteinander verschlungen haben, erheben wir uns, in einem ungelenken Kampf. Mal halte ich sie, dann entreißt sie sich und packt mich, als wolle sie die Wahrheit aus mir herauspressen. So ringen wir miteinander und ich mit mir selbst, mit meiner Erinnerung, von der ich weiß, dass sie nicht ein bloßes Trugbild ist. Ich weiß, wessen Blut in der Küche verspritzt wurde. Ich muss mich der Wahrheit stellen, aber es gelingt mir einfach nicht, sie zu begreifen. Hilflos in meinen eigenen Widersprüchen verwickelt, beendet meine Verzweiflung das Gerangel. Ich gebe Sarah eine Ohrfeige.

Zitternd und mit verquollenen Augen steht Sarah vor mir.

«Das Blut ist schon lange getrocknet», schreie ich sie an. «Das ist nicht erst wenige Stunden alt. Das ist nicht Davids Blut.»

Noch bevor ich den Satz beende, fällt mein Blick in die Küche. Neben dem Spülbecken steht ein Messerblock. Die Griffe der Messer sind aus dunklem, poliertem Holz gefertigt, mit einem auffälligen rotlackierten Knauf am Ende. Ein Messer fehlt.

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