Kapitel 37

«Wie war noch gleich der Name?» David beugt sich vor und kommt mit seinem Gesicht dicht an meines. Sein Atem riecht nach Alkohol und Pfefferminz. Sarah steht hinter ihm und glotzt mich übertrieben streng an.

«Kosra Borg? Nun, Kosra, dafür, dass du seit drei Jahren tot bist, hast du dich erstaunlich gut gehalten.»

Ich möchte schreien, meine Verzweiflung hinausbrüllen, doch ich kann nicht. Nur ein dumpfes unverständliches Grunzen ist unter dem Klebeband zu hören. Der Druck in meinem Kopf wird unerträglich.

Was hat er vor? Wie geht es weiter? Ich will nicht glauben, dass er mich umbringen wird. Die beiden sind abgedreht, aber sie sind keine Mörder. Das kann doch alles nicht ernst gemeint sein.

«Oder sollten wir nicht besser sagen, Diplom Psychologin Nadia Westhoff, eine Koryphäe auf dem Gebiet der Traumabehandlung?»

Ich schüttele den Kopf. Im Augenblick spüre ich gar keine Identität, keine Erinnerungen, nur eine unendliche Leere. Eines weiß ich sicher: An diesem Ort darf ich auf gar keinen Fall Nadia Westhoff sein.

«Es wird Zeit, Frau Westhoff, dass wir lernen, die Konsequenzen unserer Handlungen zu erfahren.»

In seinen Augen glüht der Wahnsinn, der reine Wahnsinn. Ich bin niemals in meinem Leben Psychologin gewesen. Nicht in dem Leben, das ich erinnere. Wie kann ich ihm das verständlich machen? Ich verstehe ja selbst nicht, was vor sich geht.

Ich habe erfahren, dass es mich gar nicht mehr gibt. Kosra Borg ist seit drei Jahren tot. Meine Erinnerungen sind nichts weiter als eine Lüge. Ich habe nie einen Adoptivvater namens Carsten Borg gehabt. Ich bin eine ganz andere Person, an die ich nicht die geringsten Erinnerungen habe. Bin ich wirklich Nadia Westhoff?

«Was hast du vor?» fragt Sarah zaghaft, der die Veränderung im Wesen ihres Freundes nicht verborgen geblieben sein kann.

«Machst du dir etwa Sorgen um deine kleine Freundin hier? Hast du etwa schon vergessen, was sie getan hat? Mein Vater ist ein Krüppel, Sarah. Und diese Schlampe will dem Kerl helfen, der dafür verantwortlich ist.»

«Ich weiß das, David. Aber, wir haben ihr doch jetzt schon einen Schrecken eingejagt. Ich finde, dass das reicht.»

Wenn ich nur wüsste, was ich getan haben soll? Sein Vater ist ein Krüppel? Was hat das zu bedeuten? Sein Vater, der ein Kind aus den Fängen dieser unmenschlichen Sekte gerettet hat?

Die beiden stehen vor mir wie Eltern, die über die Strafe für ihr unartiges Kind nachdenken. In Sarahs Blick glaube ich, Panik zu erkennen. Sie hat keine Ahnung, wie weit ihr Freund zu gehen bereit ist. Kann sie zu einer Verbündeten werden, wenn sie erst erkennt, dass David nicht zurechnungsfähig ist? Ich muss dafür sorgen, dass sie dem Spuk hier ein Ende bereitet.

«Halt die Klappe und hol’ besser unsere Sachen,» befiehlt David. Vermutlich meint er die Campingsachen und seine Tauchausrüstung. «Nimm’ ihren Wagen. Hier sind die Schlüssel.»

Er reicht ihr die Schlüssel des Volvo. Sarah nimmt sie. Sie kann mich doch hier nicht mit ihrem verrückten, zu allem entschlossenen Freund allein lassen?

Sarah steht unentschlossen im Zimmer. Wenn sie mir wenigstens das Klebeband vom Mund abnehmen würde. Irgendwie könnte ich sie schon überzeugen, mich mit diesem Psychopathen nicht allein zu lassen.

«Mach’ keinen Blödsinn,» sagt sie stattdessen. Sie dreht sich um. Die Tür fällt ins Schloss und nach einem Augenblick wird draußen der Wagen gestartet. Bald entfernt sich das Motorengeräusch. Ich bin mit David allein.

Ich muss mich konzentrieren. Noch bin ich nicht verloren. Meine Beine sind frei. Ich muss nur den richtigen Moment abwarten. Was ich mit diesem Moment anfange und wie es weitergeht, weiß ich nicht. Es ist nicht die Situation, um ausgeklügelte Schlachtpläne zu entwerfen. Nur eins in sicher: Ich werde mich nicht einfach in mein Schicksal ergeben. Komisch, dass der Lebenswille bleibt, auch wenn ich gar keine Ahnung habe, welches Leben ich gerade lebe.

David sitzt breitbeinig auf dem Sofa auf der anderen Seite des Couchtisches. In seinen Händen hält er die Videokamera. Ich habe gar nicht mitbekommen, dass er sie ins Haus mitgenommen hat. Er nimmt sie erst in die eine und dann in die andere Hand wie ein ungeliebtes Geschenk.

«Kosra Borg,» sagt er nach einer Weile und er spuckt den Namen aua, wie eine Geschlechtskrankheit, über die er sprechen soll.

«Haben Sie wirklich gedacht, Sie könnten alle zum Narren halten?»

Ich reagiere nicht. Sprechen kann ich mit dem Klebeband vor dem Mund ohnehin nicht und ich will nicht erbärmlich in meinen Fesseln zappeln.

«Ich glaube Ihnen sogar, dass Sie gar nicht wissen, wer mein Vater ist. Für Sie zählt doch nur das Prestige, einen berühmten Psychopathen behandeln zu dürfen, an dem andere sich die Zähne ausgebissen haben. Sie werden nachweisen, dass alles nur mit seiner verkorksten Kindheit zusammenhängt und dass wir dafür Verständnis haben müssen. Nein, Sie kennen meinen Vater nicht. Wenn Sie ihn kennen würden, wenn Sie sehen könnten, was ihm angetan wurde, müssten Sie sich in Grund und Boden schämen.»

Er beginnt zu weinen. Tränen rennen ihm über das Gesicht.

«Für Sie ist es nur ein Scheißgutachten.» Dann äfft er hysterisch eine hohe Stimme nach. Es soll wohl mein Part dieses Dialogs sein.

«Aber nein, wir müssen dieser armen Seele eine Chance geben. Ich werde ein paar Sitzungen machen, dann wird er solche Sachen nicht mehr anstellen.»

Ich weiß absolut nicht, wovon er spricht. Natürlich weiß ich, wer sein Vater ist. Ich habe nur nicht die geringste Vorstellung, was ihm widerfahren ist und was ich damit zu tun habe.

Er legt die Kamera zur Seite und faltet die Hände im Schoß.

«Mein Vater hat nie darüber gesprochen, was in Totenbruck geschehen ist. Als ich geboren wurde, lagen die Ereignisse bereits viele Jahre zurück. Aber Kinder sind empfindsam für die Schmerzen, für die Verwundungen der Eltern. Sie spüren das. Ich erinnere mich an diese tiefe Traurigkeit, die mein Vater ausstrahlte. Er konnte nie unbeschwert sein. Ich habe ihn nie lachen sehen. Aber, er war für mich da. Er bemühte sich, ein guter Vater zu sein und das war er auch und dann kehrte dieses Arschloch zurück. Nicht, um ‹Danke› zu sagen, dass mein Vater ihm einst das Leben gerettet hatte. Nein, er drang in unser Haus ein und…»

Er wischt sich mit dem Ärmel den Rotz aus dem Gesicht. Er nimmt wieder die Kamera auf. Mit dem Gerät in seinen kräftigen Händen, wirkt er jetzt noch mehr wie ein kleines Kind, das über sein Weihnachtsgeschenk enttäuscht ist. Seine Finger streichen zitternd über das Gehäuse.

«Sie haben die Speicherkarte nicht richtig eingesetzt,» sagt er schluchzend. Ich habe kein Mitleid mit ihm. Er soll mich verdammt nochmal losbinden, damit ich ihm genauso eine reinhauen kann, wie er mir. Seine Tour verfängt nicht bei mir. Sein Gerede ist vollkommen sinnlos.

Er drückt ein kleines Plastikteil an der Seite der Kamera in das Gehäuse. Wahrscheinlich die Speicherkarte, von der er gesprochen hat.

«Sehen Sie, so macht man das.»

Das Teil rastet klickend ein. Er hält die Kamera so, dass ich den erleuchteten Bildschirm sehen kann. Es blinkt immer noch die Warnung.

Battery low.

Der Inhalt des Bildschirms ändert sich, ohne dass die grell blinkenden Buchstaben verschwinden. Ein Bildschirmmenü erscheint. David sitzt zu weit weg, als dass ich es genau erkennen könnte. Mein Blick verschwimmt ohnehin immer wieder.

David wendet die Kamera. Jetzt sehe ich nur noch die Rückseite des Bildschirms. Er schaut sich die Einträge an und drückt einige Knöpfe auf der Oberseite der Kamera. Anscheinend fährt er durch das Menü. Mit der anderen Hand wischt er sich erneut den Rotz aus dem Gesicht.

Er betätigt eine Taste. Am Rauschen des seitlichen Lautsprechers höre ich, dass eine Aufnahme gestartet wurde. Dann ertönt eine Stimme, die sich wie meine eigene auf Tonbändern anhört. Ich habe mal gelesen, dass es eine Erklärung gibt, weshalb die eigene Stimme auf Tonaufnahmen ungewohnt und unangenehm klingt. Ich kann mich nicht erinnern. Vielleicht ist das gar nicht meine Stimme?

«Mein Name ist Nadia Westhoff und dies ist der Bericht meiner Krankheit. Die medizinischen Befunde befinden sich in der Akte. Dies ist ein reiner Erfahrungs…»

Ohne Vorwarnung schleudert David die Kamera durch das Zimmer. Das Gerät kracht scheppernd gegen das Regal. Der Ton verstummt abrupt.

«Ihre Krankheit?», schreit er mich an. «Ich will Ihnen sagen, was Ihre Krankheit ist. Sie lassen ein Monster frei, damit es andere Menschen umbringen kann. Das ist Ihre Krankheit. Ich werde das nicht zulassen. Ich werde meinen Vater beschützen.»

Er ist aufgesprungen und um den Tisch herum zu mir gehechtet. Es ist soweit. Was soll ich tun? Ihm den Fuß in den Unterleib rammen, so fest, dass er für einen Moment die Besinnung verliert? Und dann? Ich bin gefesselt. Ich werde nicht genug Zeit haben, mich zu befreien. Und selbst wenn? Er ist viel stärker als ich. Ich werde ihn nicht einfach überwältigen können. Ich bin am Arsch. Ich möchte wenigstens begreifen können, weshalb ich sterben soll.

Er bleibt mit genügend Abstand vor mir stehen, dass er außerhalb der Reichweite meiner Beine ist.

«Ist Ihnen klar, was Sie anrichten? Der Typ war weggesperrt. Er war in der Klapse, da wo er hingehört. Sie wollen ihn da rausholen, damit er meinen Vater töten kann. Sie haben nichts Besseres zu tun, als sich hinter dem Namen einer toten Anwältin zu verstecken? Sie dämliche Schlampe.»

Dann geht alles sehr schnell. Er stürzt sich auf mich und eher instinktiv als gesteuert ramme ich ihm mein Bein in die Weichteile, doch das hält ihn nicht auf. Der Stuhl kippt nach hinten und David landet schwer wie ein Sack Zement auf meinem Oberkörper, als wir auf den Boden krachen.

Er hockt über mir und sieht wüst und derangiert aus. Er hat sich auf die Unterlippe gebissen, Blut läuft über sein Kinn.

Seine Hände schließen sich um meinen Hals. Er drückt zu. Er drückt mir die Luft ab und die Blutzufuhr zum Gehirn. Der Stuhl ist zerbrochen. Meine Hände sind auf meinem Rücken gefesselt. Ich habe keine Chance. Ich werde sterben, ohne zu erfahren, wer ich eigentlich bin.

Mit letzter Kraft ziehe ich mein Knie hoch. Meine Kräfte schwinden bereits. Meine Aktion zeigt keinerlei Auswirkung. Mir schwinden die Sinne. Ich hätte gerne eine andere Ausfahrt genutzt, um Totenbruck zu verlassen.

Dann ist die Last seines Körpers von mir genommen.

Ich huste und japse angestrengt nach Luft. Ich liege ausgestreckt auf dem Boden und die Reste des Stuhles unter mir treiben Wellen des Schmerzes durch meinen Leib. Meine Armgelenke unter meinem Rücken drohen jeden Augenblick zu brechen.

David hat sich aufgerichtet. Er hockt auf seinen Knien und weint.

«Entschuldigen Sie», flennt er. «Bitte verzeihen Sie mir. Ich weiß nicht, was in mich gefahren ist. Ich habe das nicht gewollt. Ich will doch nur meinen Vater beschützen.»

Dann starrt er zum Fenster. Ist Sarah zurück? Wird er mich befreien, bevor sie sehen kann, was er angerichtet hat? Ist er zur Vernunft gekommen?

«Wer ist das?»

Wer ist was? Der Idiot könnte mir einfach mal das Klebeband vom Mund nehmen, wenn er mir Fragen stellt und Antworten erwartet.

Ich wende mich in die Richtung, in die er schaut, kann jedoch nichts erkennen, da mir von hier unten der Couchtisch und das Sofa den Blick auf das Fenster versperren.

«Steckst du etwa mit ihnen unter einer Decke? Sind Sie gekommen, um dich zu befreien?»

Von wem redet er?

Schritte. Vor dem Haus auf dem Kiesweg. Jemand nähert sich dem Haus und so, wie es sich anhört, handelt es sich um mehr als nur eine Person.

Er steht auf und beachtet mich nicht weiter. Unbeholfen wischt er sich die Tränen aus dem Gesicht. Nervös blickt er sich im Raum um. Er sucht eine Waffe oder einen Gegenstand, den er als Waffe benutzen kann.

Erst denke ich, dass er mir jetzt doch noch kurzerhand den Garaus machen wird. Er beugt sich über mich und ergreift etwas in meinem Rücken. Eines der zerborstenen Stuhlbeine. Das spitze Ende schneidet in meinen Rücken, während er es hervorzieht.

Er verschwindet aus meinem Blickfeld. Er ist in den Flur gegangen. Die Schritte vor dem Haus sind ganz nah und weitere folgen auf dem Kiesweg. Wie viele Menschen versammeln sich da draußen? Ich möchte David zu verstehen geben, dass ich nicht glaube, dass die Eindringlinge gekommen sind, mich zu retten. Ich habe viel mehr das Gefühl, dass wir im selben Boot sitzen und es besser wäre, wenn wir uns gemeinsam gegen die Unbekannten verteidigen würden.

Wie stellt David sich die Gegenwehr eigentlich vor? Will er die Überzahl mit einem einzigen Stuhlbein niederknüppeln?

Es poltert. Woher kam das Geräusch? Jedenfalls nicht von der Haustür, dafür war es zu weit weg. Es muss aus dem rückwärtigen Teil gekommen sein. Gibt es eine Art Hintereingang?

«Ja, kommt nur ihr verdammten Schweine,» höre ich David brüllen. Sein Gebrüll und seine Schritte kommen von der Diele. Was macht er? Anscheinend läuft er auf und ab, unschlüssig, von welcher Seite der Angriff erfolgen wird. Wenn ich doch nur aufstehen könnte. Meine Beine sind frei, aber es will mir mit den Händen auf dem Rücken nicht gelingen, in die Hocke zu kommen.

Ein stechender Schmerz durchfährt mich, als mir eine scharfe Kante des zerbrochenen Stuhles in den Rücken schneidet. Ich spüre, wie es blutet. Verdammt, tut das weh.

Halt. Das könnte meine Chance sein. Vorsichtig darauf bedacht, mich nicht noch mal zu schneiden, rutsche ich so weit vor, dass meine zusammengebundenen Handgelenke über der Schnittkante liegen. Jetzt muss ich nur noch den richtigen Druckpunkt und die ideale Bewegung finden, um meine Fesseln zu durchschneiden.

In diesem Moment ist von der Diele her ein unglaubliches Gebrüll zu hören und unzählige Füße scharren auf dem Boden. Die Haustür wird aufgerissen. Ich höre, wie sie gegen die Wand knallt. David brüllt, schreit und kreischt. Sein Angriffsgeheul wandelt sich rasch in etwas, was sich wie ein Todesschrei anhört, bis er verstummt. Ein Körper fällt schwer auf den Boden.

Stille, bis ein schleifendes Geräusch schließlich verrät, dass sie Davids Körper wie einen schweren Sack über den Boden nach draußen ziehen.

Zurück bleibt ein murmelndes Palaver. Sie beraten sich. Schleichende Füße. Vielleicht haben sie mich noch nicht entdeckt. Ich erstarre in meiner Bewegung, verhalte mich ruhig.

Ich lasse alle Hoffnung fahren, als sie das Wohnzimmer betreten und ihre Schritte näher kommen.

Jetzt bin ich an der Reihe.

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