Kapitel 36

Der Regen hat aufgehört. Die Reifen rattern über den nassen Asphalt und Wasserfontänen spritzen auf, wenn David den Wagen durch eine Wasserpfütze lenkt. Er macht das nicht mit Absicht. Er ist nicht kindisch. Er ist wie ich in seinen Gedanken versunken. Worüber denkt er nach? Wie er mich am besten umbringen kann? Mir geht ein Gedanke nicht aus dem Kopf. Warum will er mich töten? Warum soll ich sterben? Das mit den tödlichen Unfällen kann er nicht ernst gemeint haben. Er hat das gesagt, um mich zu erschrecken. Sie wollen mir Angst einjagen. Ich möchte ihnen sagen, dass es ihnen gelungen ist, ich mache mir vor Angst fast in die Hose. Sie können aufhören.

Ich kann mich kaum bewegen. Mir tut alles weh und es gelingt mir nicht, mich aufzurichten. Mein Kopf dröhnt und mein Magen rebelliert. Wenn ich mich übergebe, werde ich an meinem Erbrochenem ersticken. Im Wagen herrscht eine schwüle Feuchtigkeit. Ich bekomme kaum Luft.

«Das war ein Scherz, oder?»

Sarah. Die beiden haben kein Wort miteinander gewechselt, seit wir losgefahren sind.

«Sieht das hier wie ein Scherz für dich aus?»

Sie antwortet nicht sofort. Da ich die Gesichter der beiden nicht sehen kann, versuche ich mir Sarahs Reaktion vorzustellen. Beißt sie sich auf die Unterlippe? Dreht sie nervös ihre Haare zwischen ihren Fingern? Sie war weder erschrocken noch überrascht, als David mich niedergeschlagen hat. Sie kennt den Grund seines Zornes und teilt ihn. Sie ist sich nur nicht sicher, wie weit er gehen wird.

«Ich meine, das mit den tödlichen Unfällen.»

Sie hat den Satz kaum beendet, da schnauzt er sie an: «Halt endlich den Mund.»

Über mein Schicksal sind sie sich also nicht einig. Oder David möchte nicht, dass sie die Drohkulisse, die er aufgebaut hat, wieder einreißt. Ich schöpfe Hoffnung. Er ist vielleicht vollkommen durchgedreht, weshalb auch immer, aber Sarah hat noch einen Funken Verstand.

Der Vollmond bricht durch die Wolken. Baumwipfel ziehen am Fenster vorbei. Der Wald. Vor wenigen Stunden war ich hier in einem Erdloch gefangen. Ich kann nicht behaupten, dass sich meine Situation verbessert hat.

Nach einer Weile biegt der Wagen nach links ab und holpert über einen unebenen Feldweg. Jedes Schlagloch fährt mir durch die Glieder. Wenn ich nur nicht so krumm liegen müsste. Etwas schlägt gegen den Unterboden und der Wagen gerät kurz ins Schlingern.

«Pass’ doch auf,» fährt Sarah David an. «Willst du uns etwa alle umbringen?»

«Nicht alle.»

«Hör’ jetzt endlich auf damit.»

«Halt den Mund!»

Wir fahren eine kurze Steigung hinauf, so viel spüre ich. Danach einige heftige Schwenks nach links und rechts, so dass mir bittere Galle in den Mund schießt; fast verschlucke ich mich.

Wir halten. David stellt den Motor aus.

«Das Klebeband,» sagt er knapp.

«Hier ist doch niemand.»

«Das soll auch so bleiben. Also, wo ist das Klebeband?»

«Im Kofferraum.»

«Dann hol’ es verdammt nochmal.»

Sarah steigt aus. Die Beifahrertür bleibt offen stehen. Frische, kühle Luft dringt herein und meine Lebensgeister kehren zurück. Sie öffnet die Heckklappe. Es klimpert, als müsste sie erst ein paar Sachen zur Seite schieben. Dann ist es kurz still, als verharre sie, bevor die Heckklappe mit einem lauten Knall zugeschlagen wird.

Als sie wieder in den Wagen steigt, reicht sie David eine Rolle breites silberfarbenes Klebeband.

«Mach’ du das,» befiehlt er ihr. «Ich hau’ ihr sonst nur wieder eins in die Fresse.»

Sarah zögert, dann beugt sie sich nach hinten zur mir und reißt ein Stück Klebefolie ab.

Das ist nicht nötig, will ich sagen, doch es klingt wie «Daznioetig.»

Sarah klebt mir das Stück Band trotz meines Protestes über den Mund.

Ich kann nur noch durch die Nase atmen und sofort werde ich von Panik erfasst, nicht genug Luft zu bekommen. Für einen kuren Moment hyperventiliere ich und Sterne tanzen vor meinen Augen. Wenn mir jetzt schlecht wird, kann selbst der klägliche Rest, den ich noch im Magen habe, mein Schicksal besiegeln.

Die hintere Tür wird aufgerissen. David packt brutal meine Hüfte und zerrt mich nach draußen. Ich bin an Armen und Beinen gefesselt. Meine Gliedmaßen fühlen sich taub an. Meine Beine sind eingeschlafen und ich knicke ein, als er mich auf die Füße stellen will. Er kann mich gerade noch auffangen und schnauft angestrengt, als er mich aufzurichten versucht.

«Jetzt stell’ dich nicht so an,» blafft er mir ins Ohr. «Du verbesserst deine Situation nicht.»

Dann wendet er sich an Sarah. «Mach’ die Fesseln an den Beinen ab.»

Sie haben mir Arme und Beine mit demselben Klebeband zusammengebunden, mit dem sie auch meinen Mund zugeklebt haben.

Es dauert eine Weile, bis ich auf meinen eigenen Beinen stehen kann, nachdem Sarah das Band um meine Fußknöchel mit einem Teppichmesser durchtrennt und abgezogen hat.

Der kühle Nachtwind weht mir ins Gesicht. Tränen sammeln sich in meinen Augen. Mit den verbundenen Händen kann ich sie nicht wegwischen und ich werde einen Teufel tun, Sarah oder David zu bitten. Sie sollen ja nicht auf die Idee kommen, dass ich hier rumheule. Meine Angst ist mit einem Mal wie fortgeblasen und wilde Entschlossenheit ist an ihre Stelle getreten. Auf Sarahs Mitleid pfeife ich und David wird sehen, wozu ich in der Lage bin, wenn das Blut erst wieder in meine Beine zurückgekehrt ist und sich eine Gelegenheit für einen gezielten Tritt ergibt.

Durch den Schleier meiner Tränen erkenne ich, dass wir vor einer mannshohen Hecke stehen. David schubst mich nach vorne und nach wenigen Schritten glaube ich, eine weiße Pforte zu erblicken. Sarah öffnet sie und die Scharniere quietschen. Meine Tränen trocknen allmählich. Hinter der Pforte erkenne ich das Bauernhaus aus dem Video. Das Haus, in das die Motorradfahrerin (die seltsamerweise mein Gesicht hat) vor dem zudringlichen Reporter (wahrscheinlich der echte Sebastian Kolev) flüchten wollte.

David glaubt, dass es sich um mein Haus handelt. Er hat die Motorradfahrerin in dem Video vor dem Haus gesehen.

Wir nähern uns dem Haus auf einem kurzen Pfad aus unebenen Steinen. Mehr als einmal stolpere ich, kann mich aber jedes Mal selber wieder fangen.

«Auf dem Rauhen Berg, wird diese Adresse genannt», wispert David in mein Ohr. «Das ist nichts weiter als ein simpler Hügel, aber ich verspreche dir, für dich wird es rauh werden.»

Im fahlen Mondlicht sind zu beiden Seiten des Pfades Rosenbüsche auszumachen, die schon lange nicht mehr zurückgeschnitten wurden und teilweise weit in den Pfad hinein wuchern, als wollten sie nach uns greifen oder uns mit dornengespickten Ärmchen den Weg versperren. Meine Hoffnung, dass jemand in dem Haus wohnt, der mir helfen wird, schwindet.

Wasser tropft vom reetgedeckten Dach auf die Steinplatten. Hinter den Fenstern, die in die dicken Mauern eingelassen sind, ist es stockfinster. Allein unsere Spiegelbilder bewegen sich in dem Glas. Das Haus ist nicht groß, vielleicht zwei oder drei Zimmer, Küche und Bad, kein Obergeschoss aber bestimmt eine Art Dachboden.

David schubst mich in Richtung Tür. Dann tritt er vor und rüttelt an der Klinke. Die Tür ist verschlossen. Es scheint weder David noch Sarah zu überraschen, ohne mit der Wimper zu zucken, holt David einen Schlüssel an einem Anhänger aus seiner Jackentasche hervor. Der Anhänger hat die Form einer kleinen Taschenlampe. Sie funktioniert sogar. Ich muss es wissen, ich habe sie im Feierabendhaus auf dem Weg zu Bronskys Mutter benutzt. Es ist der Schlüsselanhänger, den ich in der Jeans gefunden habe, die ich trage. David steckt den altertümlichen Bartschlüssel in das Türschloss und nach einer knappen Umdrehung öffnet sich die Tür.

«Na, sieh’ mal einer an», säuselt David. «Du fährst ihren Wagen, du wohnst in ihrem Hotelzimmer und du hast sogar den Schlüssel zu ihrer Hütte. Willst du immer noch behaupten, dass du nicht Nadia Westhoff bist?»

David stößt mich in die Diele. Mit zitternden Knien bleibe ich stehen.

«Willst du uns nicht hineinbitten?», wispert er. Sarah schließt hinter uns die Tür und für einen kurzen Augenblick werden wir von der absoluten Dunkelheit im Flur verschluckt. Erst nachdem David einen Lichtschalter ertastet hat, wird es hell und die Schatten geben uns alle drei wieder frei.

David stößt eine Zimmertür auf und betritt ein kleines Wohnzimmer, nachdem er hier ebenfalls Licht gemacht hat.

«Schön hast du es hier! Verstehe nicht, warum du da noch ein Hotelzimmer brauchst?»

Er zerrt mich in das Zimmer und schubst mich auf einen Sessel vor einem niedrigen Glastisch. Ich fürchte, dass ich mir die auf dem Rücken immer noch zusammen gebundenen Arme breche, als ich in den Sessel plumpse. Es knackt verdächtig und ein heftiger Schmerz zuckt bis hinauf in meine Schultern, doch gebrochen habe ich mir nichts.

Noch nicht. Wer weiß, was David noch vorhat.

Die Möbel sind einfach, aber alt und abgenutzt. Entlang der Wand steht ein Bücherregal, in dem sich nur wenige Bücher und überwiegend Krimskrams, leere Bierflaschen, Gläser oder Haushaltsgegenstände finden.  Es gibt einen offenen Kamin. Auf einem Couchtisch vor dem Sessel liegen Zeitungen und Zeitschriften sowie einige Blätter Papier mit eng beschriebenen Notizen sowie weitere Fotokopien von Artikeln und Ausdrucke von Internetseiten.

David schnappt sich den Ausdruck einer Website, der auf einem der Stapel ganz oben liegt und ihm anscheinend ins Auge gestochen ist.

«Na, das ist ja interessant.» Er dreht sich zu Sarah um und reicht ihr das Blatt Papier.

«Diese kleine verlogene Schlampe,» zischt das Mädchen und blickt in meine Richtung, aber mir ist ohnehin klar, dass es um mich geht.

Er hält mir die Seite vors Gesicht.

«Wird Zeit, dass wir mal ein bisschen Tacheles reden.»

Es handelt sich bei dem Ausdruck um die Webseite der Rechtsanwaltskammer. Es ist eine Liste mit Namen, jeweils ein Datum und dahinter das entsprechende Alter der genannten Personen. Die Einträge stammen aus August und September 2016.

Die Liste ist überschrieben mit:

‹Wir betrauern den Tod folgender Kolleginnen und Kollegen›.

Mein Blick bleibt beim dritten Eintrag hängen und ich will entsetzt nach Luft schnappen, wenn nur das Klebeband auf meinem Mund nicht wäre.

‹Kosra Borg. 23.09.2016, 32 Jahre›.

Wir betrauern den Tod.

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