Kapitel 35

Blut. Ich schmecke Blut. Ich liege mit dem Oberkörper auf der Rücksitzbank des Volvos. Vor meinen Augen das dicke psychiatrische Handbuch. An den Titel kann ich mich nicht erinnern und mein Blick ist verschwommen, so dass ich ihn nicht entziffern kann.

Ich versuche, mich aufzurichten. Es geht nicht. Ich kann kaum den Kopf heben und sinke zurück. Was ist das? Meine Hände sind auf meinem Rücken gefesselt und meine Füße an den Knöcheln zusammengebunden.

Von David erkenne ich den rechten Arm. Er sitzt auf dem Fahrersitz und hält irgendetwas in der Hand. Ich brauche es nicht zu sehen, um zu wissen, was es ist. Die Kamera. Dumpf dringt das Rauschen des Windes, das sich im Mikrofon verfangen hat, an mein Ohr. Der Mann, der die Kamera trägt und der von der Motorradfahrerin als ‹Kolev› angesprochen wird, sagt: «Frau Westhoff. Sie können sich nicht länger verstecken.» und nach einem kurzen Augenblick: «Nur ein paar Fragen!»

David spult den Film zurück, dann folgt die gleiche Tonsequenz erneut.

Frau Westhoff. Sie können sich nicht länger verstecken.
Nur ein paar Fragen!

Ich gebe auf, mich aufrichten zu wollen. Mir fehlt die Kraft. Ich bin von seinem Schlag benommen. Da war mir der Tee von Schwester Erika lieber.

«Binden Sie mich los, Sie Arschloch», sage ich, also will ich sagen. Aus meinem Mund kommt jedoch nur ein dumpfes Murmeln. Die Worte fühlen sich genauso matschig an wie mein Hirn.

Und erneut wiederholt er die Sequenz.

Frau Westhoff. Sie können sich nicht länger verstecken.
Nur ein paar Fragen!

«Von wegen, Sie sind nicht Nadia Westhoff. Für wie dämlich halten Sie mich eigentlich?»

Meine ehrliche Antwort will er nicht hören und sie würde meine Situation nicht verbessern, daher ist es in Ordnung, dass meine Worte nur Matsch sind.

Arschloch.

«Was haben Sie gesagt?»

Er dreht sich zu mir um. Er ist klitschnass, genauso wie ich. Draußen regnet es in Strömen.

Was ist in ihn gefahren? Die ganze Sache wird immer vertrackter. Hydra sprießen die Köpfe allmählich wie platzendes Popcorn in einer heißen Pfanne ohne, dass ich einen Kopf abzuschlagen brauche.

Die Beifahrertür wird aufgerissen und Sarah steigt ein. Na endlich. Sie wird mir helfen.

«Und?»

Sie dreht sich nicht zu mir um. Die Situation scheint sie nicht zu überraschen. Damit ist meine letzte Hoffnung dahin.

«Sieh’ dir das an,» sagt David zu ihr. Ich kann nicht sehen, was da vorne vor sich geht, brauche aber auch nicht viel Phantasie, um es klar vor Augen zu haben. Er zeigt ihr das Video.

Frau Westhoff. Sie können sich nicht länger verstecken.
Nur ein paar Fragen!

Kolev, was soll der Mist! Verschwinden Sie.

«Ok, ok,» sagt Sarah und wenn mich ihre Bewegungen nicht täuschen, hebt sie abwehrend die Hände. «Du hattest Recht. Ich konnte doch nicht ahnen, dass mir die Bitch glatt ins Gesicht lügt.»

Ich habe nicht gelogen. Wieder nur Matsch. Wenn ich nicht wüsste, was ich sagen wollte, würde ich es selbst nicht verstehen.

«Halt Die Klappe, du blöde Kuh,» fährt Sarah mich an. Sie dreht sich zu mir um. Wut hat ihre Gesichtszüge zu einer Fratze verzerrt.

«Und jetzt?»

David streckt sich, wie nach einer viel zu langen Autofahrt. Er denkt nach. Was in aller Welt hat Nadia Westhoff angerichtet, dass er mich brutal niederschlägt und darüber nachdenkt, wie es weitergeht? Was will er mir antun? Soll ich mich entschuldigen? Um Verzeihung bitten für eine Tat, von der ich nicht die geringste Ahnung habe, worin sie bestanden haben könnte? Wollen sie mir weitere Schmerzen zufügen? Warum haben sie mich gefesselt? Ich bin so benommen, dass ich mich selbst ohne fesseln kaum bewegen könnte.

«Und jetzt? Und jetzt?», äfft David Sarahs Stimme nach. «Was glaubst du denn?»

«Es ist für deinen Vater,» erwidert sie trocken.

Für seinen Vater? Für den Verkehrspolizisten, der ein Kind aus den Fängen der Sekte befreit hat? Was haben meine Qualen mit diesem Mann zu tun? Das ergibt noch weniger Sinn, als sonst irgendetwas in diesem Ort. Wenn sie mich für Nadia Westhoff halten, dann stehen wir doch auf derselben Seite. Davids Vater hat das Kind gerettet und ich therapiere den traumatisierten Erwachsenen, zu dem das befreite Kind geworden ist.

«Daran brauchst du mich nicht erinnern.»

«Also?»

«Wir fahren zu ihrem Haus.»

Zu meinem Haus? Wie meint er das?

«Und da?»

«Hast du das noch nicht gewusst?»

«Was?»

«Die meisten tödlichen Unfälle passieren im eigenen Haushalt.»

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© 2019 Andreas Riehn
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