Kapitel 34

«Das Motorrad ist im Arsch». So drückt es David aus. Er macht mir nicht direkt Vorwürfe, da ihm bewusst ist, dass er mir die Vorfahrt genommen hat. So hoffe ich jedenfalls, denn es ist deutlich zu spüren, dass er seinen Zorn mühsam unterdrückt. Sein Groll mir gegenüber schwingt in jedem Satz mit. Kurz gesagt: Ich bin nicht schuld, trage aber die Verantwortung oder wie David es sagt, als wir die Maschine von der Straße auf den Seitenstreifen schieben: «Dass Sie ausgerechnet jetzt hier lang fahren müssen.»

Der Regen ist stärker geworden. Das ist nicht bloß ein Schauer. Der Wolkenbruch wird anhalten.

«Kommen Sie, ich fahre sie zu Sarah,» sage ich und deute auf den Volvo, der verlassen mit offener Fahrertür am Straßenrand steht. Ein rotes Doppelgestirn der Rücklichter in der absoluten Finsternis, die uns umgibt. Ich hätte das Warnblinklicht einschalten sollen. Hier ist mir schon tagsüber kein Auto begegnet, warum sollte ausgerechnet jetzt eines vorbeikommen. Insoweit hat David Recht. Ausgerechnet jetzt und vor allen Dingen ausgerechnet ich.

David folgt mir nicht. Auf halbem Wege zu meinem Wagen drehe ich mich um. Mit hängenden Schultern steht er neben dem Motorrad, als müsste er ein Kind zu Grabe tragen.

«Nun kommen Sie schon. Um das Motorrad können sie sich morgen kümmern.» Was hat er? Es sieht schlimm aus, scheint mir aber kein Totalschaden zu sein.

«Hören Sie doch endlich auf mit ihrem elendigen Versteckspiel,» schreit er mich an und obgleich zwischen uns mindestens drei Meter Abstand sind, weiche ich zurück.

«Glauben Sie etwa, ich weiß nicht wer Sie sind?»

Mir ist sofort klar, auf was das hinausläuft. Ich stehe hier mal wieder als Nadia Westhoff. Ich verstehe nur nicht, weshalb David mich darauf anspricht. Was hat er mit der Psychologin zu schaffen? Es sieht aus, als mache ihn meine vermeintliche Identität wütender, als die Tatsache, dass ich für seine beschädigte Maschine verantwortlich bin. Ich fühle mich leer. Nein schlimmer. Ich bin wie eine diese Matrjoschkapuppen. Die hölzernen ineinander verschachtelten russischen Figuren, nur, dass nicht immer dasselbe, sich stetig verkleinernde Abbild zum Vorschein kommt, sondern abwechselnd Kosra Borg und Nadia Westhoff und die Figur der Westhoff wird größer und größer, während Kosra Borg schrumpft und sich auflöst. Was ist mir als Beleg der Kosra Borg denn geblieben? Eine Narbe, eine gottverdammte Narbe.

Ein Knubbel wird bleiben.

Ich setze einen Fuß hinter den anderen und taste mich zurück zum Wagen. David starrt mich aus geröteten Augen an.

«Ich bin nicht Nadia Westhoff,» sage ich, «falls Sie das meinen? Woher kennen Sie sie überhaupt?»

Er reagiert nicht. Er geht auf mich zu und ich weiche weiter zurück. Kann ich schneller sein als er? Kann ich es rechtzeitig ins Auto schaffen und die Türen verriegeln? Hat er mich überhaupt verstanden? Meine Stimme ist viel zu leise. Der Regen prasselt laut auf uns herunter. Er hat mich wahrscheinlich gar nicht verstanden. Ich habe keine Kraft mehr, für Kosra Borg zu kämpfen. Dann bin ich eben Nadia Westhoff. Ich will einfach nur hier fort, als wer auch immer.

«Ich bin nicht Nadia Westhoff!», schreie ich ihn an.

David bleibt stehen. Dann grinst er, als habe ich ihm einen versauten Witz erzählt.

«Ja, klar. Sie fahren nur ihren Wagen und mieten sich ein Hotelzimmer unter dem Namen Nadia Westhoff.»

Woher kennt er den Wagen? Hat er mir hinterhergeschnüffelt? Wie ist es sonst zu erklären, dass er das mit dem Hotelzimmer weiß?

Welches Problem hat er mit Nadia Westhoff? Denn dass er nicht gut auf sie zu sprechen ist, ist unverkennbar.

Ich bin bis auf die Knochen durchnässt und meine Hand kann sich kaum in die Taschen meiner Hose graben. Die Plastikkarte hat sich verkantet und es vergehen wertvolle Sekunden, bis ich sie hervorgezogen habe. Ich erwarte seinen Angriff jeden Augenblick. Er ist nicht bloß sauer auf Nadia Westhoff. Seine Gefühle sind tiefgründiger.

Ich strecke ihm den Anwaltsausweis entgegen.

«Sehen Sie selbst. Mein Name ist Kosra Borg. Ich bin Rechtsanwältin.»

Ist das mein Name? Bin ich Kosra Borg? Sein Blick lässt keinen Zweifel zu. Er hat mit Nadia Westhoff eine Rechnung offen. Warum auch immer. Entkommen kann ich nur, wenn ich ihn überzeuge, dass ich Kosra Borg bin.

Zögernd tritt er auf mich zu, bis mein ausgestreckter Arm mit dem Ausweis gegen seine Brust stößt. Er bleibt stehen, ohne auf den Ausweis zu achten.

Er lächelt und Hoffnung keimt in mir auf. Hoffnung worauf?

Er rammt mir seine Faust mit aller Kraft ins Gesicht.

«Netter Versuch, Westhoff.»

Zusammen mit den Regentropfen stürze ich in die Schwärze des Asphalts.

Netter Versuch.

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