Kapitel 33

Ein Knubbel wird bleiben.

Ich sitze im Volvo, eine Hand unter meinem Sweatshirt und taste mit den Fingerspitzen die Narbe. Ich weiß nicht, wie ich zum Auto gekommen bin. Wie eine Schlafwandlerin komme ich mir vor, die sich nicht mehr in ihrem Bett, sondern an einem anderen Ort wiederfindet. Einem fremden Ort, denn dies ist nicht mein Wagen. Es ist der Volvo einer anderen Frau.

Die Andere.

Meine Finger kreisen nervös über die Erhöhung auf der Haut. Der Knubbel, der geblieben ist. Der Beweis. Meine Wunde. Die Wunde von Kosra Borg. Ich halte mich an dieser kaum drei Zentimeter langen Narbe fest, als wäre sie eine Art Rettungsring, der meine Identität davor bewahrt, mir zu entgleiten. 

Ich bin Kosra Borg. Ich bin die Rechtsanwältin Kosra Borg.

Mein Mantra. Mein wunderbares Mantra.

Ich bin Kosra Borg. Ich bin die Rechtsanwältin Kosra Borg.

Meine Hand zittert. Mir ist kalt.

Die Kamera samt Ladegerät und Akku liegen auf dem Beifahrersitz. Warum habe ich sie mitgenommen? Weshalb lasse ich die Dinge, die mich in den Wahnsinn treiben nicht zurück?

Ich ziehe meine Hand unter dem Sweatshirt hervor und hämmere mit beiden Fäusten auf das Lenkrad. Die Ereignisse sind zu einem unaufhörlichen Schmerz geworden, alles verzehrend und lähmend, wie ein vereiterter Zahn.

Wie kann es sein, dass ich auf diesem Video erscheine? Es ist unmöglich. Es muss sich um einen Trick, eine Fälschung handeln. Wie schwer kann es schon sein, eine Filmdatei zu manipulieren?

Wer ist der Mann, der sich mir als Sebastian Kolev vorgestellt hat? Er ist jedenfalls nicht die Person, die von

Nadia Westhoff
mir

auf dem Video als Sebastian Kolev angesprochen wurde.

Ein Trick alles. Eine Verschwörung, die mich in den Wahnsinn treiben will. Nur warum? Und weshalb ausgerechnet ich?

Auf dem Parkplatz vor dem Hotel ist es still. Weder der Kastenwagen noch der italienische Kleinwagen sind aufgetaucht.

Ich muss bei Verstand bleiben. Ich darf nicht durchdrehen. Ich habe es bis hierhin geschafft. Ich halte weiter durch.

Ich muss nach Hause, in meine Wohnung. Meine Sachen berühren, zu jedem eine Erinnerung finden. Eine Erinnerung der Kosra Borg, die ich bin. Ich muss nach Hause zurückkehren. Jetzt sofort. Ich habe zwar keine Vorstellung, in welche Richtung ich fahren muss, aber ich werde schon auf vertraute Pfade stoßen, auf Wegweiser und Landmarken meiner Erinnerung, wenn ich nur weit genug gefahren bin.

Meine Hände zittern, als ich den Wagen starten will. Der Zündschlüssel gleitet mir aus der Hand und fällt in den Fußraum und rutscht sogar noch ein Stück unter den Sitz. Ich bücke mich und fummele nach dem Schlüssel. Meine Finger berühren die Spitze des Schlüssel und als sich Daumen und Zeigefinger darum schließen und ihn hervorziehen, kullert ein zusammengeknülltes Blatt Papier hervor und bleibt zwischen meinen Füßen liegen.

Es gelingt mir, den Schlüssel in das Zündschloss zu stecken, aber ich starte den Wagen nicht. Stattdessen greife ich nach dem Papierknäuel und falte es auseinander. In großen Buchstaben steht auf einem karierten Blatt, das aus einem Ringbuch herausgerissen wurde: «Ich darf nicht vergessen, wer ich bin. Ich darf mich nicht vergessen. Dann bin ich verloren. Ich bin Nadia Westhoff.»

Wieder ein Mantra, nur, dass es das Falsche ist. Ein Gegenmantra sozusagen.

Ich bin Kosra Borg.

Ich bin Nadia Westhoff.

Ich.

Bin.

Nicht.

Es fühlt sich an, als hätte jemand eine Schlinge um meinen Hals gelegt und zugezogen. Ich muss aussteigen, um atmen zu können. Ich schwinge mich so hastig aus dem Volvo, dass ich stürze und schließlich auf allen vieren auf den Pflastersteinen hocke.

Das ist nicht wahr. Das darf nicht wahr sein.

Atmen, Kosra oder wer auch immer du bist, atmen.

Ich sauge die Luft in meine Lungen. Das karierte Blatt liegt neben mir auf dem Boden und wird von einer Windböe erfasst und fortgetragen. Ich wünsche mir das für diesen gesamten Albtraum, dass der Wind ihn forttragen möge. Nein, kein Wind, ein Sturm, ein Wirbelsturm wie im Zauberer von Oz, der diesen ganzen verdammten Ort hinwegfegt.

Ich darf nicht vergessen, wer ich bin. Ich darf mich nicht vergessen.

Es ist zu spät. Ich habe mich längst verloren.

Schluss jetzt. Die Flipperkugel hat die Schnauze voll und wird die Glasscheibe des Spielautomaten zerdeppern wie eine Kanonenkugel. Blöd nur, dass ich mich im Augenblick eher wie ein Federball fühle, der vom Wind weggefegt werden könnte, leichter noch als das karierte Blatt Papier.

Ich ziehe mich an der Fahrertür hoch wie eine Betrunkene und berauscht bin ich von den widersprüchlichen Gefühlen und quälenden Gedanken tatsächlich. Der Schlüssel steckt noch. Gut, denn meine Hände zittern. Ich schaffe es, den Zündschlüssel im Schloss zu drehen, die Tür zuzuziehen und die Automatik auf Drive zu stellen. Das Lenkrad packe ich verkrampft wie eine Fahrschülerin in ihrer ersten Stunde. Im Schlingerkurs quere ich den Parkplatz und lenke den Wagen auf die Straße. Die Polizei wird mich für sturzbetrunken halten. Sie sollen mich anhalten. Die Polizei ist genau das, was ich jetzt brauche.

‹Könnten Sie mal bitte im Computer nachschauen, wer ich bin, Herr Wachtmeister?›

Na klar, gerne. Da braucht es keine Blutentnahme mehr. Gehe in das Irrenhaus. Begib’ Dich direkt dorthin. Gehe nicht über Los. Ziehe nicht 4.000 Euro ein. Was muss ich würfeln, um aus der Psychiatrie herauszukommen?

Es ist mir gleichgültig, dass mir die albernsten Gedanken durch den Kopf gehen. Ich flute meine Hirnwindungen mit all dem Unfug, um den echten Wahnsinn herauszuspülen.

Eine Warnleuchte blinkt.

Tank fast leer.

Die Nadel der Anzeige ist bereits deutlich im Reservebereich. Ich könnte schwören, dass der Tank voll war. Aber, so leicht gebe ich nicht auf. Bis zum nächsten Ort wird es reichen. Selbst wenn ich es nicht zu einer Tankstelle schaffe. Ich muss einzig und allein einen Ort der wahren, der wahrhaftigen Welt erreichen, dort wo keinem Aliengott Kinder geopfert werden. Ich brauche einen Ort, an dem ich klare Gedanken tanken kann.

Es fängt zu regnen an. Zuerst nur ein paar Tropfen, aber bald schüttet es wie aus Kübeln. Wieviel Benzin mag noch im Tank sein? Zehn Liter? Fünf? Oder nur noch ein oder zwei? Wie weit ist es zum nächsten Ort? Wenn ich spritsparend fahre, dann sollten selbst die wenigen Liter noch ausreichen.

Die Scheibenwischer schaffen es kaum, die Fluten von den Scheiben zu schaufeln. Sogar bei der schnellsten Scheibenwischereinstellung legt sich das Wasser wie ein Weichzeichner auf die Windschutzscheibe und die Gebäude vor dem Hotel wirken mehr als je zuvor wie Albtraumhäuser, die langsam vor- und zurückschwanken. Die schweren dunklen Wolken, die tagsüber über das Land gezogen sind, haben ihre Drohung wahr gemacht.

Ich werfe einen Blick auf die Uhr. Es ist halb elf. Bis zur Geisterstunde bin ich hier fort.

Bin ich schon am Haus des Doktors vorbei? Um mich herum finstere Nacht. Im Kegel der Scheinwerfer der strömende Regen und dunkler Asphalt.

Bevor ich reagieren kann, flammt rechts ein Licht auf, ein weiterer Scheinwerfer, als habe dort jemand auf mich gewartet, um mir den Weg abzuschneiden. Ich gebe Gas. Aus den Augenwinkeln registriere ich, dass es sich um einen einzelnen Scheinwerfer handelt und im nächsten Augenblick taucht neben mir ein Motorrad auf und prallt gegen meinen Kotflügel. Der Fahrer fliegt über die Kühlerhaube und entschwindet auf der linken Seite in der Finsternis, als sei er von einem schwarzen Loch verschluckt worden.

Nicht schon wieder, ist mein erster Gedanke, als ich den Wagen mit einer Vollbremsung schlingernd zum Stehen bringe. Hört das denn nie auf?

Ich schaue in den Rückspiegel. Im grellroten Schein der Bremslichter sehe ich das Motorrad. Keine Geländemaschine, sondern eine bullige Rennmaschine. Hat David nicht so ein Motorrad gefahren? Bitte nicht. Als ich den Fuß von der Bremse nehme und aussteige, ist die Maschine im Schein der Rücklichter kaum zu erkennen. Der Motor des Volvo ist ausgegangen. Unter der Motorhaube knackt es. Regen trommelt auf das Auto und ich bin in wenigen Augenblicken vollkommen durchnässt. Ich überwinde den Impuls, weiterzufahren. Dies könnet eine weitere Falle sein, aber ich kann unmöglich einen verletzten Menschen auf der Straße liegen lassen. Vor allen Dingen nicht, wenn es sich um David handelt. War er allein auf der Maschine? Wo ist Sarah? Hat er mir vielleicht aufgelauert, um mich abzupassen? Nein, der Junge kann unmöglich Teil der Verschwörung sein. Viel wahrscheinlicher ist, dass er mich ebenso übersehen hat, wie ich ihn.

Der Regen peitscht in mein Gesicht, als wollte er mich zurückhalten.

Als ich zur Unfallstelle gehe, schält sich ein Hinweisschild aus der Dunkelheit.

‹Kreidesee 1km›

Weit bin ich nicht gekommen.

Ich finde den Motorradfahrer auf dem dicht mit Büschen bestandenen Seitenstreifen. Er kniet auf dem Boden und nimmt sich mit beiden Händen den Helm ab.

«Verdammte Scheiße, wo kommen Sie denn plötzlich her?», schreit er mich an. Es ist David. Zum Glück scheint er unverletzt zu sein.

«Schauen Sie sich mein Motorrad an!»

Ihm geht es prächtig, körperlich gesehen.

«Wo wollen Sie überhaupt hin?», blafft er mich an, als ich ihm aufhelfe.

Gute Frage. Nächste Frage.

Noch keine Kommentare vorhanden.

Was denkst du?

© 2019 Andreas Riehn
Powered by Chimpify