Drei Jahre zuvor. 23. September 2016

Kapitel 32

Es war spät. Kosra war die letzte im Büro. Als Strafverteidigerin war sie es nicht gewohnt, sich von Fristen an den Schreibtisch fesseln zu lassen. Das ist das Privileg der Strafverteidigung, prahlte sie immer vor ihren Kollegen, die überwiegend zivilrechtliche Mandate bearbeiteten.

Im Strafprozess gab es kaum Fristen, deren Versäumnis einem Fall das Genick brechen oder dem Anwalt eine Haftung bescheren konnten.

Und jetzt saß sie hier, lange nach Dienstschluss vor einer Berufungsakte. Eine Zivilsache. Sie hatte sich breitschlagen lassen, einen zivilrechtlichen Berufungsfall zu übernehmen, den ein Kollege versiebt hatte. Die Berufungsfrist lief heute ab. Kosra Borg fand, dass das die Strafe für ihre Prahlerei sei. Oder für ihre Gutmütigkeit.

Drei Stunden bis zum Fristablauf. Wenn sie die Frist versäumte, hatte sie selbst einen Haftungsfall an der Backe.

Der Schriftsatz war fertig getippt und sie hatte ihn mehrfach Korrektur gelesen. Eigentlich konnte nichts mehr schiefgehen. Jetzt hing alles am Drucker.

Sie hörte sein vertrautes Rattern auf dem Flur. Sie hatte sich vergewissert das genug Papier und Toner vorhanden war und lehnte sich, einem Gefühl der Entspannung nachgebend, in ihrem Stuhl zurück. Der Gerichtsbriefkasten war um die Ecke, so dass es sich ausgehen sollte, falls sie im Ausdruck nicht einen dicken Lapsus entdeckte.

Seufzend stand sie auf, nahm ihre leere Tasse mit, da sie sich auf dem Rückweg vom Drucker einen Kaffee eingießen wollte.

Der Kaffee lief durch, also stellte sie die Tasse in der Kochnische ab, während der Drucker sein Werk verrichtete. Die Kaffeemaschine musste dringend entkalkt werden. Für die zwei Tassen, die Kosra vorbereitet hatte, brauchte sie eine halbe Ewigkeit. Die Maschine produzierte fauchend Dampf wie eine alte Lokomotive.

Der Druck war beendet. Der Lüfter des Gerätes schaltete sich aus und der Drucker ging in den Stand-By-Modus.

Alle fünfunddreißig Seiten sauber ausgedruckt. Das hätte ihr noch gefehlt, wenn der Toner ausgegangen oder der Drucker einen Papierstau gehabt hätte.

Kosra teilte sich das Büro und eine Halbtagssekretärin mit zwei Kollegen. Die Kosten waren erträglich. Die Kanzlei lag günstig im Stadtzentrum in der Nähe der Gerichte. Sie schätzte den Austausch mit ihren Kollegen. Sie machten zwar kein Strafrecht so wie Kosra, was den Vorteil besaß, dass es keinen Futterneid gab. Simon, der so alt war wie Kosra, nämlich zweiunddreißig, war Fachanwalt für Arbeitsrecht und hatte sich zusätzlich auf Transportrecht spezialisiert. Einige der großen Speditionen der Stadt zählten zu seinen Mandanten und die Fahrer kamen regelmäßig mit der Straßenverkehrsordnung in Konflikt, so dass für Kosra zuverlässig das eine oder andere Bußgeld- oder Strafverfahren abfiel. Ohne es auszusprechen, bezeichnete Kosra Simon für sich gerne als Ryan Gosling Fehlpressung. Er sah dem berühmten Schauspieler ähnlich, war allerdings fülliger und seine Haare lichteten sich.

Mark war ihr Nesthäkchen. Er war achtundzwanzig und besaß seine Zulassung erst seit knapp einem halben Jahr. Kosra und Simon versuchten, ihm so gut es ging Fälle zu vermitteln und der Junge hielt sich wacker. In letzter Zeit hatte er häufiger Überstunden machen müssen, da Simon ihm mehrere Vertragsprüfungen verschafft hatte und Kosra ein Jugendgerichtsverfahren. Es wäre also gut möglich gewesen, dass er in seinem Zimmer saß und über Fachbücher brütete, die er aus der Bibliothek ausgeliehen hatte und im Internet Rechtsprechungsfälle wälzte. Stattdessen war er einer Einladung der Rechtsanwaltskammer gefolgt, die die neu zugelassenen Kollegen begrüßte. Es gab kostenloses Büfett. Immerhin. Trotzdem war das nichts für Kosra, die selbst die jährlichen Kammerversammlungen mied.

So war sie allein in den Büroräumen. Durch ihr Fenster sah sie in die Büros einer gegenüberliegenden Wirtschaftsberatung. Dort waren noch gut ein Dutzend Leute aktiv. Sie beobachtete einen ungefähr fünfzigjährigen Mann, der mit hinter dem Kopf verschränkten Armen zurückgelehnt auf seinem Stuhl saß und einem jüngeren Kollegen etwas erklärte. Vielleicht erzählten sie sich auch einfach nur Witze oder lästerten über die Frauen in der Abteilung.

Der Jüngere lachte.

Kosra schnappte sich den Ausdruck. Das Papier war vom Druck warm und der Geruch von Ozon lag in der Luft. Als sie in der Tür ihres Zimmers stand fiel ihr ein, dass sie den Kaffee vergessen hatte. Sie legte die Berufungsklage auf ihren Schreibtisch auf dem überall Urteilskopien und Abschriften von Fachartikeln herumlagen. Sie hatte sich zwei geschlagene Tage in die Materie einarbeiten müssen.

Die Kaffeemaschine gab keinen Ton mehr von sich. Das untrügerische Zeichen, dass der Kaffee durchgelaufen war. Die Kochnische lag in Dunkelheit gehüllt. Deswegen sah sie den Mann erst, als es zu spät war. Sie war vollkommen unvorbereitet und rannte ihm praktisch in die Arme.

Er packte mit der einen Hand ihren Arm und hielt ihr mit der anderen den Mund zu.

«Keinen Mucks, oder du bist mausetot,» raunte er. Kosra roch seinen Atem, der nach Knoblauch und hochprozentigen Alkohol roch. Es dauerte einen kurzen Moment, bis sie ihn erkannte. Das hier war kein unbekannter Einbrecher, der es auf ihre Kaffeekasse oder eines der Laptops abgesehen hatte, sondern einer ihrer Mandanten. Dirk Radovics. Gegen ihn wurde wegen Hehlerei und Geldwäsche ermittelt, ein Pflichtmandat. Die Richter an den Strafgerichten führten Listen mit Strafverteidigern, die bereit waren, Pflichtmandate zu übernehmen. Kosra, die auf jedes Mandat angewiesen war, war gerne bereit, Pflichtverteidigungen zu übernehmen, wurde aber häufig übergangen, weil sie aus Sicht der Richter ihren Job zu Ernst nahm.

«Für wen halten Sie sich eigentlich?», hatte ein Richter sie nach einer Verhandlung mal angefahren. «Für einen verdammten weiblichen Matlock? Sie bringen mir mit Ihren Anträgen meine ganzen Sitzungstermine durcheinander.»

Kosra hatte es als Kompliment genommen. Sie hatte Matlock immer gerne im Fernsehen gesehen. Nur Pflichtmandate hatte sie von dieser Kammer keine mehr erhalten. Ungewöhnlich genug, dass ihr Radovics zugeteilt worden war. Und sie hatte dem Gericht sogleich eine Haftverschonung abgerungen. Radovics hatte keinen Grund, sauer auf sie zu sein. Sie hatte ihn aus dem Knast geholt. Was wollte er von ihr?

«Verdammt, sie tun mir weh,» wollte sie sagen, doch er drückte seine Hand so fest auf ihren Mund, dass sie nur unverständliche Laute herausbrachte und ihre Spucke auf seiner Handfläche verband sich mit dem Schmutz auf seiner Haut. Sie hatte einen salzigen Geschmack im Mund, nach Schweiß und Dreck. Sie würgte.

So wie er aus dem Mund stank, musste er einige Promille intus haben. Seiner Kraft und Entschlossenheit tat das keinen Abbruch.

Blitzschnell zog er eine der Schubladen auf und holte ein Küchenmesser hervor. Ein Fleischmesser. Simon hatte es mitgebracht, weil es scharf genug war, Tomaten sauber zu zerteilen. Kosra konnte sich noch gut erinnern, dass sie ihn gefragt hatte, ob es ein kleineres Messer nicht auch getan hätte, worauf er mit den Schultern zuckte und erwiderte, dass er kein kleines scharfes Messer gefunden habe.

Radovics packte die Klinge. Kosra sah ein Stuck vertrocknete Tomatenhaut am Übergang zwischen Klinge und Schaft. Die Spülmaschine arbeitete genau so unzuverlässig, wie die Kaffeemaschine.

Kosra spürte, dass sich der Griff um ihren Mund lockerte, da Radovics das Messer in der Hand hielt.

«Ich lasse jetzt los,» sagte er. «Wenn Sie schreien, schneide ich ihnen die Kehle durch.»

Dann ließ er sie los, die Messerspitze pikste in ihren Hals; tief genug, dass ein dünner Rinnsal Blut in ihren Ausschnitt floss.

«Was wollen Sie?», sie zitterte, Schweißperlen standen auf ihrer Stirn und sie konnte die Worte kaum aussprechen, da jeder Ton sich auf ihren Hals übertrug und die Unerbittlichkeit der Klinge provozierte.

Wollte er sie vergewaltigen? War er deswegen hier? Hatte sie ihn unabsichtlich angemacht bei ihren bisherigen Treffen? Hatte sie ein Begehren in ihm geweckt?

Er sah in ihre Augen, ohne ihren übrigen Körper eines Blickes zu würdigen und seine Hände hätten längst nach ihren Brüsten greifen können und sich in ihre Jeans zwängen. Er war nicht gekommen, um sie mit Gewalt zu nehmen. Der Erkenntnis bereitete ihr nur für einen kurzen Moment Erleichterung. In seinem Blick lag eine tiefe Traurigkeit. Die Traurigkeit des Schlachters, der nicht töten will, aber töten muss, um über die Runden zu kommen.

«Sie sagen, es geht nicht anders,» wisperte er. Eine Träne kullerte über seine Wange und hinterließ einen hellen Streifen, wie Tränen in einem Kindergesicht.

Kosra hatte aufgehört zu zittern oder spürte es nicht mehr, so wie sie ihre Beine nicht mehr fühlte oder ihre Füße. Vielleicht schwebte sie in der Luft wie die Assistentin des Magiers in der Zauberschow. Sie durfte auf gar keinen Fall ohnmächtig werden. Wenn ihre Beine unter ihr wegknickten, rammte die Klinge in ihren Hals.

«Du bist nicht die Auserwählte,» zischte Radovics. «Solange du da bist, ist das richtige Opfer in Gefahr und das dürfen sie nicht zulassen. Das musst du verstehen.»

Was sollte der ganze Quatsch? Wirres Gerede. Er war wahnsinnig. Von wegen ‹Auserwählte› und ‹richtiges Opfer›. Radovics war simpel und ergreifend übergeschnappt. Das musste es sein. Wie konnte sie zu ihm durchdringen? Wie konnte sie ihm begreiflich machen, dass er sie verwechselte, weil es die Person, auf die er es abgesehen hatte, gar nicht gab, weil es diesen ganzen Opferscheiß nicht gab, was auch immer er sich da zusammenreimte? Kosra überlegte fieberhaft. Ihr fiel nichts ein.

Dann ließ er mit einem Mal das Messer sinken, jedenfalls erschien es ihr so. Hatte er von selbst begriffen? War er aufgewacht? Kosra war derart überwältigt, dass sie lächelte. Am liebsten wäre sie ihm um den Hals gefallen, um ihn in der Realität willkommen zu heißen, als sei er wie ein Tourist in den Wahnsinn gereist und wieder zurückgekehrt.

Sie spürte den Stoß im ersten Augenblick wie einen Boxhieb oder einen Rempler. Radovics hatte sie nicht aus den Augen gelassen. Sie löste sich von seinem Blick, schaute an sich hinab und sah den Griff des Messers, wie er aus ihrer Brust herausragte. Er hatte ihr das Messer bis zur vertrockneten Tomatenhaut in den Körper getrieben.

«Sie haben gesagt, es geht nicht anders.»

Mit diesen Worten trat er aus der Küche. Kosra lehnte sich an die Wand in ihrem Rücken. Sie atmete rasselnd durch zusammengebissene Zähne aus. Sie war müde. Sie musste sich ausruhen. Langsam sank sie auf den Boden. Sie spürte keinen Schmerz. Nur Angst. Sie wollte nicht schlafen.

Wieso sollte sie auch schlafen? Es war helllichter Nachmittag. Sie war neun Jahre alt und stand auf dem Spielplatz mit der knallroten Schaukel, auf dem keine anderen Kinder spielten. Ihre Eltern hatten ihr gesagt, sie sollte hier warten. Sie mochte den Ort nicht. Er machte ihr Angst. Allein schon der Name - Totenbruck. Vielleicht hatte sich die Furcht ihrer Eltern auf die übertragen, denn Kosra hatte spüren können, dass sie sich ganz und gar nicht wohl fühlten. Warum nur hatten sie sie auf dem Spielplatz allein gelassen? Auf dem Spielplatz, auf dem keine Kinder waren. Sie wollte schon die Kopfhörer ihres Walkmans aufsetzen und ‹Love ist all around› von Wet Wet Wet weiter hören, als eine sanfte Stimme an ihr Ohr drang.

Kosra. Komm’!

Sie wurde gerufen. Wer hatte sie gerufen? Die Stimme klang angenehm. Fast so angenehm wie die Stimme ihrer Mutter, nur, dass ihre Mutter weit und breit nicht zu sehen war. Woher kam der Ruf?

Nicht weit vom Spielplatz entfernt stand ein Haus. Die Haustür stand offen und am Ende des Korridors führte eine Treppe in den Keller. Wer auch immer sie rief, war in den Schatten des Kellers verborgen.

Komm’, Kosra, komm’.

Kosra stieg die Treppe hinunter und hielt sich am Treppengeländer fest, so wie ihre Mutter es ihr beigebracht hatte, obgleich sie für solche Ermahnungen schon zu alt war. Am Fuße der Treppe war ein Abflussgitter in den Betonboden eingelassen. In der Mitte prangte ein geschwungenes D mit einem A in dessen Bauch.

Dann fing es zu regnen an. Ein Schauer angenehm warmen Blutes. Bald war Kosra vollkommen durchnässt und triefend rot von dem vielen Blut, das an ihrem Körper hinab tropfte, sich am Boden sammelte und schließlich zum Abfluss strömte. So angenehm warm war alles, dass Kosra sich dem Strom anvertraute, und schon bald hinter dem Abflussgitter mit dem geschwungenen D und einem A in dessen Bauch verschwunden war.

Sie war nicht die Auserwählte.

Sie.

War.

Nicht.

Noch keine Kommentare vorhanden.

Was denkst du?

© 2019 Andreas Riehn
Powered by Chimpify