Kapitel 31

Das Bett ist ungemacht. Ich blicke mich im Zimmer um. Da ist niemand. Nur die Unordnung, die Kolev hinterlassen hat, nachdem er Westhoffs Unterlagen durchwühlt hatte.

Kann ich ihm vertrauen?

Das fragst du jetzt? Ist es dafür nicht ein bisschen spät?

Weshalb sollte ich Kolev nicht trauen? Er steckt nicht hinter den Geschehnissen.

Warum sollte er Spuren legen, denen er dann mit mir gemeinsam folgt? Sofern es um das geht, was die Kamera aufgezeichnet hat, dann hätte er sie mir auf einfachere Weise unterjubeln können. Den ersten Hinweis auf die Kamera habe ich im Haus des Doktors erhalten. Woher sollte Kolev wissen, dass ich zu von Bargen gehe? Das war nicht vorhersehbar. Und wenn Kolev es auf mein Leben abgesehen haben sollte, dann hatte er Gelegenheiten genug, mich um die Ecke zu bringen.

Stattdessen hat er mich aus diesem verdammten Erdloch befreit, selbst wenn ich mir einrede, dass mir das auch aus eigener Kraft gelungen wäre.

Flüchten kann ich immer noch. Der Volvo steht vor der Tür. Der Tank ist voll. Ich habe alle Optionen. Ich lege den Zimmerschlüssel und den Wagenschlüssel auf den Schreibtisch.

Es bringt nichts, sich den Kopf zu zerbrechen, solange ich das Video nicht in voller Länge gesehen habe. Ich halte einen Hinweis in Händen, der mich weiterbringen könnte. Der das Rätsel lösen könnte. Halbgare Grübeleien sind dagegen wenig hilfreich.

Das Ladegerät ruht auf dem Papierstapel. Entweder hat Kolev die nicht durchgesehen oder er hat das Teil wieder zurückgelegt.

Zu dumm, dass es kein Netzkabel für die Kamera gibt, dann wäre ich nicht auf den Akku angewiesen.

Die Aussparungen des Ladegerätes entsprechen denen an der Kamera. Ich ziehe den Akku von der Kamera ab und schiebe ihn auf das Ladegerät. Passt. Eine Diode am unteren Rand des Ladegerätes beginnt gelblich zu blinken. Der Akku lädt.

Ich gehe ins Bad. Bevor ich das Licht einschalte, lausche ich, ob sich jemand in den Schatten versteckt. Alles still. Nur mein Atmen und das Klopfen meines eigenen Herzens, das sich in meinen Ohren verkrochen haben muss. Ich gehe aufs Klo und bemerke den unangenehmen Geruch meines Urins. Ich muss dringend etwas trinken. Nachdem ich mir die Hände gewaschen habe, lasse ich das Wasser laufen und nehme mehrere kräftige Schlucke aus meinen zur Schale geformten Händen. Ich trinke gierig.

Überrascht stelle ich fest, dass ich keinen Hunger verspüre. Wann habe ich zuletzt etwas gegessen? Gestern Abend während meiner Telefonschicht. Eine Pizza, die ich mir in der Mikrowelle heiß gemacht habe.

Mir kommt es vor, als handele es sich um eine blasse Erinnerung an ein anderes Leben. In gewisser Weise ist es ein anderes Leben. Das, was hier mit mir passiert, wird eine Zäsur sein, ähnlich wie das Attentat. Kann es sein, dass einem zweimal im Leben so viel Unheil passiert?

Wird mir das, was auf dem Video zu sehen ist, helfen? Wird es mich weiterbringen oder sogar ausreichen, dass die Polizei sich um die Sache kümmert?

Wie lange wird der Akku brauchen, um genug Ladung zu haben? Die gelbe Diode blinkt, als wollte sie mich verhöhnen.

Ich streife die Schuhe ab und lege mich auf das Bett. Ich kann im Augenblick nichts ausrichten.

In diesem Bett bin ich in dieser grotesken Geschichte gelandet, vielleicht kann ich ihr hier auch wieder entfliehen, als wäre das Bett der Eingang zum Kaninchenbau, durch den ich in die Realität zurückfinden könnte. Ein lächerlicher Gedanke. Dies ist die Realität.

Nach einer Weile hat sich die Matratze unter mir zur Härte von Beton verdichtet. Es ist, als seien die Betten in Totenbruck aus dem Zement der stillgelegten Fabrik gefertigt.

Während ich liege, rauscht das Blut in meinen Ohren und meine Gedanken hören nicht auf zu rasen. Warum deuten die Spuren auf mich? Weshalb besitzt Nadia Westhoff einen Artikel über das Attentat?

Die Andere.

Warum hat sie meine Adresse ins Navi eingespeichert? Was hat das Datum des Attentats auf der Gästebuchseite zu bedeuten? Alles Zufall? Wieso hat Kolev so komisch reagiert, als er den Anfang des Videos gesehen hat und warum waren ihm das Datum und die Uhrzeit so wichtig? Am liebsten würde ich in friedliche Leere sinken, um meine eigenen Batterien aufzuladen. Stattdessen jagen meine Überlegungen den Fragen nach, die sich vor mir auftun, wie der Schuttberg am Rande dieses teuflischen Ortes.

Ich wache schwer atmend auf. Ich bin tatsächlich eingenickt. Ich verstehe nicht, wie ich es geschafft habe einzuschlafen. Erschrocken blicke ich mich um, als könnte in der Zwischenzeit etwas in das Zimmer geschlichen sein, das mich lauernd und lachend erwartet. Da ist nichts. Ich bin allein. Die gelbe Diode blinkt monoton vor sich hin.

Ich stehe auf. Meine Beine sind wacklig und ich fühle mich, als wäre ich erneut von Schwester Erika unter Drogen gesetzt worden. Ich habe nicht genug geschlafen, um mich erholt zu fühlen. Ich kann keine Ruhe finden.

Ich beschließe, dass der Akku genug geladen hat. Ich ziehe ihn vom Ladegerät ab und als ich ihn an der Kamera befestigen will, fällt mir ein, dass ich Kolev Bescheid geben sollte.

Welche Zimmernummer hat er mir genannt?

115.

Ich nehme die Kamera samt Akku. Keinesfalls lasse ich sie unbeobachtet im Zimmer zurück. An der Tür bleibe ich stehen.

Sollte ich mir den Film erst alleine zu Ende ansehen? Wieso sollte das Verrat sein? Ich muss es Kolev ja nicht sagen. Welche Verpflichtung habe ich ihm gegenüber? Gar keine. Trotzdem gefällt mir der Gedanke nicht. Es ist, als würde ich ihn hintergehen und er ist der Einzige, dem ich hier heute begegnet bin, dem ich bereit bin, zu vertrauen, wenn ich von Sarah und David einmal absehe, aber die zählen nicht. Es ist verrückt, der Gedanke an Verrat lässt sich nicht verdrängen.

Auf dem Flur ist es still. Nur die Notbeleuchtung ist an. Ich lasse das Licht ausgeschaltet, da ich genug sehe und keine Aufmerksamkeit erregen möchte.

Ich gehe vor bis zur Nummer 115 und klopfe vorsichtig an der Tür und als sich nichts tut etwas kräftiger.

«Kolev?»

Keine Antwort.

Ich klopfe erneut, warte eine Antwort nicht ab und drücke die Klinke nach unten. Die Tür ist nicht verschlossen.

«Sebastian Kolev?»

Das Zimmer ist leer. Die Vorhänge sind nicht zugezogen. Der Vollmond bricht durch die Wolkendecke und beleuchtet die Szenerie.

Das Bett ist unbenutzt. Habe ich mich in der Zimmernummer geirrt? Ich trete zurück in den Flur und vergewissere mich, dass es sich um Zimmer 115 handelt.

Habe ich mich verhört und er hat mir eine andere Nummer genannt? Ich stehe in der offenen Tür. Mein Blick fällt auf den Schreibtisch, der sich am Fenster befindet. Ganz hinten, eingeklemmt zwischen Fensterbank und Tischplatte erkenne ich den Notizblock, den Kolev dabeihatte, als ich ihn in meinem Zimmer überraschte. Ich erinnere mich, dass er sich Notizen machte.

Ich schließe die Tür und ziehe den Notizblock hervor.

«Es war einer Milchkuh in Hüll des Mittags ihr Euter schon füll. Doch ahnungslos fraß die Kuh weiter Gras und gegen halb sechs gab’s ’nen Knüll.»

Dieser eine Spruch. Wieder und wieder. Auf jeder Seite.

Es war einer Milchkuh in Hüll des Mittags ihr Euter schon füll. Doch ahnungslos fraß die Kuh weiter Gras und gegen halb sechs gab’s ’nen Knüll.

Hastig blättere ich das Notizbuch durch. Auf jeder Seite stoße ich auf diese beiden Sätze. Auf manchen Seiten sind sie nur ein einziges Mal in geschwungenen Buchstaben geschrieben, auf anderen in winzig kleinen Lettern, die ich kaum zu entziffern vermag, unzählige Male über die Blätter verteilt.

Was ist das denn für eine abgedrehte Scheiße? Fassungslos lasse ich die Blätter des Blocks durch meine Finger gleiten.

Es war einer Milchkuh in Hüll des Mittags ihr Euter schon füll. Doch ahnungslos fraß die Kuh weiter Gras und gegen halb sechs gab’s ’nen Knüll.

Ich stütze mich auf die Tischplatte, da ich das Gefühl habe, meine Beine könnten unter mir nachgeben.

Und gegen halb sechs gab’s ’nen Knüll.

Hastig drehe ich mich um. Ich komme mir nackt und wehrlos vor. Das Zimmer ist leer, die Schatten sind Schatten geblieben und keiner von ihnen ist zum Leben erwacht. Durch das Fenster sehe ich den Parkplatz vor dem Hotel, auf dem einsam und verlassen der Volvo steht. Der Kastenwagen ist verschwunden.

Hat Kolev sich zu seinem Wagen am Wald kutschieren lassen?

Ach, verdammt Kolev! Welches Spiel spielen Sie?

Ich fühle mich allein gelassen. Verraten. Natürlich kann sich alles noch als Irrtum herausstellen. Kolev war ohne Gepäck an der Rezeption erschienen. Seine Sachen können in seinem Wagen sein. Ein bisschen fahrig kommt er mir schon vor. Nur, wie war es ihm mitten in der Nacht gelungen, mit dem Kastenwagen des Hotels chauffiert zu werden? Von wem überhaupt? Von Vagts oder Doris Kapp? Vielleicht wusste er, wo der Fahrzeugschlüssel hängt und hat ihn sich mit der gleichen Chuzpe geschnappt, mit der er zuvor in mein Hotelzimmer eingedrungen ist?

Nur, was hat dieser Reim zu bedeuten?

Der Block gleitet aus meinen Händen und fällt zu Boden.

Ein Gefühl, das mich schon zu oft in Totenbruck im Würgegriff hatte, das ich abgeschüttelt glaubte, kehrt zurück. Panik.

Ich renne zurück in mein Zimmer. Sperre die Tür hinter mir ab, taumele rückwärts in den Raum, als erwarte ich jeden Augenblick einen Eindringling, der durch die verschlossene Tür brechen könnte. Mir springt fast das Herz aus der Brust.

Ich starre voller Entsetzen auf die Videokamera in meinen schweißnassen Händen. Ich kann mich selbst nicht denken hören, so laut ist das Tosen in meinem Kopf. Es wird stetig lauter und dröhnt in meinem Schädel wie ein Güterzug, der in einen Tunnel rast.

Unwillkürlich klappe ich den Bildschirm der Kamera auf. Automatisch schaltet sich das Gerät ein. Das verschwommene Bild des Zimmerbodens flackert auf und im spärlichen Licht versucht der Zoom, surrend scharf zu stellen.

Mir bleibt nichts anderes übrig, als meine wachsende Angst zu unterdrücken, indem ich den Film abspiele. Ich muss es jetzt tun. Entweder stürzt er mich endgültig über die Klippe des Wahnsinns oder ich erhalte eine Antwort. Oder beides.

Wie in Trance drücke ich auf Play und es erscheint das verwackelte Bild, das ich schon kenne. Ich habe es zusammen mit Kolev betrachtet, als wir die Kirchenruine verlassen hatten. Der Film startet wieder am Anfang.

Die hektischen Bewegungen der Person, die die Kamera achtlos hält, lassen kaum etwas deutlich erkennen. Eine verwaschene Bluejeans, dann ein Schwenk auf schmutzige Sneakers. Im nächsten Augenblick ein wabbliger Bauch, der unter einem aus der Hose hängenden hellblauen Hemd hervorlugt. Es handelt sich um einen Mann. Schließlich wird die Kamera hochgezogen und richtet sich auf die Bauernkate und die Motorradfahrerin, die in voller Montur und mit dem Helm auf dem Kopf versucht, die Eingangstür zu öffnen. Die Person, die ich Stunden zuvor auf der Straße gefunden habe, nur, dass sie jetzt aufrecht steht und ziemlich lebendig wirkt.

«Frau Westhoff!», ruft der Kameramann. «Frau Westhoff. Sie können sich nicht länger verstecken.»

Die Frau antwortet nicht. Stattdessen blinkt plötzlich wieder der Hinweis ‹Batter low› auf dem Bildschirm. Verdammter Mist. Das darf nicht sein. Der Akku hat doch Zeit genug zu Laden gehabt.

Battery low.

Die Energie muss reichen. Ich brauche die Antworten jetzt.

Der Kameramann hat die Motorradfahrerin fast erreicht. Sie lässt die Arme sinken und gibt den Versuch auf, in das Innere der Hütte zu entschwinden.

Battery low.

Der Mann verlangsamt seinen Schritt, zumal er Westhoff ohnehin fast erreicht hat und hält die Kamera ruhiger.

«Nur ein paar Fragen,» keucht er. Er ist von der Rennerei ziemlich außer Atem und das, was ich von seiner Statur gesehen habe, deutet nicht auf einen sportlichen Typ. Als er vor dem Bauernhaus stehenbleibt und die Kamera ausrichtet, spiegelt er sich einen kurzen Moment in einem der Fenster. Ich erkenne die Kamera in den Händen eines dicklichen Mannes mit Glatze, den ich nie zuvor gesehen habe.

Die Motorradfahrerin gibt ihrer Resignation Ausdruck, in dem sie langsam den Helm abnimmt. Und schließlich halb entmutigt, halb zur Auseinandersetzung entschlossen grinsend in die Kamera blickt.

Nicht breit grinsend, sondern nur mit einer Hälfte des Mundes, so dass es beinahe schelmisch wirkt. Ich weiß warum. Sie kann nicht breit grinsen. Seit sie als Kind beim Kippeln mit einem Stuhl gegen die Heizung geprallt ist, kann sie nicht mehr beide Mundwinkel nach oben ziehen.

Ich bin es.

Es ist mein Gesicht, das unter dem Helm zum Vorschein kommt. Ich starre auf den Bildschirm wie in einen Spiegel. Ich bin die Motorradfahrerin.

Ich bin Nadia Westhoff.

Ich.

Bin.

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