Kapitel 30

Als wir die Kirchenruine verlassen, ist die Sonne hinter den Baumwipfeln verschwunden und dichter Nebel kriecht aus den Niederungen den Hügel herauf.

Ich nehme den Akku aus dem Handschuhfach und schiebe ihn mit zittrigen Fingern auf die Aussparungen an der Seite der Kamera. Kolev nimmt unterdessen auf dem Beifahrersitz Platz.

Zuerst passiert nichts, bis ich bemerke, dass ich die Batterie schief aufgesetzt habe. Kolev ist nicht weniger nervös, immer wieder fährt er sich mit der Zunge über seine trockenen Lippen und seine Hand zuckt vor, da er glaubt, es besser zu können. Endlich surrt es im Inneren des Geräts und signalisiert, dass der Akku korrekt befestigt wurde und Strom liefert. Der Bildschirm flammt auf, nur um uns vor schwarzem Hintergrund mit den Worten zu begrüßen:

‹Battery low.›

«Drücken Sie auf Play!», raunt Kolev mir zu, als ob ich das nicht selber wüsste. Ich betätige den Knopf. Die Mechanik ächzt, als wäre es eine Zumutung, das abzuspielen, was die Kamera gespeichert hat.

Der Bildschirm flackert, dann erscheinen verwischte Umrisse von Bäumen, einer Mauer und einem Paar Beine, die in einer Jeans stecken. Immer wieder wird das Bild schwarz, wenn das Objektiv an die Hosenbeine gedrückt wird. Wer das gefilmt hat, hat nicht bemerkt, dass die Kamera eingeschaltet ist und läuft.

Im Vordergrund blinkt die Warnung ‹Battery low›.

Die Kamera wird hochgerissen und im Hintergrund erscheint ein Bauernhaus mit Reetdach und Fachwerkmauern. Das Bild bleibt unruhig, da die Person, die die Kamera hält, im Laufen filmt.

Von der Seite tritt eine Person in das Bild und versucht eilig im Inneren des Hauses zu verschwinden. Sie will nicht gefilmt werden, das ist offensichtlich. Sie nimmt nicht einmal den Helm ab.

Mir stockt der Atem.

Es ist die Motorradfahrerin, die ich gestern Nacht auf der Straße gefunden habe. Ich erkenne die Lederkombi und den Helm.

«Das ist sie!», rufe ich aus, als wäre eine verschwundene Freundin oder jemand, der lange fort war, überraschend wieder aufgetaucht und irgendwie ist das ja der Fall. Das ist der Beweis, dass ich mir die Motorradfahrerin nicht eingebildet habe. Es gibt sie wirklich. Sie war kein Trugbild oder bloßer Traum. Ich bin nicht wahnsinnig.

Es ist wie mit der nervösen Mitteilung auf dem Bildschirm.

Battery low

Nur, dass auf dem Bildschirm meiner Gedanken der Satz

Ich bin nicht wahnsinnig

blinkt.

«Frau Westhoff!», ruft der Kameramann.

‹Battery low›.

«Frau Westhoff!»

Dann schaltet sich die Kamera aus und wir starren auf einen schwarzen Bildschirm.

«Scheiße!», entfährt es mir, während Kolev unverwandt auf den Bildschirm starrt, als könne er ihn mit der Kraft seiner Gedanken wieder einschalten.

Was jetzt?

«Das ist sie!» Rufe ich aufgeregt. «Das ist die Motorradfahrerin. Wir müssen den Akku aufladen,» platzt es aus mir heraus. Ich will das ganze Video sehen.

«Ja, natürlich,» stammelt Kolev. Er wirkt abwesend, teilnahmslos, als ginge ihn das alles nichts an.

Ich schiebe Kolev zur Seite und starte den Motor.

Ich weiß, wie wir den Akku aufladen. Das Ladegerät liegt im Hotelzimmer auf einem Stapel Dokumente.

Ich betätige Wahlhebel und gebe Gas.

Dichte Nebelschwaden umfangen uns, als ich den Wagen den Hügel hinab zur Straße lenke. Ich fahre viel zu schnell. Aus den Augenwinkeln sehe ich, wie Kolev sich mit einer Hand am Türgriff festhält und mit der anderen den Gurt umklammert, der sich über seinem Oberkörper spannt. Erst als wie auf die Straße zurück in den Ort einschwenken, findet er seine Sprache wieder.

«Haben Sie den Zeitstempel gesehen?», fragt er mich und erst weiß ich gar nicht, was er damit meint.

«Den was?»

«Da waren am oberen Bildrand Datum und Uhrzeit der Aufnahme eingeblendet.»

Na und? Ich habe nicht darauf geachtet.

«Ist das wichtig?»

«Es war das gestrige Datum. 17 Uhr 30.»

Als ich nicht antworte, fährt er fort: «War nur so ein Gedanke.»

Dann schweigt er wieder und wir sprechen kein Wort, bis wir das Hotel erreichen, das sich still in die Schwärze der Nacht schmiegt, als wollte es mit ihr verschmelzen, um sich vor uns zu verbergen.

Der Kastenwagen steht auf dem Parkplatz. Entweder gehört er nicht Vagts oder der Junge hat Nachtdienst.

Plötzlich fällt mir ein, dass wir Kolevs Wagen am Waldrand zurückgelassen haben. Wir haben gar nicht daran gedacht anzuhalten.

«Ach, verdammt,» knurrt Kolev. «Mist. Was halten Sie davon, wenn Sie den Akku an das Ladegerät anschließen und während er lädt fahren Sie mich zurück zu meinem Auto.»

Ich habe kein gutes Gefühl dabei, die Kamera unbeaufsichtigt im Zimmer zurückzulassen. Nicht in diesem Hotel.

«Lassen Sie uns besser gleich fahren,» sage ich und wechsle in den Rückwärtsgang.

«Lassen Sie es gut sein,» erwidert Kolev und legt seine Hand auf meine, die den Schalthebel hält. Ich ziehe sie zurück. Mir ist die Berührung unangenehm, obgleich Kolev keine Anstalten macht, die mich zu Vorbehalten berechtigen.

«Wir können das gleich morgen früh erledigen,» sagt er. «Oder später noch. Ich bin doch selbst gespannt zu erfahren, was auf dem Video ist. Das Auto klaut schon keiner. Das haben Sie doch gesagt.»

Ich will protestieren, finde aber keinen Grund, weshalb ich das sollte. Daher lege ich den Leerlauf ein, betätige die Handbremse und stelle den Volvo neben dem Kastenwagen ab.

Die Eingangstür ist unversperrt. Rezeption und Gastraum sind verwaist.

Wie ein heimliches Liebespaar schleichen wir in den ersten Stock.

Nach all den üblen Gerüchen, die mir in den letzten Stunden begegnet sind, kommt mir die abgestandene Luft im Hotel gar nicht mehr so schlimm vor.

«Ich bin auf Zimmer 115,» sagt Kolev, als wir die oberste Stufe erreicht haben und ich bin seltsam erleichtert, dass er nicht mit mir zusammen in meinem Zimmer auf das Laden des Akkus wartet. Ich möchte für einen Moment allein sein. Mich frisch machen, mich wappnen für das, was mich auf dem Video erwartet. Es muss etwas von Bedeutung sein, denn es hat sich jemand Mühe gegeben, dass es in unsere Hände gelangt.

«Klopfen Sie, wenn der Akku geladen ist,» gibt Kolev mir mit auf den Weg, dann wendet er sich in die Richtung, in der sein Zimmer liegt. Als ich vor der Tür meines Zimmers stehe und den Schlüssel in das Schloss stecke, drehe ich mich noch einmal zu Kolev um, doch der Journalist ist verschwunden.

Ich habe das Öffnen und Schließen seiner Tür nicht gehört.

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