DREI: Der Ruf ins andere Land

Zwei Tage zuvor:
Mittwoch, 18. September 2019, 20 Uhr 02

Kapitel 3

«Rechtsanwältin Kosra Borg. Was kann ich für Sie tun?»

Kosra beugte sich zur Fernbedienung auf dem Tisch vor und stellte den Ton des Fernsehers aus.

«Sind Sie Rechtsanwältin?», fragte eine Männerstimme, die sie an einen Mittfünfziger im Feinrippunterhemd denken ließ, vor sich eine Bierflasche auf einem Rauchglastisch und daneben ein Kreuzworträtselheft. Nein, kein Rätselheft, eine Autozeitschrift oder besser eine Motorradzeitschrift. Ob er verheiratet oder Single war, würde sich zeigen, sobald eine Ehefrau aus dem Hintergrund Kommentare blökte. Abwarten. Meist dauerte es nicht lang.

Kosra verdrehte bei der Frage, ob sie Anwältin sei, die Augen. Passten die Leute denn nicht auf? Er hatte die Anwaltshotline seiner Rechtsschutzversicherung angerufen und war ausdrücklich zu einer Anwältin durchgestellt worden. Am liebsten würde sie antworten: «Ja, ich bin Rechtsanwältin, aber das ist heutzutage ein derart elender Job, dass ich, um über die Runden zu kommen, für eine juristische Telefonberatung arbeiten muss, die von solchen Einfaltspinseln wie Ihnen genutzt wird.» Stattdessen erwiderte sie: «Ja, das bin ich. Wie kann ich helfen?»

Bloß keine Beschwerde riskieren. Nicht dass es sie den Job kosten konnte, aber bei jeder Beschwerde musste sie einen Bericht für ihren Boss fertigen und das war demütigend. Und sie wollte die Sache nicht gefährden; sie war auf die Einnahmen angewiesen. Es waren ihre einzigen.

«Ich weiß gar nicht, wo ich anfangen soll?!», drang die Stimme des Mannes aus dem Telefon.

Jetzt!, dachte Kosra. Eine Ehefrau würde sich in diesem Augenblick zu erkennen geben. «Sag’ der Anwältin, was passiert ist,» oder «Gib’ mir das Telefon, du kannst das nicht.»

Doch es blieb stumm im Hintergrund. Keine Frau. Der Mann war allein. Oder er hatte sie erschlagen und wollte deswegen mit einem Rechtsbeistand sprechen.

«Wie lautet denn Ihre Rechtsfrage? Versuchen wir es doch so.» Die stummen Bilder des Fernsehens zeigten, dass die Nachrichten von den internationalen Meldungen zu den nationalen wechselten.

«Rechtsfrage!», blaffte der Mann sie an. «Wie das schon klingt?»

Kosra zwang sich ruhig zu bleiben. Der Job war nicht das, was sie sich während ihres Studiums erträumt hatte, aber er bezahlte die Miete. Noch hatte sie es nicht wieder geschafft. Also, reiß’ dich zusammen, sagte sie sich. Du brauchst das Geld.

Sie ertappte sich, dass sie mit Zeige- und Mittelfinger die längliche Narbe über ihrer linken Brust durch den Stoff ihrer Bluse streichelte. Der Arzt machte ihr keine Hoffnung, dass sie mit der Zeit vollständig abflachen würde.

«Ein Knubbel wird bleiben», sagte er nach jeder Untersuchung.

Allein dieses Wort. Knubbel.

Im Grunde genommen war die Narbe der eigentliche Grund ihrer finanziellen Misere. Naja, nicht die Narbe selbst, sondern das Ereignis. Ohne die Geschichte wäre sie mit der Kanzlei längst weiter und nicht auf diesen Telefonjob angewiesen. Fünfunddreißig und sie stand schlechter da, als manche Berufsanfängerin. Und wie viel Zeit war jetzt schon wieder vergangen? Drei Jahre! Drei verdammte Jahre, weil ihr Mandant durchgedreht war? Weil sie nicht sofort um Hilfe gerufen hatte, als Dirk Radovics mit der Klinge, aber ohne Termin in ihrer Kanzlei auftauchte? Hätte der Schrei überhaupt etwas gebracht? Sie war wie so häufig länger im Büro geblieben und es war ohnehin niemand mehr da gewesen. Außerdem war alles so schnell gegangen.

«Ich fühle mich wie ein Verbrecher,» zerrte sie die Stimme des Anrufers zurück in die Gegenwart und ihre Hand suchte den Stift. Der Block lag neben ihr auf dem Sofa. Sie musste die Beratungen protokollieren.

«Ich meine, wie das schon klingt: Rechtsfrage! Ich habe doch kein Verbrechen begangen.»

«Ich möchte nur wissen, wie ich Ihnen helfen kann.»

«Er hat mich wegen Nötigung angezeigt.»

«Wer?»

«Na, der Dieter.»

«Wer ist Dieter?»

«Na, mein Nachbar. Dieter Simanski.»

«Sie müssen mir schon ganz genau erzählen, was passiert ist. Sonst kann ich das nicht beurteilen. Ich war ja nicht dabei.»

«Das wäre ja noch schöner!»

«Wie bitte?»

«Ich meine, wenn Sie dabei gewesen wären.»

«Also, was ist nun passiert?»

«Ich bin zum Dieter rüber und hab’ ihm gesagt, er soll den Fernseher leiser stellen. Er sieht ja diese Talkshows und da schreien sie ja alle immer so herum. Und jetzt schreibt mir die Polizei, dass gegen mich wegen Nötigung ermittelt wird.»

«Verwechseln Sie das auch nicht? Es ist ja keine Nötigung, wenn sie ihren Nachbarn bitten, den Fernseher leiser zu stellen.»

«Eben, das meine ich ja. Hören Sie mir überhaupt zu?»

«Das tue ich. Also, wenn Sie Ihren Nachbarn lediglich gebeten haben, den Fernseher leiser zu stellen, dann ist das keine Nötigung. Ich kann mir nicht vorstellen, dass deswegen die Polizei ermittelt. Haben Sie ihm vielleicht gedroht?»

«Gedroht? Jetzt fangen Sie auch noch an. Und Sie sind wirklich Anwältin?»

Radovics! Wenn deinem armseligen Leben nicht durch eine Polizeikugel ein rasches Ende gesetzt worden wäre in jener Nacht, gäbe es hier eine lohnende Beschäftigung für dich, ging es Kosra durch den Kopf.

«Die wollen wissen, weshalb ich eine Axt in der Hand hatte.»

«Sie hatten eine Axt in der Hand?»

«Ja, natürlich. Die steht doch neben meiner Wohnungstür.»

«Moment mal. Wieso haben Sie eine Axt neben der Tür stehen?»

«Wie soll ich sonst die Tür aufbrechen, wenn es mal brennt und das Schloss klemmt? Dann brauche ich ja wohl eine Axt. Oder wie machen Sie das?»

«Warum haben Sie die Axt überhaupt mitgenommen?»

«Da war ich wohl etwas verwirrt. Das war ein Reflex. Der Fernseher war wirklich laut. Und alle haben durcheinander geredet. Immer reden alle durcheinander und lassen einen nicht ausreden.»

«Und Sie sind dann mit der Axt in der Hand zu Ihrem Nachbarn und haben ihn aufgefordert…»

«Aufgefordert! Jetzt drehen Sie mir auch noch das Wort im Mund herum. Ich habe die Axt ja nur über seinen Kopf gehalten, weil…»

Im Fernsehen wurde das Fahndungsbild eines Straftäters gezeigt, der aus der geschlossenen Psychiatrie entflohen war. Als sie das Foto näher betrachten wollte, verschwamm das Bild vor ihren Augen. Sie kniff die Augen zusammen, um wenigstens den eingeblendeten Text mit dem Namen des Gesuchten lesen zu können, doch es war nichts zu machen. Die Buchstaben verschwammen. Ein verwaschener Schleier legte sich über ihren Blick. Ihrem Anrufer hörte sie schon gar nicht mehr zu, während sie sich fragte, ob sie mal zum Augenarzt gehen sollte. Brauchte sie etwa eine Brille? War das die Möglichkeit? Sie kniff die Augen fester zusammen, doch wie sie sich auch bemühte, die verschwommenen Gebilde wollten sich nicht verdichten. Schließlich waren die Buchstaben ebenso undeutlich wie das Foto des Mannes. War das ein Zeichen für eine Augenkrankheit? Kündigte sich eine Netzhautablösung nicht durch solche verschwommenen Bereiche an? Ok, sagte sie sich, jetzt halte deine Paranoia mal in Grenzen, es reicht schon, dass du nicht wie jede andere Anwältin Mandanten hast, sondern nur diese Telefonberatungen.

«Und? Was soll ich jetzt tun?»

Ihr Anrufer. Der Mann mit der Axt.

«Machen Sie von Ihrem Aussageverweigerungsrecht Gebrauch und ich informiere die Versicherung, dass Sie einen Anwalt gestellt bekommen.»

Die meisten Kollegen rissen sich solche Mandate gleich selbst unter den Nagel. Doch Kosra nahm keine Mandate an. Ein Knubbel wird bleiben.

«Muss ich dann etwa die ganze Geschichte noch mal…»

«Ja, das müssen Sie. Tut mir leid.» Sie legte hastig auf und notierte die Versicherungsnummer des Mannes, damit sie den Fall gleich morgen der Schadensabteilung der Versicherung meldete und er einen Anwalt gestellt bekam.

Warum nimmst du die Fälle nicht an?

Die Frage echote durch ihren Kopf, wer auch immer sie gestellt haben mochte. Für Kosra war klar, dass sie noch nicht wieder bereit war, ein Mandat anzunehmen, einen Klienten, der in ihre Kanzlei kommen konnte und…

Ein Knubbel wird bleiben.

Ja, so war das ganz offensichtlich.

Auf dem Couchtisch stand ein leerer Teller. Sie hatte sich zum Abendessen eine Pizza in der Mikrowelle heiß gemacht. Sie trug den Teller in ihre kleine Küche. In der Spüle lag ein Tranchiermesser. Es war sauber, das wusste sie genau, sie hatte es vorhin gespült und abgewischt. Sie nahm es auf und wollte es in den Messerblock stecken, doch dort fehlte kein Messer. Außerdem passte es nicht zu den übrigen Messern im Block, denn der Griff besaß einen auffälligen roten Knauf am Ende des schwarzen Griffes. Seltsam. Sie legte es zurück. Vielleicht hatte ein Nachbar ihr das Messer geliehen, obwohl sie sich an eine solche Begebenheit nicht erinnern konnte.

Auf dem Rückweg ins Wohnzimmer steckte sie im Flur das Telefon in die Ladestation. Der Akku war fast leer. Als sie aufblickte, sah sie sich im Spiegel. Also, sie sah nicht direkt sich, sondern eine Frau, bei der es sich nur um sie handeln konnte, denn sonst war ja niemand mit ihr im Flur. Tatsache war, dass die Frau, die sie anblickte, eine Fremde war.

Es kam häufiger vor, dass sie in den Spiegel blickte und sich selbst nicht erkannte.

Sie betrachtete sich. Das hatte sie länger nicht getan. Natürlich sah sie sich morgens und abends beim Zähneputzen oder wenn sie ihr Gesicht wusch. Aber für gewöhnlich sah sie nicht wirklich hin.

Sie fand ihre Wangen viel zu hohl und die Schlüsselbeine ragten spitz hervor.

Wir müssen viel eher über deine Haare reden und über deine Garderobe, sagte sie sich. Du brauchst dringend einen Termin im Beautystudio. War nicht in der Post vor kurzem ein Gutschein gewesen? Wäre schön, wenn du es dir ohne Gutschein leisten könntest. Ein Urlaub im Süden zum Ausspannen, das würde schon einiges richten. Mit der Telefonberatung reichte es halt nur für das Nötigste und die Miete allein war in dieser Stadt ein erheblicher Posten, selbst wenn sie zugeben musste, dass sie nicht wesentlich luxuriöser wohnte als noch zu Studentenzeiten. Die Altbauwohnung, die sie sich damals mit einer Kommilitonin geteilt hatte, war um einiges komfortabler gewesen.

Und das alles, weil du dich nach der Sache mit Radovics verkriechst. Du kannst nicht für alle Zeiten allein mit Telefonberatungen über die Runden kommen.

Sie schnitt eine Grimasse vor dem Spiegel, zog angestrengt die Augenbrauen zusammen und dabei wurde die waagerechte Falte am Übergang zwischen Nasenwurzel und Stirn zu einem Riss. Weitere Risse zeigen sich, verästelten sich wie die Sprünge in einer Glasplatte und bedecken bald das ganze Gesicht. Erschrocken presste sie die Hände an ihren Kopf, versuchte, die Bruchstücke vor dem Auseinanderfallen zu bewahren. Sie musste den Prozess aufhalten, sonst würde ihr Gesicht klirrend zu Boden fallen und was würde sie dann hinter der Maske erblicken?

Sie erschrak, als das Telefon erneut klingelte.

Es war ein Mitarbeiter der Rechtsschutzversicherung, die die Telefonberatung für ihre Versicherten durchführen ließ.

«Ich habe hier einen Versicherten, der dringend einen Anwalt braucht.»

«Dann stellen Sie ihn durch.»

«Sie verstehen nicht. Er wird auf einem Revier von der Polizei verhört und braucht dort einen Anwalt persönlich.»

Genau das hatte ihr jetzt noch gefehlt. Sie hatte extra vereinbart, dass ihr keine Mandate vermittelt wurden. Beratung am Telefon und nichts weiter. Sie war noch nicht soweit. Sie konnte noch nicht wieder… Auf gar keinen Fall.

«Da müssen Sie eine Kollegin oder einen Kollegen anrufen. Ich stehe für so etwas nicht zur Verfügung.»

«Um diese Uhrzeit kriege ich niemanden,» erwiderte der Mann gequält. Sie konnte ihn sich vorstellen, wie er in einem Großraumbüro saß, die Kollegen von der Tagschicht waren schon gegangen und er musste jetzt noch die armseligen Kunden betreuen, die ihr Anliegen zu Bürozeiten nicht anmelden konnten oder wollten. Er klang jung und trug bestimmt ein T-Shirt mit einem Spruch, den er für lustig hielt. Wer tanzt, hat bloß kein Geld zum Saufen, oder etwas in der Art.

«Ich mache das nicht,» antwortete sie unfreundlicher als gewollt. Sie hatte keine Lust, sich auf eine Diskussion einzulassen.

«Aber alle Telefonanwälte übernehmen Mandate,» beharrte der Mann. «Deswegen machen Sie das doch!? Ich meine von wegen Akquise und so?»

Er hatte natürlich nicht ganz unrecht. In diesen Zeiten, wo es schon lange nicht mehr reichte, ein Messingschild mit den Sprechzeiten und juristischen Schwerpunkten vor das Büro zu hängen, damit Mandanten sich die Klinke in die Hand gaben, waren viele Kollegen darauf angewiesen, auf diese Weise Akquise zu betreiben. Wenn Kosra einen ehrlichen Blick auf ihren letzten Kontoauszug werfen würde, dann sie ebenfalls.

«Ich bin nicht alle,» gab sie trotzig zurück. «Ich akquiriere nicht aus der Telefonberatung.»

Das verdutzte Gesicht ihres Gesprächspartners materialisierte sich geradezu durch die Telefonleitung. Er brachte ein gequältes «Okay» zustande und dehnte es, damit Kosra die Chance erhielt, ihre hochnäsige Haltung zu überdenken.

«Genau, okay,» erwiderte sie störrisch, damit er nur endlich kapierte, dass er bei ihr an die Falsche geraten war, dann legte sie auf, um ihm die Entscheidung abzunehmen.

Warum?, fragte sie sich. Du könntest das Geld gut gebrauchen. Dir endlich mal wieder etwas leisten. Du zahlst nur den Mindestbeitrag in die Altersversorgung, wohin soll das führen? Du musst endlich wieder Mandate annehmen. Es läuft ja nicht jeder Mandant mit einem Messer durch die Gegend. Du hattest einfach Pech und jetzt musst du wieder nach vorne schauen. Das war eben gerade eine verdammt gute Chance. Und hast du nicht zugehört? Der Typ ist auf einem Polizeirevier. Einen sichereren Ort kann es ja wohl kaum geben. Polizeirevier! Es ist also ein strafrechtliches Mandat oder auch nur eine Bußgeldsache, da kannst du locker siebenhundert bis neunhundert Euro mit der Rechtsschutz abrechnen und wenn es zu einer Verhandlung kommt…

«Hör‘ auf.»

Sie hatte es laut gesagt. Sie hatte ihr eigenes Spiegelbild angeschrien. So weit war es gekommen. Was kommt jetzt?

Willst du den Spiegel zerdeppern, damit du dich nicht mehr mit dir selbst konfrontieren musst?

Die Situation war absurd. Als Kosra über sich selbst zu lachen begann, ärgerte sie sich sogleich über ihr schiefes Grinsen. Seit sie als Kind beim Kippeln mit einem Stuhl gegen die Heizung geprallt war, konnte sie nicht mehr beide Mundwinkel nach oben ziehen.

Jetzt war ihr nur noch zum Heulen und dann klingelte das Telefon erneut.

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