Kapitel 29

«Es ist nur ein Hund,» brüllt Kolev mich an. «Ein toter Hund zumal. Sie machen mich ganz kirre.»

Ich mach ihn kirre? Der hat sie nicht mehr alle.

‹Nur ein Hund› ist gut. Vor uns im Gang liegt der Kadaver eines Schäferhundes. Seine toten weißen Augen glotzen uns an. Das blutverschmierte Maul aufgerissen, der Leib aufgebrochen und von den Gedärmen befreit. Dort wo die Eingeweide waren, sind verwelkte Blumen drapiert zwischen Rundhölzern mit eingeritzten Symbolen und Papierfetzen, auf die mit krakeliger Schrift Notizen gekritzelt wurden. Erst nach einem Moment begreife ich, dass das in Wirklichkeit Runen sind.

Es kommt noch schlimmer. Auf dem Kopf des Kadavers wurde ein Oktopus platziert, den ich für lebendig halte, bis ich begreife, dass es unzählige Maden sind, die die Illusion erzeugen. Damit ist klar, woher der entsetzliche Gestank rührt. Ich schlage die Hand vor den Mund und wende mich ab.

«Und?», frage ich Kolev, lasse meine Hand sinken, den Blick aber angestrengt an die Decke gerichtet. «Ist das ein freundlicher Gruß Ihrer Gläubigen oder eine Drohung der Sekte?»

«Weder noch würde ich sagen», gibt er zur Antwort. Er kniet vor dem Kadaver. Bei ihm ist keine Spur von Ekel zu erkennen, sondern Ehrfurcht. Was hatte ich erwartet?

«Das ist eine Art von Grabpflege. So wie andere Blumen auf ein Grab legen. Ich habe Ihnen doch gesagt, dass sich jemand um die Kirche kümmert. Sie ist nicht verlassen.»

«Ein Blumenkranz wäre mir lieber gewesen.»

«Das Grab des Ankh Bozorg ist nicht mehr weit. Dies wurde ihm zu Ehren hier abgelegt.»

«Eine Drohung also.»

«Eine Bitte,» korrigiert Kolev mich, «sein Grab nicht zu entweihen. Es ist nicht verborgen geblieben, dass an seinem Grab eine Nachricht für uns hinterlegt wurde.»

«Dann wäre es doch logisch, die Nachricht zu vernichten, damit das Grab nicht weiter geschändet wird.»

Kolev erhebt sich seufzend. «Sie verstehen die Zeichen nicht,» belehrt er mich. «Das Tier liegt am Rand des Ganges. Es versperrt uns nicht den Weg. Es wurde längs zum Pfad drapiert und nicht quer. Wir haben nichts zu befürchten. Man lässt uns gewähren.»

Nichts zu befürchten, ist angesichts meiner Situation die Untertreibung des Jahrhunderts. Ich zwänge mich an Kolev und dem Kadaver vorbei, halte mir die Nase zu und unterdrücke einen Würgereiz. Das Grab des persischen Gelehrten ist nicht mehr weit. Ich will es hinter mich bringen und bete, dass uns weiterer ‹Grabschmuck› erspart bleibt.

Nach wenigen Schritten stehen wir vor einer Nische, in der ein massiver Steinsarkophag eingelassen ist. Unterhalb der Mulde wurde der Name ‹Bororg› eingemeißelt. Der falsch geschriebene Name des persischen Astronomen.

Kolev, der nach mir das Grab erreicht, geht ehrfürchtig davor auf die Knie.

«Unglaublich!»

«Sparen wir uns den Jubel für später,» erwidere ich. «Falls es überhaupt etwas zu bejubeln gibt.»

«Ihr Mangel an Ehrfurcht ist entsetzlich.»

Und seine Begeisterung für diesen fürchterlichen Ort und seine Geschichte ist widerlich, aber ich spreche es nicht aus.

Die Nische befindet sich etwas über einen Meter über dem Boden. Ich taste die Zwischenräume zu beiden Seiten des Sarkophags ab. Meine Hände sind danach voller Spinnweben und Staub. Angeekelt wische ich sie an meiner Hose ab.

«Wäre ja auch zu einfach gewesen,» sagt Kolev in meinem Rücken. Er erhebt sich, packt den Deckel des Steinsarges und schieb ihn mit vor Anstrengung verzerrtem Gesicht ein Stück zur Seite.

«Sie meinen…», stammele ich, weil ich ahne, was er vorhat.

«Ask Bororg,» antwortet er. «Wie sollten wir es denn sonst verstehen? Jetzt helfen Sie mir endlich.»

Gemeinsam gelingt es uns, den Deckel zwanzig Zentimeter zum Fußende zu verschieben, dann stößt er an die Seitenwand. Er ist viel zu schwer, selbst für uns beide, um ihn kurzerhand anzuheben und am Boden abzulegen. Dennoch überlege ich: «Sollten wir ihn nicht besser nach vorne ziehen, bis er zu Boden fällt?»

«Sind Sie wahnsinnig? Haben Sie die Drohung schon vergessen?» Er deutet in die Richtung, in der der Hundekadaver liegt.

Es ist also doch eine Drohung.

«Der Deckel würde zerbersten. Das dürfen wir nicht riskieren», weist er mich zurecht.

«Der schmale Spalt nützt uns nichts,» gebe ich zu bedenken. Wenn ich könnte, würde ich den Deckel kurzerhand selbst herunterwuchten, andererseits geht mir der geschändete Hund nicht aus dem Kopf.

«Woher wollen Sie das wissen?»

«Na schön,» sage ich und packe die Taschenlampe fester. Ich richte sie in den Spalt, beuge mich vor; spähe in das Innere des Sarkophags. Plötzlich weiche ich zurück, als sei ein Springteufel dem Steinsarg entsprungen.

«Was ist denn?», fährt Kolev mich an, wobei er nachsieht, was mich erschreckt hat.

«Was haben Sie erwartet?», sagt er. «Das kommt häufiger vor, dass so alte Leichen nicht vollkommen verwesen.»

Er beugt sich vor, sein Gesicht berührt die knappe Öffnung, so dass ich nur noch seinen Hinterkopf sehe.

«Da ist was,» ruft er aus.

Ich dränge Kolev zur Seite.

«Na, was denn?», protestiert er, lässt mich aber gewähren. Die Nachricht ist für mich. Ich lasse mir nicht länger das Heft des Handelns aus der Hand nehmen. Ich weiß ja, was mich erwartet.

Ich hole den Schlüsselanhänger mit der kleinen Taschenlampe hervor, die hier viel bessere Dienste leisten wird.

«Haben Sie vielleicht auch noch so eine kleine Miniaturpistole dabei, wie in diesen alten Agentenfilmen?», macht sich der Blogger über mich lustig.

Entschlossen beuge ich mich über die Öffnung.

Die grauschimmlige Fratze, die mich eben erschreckte, zuckt im unruhigen Schein meiner Taschenlampe.

Die Haut spannt sich ledern und glänzend über den Schädelknochen. Der Kiefer ist mit einem grauen pelzigen Schimmel überzogen, wie der Bartflaum eines alten Mannes. Die vertrockneten Augäpfel liegen wie verschrumpelte Hoden in den Höhlen und scheinen mich zu beobachten.

Jetzt nicht schwach werden, Kosra.

Was mag Kolev entdeckt haben?

«Da ist nichts,» sage ich resigniert. Meine Stimme klingt dumpf, während ich meinen Kopf dichter an die Öffnung presse. Bitterer fauliger Gestank umfängt mich. Ich habe jede Scheu verloren. Ich will Antworten. Dann sehe ich es. Unterhalb der Brust liegt eine Art Bündel auf dem Leichnam.

«Sehen Sie es?» Kolev ist dicht an mich herangetreten und ich kann seinen Atem in meinem Nacken spüren. Mit dem Ellenbogen stoße ich ihn vor mir. Mist, wie soll ich an den Gegenstand herankommen?

Ich hebe den Kopf, lege den Schlüsselbund mit der Taschenlampe zur Seite, strecke meine Hand in den Sarg und taste mich langsam vor. Meine Fingerspitzen ertasten den brüchigen Stoff der letzten Kleidung des Persers und dort, wo sie sich aufgelöst hat, die ledrige Haut, die sich seltsam weich und nachgiebig anfühlt. Plötzlich greife ich ins Leere, als habe sich der Tote aufgelöst, bis ich spüre, dass ein faustgroßes Loch in der Brust des Mannes klafft. Mein Magen zieht sich zusammen. Sie haben ihm das Herz herausgeschnitten, schießt es mir durch den Kopf und ich erinnere mich an Kolevs Worte, dass Bozorg ermordet wurde. Geopfert, wie ich vermute. Ich schiebe meine Hand weiter, berühre die unregelmäßigen Wundränder und etwas Spitzes, das ich für eine herausgebrochene Rippe halte. Ein Schaudern erfasst mich, aber es gibt kein Zurück. Ich bin dicht an dem verborgenen Gegenstand.

Es geht nicht weiter. Meine Schulter presst sich schmerzhaft gegen den Deckelrand. Meine Finger strecken sich, bis ich einen groben Stofffetzen spüre. Das Bündel!

Wie soll ich es nur herausziehen, ohne dass es mir entgleitet? Dann erwische ich zwischen Damen und Zeigefinger einen Zipfel und ziehe daran. Es bewegt sich.

«Und?», sagt Kolev. «Haben Sie es? Was ist es?»

«Ich weiß nicht. Fühlt sich an, wie eine in Stoff eingewickelte Dose.» Das Teil ist schwer. Ich ziehe es zu mir, immer darauf bedacht, dass es nicht wegrutscht. Dann müssten wir den Deckel wohl oder übel herunterwuchten.

Plötzlich geht nichts mehr. Der Gegenstand steckt fest. Er muss an dem herausstehenden Rippenknochen hängen geblieben sein. Doch das macht nichts. Ich kann den Gegenstand jetzt packen und zerre fest daran. Ein Knacken verrät, dass der morsche Brustknochen des Toten zerbrochen ist. Dann ziehe ich das Bündel hervor und weiche erschöpft einen Schritt zurück.

Als ich betrachte, was ich in Händen halte, weiß ich genau, um was es sich handelt, noch bevor ich es ausgewickelt habe. Und auf einmal ist es logisch, dass es das ist, was es ist und nichts anderes.

«Nun machen Sie schon!», drängt Kolev mich und will mir das Bündel schon aus der Hand nehmen. Ich entziehe es ihm und dabei gleitet das Tuch zu Boden.

«Eine Videokamera?», entfährt es Kolev.

Ich betrachte die Kamera von allen Seiten.

«Jetzt wissen wir auch, was es mit dem Akku auf sich hat“, sage ich.

Kein Zweifel. Der Akku muss zu dieser Kamera gehören. ‹Sony› prangt es mir von dem verschmutzten Gehäuse entgegen und die Aussparungen an der Seite haben die Ausmaße des Akkus. Ich klappe den Bildschirm auf und wische eine Staubschicht weg, die sich darüber gelegt hat. Der Bildschirm bleibt schwarz.

«Und, was ist?», drängt mich Kolev. «Schalten Sie sie ein.»

Ich habe den entsprechenden Schalter bereits betätigt, was Kolev nicht registriert hat. Es tut sich nichts. Wie denn auch.

«Es fehlt der Akku.»

«Na, dann setzen Sie ihn ein.»

«Er ist im Auto.»

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