Kapitel 28

Ich fahre. Kolev erklärt den Weg. Keine optimale Aufteilung, wie sich bald zeigt. Es kommt mehr als einmal vor, dass wir an einer zu nehmenden Abzweigung vorbeifahren.

«Ich sagte links abbiegen,» beschwert sich Kolev oder «Rechts halten habe ich gesagt und nicht geradeaus.» Beim ersten Mal schob er noch einen Scherz hinterher: «Ihre Route wird neu berechnet. Bitte warten.» Mittlerweile ist er genervt.

Ich merke selbst, dass ich zerstreut bin, ja im wahrsten Sinne des Wortes aufgelöst. Ich kann mich nicht konzentrieren.

«Sollte nicht besser ich fahren?»

Die Gedanken rasen, überschlagen sich in meinem Kopf und es ist ein Wunder, dass wir nicht im Straßengraben landen.

«Ist es noch weit?»

«So wie Sie fahren ist der Friedhof praktisch soweit entfernt wie New York.»

Ich lächle seine Bemerkung kurzerhand weg, ohne auf eine ernsthafte Antwort zu bestehen, da ich zu einer Erwiderung nicht in der Lage bin. Meine Gedanken kreisen einzig um die Erkenntnis, die sich auf drei Worte reduzieren lässt und mich doch mit der geballten Wucht unzähliger Gedankengänge konfrontiert.

Ich bin gemeint.

Ich bin nicht zufällig in diese Geschichte geraten. Ich spiele eine Rolle, eine, die ich bereits hatte, bevor ich in Totenbruck angekommen bin. Es beginnt mit dem Symbol der gehörnten Schlange, die mich seit meiner Kindheit, genauer gesagt seit dem tödlichen Verkehrsunfall meiner Eltern, in meinen Albträumen verfolgt. Sie ist mir in Totenbruck zum ersten Mal außerhalb dieses Traumes begegnet. Dann das Kalenderblatt, das den Tag des Attentats auf mich bezeichnet und jetzt das Anagramm meines Namens.

Ask Bozorg.
Kosra Borg.

Die Gegenargumente der ‹Alles-ist-Zufall-Fraktion› meiner grüblerischen Gedanken werden schwächer.

Wie schwer ist es schon, ein Anagramm mit einer bestimmten Bedeutung zu kreieren?, sagen sie. Immerhin musste der Schöpfer der Nachricht auf Englisch ausweichen, da es im Deutschen keine passende Buchstabenkombination gibt. Lass’ dich nicht irremachen, Kosra. Alles nur eine Finte, um dich in den Wahnsinn zu treiben, damit du aufhörst nach Nadia Westhoff zu suchen.

Nur, wer konnte ahnen, dass ich mich überhaupt auf die Suche nach ihr begeben würde? Nein, diese Schnitzeljagd richtet sich an mich persönlich, sonst wäre die Nachricht oder was auch immer am Grab des persischen Wissenschaftlers auf uns wartet, an einem x-beliebigen Ort versteckt worden. Wie wahrscheinlich ist es, dass sich mit dem vor Jahrhunderten falsch geschriebenen Namen eines Toten das Anagramm meines Namens bilden lässt? Wenn es kein Zufall ist, was hat es zu bedeuten?

Und das Gästebuchblatt? Das Datum des Attentats auf mich?

Jetzt mal halblang. Wer konnte wissen, dass du gestern mitten in der Nacht in diese Gegend aufbrichst? Ist etwa die gesamte Rechtsschutzversicherung Teil der Verschwörung oder nur der Sachbearbeiter, der den Fall durchgestellt hat? Kosra, du bist auf dem besten Weg, den Verstand zu verlieren. Du entwickelst eine astreine Paranoia.

Rede mit Kolev darüber. Der wird dir den Kopf waschen.

Ja, warum konfrontiere ich den Journalisten nicht mit meinen Überlegungen? Weil sein Schweigen Antwort genug ist. Er hat die Erkenntnis nicht weiter verfolgt, jedenfalls nicht laut. Die Vorstellung, dass ich mit den Ereignissen an diesem Ort persönlich gemeint sein könnte, sind absurd.

«Hm. Es gefällt Ihnen nicht, oder?», grummelt Kolev.

Habe ich etwa laut gedacht?

«Was?»

«Das Schild. ‹Zum Friedhof›. Sie sind gerade daran vorbei gefahren.»

Ich halte den Wagen an. Im Rückspiegel sehe ich zwar nicht das Schild, aber eine eingestürzte Kirchenruine und windschiefe Grabsteine.

Als ich den Wagen wende, bemerke ich, dass wir uns auf einer Art Hügel befinden mit einem abgeflachten Plateau, aus dem wie eine Reminiszenz an die verlorene Kuppe die Anhöhe mit dem Friedhof und der Kirche hinausragt.

«Noch ein Schuttberg?»

«Kommt drauf an. Aber, irgendwie schon, nur, dass dieser Hügel über zehntausend Jahre alt ist. Geröllmassen, die ein Gletscher der letzten Eiszeit vor sich hergeschoben und nach seinem Abtauen hier zurückgelassen hat.»

Ich folge dem Hinweisschild, das uns die Anhöhe hinauf weist und stelle den Wagen etwa hundert Meter vor einer Ziegelsteinmauer ab, die das Kirchengelände umgibt. Zum Eingang führt ein Trampelpfad.

«Was ist los mit Ihnen?», will Kolev von mir wissen, als wir aussteigen. «Haben Sie sich von den Gestalten im Wald etwa beeindrucken lassen?»

«Machen Sie Witze?», erwidere ich. «Wie hätten Sie sich denn gefühlt in diesem Erdloch? Und dann diese ganzen Geschichten über Ritualmorde. Da hätte ich Sie mal sehen wollen.»

Ich werde laut, weil ich nicht will, dass er jetzt etwas sagt wie «Wenn es Ihnen zuviel wird…» oder schlimmer noch «Es war ein Fehler Sie hiermit zu belasten.» Ich will nicht, dass er denkt, dass ich das hier nicht durchstehe. Ich habe keine Angst. In Wirklichkeit bin ich es selbst, die sich Vorhaltungen macht. Ich habe mich nach dem Attentat zurückgezogen und nur noch Telefonmandate angenommen. Wie kann ich von mir behaupten, dass ich keine Angst habe?

Kolev sagt nichts. Er geht schweigend neben mir her und überlässt die Drecksarbeit meinen Selbstzweifeln.

Dass es sich um eine Kirche handelt, ist nur an den bunten Glasfenstern mit christlichen Darstellungen zu erkennen. Das, was mal der Turm gewesen ist, ist jetzt nichts weiter als ein Geröllhaufen an der Stirnseite des Sakralbaus. Es stehen nur noch die Seitenwände des Kirchenschiffs.

«Finden die Gottesdienste im Freien statt?», bemerke ich bitter, als wir durch das rostige, in den Angeln quietschende Tor den Friedhof betreten. Der Sarkasmus wischt die Reste meiner Grübeleien beiseite.

«Hier finden schon lange keine christlichen Gottesdienste mehr statt, wie Sie sich denken können. Die Kirche wurde vor rund hundert Jahren von den ersten Arbeitern errichtet, die von weit her angeworben werden mussten. Von den Menschen der umliegenden Orte wollte niemand in Totenbruck arbeiten. Es hat keine zwei Generationen gedauert, bis den Arbeitern jede christliche Überzeugung ausgetrieben war.»

«Eingefangen von Gyrodingsbums?»

«Gyamlarhotep!», korrigiert er mich streng. Ich muss aufhören, über sein Recherchegebiet Witze zu reißen. Andererseits gefällt es mir, seinen wunden Punkt zu kennen.

«Wie kommt es, dass hier das Grab eines im achtzehnten Jahrhunderts gestorbenen Mannes liegt, wenn die Kirche erst hundert Jahre alt ist?»

«Die Katakombe unter der Kirche ist älter, als der Bau selbst,» erwidert er knapp, aber es reicht, um meinen Herzschlag zu erhöhen.

«Katakombe?»

«Oh, nicht so wie die berühmten Katakomben in Rom oder Paris. Aber rein terminologisch ist der Begriff Katakombe passend. Ein unterirdischer Gewölbekomplex eben.»

«Ich bin nicht aus dieser Grube im Wald herausgekrochen, um gleich wieder in den Untergrund zu krabbeln.»

«Sie sind nicht herausgekrochen,» erwidert er, ohne den Genuss an der folgenden Belehrung zu verhehlen. «Ich habe Sie herausgezogen. Und wenn Sie nicht wollen, dann können Sie ja hier warten.»

Das könnte ihm so passen. Und da ich Kolev mit seiner flapsigen Bemerkung nicht davon kommen lassen möchte, sage ich nach einer Weile: «Bilden Sie sich auf Ihre Heldentat nicht zu viel ein. Ohne mich hätten wir die Hinweise auf das Grab dieses Persers gar nicht.»

Kolev grummelt irgendetwas Unverständliches und reicht mir dann eine der beiden Taschenlampen, die er aus seinem Auto mitgenommen hat. Es ist die Größere und ich nehme dies als Zeichen, dass er verstanden hat.

Die Grabsteine um uns herum sind verwittert und stehen schief auf ihren Gräbern, halb in der Erde versunken oder liegen flach auf der dunklen grobkörnigen Erde, die von Unkraut beherrscht wird und wilden Büschen. Die Steine wirken brüchig, die Inschriften kaum zu entziffern, und überall wuchert Moos über die grauen Blöcke.

Zwischen den Wolkenbergen bricht die tief stehende Sonne und taucht die verbliebenen Mauern der Kirche für einen Moment in ein tiefrotes, an Blut erinnerndes Licht.

Falle oder Lösung?, geht es mir durch den Kopf. Und: Schließt das eine das andere aus?

Über einen Durchbruch an der Seite gelangen wir in das Innere der Ruine. Es wirkt, als habe eine Bombe eingeschlagen. Die Reste des Daches, Ziegel und geborstene Querbalken liegen überall verstreut und haben die Bankreihen unter sich begraben. Es ist wie ein Wunder, dass nicht alle Buntglasfenster zerstört sind. Die Fenster sind überwiegend erhalten geblieben. Engel, Heilige sowie Jesus und seine Jünger.

«Die Fenster laden doch gerade dazu ein, zerdeppert zu werden,» sage ich. «Gibt es keine Jugendlichen, die sich einen Spaß daraus machen?»

«Möchten Sie?» Er deutet mit der Fußspitze auf einen am Boden liegenden Ziegelstein.

«Natürlich nicht. Ich meine nur, es kümmert sich ohnehin niemand um diese Kirche.»

«Der Eindruck täuscht.»

«Sie machen Witze?»

«Sie werden noch sehen. Etwas Geduld.»

Vorsichtig steigen wir über die Trümmer, bis wir den Mittelgang erreichen. Er ist bis zum ehemaligen Altar freigeräumt. Eine Schneise, die das umgebende Chaos irritierend durchbricht. Ich verstehe nicht, weshalb sich an diesem Ort jemand eine solche Mühe damit gegeben hat.

Der faulige Geruch ist mir schon aufgefallen, als wir die Ruine betreten haben. Es riecht modrig und erdig. Während wir uns dem Altar nähern, kommt der süßliche Gestank der Verwesung hinzu.

Der Gottestisch ist auf einer Seite eingebrochen. Die massive Deckplatte aus Marmor scheint heil geblieben zu sein, nur dass sie schief auf dem senkrecht verbliebenen Seitenblock ruht.

Ich muss an Gerrit Sturm und sein Fotoprojekt denken. Kirchen, die wechselnden Göttern geweiht sind, nur dass dieser Ort bislang nicht erkennen lässt, dass er zu irgendeinem Zeitpunkt einem anderen, als dem christlichen Gott zugedacht war. Also kein geeigneter Ort für den Fotografen und dennoch wüsste ich ihn jetzt gern in meiner Nähe. Da ist wieder das Kribbeln in meinem Bauch und ich frage mich, wann ich Gerrit Sturm wiedersehe.

«Wie kommt es, dass die Erbauer dieser Kirche eine Katakombe angelegt haben?»

Kolev, der sich auf den Stufen zum Altar befindet, dreht sich zu mir um.

«Wie kommen Sie darauf, dass ausgerechnet die Erbauer der Kirche die Katakombe geschaffen haben?»

Bevor ich meiner Ahnungslosigkeit Ausdruck verleihen kann, fährt er fort: «Die Katakombe war längst da. Sie ist einige Jahrhunderte alt und befindet sich an einer Stelle, an der ein steinzeitliches Gräberfeld gefunden wurde. Dieser Ort ist ganz einfach über die Zeiten ein Begräbnisort gewesen und damit auch immer ein Ort göttlicher Anbetung. So ist es doch mit der christlichen Kirche? Sie versucht heidnische Orte zu vereinnahmen, so wie sie die heidnischen Feiertage besetzt. Weihnachten ist eigentlich das germanische Mittwinterfest.»

Doch ein Ort für Gerrit Sturm?

«Soll das heißen, dass hier der Ort ist, an dem die Sekte…»

Kolev schüttelt sofort den Kopf, so dass ich meine Frage gar nicht beenden muss.

«Nein. Das hätte die Kirche nicht gewagt, die Höhle des Gyamlarhotep zu besetzen. Der Glaube an diesen Gott hat hier jeden Missionierungsversuch überstanden. Vergessen Sie nicht, dass dies hier der erste und einzige Versuch war, eine christliche Kirche zu errichten. Jahrhunderte nach der Missionierung der germanischen Bevölkerung. Das hier ist ganz einfach immer ein Ort der Toten gewesen. Etwas Besseres haben die Christen hier nicht bekommen können.»

Er grinst über das ganze Gesicht. Ich bin aus der Kirche ausgetreten, dennoch gefällt mir seine überschwängliche Begeisterung für den abscheulichen Aberglauben dieses Ortes nicht.

«Kommen Sie, hier ist der Eingang.»

Als ich zu ihm aufschließe, steht er am Rand einer kreisrunden Öffnung, die in die Tiefe führt. Ein Schaudern durchfährt mich.

Die Öffnung war nicht Teil der ursprünglichen Architektur der Kirche. Offenbar ist sie später aus den Bodenplatten herausgebrochen worden, von den ungenügend geschliffenen Bruchkanten abgesehen einen sauberen Kreis bildend. Stufen führen in den Untergrund. Die Treppe scheint aus den Trümmerziegeln der eingestürzten Kirche errichtet zu sein.

Sie haben sich ihre Toten zurückgeholt, geht es mir durch den Kopf, ohne dass ich begreife, was der Gedanke zu bedeuten hat. Nur, welchen Grund sollte es sonst haben, sich wieder Zugang zu der Katakombe zu verschaffen, nachdem die Kirche aufgegeben worden war? Wie eine archäologische Grabungsstätte oder eine touristische Attraktion wirkt das nicht.

Mich umfängt ein fauliger Gestank aus der Tiefe. Ich taumele. Jetzt weiß ich, woher der Geruch der Verwesung kommt.

«Es riecht so, als sei erst gestern jemand bestattet worden. Sagen Sie bloß, die Grabkammer ist noch in Benutzung?»

Kolev schaltet seine Taschenlampe ein und leuchtet in die Dunkelheit unter uns. Im Lichtkegel erscheinen Wände aus grauem Backstein.

«Kommt drauf an, was Sie unter Benutzung verstehen?»

«Jetzt hören Sie schon auf, in Rätseln zu sprechen.»

«Folgen Sie mir. Sie werden sehen.»

Kolev steigt die Treppe hinab. Meine eigene Taschenlampe schalte ich erst ein, als wir unten angekommen sind.

Wie weit sind wir hinabgestiegen? Drei Meter? Vier Meter? Wände und Boden sind feucht. Ein Rinnsal, das sich aus der Feuchtigkeit der Wände speist, eilt uns zu unseren Füßen voraus.

Eine schwüle Hitze hängt in der Luft. Eine Fliege tanzt vor meinem Gesicht und dann noch eine. Fruchtfliegen? Hier unten?

Der Gestank in der künstlichen Grotte ist überwältigend, doch nicht länger nur von Verwesung beherrscht.

Im ersten Moment halte ich es für eine Sinnestäuschung. Ich rieche Gewürze, Pfeffer und Kardamom. Ich denke an die Küche der Bronskys im Feierabendhaus und rechne jeden Augenblick damit, an einen von der Decke hängenden Kräutertopf zu stoßen.

Wir gehen gebückt. Der Tunnel ist kaum anderthalb Meter hoch. Wir passieren Stellen, die höher sind, doch es ist sicherer, den Kopf geduckt zu halten.

Die Wände sind aus den gleichen Steinen gemauert wie der Schacht. Der felsige Boden ist bucklig und an einigen Stellen mit Lehm eingeebnet. Wir geben acht, nicht zu stolpern.

Nach wenigen Schritten öffnet sich vor uns eine kuppelförmige Höhle mit Nischen in den Wänden. Über jeder Einbuchtung sind archaisch wirkende Symbole angebracht. Einige davon erinnern mich an die Zeichen, die mir in dem verwahrlosten Zimmer im Hause des Doktors aufgefallen sind. Die meisten Nischen sind leer, in manchen sind Knochen deponiert, die hoffentlich von Tieren stammen. In einer Vertiefung ruht aber unverkennbar ein menschlicher Totenschädel.

Kolev, der meinem Blick folgt, berührt die Inschrift unter dem Schädel.

«Der gehörte einem Seefahrer, der hier sozusagen gestrandet ist. Muss so Anfang des siebzehnten Jahrhunderts gewesen sein. Auf der gegenüberliegenden Seite befand sich der Schädel seines Kumpanen, doch der ist irgendwann mal abhanden gekommen. Die beiden sollten so eine Art Wächter darstellen. Ich muss dazu aber noch mal ein paar Berichte aus der Zeit einsehen, für mich scheint das eher eine Art Warnung zu sein.»

«Wo ist da der Unterschied?»

«Nun, ein Wächter könnte Sie passieren lassen, nicht wahr? Eine Warnung droht Ihnen in jedem Fall die Hölle an, wenn Sie weiter in diesen Ort vordringen.»

Ich kann immer noch keinen Unterschied erkennen.

Kolev fährt mit den Fingern über die eingeritzten Symbole unter der Nische mit dem Totenkopf.

«Schauen Sie, dieses Zeichen bedeutet…»

«Ok. Lassen wir das. Sie können mir das später erklären.»

Kolev macht einen enttäuschten Gesichtsausdruck. Ich deute auf die Gabelung vor uns.

«Welcher Gang?»

Kolev, der immer noch auf die Zeichen starrt, blickt auf, als habe ich ihn geweckt.

«Links.»

Dieser Gang ist im Gegensatz zum bisherigen Teil mit ungleichmäßig geformten Platten gepflastert. Dafür sind die Wände nicht länger mit Backsteinen besetzt, sondern aus dem nackten Erdreich getrieben und in unregelmäßigen Abständen mit Stützbalken stabilisiert. Stabil sieht die Konstruktion nicht aus. Ich leide nicht unter Klaustrophobie, enge Fahrstuhlkabinen beeindrucken mich nicht, doch allmählich überkommt mich ein Gefühl der Beklemmung, was auch an der schlechten Luft liegen mag, die stärker als zuvor von Moder und Verwesung gesättigt ist.

«Wer hat Ihnen all das gezeigt?», frage ich Kolev, um mich abzulenken. «Sie sind offensichtlich nicht zum ersten Mal hier unten.»

Kolev, der vor mir her schreitet, gibt einen Seufzer von sich, es kann aber auch ein Geräusch von den Balken gewesen sein, die die Last nicht länger zu tragen vermögen.

«Ich recherchiere ja nicht erst seit gestern hier,» gibt Kolev zur Antwort. «Ich kenne Leute, die mir vertrauen und mich in diese Geheimnisse eingeweiht haben.»

«Wäre es dann nicht einfacher, diese Leute zu fragen, was sie über das Verschwinden von Nadia Westhoff wissen? Es wäre eine Möglichkeit, ihre Kontakte zu der Sekte sinnvoll einzusetzen.»

Kolev bleibt abrupt stehen und dreht sich zu mir um. Er macht einen gequälten Gesichtsausdruck, wie ein Vater, der von den quengelnden Kindern zum tausendsten Mal gefragt wird, wann sie endlich da sind.

«Wie kommen Sie darauf, dass ich Kontakte zu der Sekte habe?»

«Sie haben doch eben selbst gesagt, dass…»

«Die Sekte und die Gläubigen des Ortes sind nicht dasselbe,» unterbricht er mich. «Der Glaube an Gyamlarhotep wird hier seit Jahrtausenden gepflegt. Es gibt Hinweise, dass sogar die Steinzeitkulturen hier eine mächtige Gottheit, die sich von allen anderen bekannten Göttern der Zeit unterschieden haben muss, angebetet haben. Die Sekte hat sich hier in den 90igern eingenistet, hat sich dieses Glaubens bemächtigt, als er für einen kurzen Moment unter den Einwohnern schwächelte. Die Sekte und die Anhänger Gyamlarhoteps unter den Einwohnern sind nicht identisch. Unsere Gegner sind nicht die Gläubigen hier, sondern die Sekte, die zurückgekehrt ist und sich erneut dieser Gottheit bemächtigen will.»

Wo ist der Unterschied? Ich verstehe nicht, wie er angesichts dieses absurden Aberglaubens von ‹Gläubigen› sprechen kann, als hätten wir es hier mit einem harmlosen Bibelkreis älterer Damen zu tun.

Kolev, der wohl der Meinung ist, den Punkt ausreichend verdeutlicht zu haben, richtet seine Taschenlampe wieder nach vorne und geht weiter. Wir kommen nicht weit. Schon nach wenigen Metern wartet das Monster auf uns. Es hat die ganze Zeit auf uns gelauert. Ich starre in die aufgerissenen Augen der Bestie.

Ich schreie.

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