Kapitel 27

Bororg.

Der Name, wenn es denn ein Name ist, der auf dem ausgerissenen Gästebuchblatt gekritzelt war. Und jetzt auf dem Akku.

«Bororg,» murmelt Kolev und fährt mit dem Daumen über die eingeritzten Buchstaben. «Wie interessant.»

«Interessant? Ihnen sagt das was?»

Er grinst. Unwillkürlich tastet meine Hand die Hosentasche meiner Jeans ab. Der gefaltete Brief und der Artikel sind noch da.

Ask Bororg.

«Nicht direkt,» gibt Kolev nach einer Weile zur Antwort.

«Was soll das jetzt wieder heißen?»

«Es gibt keinen Bororg.»

«Also ist es ein Name?»

«Natürlich ist es ein Name.»

«Aber es gibt die Person nicht?»

«Nein, nein. Sie verstehen mich ganz falsch. Es ist falsch geschrieben. Es muss Bozorg heißen. Der dritte Buchstabe ein ‹z› kein ‹r›. Ankh Bozorg. Ein persischer Astrologe und Wissenschaftler, der im 18. Jahrhundert in diese Gegend reiste, um die Sagen und Legenden über die hier verehrte Gottheit zu erforschen. Die Berichte waren bis nach Persien vorgedrungen, um den halben Planeten und dass zur damaligen Zeit. Man muss sich das mal vorstellen.»

Das hört sich erneut nach einem Volkshochschulvortrag an.

«Ich verstehe nicht. Dann hat also Bororg gar nichts zu bedeuten?»

Was hat es aber zu bedeuten, dass das Wort sowohl in der Nachricht des Arztes als auch auf dem Akku zu finden ist? Das kann unmöglich ein Zufall sein?

«Wenn Sie so wollen.»

Ich seufze. «Jetzt hören Sie gefälligst mit diesen verworrenen Andeutungen auf. Was nun? Hat es etwas zu bedeuten oder nicht?»

Er schaut mich aus großen Augen an. «Woher soll ich das wissen?»

Es ist zum Mäuse melken.

«Warum ist es interessant, wenn Sie keine Ahnung haben, was es überhaupt zu bedeuten hat?»

«Naja, weil es nicht das erste Mal ist, dass der Name Bozorg falsch geschrieben wurde.»

Weiß er von der Nachricht des Doktors?

«Wie meinen Sie das?»

«Nun, Ankh Bozorg ist hier in Totenbruck gestorben, Also, er wurde wahrscheinlich ermordet. Das war so um das Jahr 1746 herum. Was heißt wahrscheinlich? Er wurde ermordet. Ich habe dazu einen Blogbeitrag geschrieben. Die königliche Regierung in Hannover, das damals zum Königreich England gehörte…»

«Hören Sie auf. Kommen Sie auf den Punkt.»

«Äh, nun, na gut, aber für die Gesamtzusammenhänge wäre es…»

«Die Gesamtzusammenhänge sind mir im Augenblick ziemlich egal. Was ist nun mit Bororg statt Bozorg?»

«So wurde sein Name auf seinem Grab geschrieben. Bororg statt Bozorg. Sie haben den Namen damals bei der Beerdigung falsch geschrieben.»

«Nur den Nachnahmen?», bohre ich nach. «Oder wurde der Vorname auch falsch geschrieben?»

Ask statt Ankh?

«Auf der Inschrift steht nur sein Nachname, also der falsche Nachname.»

Ich zeige ihm das Blatt Papier, den Ausriss aus dem Gästebuch des Hotels.

«Wow!», ist alles, was im zu entlocken ist.

«Wow? Mir wäre lieber, endlich zu erfahren, was der Arzt mir damit sagen wollte.»

«Das fragen Sie noch?»

Er geht zurück auf die Fahrerseite, öffnet die Tür und setzt sich auf den Sitz, die Füße außerhalb des Wagens auf dem Boden. Er breitet das Blatt Papier auf seinen Knien aus und legt den Akku daneben.

«Faszinierend,» sagt er, mehr zu sich und es wird Zeit, ihn in die Realität zurückzuholen.

Ich baue mich vor ihm auf. «Erde an Kolev, Hallo! Was ist faszinierend?»

«Das ist eine Botschaft,» erwidert er nach einer Weile, ohne den Blick von dem Blatt Papier zu wenden.

«Ist es das? Na, dann helfen Sie mir auf die Sprünge. Ich begreife es nämlich nicht.»

«Ask Bozorg!», wiederholt er und betont die beiden Worte, als würde allein dieser Nachdruck die Erklärung liefern.

«Sie wollen sagen, es ist das wonach es aussieht. Das englische Wort für ‹frag› und der falsch geschriebene Nachname? ‹Frag’ Bororg›?»

«Was denn sonst?»

«Weil es keinen Sinn ergibt!», protestiere ich. «Dieser Bozorg ist tot. Schon seit ein paar hundert Jahren, wenn ich Sie richtig verstanden habe.»

«Deswegen steht da auch nicht ‹Ask Bozorg›, sondern ‹Ask Bororg›!»

Verdrehe ich etwa die Augen? Meine Stimmung ist danach.

«Wo soll der Unterschied sein?»

Dann begreife ich.

«Eine Nachricht. Am Grab ist eine Nachricht hinterlegt.»

Ich bin nicht komplett überzeugt. Was soll eine solche Schnitzeljagd bringen? Wenn sich der Doktor offenbaren wollte, dann hätte er es direkt auf das Blatt schreiben können. Mir fällt aber kein anderer Grund ein, weshalb sonst er einen Hinweis auf das Grab hätte geben sollen.

Ask Bozorg.

Frag’ Bozorg. Schau’ nach bei Bozorg, dem Grabstein mit der falsch geschriebenen Inschrift.

Reden wird der alte Perser wohl kaum mit uns, also kann es nur bedeuten, dass dort etwas hinterlegt wurde. Je länger ich darüber nachdenke, desto überzeugter bin ich. Vielleicht handelt es sich ja gar nicht um Worte, sondern um einen Gegenstand, eine Art Schlüssel, der das Rätsel löst oder zumindest lösen hilft. Einen Hinweis, was mit Nadia Westhoff geschehen ist. Meine bisherige Erfahrung an diesem Ort ist allerdings, dass uns nur ein weiteres Mysterium erwartet, das mehr Fragen aufwerfen wird, als es beantwortet.

«Also, worauf warten wir?», platzt es aus Kolev heraus, da meine Zweifel nicht überwunden sind und mein Gesichtsausdruck mich verrät.

Meine Bedenken erringen wieder die Oberhand. Hydra. Ein Kopf wird abgeschlagen, zwei oder noch mehr sprießen nach. Plötzlich denke ich, dass wir uns endgültig in die Hände unserer unbekannten Gegenspieler begeben. Wer sagt, dass der Doktor die Nachricht geschrieben hat und selbst wenn, dass er uns in den letzten Augenblicken seines Lebens wohlgesonnen war? Er hatte die Chance, sich mir zu offenbaren, als er mich behandelt hat.

Unwillkürlich wende ich mich zum Wald, der in der aufkommenden Dämmerung um so finsterer wirkt.

Dabei steht außer Frage, was unsere nächsten Schritte sein müssen. Wir müssen von hier verschwinden und die Aufklärung den Ermittlungsbehörden überlassen. Wieso bestehe ich nicht darauf?

Weil ich bereit bin, dieser hirnverbrannten Spur zu folgen, statt den logisch nächsten Schritt zu vollziehen.

«Es könnte eine Falle sein?», wende ich, mehr an mich selbst gerichtet, ein.

«Haben wir eine Alternative?»

Meine Gedanken rasen, ohne, dass ich ihnen ein Für oder Wider klar entnehmen könnte. Nun, in gewisser Weise ist das die Antwort. Mir fällt keine Alternative ein.

Ich denke an die Grube, in die mich die Sektenanhänger getrieben haben. Ich schmecke die Erde, den modrigen Geruch der Kuhle und spüre den kalten Atem des Höhleneingangs.

«Ich bin nicht verrückt genug, um diese Zeit über einen Friedhof zu stolpern und ein Grab zu schänden», sage ich, während ich zum Himmel blicke, wo die schweren Wolken den schwarzen Umhang der aufziehenden Nacht ausbreiten.

«Wer hat was von ‹stolpern› und ‹Grabschändung› gesagt?»

«Auf was soll es denn sonst hinauslaufen?»

«Solange wir uns das Grab des alten Persers nicht angesehen haben, wissen wir es nicht. Wir sollten keine weitere Zeit verlieren.»

Das sagt der Richtige. Wäre er früher umgekehrt, hätten wir mindestens eine weitere Stunde bis Sonnenuntergang.

Ich bekomme gar nicht mit, dass er an der Zündung hantiert und ehe ich mich versehe, springt der Volvo an.

«Läuft,» jubelt Kolev. «War wahrscheinlich die Elektronik. Ich fahre wieder voraus.»

Wieso läuft diese verdammte Karre so mir nichts dir nichts wieder? Elektronik? Klingt mir nicht so, als habe Kolev eine wirkliche Idee, was mit dem Wagen nicht stimmt. Dann verschwindet der Gedanke. Was hat Kolev gesagt?

«Oh, nein!», erwidere ich und versperre ihm den Ausstieg. Diesmal fahren wir wieder mit einem Wagen. «Rutschen Sie auf den Beifahrersitz.»

Kolev schaut wie ein geprügelter Hund.

«Ich lasse doch meinen Wagen hier nicht einfach stehen.»

«Den klaut schon keiner. Der ist viel zu klein für diese Sektenleute, glauben Sie mir.»

Er zuckt resigniert die Schultern.

«Dann lassen Sie mich wenigstens Taschenlampen aus meinem Wagen holen.»

Ich mache ihm Platz und er trottet zu seinem Wagen, dreht sich kurz um und sagt: «Ist Ihnen eigentlich aufgefallen, dass die Botschaft ein Anagramm ihres Namens ist?»

Als ich nicht sofort antworte, erklärt er: «Ask Bozorg. Das sind die Buchstaben ihres Namens, nur in anderer Reihenfolge.»

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