Kapitel 26

Kosra?

Ja, Kosra. Das bin ich. Ein komischer Name, ich weiß. Ich werde häufiger darauf angesprochen.

Ich bin Kosra.

«Kosra!»

Die Musik ist verklungen. Es gibt nur meinen Namen.

«Kosra Borg, um Himmels Willen, was machen Sie da unten?»

Ich krieche in diesem Scheißloch auf allen vieren vor dem Eingang zur Hölle. Sieht man das nicht?

«Kosra Borg. Ich bin hier. Ich bin hier oben.»

Ich kenne die Stimme. Kolev! Das ist Sebastian Kolev.

Ich hebe den Kopf und sehe seine Umrisse am Rande der Grube. Erkennen kann ich ihn nur an seinen wuscheligen, zerzausten Haaren und an seiner Stimme. Wurde ja auch Zeit.

«Verdammt, wo haben Sie solange gesteckt?»

«Das wollte ich Sie gerade fragen, aber das sehe ich ja jetzt. Wie sind Sie denn bei allen Göttern in dieses Loch geraten?»

Ich stehe auf und knicke gleich wieder auf wackligen Beinen ein. Es dauert eine Weile, bis sich das Zittern legt.

«Haben Sie das gehört?», frage ich ihn.

«Was?»

«Die Musik!»

Er muss sie gehört haben. Sie war da. Ich bin mir sicher.

Tatsächlich?

Es wäre nicht das erste Mal, dass mir an diesem Ort mein Geist einen Streich spielt. Der blutüberströmte Junge auf der Straße. Und jetzt die Musik?

In der Wahrnehmung v.a. akustische und visuelle Halluzinationen.

In meinen Ohren ist nur noch das Rauschen meines Blutes. Keine Melodie. Der Schlund gähnt still und finster und sein eisiger Atem umfängt mich.

«Worauf warten Sie», ruft Kolev. «Was ist das überhaupt? Eine Höhle?»

«Ich weiß es nicht,» erwidere ich. «Da sind Stufen.»

«Und wenn schon. Kommen Sie. Geben Sie mir Ihre Hand.»

Für einen Augenblick ist jede Furcht wie weggewischt und ich überlege, dem Ruf des Schlundes zu folgen.

«Was haben Sie vor? Sie wollen doch nicht etwa…»

Er spricht seine Befürchtung nicht aus. Will ich? Den Stufen folgen?

Die Andere.

Diese Grube ist nicht das einzige Loch, in dem ich gefangen bin. Meine Gedanken umzingeln mich, rasen umher, bedrängen mich, bis mir kein Raum zum Atmen bleibt, keine Ausflucht und kein Entrinnen vor der Erkenntnis. Die Geschehnisse der letzten Stunden haben mit mir zu tun.

Die Andere.

Der einzige Ausweg, der sich mir bietet, ist ein Schlund, der weiter in die Tiefe führt.

Nein.

Ich stehe auf und strecke mich nach Kolevs Hand.

Du bist nicht die Auserwählte.

Sein Griff ist kräftig. Hätte ich dem Schreiberling gar nicht zugetraut. Ein einziger Zug und er hat mich an die Oberfläche gehievt.

Ich bleibe auf dem Rücken liegen und blinzele in das Blätterdach des Waldes. Es ist dunkel geworden oder ich habe die Finsternis vom Grund des Erdlochs mit an die Oberfläche gebracht.

«Wie spät ist es?», will ich von Kolev wissen.

«Gleich sechs.»

«Was?»

Ich setze mich auf.

«Also, es war viertel vor, als ich…»

«Wo haben Sie solange gesteckt?»

Kolev japst wie ein Fisch auf dem Trockenen nach Luft, bis er seine Sprache wiederfindet.

«Also, Sie waren auch nicht gerade einfach zu finden. Bis ich überhaupt erstmal die Stelle…»

«Sie wollen mir nicht erzählen, dass Sie zwei Stunden hier durch den Wald marschiert sind, um mich zu suchen?»

«Was machen Sie überhaupt hier?», versucht er, den Spieß umzudrehen.

«Erst sagen Sie mir, was Sie die ganze Zeit gemacht haben.»

«Auf Sie gewartet.»

«Wo?»

«Na, am Ende des Waldes. Wo denn sonst?»

«Zwei Stunden?»

«Nun machen Sie mal halblang. Ich muss mich vor Ihnen nicht rechtfertigen. Was soll das überhaupt? Trauen Sie mir etwa nicht mehr? Wer hat Sie denn gerade eben aus Ihrer misslichen Lage befreit?»

Er hat Recht. Er ist mir keine Erklärungen schuldig. Ich bin erschöpft. Erst die Sache mit den Gestalten und dann meine Sinne, die mir mit der Musik erneut einen Streich gespielt haben.

You gave your promise to me and I gave mine to you
I need someone beside me in everything I do

«Wie sind Sie überhaupt in das Loch geraten?»

«Ich hatte eine Panne.»

«Wie?»

«Ich weiß nicht. Der Motor ist plötzlich ausgegangen.»

«Ist etwa das Benzin …»

«Das ist doch jetzt egal», fahre ich ihn an. Auf die Tankanzeige habe ich nicht geachtet. Das wäre eine Erklärung, dass der Motor unvermittelt ausgegangen ist.

«Schon gut.» Kolev hebt beschwichtigend die Arme.

«Plötzlich sind Gestalten im Wald aufgetaucht.»

«Gestalten?»

«Drei oder vier Personen. Vielleicht auch mehr. Zuerst war nur einer da und dem bin ich gefolgt.»

Kolev hebt die Augenbrauen. «Ganz schön mutig. Hätte ich Ihnen gar nicht zugetraut.»

Ganz schön mutig oder ganz schön bescheuert, geht es mir durch den Kopf. Der Übergang ist fließend.

«Ihre dämlichen Kommentare, können Sie sich sparen.»

Kolev ignoriert meinen Ausbruch.

«Was soll das heißen ‹Gestalten›?»

«Ich weiß es selbst nicht. Sie trugen Umhänge und hatten tief in die Stirn gezogene Kapuzen.»

Er stutzt. Wie ich diesen Blick hasse. Ja, glotz mich an, als habe ich nicht mehr alle Tassen im Schrank. Wer hat mir denn diese ganzen Geschichten von der Sekte und den Ritualmorden an Kindern erzählt?

«Haben Sie mit ihnen gesprochen?»

«Nein», lüge ich. «Als ich sah, dass es immer mehr wurden, wollte ich abhauen und bin dann in dieses Loch gestürzt.»

Kolev blickt zum Erdloch, das von hier oben gar nicht tief aussieht.

«Wahrscheinlich ein Bunkereingang», sagt er. «Es gibt hier in der Gegend etliche mehr oder weniger verschüttete Luftschutzbunker aus der Zeit des Krieges.»

Das würde die Stufen erklären.

«Können wir jetzt endlich von hier verschwinden?», dränge ich.

«Ja, natürlich,» gibt Kolev eilfertig zur Antwort und hilft mir auf.

Bei der Rückkehr haut es mich beim Überqueren des Zaunes fast hin. Ich fühle mich schwach und unsicher. Kein Wunder. Ich muss mehrere Stunden in dem Loch verbracht haben.

Kolev hat seinen Wagen schräg hinter dem Volvo geparkt. Er geht schnurstracks zu dem Kombi, steigt ein und dreht am Zündschlüssel. Der Motor springt sofort an, höhnisch im Leerlauf grummelnd.

«Der Tank ist noch fast voll,» ruft er, dann schaltet er den Motor wieder aus.

«Ich verstehe das nicht,» Ich komme mir ziemlich dumm vor. Die Situation ist absurd genug, da fehlt mir noch die männliche Überheblichkeit, was Frauen und Autos anbelangt, doch das scheint den Blogger gar nicht zu interessieren. Er beugt sich zur Beifahrerseite und wühlt in den Dokumenten, die verstreut auf dem Sitz und im Fußraum liegen.

«Die waren in das Handschuhfach gestopft worden,» erkläre ich.

«Wieder nur Artikel,» seufzt Kolev.

«Nicht ganz,» erwidere ich und denke an die zerknüllte Seite eines Arztberichts. Ich beuge mich über Kolev hinweg, doch das Blatt liegt nicht auf dem Beifahrersitz, wo ich es abgelegt hatte.

«Warten Sie.» Ich gehe um den Wagen herum, öffne die Beifahrertür und schaue im Fußraum nach. Als ich dort nichts finde, gehe ich hektisch noch mal die Dokumente auf dem Sitz durch. Der Bericht ist verschwunden.

«Was denn?», fragt Kolev. «Wonach suchen Sie?»

«Da war so eine einzelne Seite. Der Bericht eines Arztes über einen eingelieferten Patienten. Ich bin mir sicher, dass ich…»

Kolev packt meine Hand. «Wie war der Name?»

«Verdammt, Sie tun mir weh!»

Kolev stutzt, dann lässt er mich los.

«Entschuldigen Sie.»

Die Enttäuschung über das verschwundene Blatt und der Schmerz in meinem Handgelenk lassen mich nach hinten taumeln.

«Sie sind nur an Ihrer dämlichen Story interessiert,» schreie ich ihn an. «Was ist nur los mit Ihnen?»

«Was mit mir los ist?», blafft er zurück. «Hier sind Menschen in Gefahr. «Haben Sie Nadia Westhoff schon vergessen?»

Wie könnte ich?

«Und jetzt liegt die Information direkt vor uns. Und Sie haben nichts Besseres zu tun, als mir Vorwürfe zu machen!? Wir müssen den Namen des Patienten in Erfahrung bringen oder diese Person wird ebenso ein Opfer der Sekte, wie die Psychologin.»

«Jetzt hören Sie endlich auf mit dieser Sekte», fauche ich zurück, weil mir nichts anderes einfällt, um meinem Trotz Bahn zu verschaffen.

«Sie haben sie doch selbst gesehen. Die Gestalten im Wald.»

Was habe ich gesehen?

In der Wahrnehmung v.a. akustische und visuelle Halluzinationen.

«Wer sagt, dass das nicht einfach ein paar Spinner waren?»

Oder, dass ich sie mir eingebildet habe, so wie den blutüberströmten Jungen oder die Musik.

I see your face before me As I lay on my bed

«Ja klar, in Umhängen, wie sie von der Sekte bei ihren Ritualen benutzt wurden.»

Ich hocke mich hin, wische mir über die Augen und wünsche mir, dass ich aus diesem Albtraum möglichst bald aufwache oder schon aufgewacht bin und sobald ich die Hand von den Augen nehme, in mein unaufgeräumtes Schlafzimmer blicke.

Stattdessen sehe ich in Kolevs zusammengekniffene Augen. Ist er wütend oder genauso verzweifelt wie ich?

«Es stand kein Name auf dem Blatt.»

«Unmöglich,» erwidert Kolev wütend und verzweifelt.

«Er wurde ausgestrichen.»

Kolev steigt aus dem Wagen und tritt zu mir. Instinktiv stehe ich auf. Aber, er geht an mir vorbei und macht ein paar Schritte in Richtung des Waldes. Dann bleibt er stehen.

«Diese Mistkerle haben den Wagen durchsucht, während Sie in dem Loch gefangen waren. Zu blöd, dass ich nicht gleich umgekehrt bin, als Sie nicht mehr hinter mir waren.»

Schön, dass er das erkennt.

«Und der Name war bestimmt nicht mehr zu entziffern?»

«Er war so heftig durchgestrichen, dass an der Stelle nur noch ein Loch war.»

«Was stand in dem Bericht?»

«Ich weiß es nicht mehr, irgendwas von Schizophrenie.»

In der Wahrnehmung v.a. akustische und visuelle Halluzinationen.

Er dreht sich zu mir um. «Kommen Sie. Strengen Sie sich an.»

«Irgendwelche Wahnvorstellungen von einem außerirdischen Gott.»

sei mit außerirdischer Gottheit in Verbindung und dieser versprochen

«Bingo!», ruft er und jede Verzweiflung und alle Wut sind einer freudigen Erregung gewichen. Am liebsten würde ich ihm eine scheuern. «Der Patient! Das muss aus der Krankenakte des Patienten stammen. Vielleicht hat Westhoff noch mehr davon im Hotelzimmer. Ich konnte leider nicht alles durchsehen, bevor Sie mich gestört haben.»

Mein Impuls, ihm den Kopf zu waschen, was das Stören anbelangt wird durch einen Gedanken im Keim erstickt. Was hat Kolev gerade gesagt? Der Patient? Angestrengt versuche ich, mich zu erinnern, welches Geschlecht die behandelte Person hatte. War von einem Mann oder einer Frau die Rede gewesen?

In der Wahrnehmung v.a. akustische und visuelle Halluzinationen.

Es fällt mir partout nicht ein.

«Und die Frau? Was haben Sie von der alten Frau erfahren?»

Ich kenne deinen Namen, ich habe dich erwartet, Kosra Borg.

«Nichts. Einfach nur eine verwirrte alte Frau.»

Aber natürlich kenne ich deinen Namen. Du hast ihn mir doch selbst gesagt.

«Wollen Sie mir etwa sagen, dass ich mir die Beule ganz umsonst geholt habe?»

Über seine Schläfe zieht sich ein langer Striemen, dort wo Bronsky ihm eine verpasst haben muss.

«Das nennen Sie eine Beule?»

Er fährt sich mit Zeige- und Mittelfinger über die Verletzung und verzieht dabei das Gesicht.

«Es hat immerhin geblutet.»

«Sie haben Ihr Blut umsonst vergossen. Von der Mutter habe ich nichts herausbekommen, mit dem wir etwas anfangen könnten.»

Ich kenne doch deine Stimme, Kind. Wann hörst du endlich damit auf, immer zu lügen?

«Haben Sie den Autoschlüssel von ihr?»

«Ja, das schon.» Ich stemme die Arme in die Hüften. «Jetzt kann wenigstens niemand mehr behaupten, dass Westhoff nie hier gewesen ist.»

«Jetzt kommen Sie mir nicht wieder mit der Polizei,» erwidert Kolev resigniert, der ahnt, welche Konsequenz ich ziehe.

«Natürlich komme ich mit der Polizei.»

«Und ich bleibe dabei, dass die gar nichts unternehmen werden. Wir haben nichts in der Hand.»

Kommt es darauf an? Ich sollte mich nicht länger von Sebastian Kolev für seine durchsichtigen Spielchen einspannen lassen. Ihm geht es um die Story. Das Schicksal von Nadia Westhoff interessiert ihn nicht. Andererseits stimmt es, was er sagt. Wir haben nicht viel, was wir der Polizei präsentieren können. Ein stehengelassener Wagen, ein verwaistes Hotelzimmer. Westhoff ist eine erwachsene Frau. Die Räuberpistole einer wieder oder immer noch aktiven Sekte, werden sie uns nicht abnehmen. Aber ich glaube allmählich daran. Oder will ich mir nicht eingestehen, dass ich mir die Gestalten im Wald bloß eingebildet habe?

«Die alte Frau muss doch irgendwas gesagt haben?», insistiert Kolev.

Du hast so vieles vergessen, Kind. Ich weiß nicht, ob ich dir das glauben soll. Du kannst doch nicht alles vergessen haben?

«Sie hat einen Namen erwähnt.»

Es ist mir tatsächlich eben erst wieder eingefallen. In einem fort spukt die Stimme der Frau in meinem Kopf, verwirrt mich ein ums andere Mal und dann taucht der Name wie aus unergründlicher Tiefe auf.

Du hast dich selbst in ein Gefängnis verbannt. Kosra!, hat die Frau gesagt, was auch immer sie damit meinte. Und dann erwähnte sie ihn.

«Einen Namen? Welchen Namen?»

«Lucien.»

«Lucien?»

«Kennen Sie ihn?»

Kolev denkt nach.

«Ich kenne nur einen Lucien. Lucien Veys. Der Sohn des Zementfabrikerben Arthur Veys.»

«Wissen Sie, wo wir ihn finden können. Vielleicht kann er uns helfen.»

«Niemand weiß, wo er sich aufhält. Er ist schon vor der Sache mit den Ritualmorden von zu Hause abgehauen.»

«Die Polizei kann…»

Er lässt mich den Satz nicht beenden. «Hören Sie endlich auf, mit Ihrer Polizei.»

Sein Gesicht ist wutverzerrt. Ich fürchte mich vor ihm, mache einen unsicheren Ausfallschritt und stürze zu Boden. Dabei purzelt etwas aus meiner Jackentasche. Der flache schwarze Block, den die alte Frau die ganze Zeit über festgehalten und mir zusammen mit dem Schlüssel in die Hand gedrückt hat.

Das Kind braucht sein Spielzeug.

In dem dunklen Zimmer hatte ich keine Gelegenheit, mir das Ding näher anzusehen. Und bis zu diesem Augenblick hatte ich es ganz vergessen.

«Was ist das?», fragt Kolev.

Im Licht der tiefstehenden Sonne erkenne ich sofort, um was es sich handelt. Vier Buchstaben glitzern im Schein der Abendsonne. Sony.

Bevor ich danach greifen kann, hebt er es auf.

«Ein Akku. Woher haben Sie den?»

«Die Frau hatte das Teil in der Hand. Ich habe ihn mitgenommen, als ich mir den Schlüssel schnappte. Ich weiß selbst nicht, warum ich das getan habe.»

Ich lüge schon wieder. Ich habe mir das Teil nicht geschnappt. Sie hat es mir in die Hand gedrückt.

Das Kind braucht sein Spielzeug.

Kolev betrachtet das Teil von allen Seiten.

«Da hat jemand was eingeritzt,» sagt er und streckt mir den Akku entgegen.

Die Buchstaben sind krakelig. Als ich das Wort entziffere und mich erinnere, wo ich es zum ersten Mal gelesen habe, greift eine eiskalte Hand meine Eingeweide und dreht sie genüsslich in meinem Leib herum.

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