Kapitel 25

Ich bin wach. Wie lange liege ich schon hier? Ich weiß es nicht. In meinen Körper kehrt das Gefühl zurück und ich bereue es sofort. Ich bin ziemlich hart auf den Boden geprallt. Ich kann mich kaum bewegen. Mir tut alles weh. Stöhnend und schwerfällig drehe ich mich auf den Rücken. Meine Augen sind verklebt.

Ich setze mich auf, versuche die Hände zu heben, die wie aus Blei in meinem Schoß liegenbleiben. Als es mir gelingt, sie zu bewegen, fallen sie schlaff auf den Boden. Ein Kribbeln fährt durch meine Finger und Arme. Zitternd ertaste ich den Boden. Flacher Stein. Keine Wurzeln oder Erdklumpen, sondern eine Steinplatte. Kein Wunder, dass mir alles weh tut.

Als ich meine Arme wieder bewegen kann, wische ich mir die Tränen des Schmerzes mit dem Unterarm aus den Augen und blinzele zum Himmel aus Ästen und Blättern. Ein rechteckiger länglicher Himmel. So muss es aussehen, wenn man vom Grund eines Grabes aufschaut. Ich habe mich in eine Falle treiben lassen. Ich erwarte, in neugierige und schadenfrohe Gesichter zu blicken. Doch, da ist niemand.

Ich stehe auf und krümme mich gleich wieder zusammen. Es fühlt sich an, als wäre ich ein einziger blauer Fleck.

Wieviel Zeit ist vergangen? Die Öffnung hebt sich düster, aber deutlich von der mich umgebenden Schwärze des Lochs ab. Die Sonne ist noch nicht untergegangen. Es können höchstens ein paar Minuten vergangen sein.

Und die Gestalten? Sind weitere hinzugekommen? Lauern sie an der Oberfläche? Ich lausche? Nichts. Nur die Geräusche des Waldes. Kein verräterisches Knacken von Zweigen, keine flüsternden Stimmen und auch kein Hecheln. Ich verharre noch eine Weile, dann strecke ich mich. Mir gelingt es gerade so, mit den Fingerspitzen den Rand der Öffnung zu ertasten. Nirgendwo ein Ast, an dem ich mich aus dem Loch ziehen könnte. Ich habe mich in mein eigenes Grab treiben lassen.

Verzweifelt versuche ich, mich von der Angst nicht überwältigen zu lassen. Ich muss bei klarem Verstand bleiben, wenn ich hier wieder herauskommen will.

Ich taste die Wände ab, suche nach Wurzelsträngen, an denen ich mich an die Oberfläche ziehen könnte. Ein Fingernagel bricht, als ich hektisch Erdklumpen abkratze. Ich stoße auf Stein. Ziegelsteine! Hinter der dünnen Erdschicht ist eine gemauerte Wand. Das ist nicht einfach nur ein Erdloch. Das ist tatsächlich eine Gruft. Der Erkenntnis folgt eine Woge der Übelkeit. Ich würge. Doch, was sollte ich schon erbrechen? Ich habe seit Stunden nichts gegessen.

Ich fange an zu schreien. Panische Schreie, die mir aus der trockenen Kehle dringen.

„Hilfe. Bitte.“

Ich wirbele herum. Wie wahnsinnig taste ich die anderen Wände ab. Eine nach der anderen. Immer nur Steine. Sorgfältig gemauerte Ziegelwände. Dann greife ich ins Leere und stürze in die Schwärze. Der Schmerz ist unerträglich, als ich erneut mit voller Wucht aufpralle.

Ich bin nicht von vier Wänden umgeben, sondern nur von drei. Auf einer Seite ist keine Wand, sondern … Ja, was?

Ich fühle Stufen. Eine Treppe, die in die Tiefe führt. Hastig robbe ich zurück auf den ebenen Boden der Grube, oder was es auch immer ist. Mir ist, als habe ich den Eingang zur Hölle entdeckt. Was sollte mich in diesem Wald auch anderes erwarten?

Ich schlinge die Arme um meinen Oberkörper. Ich werde keinesfalls dieser Treppe in die Tiefe folgen.

Was ist nur mit Kolev? Ist er in der Zwischenzeit zurückgekehrt? Und selbst wenn? Er wird den verlassenen Volvo vorfinden und keinen Gedanken daran verschwenden, dass ich so dämlich sein könnte, in den Wald gegangen zu sein. Wie sollte er auch? Ich kann mir ja selbst nicht erklären, wie ich so dumm sein konnte.

Was wird er tun, wenn er den abgestellten Volvo gefunden hat? Wird er die Umgebung absuchen? Wird er die Stelle entdecken, an der ein Teil des Zaunes niedergedrückt ist? Wird er mich hören?

«Kolev!», brülle ich.

Auf die Gestalten an der Oberfläche verschwende ich keinen Gedanken. Die wissen ohnehin, dass ich hier unten bin. Und falls sie damit rechnen, dass ich jetzt auch noch freiwillig in diesen Schlund krieche, auf der verzweifelten Suche nach einem Ausweg den Stufen in die Tiefe folge, dann haben sie sich geschnitten.

«Kolev, verdammt. Wo stecken Sie?!»

Ich erwarte nicht, dass er mir antwortet. Wahrscheinlich ist er gar nicht zurückgekehrt, sondern wartet noch irgendwo auf mich oder er ist zurückgekehrt, hat den Volvo entdeckt und ist unverrichteter Dinge wieder abgezogen. Zuzutrauen wäre es ihm. Bislang hat er sich nicht als große Hilfe erweisen, außer mich weiter in die Bredouille zu treiben.

«Kolev, Herrgott nochmal!»

Ich strecke mich, soweit es meine schmerzenden Knochen zulassen, aber meine Finger reichen immer noch nicht weiter als bis Rand der Öffnung. Und da ist nichts, woran ich mich hochziehen könnte.

«Kolev! Hilfe!»

Hilfe? Weshalb sollte er ausgerechnet jetzt eine sein? Es ist an der Zeit, der Realität ins Auge zu blicken. Ich sitze fest. Ich bin gefangen.

Ein feuchtkalter Windzug entströmt der in den Schatten verborgenen Öffnung. Ich zittere, schlinge meine Arme wieder enger um meinen Oberkörper. Hoffentlich ist Kolev wenigstens so klug, endlich die Polizei zu rufen. Die werden bestimmt den Wald an der Stelle durchkämmen, wo der Volvo steht. Zu dumm nur, dass ich diesem Sebastian Kolev so viel Einsichtsfähigkeit nicht zutraue.

Verzweifelt springe ich an der Wand empor, strecke mich immer weiter und breche mir fast einen weiteren Nagel, als ich mit meinen Fingern Halt suche.

Ich drehe mich um, gehe in die Hocke und lehne mich an die Betonwand. Ein Bunker, geht es mir durch den Kopf. Ist dies vielleicht ein Bunker aus dem Zweiten Weltkrieg? Das scheint mir eine plausible Erklärung. Warum er seinerzeit ausgerechnet im Wald angelegt wurde, ist mir schleierhaft, aber vielleicht war hier damals noch gar kein Wald.

Woher kommt dann aber der Luftzug? Bei einem Bunker denke ich an einen geschlossenen Raum. Hat dieser hier vielleicht einen zweiten Zugang? Bin ich verrückt genug, den Stufen in die Unterwelt zu folgen in der vagen Hoffnung, dass es einen Ausgang auf der anderen Seite gibt? Soll ich es wagen?

Habe ich eine Alternative?

Wenn es nun genau das ist, was die Gestalten von mir erwarten? Was befindet sich am Ende dieser Treppe?

An der Oberfläche ist alles ruhig. Gespannte Erwartung. Sie warten, wie ich mich entscheide. Da bin ich mir sicher. Ein Versuchstier in einem Labor. Ich überlege fieberhaft.

Mein Auto steht gut sichtbar mit einer Panne an der Straße. Ich bin nicht weit in den Wald gegangen. Selbst wenn Kolev nicht zurückkehrt, irgendwann wird doch wohl jemand vorbeikommen und den verlassenen Wagen bemerken. Und dann? Ein verlassener Wagen am Waldrand? Wer soll sich schon etwas dabei denken? Ein geparkter Wagen am Waldrand erregt keine Aufmerksamkeit. Vielleicht nach ein paar Tagen, aber dann wird es für mich zu spät sein.

«Hilfe!» Es ist nur noch ein schwaches Krächzen. Meine Kehle ist trocken.

Wieso habe ich mich auf diesen Wahnsinn nur eingelassen? Wie konnte ich mir nur einreden, dass die Polizei sich nicht um die Sache kümmern würde? Ein Mensch wird vermisst. Natürlich kümmern sie sich darum. Und wenn sich später alles als Irrtum herausstellen sollte, dann soll es mir recht sein.

Irrtum? Glaubst du wirklich noch an einen Irrtum? Befindest du dich etwa irrtümlich in dieser Grube?

Die Gestalten haben gesehen, dass ich in das Loch gestürzt bin. Sie haben mich mit voller Absicht allein gelassen. Das klingt nicht nach einem Irrtum.

Schlimmer noch. Sie könnten das Auto entfernt haben. Dann gibt es nicht mehr den geringsten Hinweis, dass ich hier bin. Ich bin im wahrsten Sinne des Wortes wie vom Erdboden verschluckt.

Ich springe auf. Ignoriere den Schmerz. Panik und Zorn durchrasen mich, mischen sich in mir und brodeln auf wie eine chemische Reaktion. Ich rufe, ich schreie, ich kreische, bis mir die Stimme versagt, bis ich nur noch husten und spucken kann und an der Ziegelwand in meinem Rücken zu Boden gleite. Verzweiflung verdrängt mein Aufbegehren, schnürt mir die Kehle zu. Wo bin ich da nur hineingeraten?

In dein eigenes Grab, gebe ich mir selbst zur Antwort. Ich lache. Ich lache laut und hysterisch. Kein vernünftiger Mensch, der diese Lache hört, wird sich in die Nähe dieses Lochs wagen, überlege ich und lache umso lauter. Vernünftige Menschen? An diesem Ort? Selbst ich bin keiner, sonst wäre ich nicht über diesen bescheuerten Zaun gestiegen.

Ich kann nicht aufhören zu lachen, bis ich nach Atem ringe, staubige Luft einsauge und erneut huste. Und während ich auf dem Boden kauere und mir die Lunge aus dem Leib huste, dringt Musik an mein Ohr.

I see your face before me
As I lay on my bed

Es kommt direkt aus dem unsichtbaren Schlund vor mir. Irgendwo in der Tiefe unter dem Wald wird dieses Lied gespielt.

I cannot get to thinking
Of all the things you said.

Ich kenne es genau. ‹Love ist all around› von Wet Wet Wet. Das Lied, das ich mit meinem Walkman hörte, als der Wagen meiner Eltern verunglückte.

You gave your promise to me and I gave mine to you
I need someone beside me in everything I do

Es kommt nicht aus meiner Erinnerung. Es kommt direkt aus der Hölle.

I got to keep it moving

Jetzt schreie ich nur noch. Ich muss lauter schreien als die Musik. Ich muss lauter sein als die Hölle. Ich krieche auf allen vieren vor dem Schlund auf und ab wie ein panisches Tier und schreie der unendlichen Dunkelheit entgegen. Und schließlich hat die Hölle ein Einsehen und aus der Finsternis erreicht mich nichts weiter als das eine Wort, der eine Name, der mich ausmacht.

Kosra.

Ich lasse mich fallen und weine.

Kosra.

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